Senecas Spätwerk, die „Epistulae morales ad Lucilium“, behandeln trotz der inhaltlichen Gliederung in verschiedene Epistelzirkel eine Vielzahl an Themen, die teils identisch, teil stark variiert kontinuierlich im gesamten Werke erörtert werden. Ein bedeutender Themenkreis stellt die Rolle der Affekte beziehungsweise die Möglichkeit, jene mittels Erziehung zu kontrollieren in den Mittelpunkt. Hierbei werden die Grundmotive der praemeditatio malorum, der indifferentia sowie der Affekte auf das Engste miteinander verwoben. Im Gegensatz zu anderen Briefen des Themenkreises 1 wird in Epsitula 18 die praemeditatio malorum nicht in Bezug auf den Tod oder die Bekämpfung der Furcht vor demselben, untersucht 2 , sondern auf das Bedürfnis des Menschen nach Wohlstand, explizit auf das Leben in Reichtum.
Dass Besitz im allgemeinen dem Einzelnen ein angenehmes Dasein ermöglicht, ist nicht zu leugnen, dass jedoch durch diesen ebenso Probleme entstehen können, mag nicht auf Anhieb ersichtlich sein - weder für denjenigen, der über Habe verfügt, noch für den Mittelosen. Seneca, als Träger hoher politischer Ämter wie auch als Person der Öffentlic hkeit, selbst ein wohlhabender Mann, verurteilt den Reichtum per se nicht grundsätzlich. Allerdings muss die Einstellung des Reichen und der Umgang mit seinem Vermögen gewissen Maßstäben entsprechen. Zu erlangen sind diese vor allem durch einen Arbeitsprozess an sich selbst, der neben Methoden der Selbsterziehung, im Speziellen vor allem eine Auseinandersetzung mit den eigenen Leidenschaften fordert.
Was nun aber versteht Seneca genau unter Selbsterziehung? Das Verständnis dieses Begriffes ist eng verwoben mit der Lehre der Stoa, auf deren Wissen und Theorie Seneca stets zurückgreift. So setzt die Selbsterziehung in erster Linie einen kontinuierlichen l ebenslänglichen Prozess der Arbeit an sich selbst voraus. 3 Lucilius, der Adressat der Briefe, welche eben in solcher Weise zu einer neuen Lebensweise angeleitet werden soll, wird dabei von Seneca in der Rolle als Mahner und Weiser unterstützt.
Die zentrale Instanz beim Prozess der Erziehung stellt folglich die ratio, die Vernunft bzw. die sittliche, geistige Kraft dar. Sie ist nicht nur als sittliche Richtinstanz für das sittlich Gute - im Gegensatz zum Übel, die den sittlichen Fortschritt und die Weiterentwicklung der Erziehung bedingt, einfach vorhanden, sondern selbst als freier, aufrechter Geist, als gesunder Wille das Produkt geistigen Bemühens. Das Ansehen der Urteilskraft der aus-
1 Die drei genannten Grundmotive sind inhaltlich u.a. in Epistula 85,73,22,24 vertreten.
2 Vgl.: Epistula 24. Die Überwindung der Todesfurcht des Menschen ist zentrales Thema
im 24. Brief.
3 Vgl.: Seneca, epistula 94.
gebildeten ratio lässt Seneca ebenfalls anklingen, wenn er Lucilius „in der Rolle des Schiedsrichters“ im Gegensatz zu „der mit Filzklappen bedeckten Volksmenge“ 4 sieht.
Ein zweiter beachtlicher Aspekte der Erziehung stellt das Auffinden des richtigen Maßes dar 5 , das Erlangen einer vertretbaren Balancehaltung - mit Hilfe der Urteilskraft der ratio. Ein ausgeglichenes Maß ist gekoppelt mit einer kontrollierten Haltung zu sich selbst, die sich gegenüber jeglicher Verführung, als Teil der Affekte, zu behaupten weiß. So kritisiert Seneca gleich zu Beginn des 18. Briefes die Maßlosigkeit des „trunkenen und sich erbrechenden Volkes“ 6 an den Saturnalien im Dezember. Das Genießen der Feststimmung über das Maß hinaus lässt Unersättlichkeit sowie jeglichen Mangel an Ernst und Zurückhaltung erkennen, welcher für die Balance, für ein sinnvolles Maß vonnöten wäre. („Die Stadt ist schweißgebadet mehr denn je. Ausgelassenheit ist offiziell erlaubt; allero rten dröhnt infolge gewaltiger Vorbereitungen ein Getöse“ 7 ).
Ähnliche Kritik wird vergleichsweise auch im 22. Brief vorgebracht, der die Verführbarkeit durch Ämter und die persönliche Gier nach beruflicher Karriere sowie Aufstieg tadelt. Die Übernahme öffentlicher Tätigkeit sollte stets das Resultat einer freien, persönlichen Entscheidung sein.
Distanzierend zu den Ausschweifungen der Massen rät Seneca nun, dass die Haltung des Philosophen in Bezug auf Freude und Feststimmung einen gewissen balanceartigen Ko mpromiss eingehen sollte. So mag der Philosoph die ihm Gleichgestellten „nicht in allem der (...) Volksmenge ähnlich wissen wollen, aber auch nicht in allem verschieden von ihr.“ 8 Allerdings sei es ebenso unnütz, nur aus einer integrierenden, versöhnlichen Geste heraus Fröhlichkeit vorzuspielen, um zu zeigen, dass man nicht gegen volkstümliche Bräuche sei. 9 Dann möge vorgezogen werden , „dass man vornehmlich an diesen Tagen dem Ge ist gebieten muß, sich gerade dann als einziger der Vergnügungen zu enthalten, wenn die ganze Menschenmenge ihnen verfallen ist.“ 10
Nur so ist es demnach möglich, den „Sinn für das richtige Maß“ 11 zu finden. Die Teilnahme an Freude wie an Festlichkeiten bleibt nämlich durchaus auch dem Philosophen erlaubt, solange er diese nicht auf die gleiche Weise wie das Volk betreibt. „Man kann nämlich auch ohne sich gehen zu lassen, einen Festtag begehen“ 12 , wenn man Kenntnis über ein akzeptables Maß erlangt hat und so „den schmeichelhaften Verlockungen eines ausschweifenden Lebens weder nachgeht noch sich dazu verleiten lässt“ 13 - was sowohl das
4 Seneca, epistula 18,3.
5 Das Erlangen des richtigen Maßes ist ebenso Thema in Epistula 22 und 116.
6 Seneca, epistula 18,4.
7 Seneca, epistula 18,1.
8 Seneca, epistula 18,3.
9 Vgl.: Seneca, epistula 18,2.
10 Seneca, epistula 18,3.
11 Seneca, epistula 18,4.
12 Seneca, epistula 18,4.
13 Seneca, epistula 18,3.
Arbeit zitieren:
Julia Ilgner, 2003, Die Selbsterziehung und der Umgang mit den Affekten nach Seneca (Seneca: Epistulae morales, Epist. 18), München, GRIN Verlag GmbH
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