1. EINLEITUNG
1.1 Problemstellung und Zielsetzung
Seit rund 30 Jahren existiert der Begriff des „Informellen Sektors“ (IS) im wissenschaftlichen Sprachgebrauch, um ein Phänomen zu erfassen, das weltweit, insbesondere aber in den Entwicklungsregionen, von erheblicher Bedeutung ist:
Ein großer Teil der arbeitsfähigen Bevölkerung in den Entwicklungsländern (EL) erzielt sein Einkommen durch wirtschaftliche Tätigkeiten, die offiziell nicht erfasst werden und sich demnach außerhalb des so genannten „Formellen Sektors“ (FS) befinden. Informelle Beschäftigung, die vor allem als urbane Erscheinung auftritt, umfasst die unterschiedlichsten Berufsbilder - vom Schuhputzer, Müllsammler, Straßenhändler, Haushaltshilfe bis hin zum Kleinunternehmer, der mehrere Angestellte beschäftigt. Diese Tätigkeiten zeichnen sich trotz ihrer heterogenen Ausgestaltung durch die Gemeinsamkeit aus, dass steuer-, arbeits- und sozialrechtliche Normen keine Anwendung finden. Dass es sich bei informeller Beschäftigung jedoch nicht um ein vernachlässigbares Randphänomen handelt, zeigen Schätzungen, wonach rund ein Viertel der Welterwerbsbevölkerung (vgl. Wick 2000, 4) seinen Lebensunterhalt durch Tätigkeiten in diesem Sektor bestreitet. Vor allem in Lateinamerika, Afrika und Asien sind mehr Menschen dem informellen als dem formellen Sektor zuzuzählen. Zudem wächst seit Beginn der 1990er Jahre informelle Beschäftigung in den meisten EL stärker als formelle (vgl. Altvater/ Mahnkopf 2002a, 110), womit diese Thematik auch eine große Relevanz für die Zukunft aufweist. Begründet kann dies v. a. durch die zunehmende Urbanisierung, steigende Bevölkerungszahlen und zu geringer Aufnahmefähigkeit des formellen Sektors werden. Somit fungiert der informelle Sektor als eine Art Auffangbecken für all jene Menschen, die keine offizielle Beschäftigung finden und hat darüber hinaus noch weitere sozioökonomische Funktionen, wie beispielsweise die Versorgung armer Bevölkerungsschichten mit billigen Gütern und Dienstleistungen bzw. die Ausbildung außerhalb des offiziellen Schulsystems. Dennoch muss auch angemerkt werden, dass nur wenige informell Tätige ein Einkommen erwirtschaften, das über dem Existenzminimum liegt, und dass sich viele informelle Aktivitäten durch einen hohen Grad an Unsicherheit und Ausbeutung auszeichnen.
1
INHALTSVERZEICHNIS
Abbildungsverzeichnis. iii
Tabellenverzeichnis. iii
Abk ürzungsverzeichnis. iv
1. EINLEITUNG. 1
1.1 PROBLEMSTELLUNG UND ZIELSETZUNG. 1
1.2 AUFBAU DER ARBEIT 3
2. THEORETISCHE GRUNDLAGEN 4
2.1 DER BEGRIFF „INFORMELLER SEKTOR 4
2.2 DEFINITIONEN UND CHARAKTERISTIKA DES INFORMELLEN SEKTORS. 6
2.3 NEUERE SICHTWEISEN 14
2.4 ERKLÄRUNGSANSÄTZE DES INFORMELLEN SEKTORS. 16
2.4.1 Strukturalistischer Ansatz. 16
2.4.2 Neo-marxistischer Ansatz. 17
2.4.3 Legalistischer Ansatz. 18
2.4.4 „Microenterprise Development“ Ansatz 19
2.4.5 „Schattenwirtschaft des Weltmarkts“ als Erklärungsansatz. 19
2.5 WECHSELBEZIEHUNGEN ZWISCHEN FORMELLEM UND INFORMELLEM SEKTOR 20
2.5.1 Das Verhältnis zwischen formellem und informellem Sektor 20
2.5.1.1 Der „positive“ Ansatz 20
2.5.1.2 Der „untergeordnete“ Ansatz. 21
2.5.2 Abgrenzungskriterien 23
2.5.3 Beschaffungsmarkt 25
2.5.4 Produktionsseite 26
2.5.5 Absatzmarkt 29
3. URBANER INFORMELLER ARBEITSMARKT 31
3.1 EINLEITUNG 31
3.2 CHARAKTERISTIKA UND BESTIMMUNGSFAKTOREN. 32
3.2.1 Zur Formung des urbanen informellen Arbeitsmarkts 32
3.2.1.1 Bevölkerungswachstum 32
3.2.1.2 Land-Stadt-Migration 33
3.2.1.3 Ökonomische Probleme des formellen Sektors 36
3.2.1.4 Urbane Arbeitslosigkeit 37
i
3.2.2 Empirische Bedeutung. 38
3.2.3 Merkmale der Beschäftigung. 43
3.2.3.1 Branchen und Aktivitäten 43
3.2.3.2 Formen der Beschäftigung. 45
3.2.3.3 Informelles Arbeitsangebot. 48
3.2.3.4 Frauen 50
3.2.3.5 Kinderarbeit 53
3.2.3.6 Einkommen. 56
3.2.3.7 Lebenssituation im urbanen informellen Sektor 61
3.3 SOZIOÖKONOMISCHE BEDEUTUNG 64
3.3.1 Armutsüberwindung 64
3.3.2 Ausbildungsfunktion 66
3.3.3 Versorgungsfunktion. 68
3.3.4 Recyclingsfunktion. 68
4. STRATEGIEN FÜR DEN URBANEN INFORMELLEN ARBEITSMARKT. 70
4.1 WIRTSCHAFTSPOLITISCHE OPTIONEN. 70
4.2 FÖRDERUNGSPOLITIK 73
4.2.1 Träger von Förderungsmaßnahmen. 74
4.2.2 Zielgruppen 75
4.2.3 Zielgebiete 76
4.2.4 Arten und Maßnahmen 77
4.2.4.1 Angebots- und nachfrageseitige Maßnahmen. 77
4.2.4.2 Humankapitalbildung 78
4.2.4.3 Verbesserung des Zugangs zu Krediten. 79
4.2.4.4 Verbesserung der Infrastruktur 81
4.2.4.5 Kritik. 82
4.3 FAKTOREN UND STRATEGIEN ZUR FORMALISIERUNG 84
4.3.1 Kosten und Nachteile der Informalität 84
4.3.2 Kosten des Zugangs zur Formalität 87
4.3.3 Kosten des Verbleibs in der Formalität. 88
4.3.4 Formalisierungsstrategien 89
5. SCHLUSSFOLGERUNGEN. 92
6. LITERATURVERZEICHNIS 95
ii
ABBILDUNGSVERZEICHNIS
ABB. 1: JÄHRLICHER ZUWACHS DER WELTBEVÖLKERUNG (TOTAL/URBAN), 1950-2030 33
ABB. 2: URBANE UND RURALE BEVÖLKERUNGSENTWICKLUNG 1950-2030 34
ABB. 3: SEKTORALE VERTEILUNG VON KINDERARBEIT. 55
ABB. 4: EINKOMMENSHÖHEN IM INFORMELLEN UND FORMELLEN (MODERNEN) SEKTOR 58
TABELLENVERZEICHNIS
TAB. 1: DIE LEGALITÄT WIRTSCHAFTLICHER AKTIVITÄTEN. 13
TAB. 2: ABGRENZUNGSKRITERIEN FORMELLER - INFORMELLER SEKTOR. 24
TAB. 3: BEVÖLKERUNGSGRÖßE UND -WACHSTUM 32
TAB. 4: BEITRAG DES INFORMELLEN SEKTORS ZUM BIP 40
TAB. 5: DER UMFANG DES INFORMELLEN SEKTORS IN ENTWICKLUNGSREGIONEN. 40
TAB. 6: GESCHÄTZTER ANTEIL DER IM IS BESCHÄFTIGTEN ARBEITSKRÄFTE 42
TAB. 7: AKTIVITÄTEN IM INFORMELLEN SEKTOR. 44
TAB. 8: BESCHÄFTIGUNGSKATEGORIEN. 45
TAB. 9: ANTEIL DES INFORMELLEN SEKTORS AN DER ERWERBSARBEIT AUßERHALB DER LANDWIRTSCHAFT 51
iii
ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS
BIP.......................................................................................................................Bruttoinlandsprodukt BMZ.................................Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
d.h..........................................................................................................................................dass heißt EL..........................................................................................................................Entwicklungsländer EPZ...................................................................................................................Exportproduktionszone FS................................................................................................................................Formeller Sektor GTZ................................................................................Gesellschaft für technische Zusammenarbeit HDI............................................................................................................Human Development Index HPI………………………………………………………………..…………...Human Poverty Index
ILD.....................................................................................................Instituto Libertad y Democracia ILO..................................................................................................International Labour Organisation IS..............................................................................................................................Informeller Sektor IWF……………………………...........……….........………………..Internationaler Währungsfonds
LA...................................................................................................................................Lateinamerika Mio…….…………………………………...........……..………………………………....Million(en) Mrd…………………………………………………..................………………………...Milliarde(n) NRO………………………………………………........…................Nicht-Regierungs-Organisation
o.A....................................................................................................................................ohne Angabe o.J...........................................................................................................................................ohne Jahr PREALC………..............................Programma Regional de Empleo para America Latina et Caribe TNU……………………………………………………………….........Transnationale Unternehmen ua…………….……………………........………………………………...............….....unter anderem UE………………………………...…………………………….............….............Unterentwicklung
UIS.............................................................................................................Urbaner Informeller Sektor UN.................................................................................................................................United Nations UNCHS…………………………….……………….. United Nations Centre for Human Settlements UNDP………………………………………….....……….United Nations Development Programme
USD.......................................................................................................................United States Dollar usw...................................................................................................................................und so weiter uvm............................................................................................................................und viele(s) mehr vgl…………………………………............……………………………………………….vergleiche
WEP...........................................................…………………........…World Employment Programme WTO…………………………………………………………………........World Trade Organisation WWW…………………………………………………………...................……….World Wide Web
z.B.....................................................................................................................................zum Beispiel
iv
Primäres Ziel dieser Arbeit ist es nun, den urbanen informellen Arbeitsmarkt in den Entwicklungsländern umfassend zu analysieren und auf seine quantitative und qualitative Bedeutung für die Bevölkerung in diesen Regionen einzugehen. Darüber hinaus erfolgt eine Auseinandersetzung mit den zahlreichen Definitionen und Erklärungsansätzen sowie mit der Abgrenzung zwischen formellem und informellem Sektor. Zudem wird auch die Thematik der Förderung bzw. Formalisierung des Sektors und seiner Angehörigen erörtert. Die vorliegende Arbeit legt ihren Schwerpunkt aus zwei Gründen auf den informellen Arbeitsmarkt der städtischen und nicht der ländlichen Entwicklungsgebiete: Zum einen werden informelle Tätigkeiten weitgehend als städtisches Phänomen betrachtet, das vor allem durch die erhebliche Land-Stadt-Migration in vielen Entwicklungsländern verursacht wird. Zum anderen hat die Entscheidung, den ruralen Arbeitsmarkt weitgehend auszuschließen, auch den pragmatischen Hintergrund, dass in der zugänglichen Literatur der rurale informelle Arbeitsmarkt meist ausgeklammert bzw. nur marginal erwähnt wird. Im Zentrum der Betrachtung steht der IS in den Entwicklungsregionen 1 Lateinamerikas, Asiens und Afrikas, wo dieser bezüglich seines Beitrags zum BIP und zur Beschäftigung eine hohe Bedeutung hat.
Zur besseren Lesbarkeit wird in der vorliegenden Arbeit auf eine geschlechtsneutrale Formulierung verzichtet, weshalb sich die verwendeten Formulierungen (z.B. "informeller Unternehmer") auf beide Geschlechter beziehen.
1 Auf eine detaillierte terminologische Auseinandersetzung mit dem Begriff "Entwicklungsregion" bzw.
"Entwicklungsland" wird verzichtet. Als Ansatzpunkt für eine Klassifikation lassen sich z.B. wirtschaftliche
und soziale Indikatoren heranziehen: Zu den wichtigsten wirtschaftlichen Merkmalen von EL gehören
niedriges Pro-Kopf-Einkommen, niedrige Spar- und Investitionstätigkeit, geringe Kapitalintensität (gemessen
am Kapitalaufwand pro Beschäftigten), geringe Produktivität der Arbeit, niedriger technischer Ausbildungs-
stand, mangelndes Know-how von Unternehmern und Managern, Vorherrschaft des primären Wirtschafts-
sektors sowie mangelnde oder nicht ausreichende materielle Infrastruktur. Der Grad der Unterentwicklung
eines EL wird meist anhand sozialer Indikatoren wie z.B. Lebenserwartung bei der Geburt, Kindersterblich-
keitsrate, Ernährungssituation und Analphabetismus ermittelt (vgl. Nohlen 2000, 222).
2
1.2 Aufbau der Arbeit
Beginnend mit einer kurzen Einführung in die Problematik und Zielsetzung dieser Diplomarbeit wird anschließend in Kapitel 2 der Versuch unternommen, dem Phänomen „Informeller Sektor“ begrifflich näher zu kommen. Dies geschieht durch die Vor- bzw. Gegenüberstellung einiger der zahlreichen Definitionen, die zum Teil sehr gegensätzlich sind und deren Anwendung auch weitreichende Folgen haben kann - z.B. bei der Größeneinschätzung der informellen Beschäftigung. Im Anschluss daran werden die gängigsten Erklärungsansätze für die Entstehung des IS erläutert. Eine Untersuchung der zahlreichen Wechselbeziehungen zwischen formellem und informellem Sektor schließt das Kapitel ab. Kapitel 3 thematisiert den urbanen informellen Arbeitsmarkt und versucht diesen, anhand der Beschreibung zahlreicher Aspekte, eingehend zu analysieren. So werden zu Beginn jene Bestimmungsfaktoren, welche die Entstehung und das Wachstum des urbanen informellen Arbeitsmarkts bedingen, ausgeführt. Eine Einführung in die Problematik der empirischen Erfassung des IS sowie Beispiele für seine quantitative Ausdehnung setzen dieses Kapitel fort. Im Anschluss daran stehen die Charakteristika der urbanen informellen Beschäftigung im Mittelpunkt der Betrachtungen, diese werden durch die Untersuchung der Branchen, Aktivitäten, Einkommenssituation u.v.m. herausgearbeitet. Das Kapitel schließt mit der Beschreibung der sozioökonomischen Bedeutung des IS, welche anhand seiner wichtigsten Funktionen sowohl ergänzend als auch zusammenfassend erläutert wird. Das vierte Kapitel setzt sich mit Strategien für den urbanen informellen Arbeitsmarkt aus-einander und stellt zu Beginn vor allem die Beziehung zwischen Staat und IS in den Vordergrund. Daran anschließend werden Arten und Maßnahmen der Förderung des IS vorgestellt und auf die besonderen Herausforderungen der Förderungspolitik eingegangen. Abschließend wird auch die Thematik der Formalisierung des IS ausgeführt, wobei es hier primär um die Beweggründe für eine formelle bzw. informelle Ausgestaltung der (klein)unternehmerischen Tätigkeit geht.
Das Kapitel 5 stellt in Form eines Resümees den Abschluss dieser Arbeit dar.
3
2. THEORETISCHE GRUNDLAGEN
2.1 Der Begriff „Informeller Sektor”
Die Begriffsschöpfung des „Informellen Sektors“ entstand Anfang der 1970er Jahre als Versuch einer begrifflichen Annäherung an das Phänomen, dass der Arbeitsmarkt in vielen Ländern der Entwicklungsregionen zunehmend Tätigkeiten umfasst, die in keinen amtlichen Statistiken aufscheinen (vgl. Altvater/Mahnkopf 2002b, 343). Trotz des mittlerweile geläufigen Umgangs mit dem Begriff existiert dennoch bis heute keine allgemein akzeptierte, konsistente und gebrauchsfähige Definition.
Häufig werden auch noch so unterschiedliche Erscheinungen wie Schwarzarbeit, Haushaltsproduktion, Schmuggel, Dealerei, Prostitution, Gelegenheitsarbeit, Kleinunternehmertum, Straßenhandel u. v. m. mit dem Begriff „Informeller Sektor“ gleichgesetzt (vgl. Schamp 1989, 7 und Markmann 2001, 47f.), wodurch man vor allem zu einer Erkenntnis gelangt: die große Heterogenität des Informellen, die dadurch bedingt ist, dass der Begriff „Informeller Sektor“ im Gegensatz zum „Formellen Sektor“ eine Residualgröße darstellt (vgl. Schneider-Barthold 1995, 23).
Als Schöpfer des Begriffs selbst gilt nach Ansicht der meisten Autoren Keith Hart (1971), der im Rahmen einer Untersuchung über Ghana 2 diesen Ausdruck zur Beschreibung der lokalen traditionellen Wirtschaft prägte (vgl. Heimburger 1990, 8 und Altmann 1991, 5). Im Jahr 1972, als das „International Labour Office“ (ILO) in Genf eine Studie über Kenia 3 veröffentlichte, wurde das Konzept des IS in die internationale wissenschaftliche und entwicklungspolitische Diskussion eingebracht (vgl. Lubell 1991, 17 und Kochendörfer-Lucius 1990, 7).
Der Begriff „Informeller Sektor“ wird oft als „nicht aussagekräftig“ und „nichts sagend“ beanstandet, doch kommt man trotz dieser Kritik und mangels besserer Alternativen immer wieder auf ihn zurück (vgl. Kochendörfer-Lucius 1990, 6). 4 Allerdings ist diese Aussage
2 Harts Aufsatz „Informal income opportunities and urban employment in Ghana“ wurde 1971 erstmals an
der University of Sussex vorgelegt (vgl. Heimburger 1990, 8).
3 Die Studie „Employment, Incomes and Equality: A Strategy for Increasing Productive Employment in
Kenya“ entstand im Rahmen des „World Employment Programme“ (vgl. Schmidt 1988, 7).
4 Zu den alternativen Begriffen, die sich jedoch nicht durchgesetzt haben, zählen z.B. „Klein- und
Kleinstgewerbe“, „Handwerk“ und „Selbstbeschäftigung“ (vgl. Kochendörfer-Lucius 1990, 6).
4
aus heutiger Sicht mit Vorbehalt zu treffen, da auf der ILO-Jahreskonferenz 2002 versucht wurde, den Begriff des „Informellen Sektors“ durch den der „Informellen Wirtschaft bzw. Arbeit“ mit weltweiter Gültigkeit zu ersetzen (vgl. Wick 2002, www). Da noch offen ist, ob sich die neue Bezeichnung tatsächlich durchsetzen wird und sich die vorliegende Arbeit zum größten Teil auf Literatur stützt, die vor diesem Beschluss verfasst wurde, wird der Begriff „Informeller Sektor“ in dieser Arbeit beibehalten. Während „informell“ noch sehr leicht und unverfänglich als etwas „ohne Regeln, ohne Strukturen, ohne wirkliche Bedeutung“ (Kochendörfer-Lucius 1990, 6) interpretiert werden kann, so ist die Verwendung des Ausdrucks „Sektor“ umstritten: Dieser suggeriert einen geschlossenen, klar abgrenzbaren Bereich (vgl. Altmann 1991, 5), was auch durch das in der Literatur sehr gängige Begriffspaar „formeller Sektor - informeller Sektor“ verstärkt wird, welches zumeist an Stelle anderer Dichotomien wie z.B. „moderner - traditioneller“ Sektor, „Firmenökonomie - Bazarökonomie“, aber auch „reicher - armer“ oder „regulärer - nicht regulärer“ Sektor verwendet wird (vgl. Heimburger 1990, 8). 5 In der Ökonomie der Entwicklungsländer existieren jedoch keine klaren Grenzziehungen, vielmehr sind fließende Übergänge und sich überlappende Sektoren zu beobachten (vgl. Altmann 1991, 5 und Balkenhohl 1995, 12).
Für Schneider-Barthold (1995, 15) stellt der Begriff des IS jedenfalls „keine analytische, sondern bestenfalls eine deskriptive Kategorie“ dar. Diese umfasst zwei Konzepte in sich; auf der einen Seite das Konzept der kleingewerblichen Arbeitsweise und auf der anderen Seite das Konzept der Staatsferne - laut Letzterem ist jener Teil der Wirtschaft informell, der durch staatliches Handeln nicht oder nur schwach berührt wird (vgl. Schneider-Barthold 1995, 15). Demnach können auch Wirtschaftsbereiche in Entwicklungsländern wie Siedlungswesen, Kleinkreditwesen, Infrastrukturinvestitionen, Außenhandel (Schmuggel) und Organisationsbildungen informell sein - doch wird allgemein vom IS gesprochen, ist laut Schneider-Barthold (1995, 15) fast ausschließlich jener Teil des Kleingewerbes gemeint, der sich durch Staatsferne auszeichnet. 6
5 Folgende weitere Bezeichnungen finden sich in der Literatur: „capitalistic - peasant forms of production“,
„capitalist production versus petty production“, „upper versus lower circuit“, sowie „offizieller - in-offizieller“, „registrierter - nicht registrierter”, „organisierter - nicht organisierter” und „integrierter - nicht
integrierter“ Sektor (z.B. Heimburger 1990, 8).
6 Zur Abgrenzung informell - illegal siehe auch S. 13 (insbesondere Tab. 1: Die Legalität wirtschaftlicher
Aktivitäten).
5
In den folgenden Kapiteln werden nun einige Definitionsversuche vorgestellt bzw. auf die Charakteristika des IS eingegangen. Die Wahl der Definition ist vor allem deswegen von Bedeutung, weil sie beispielsweise auf die Größeneinschätzung des IS einen maßgeblichen Einfluss hat.
2.2 Definitionen und Charakteristika des informellen Sektors
Die meisten Definitionen bedienen sich der Aufzählung der einzelnen Elemente des IS, wobei bis heute der Bedarf einer vollständigen Enumeration nicht gedeckt werden konnte, da dies „praktisch unmöglich“ sein dürfte (vgl. Markmann 2001, 48). Jede Definition konzentriert sich entweder auf einen besonderen Aspekt oder umfasst die Kombination unterschiedlicher Merkmale (vgl. Markmann 2001, 48).
Rein technisch gesehen unterscheiden sich die Definitionsversuche dadurch, dass sich empirische Arbeiten stärker auf quantitativ-statistische Merkmale stützen, während theoretisch ausgerichtete Begriffsbestimmungen zu qualitativ-funktionalen Kriterien neigen (vgl. Schmidt 1988, 9). Letztere verfügen daher über eine größere analytische Schärfe, leiden jedoch unter einer mangelnden Operationalisierungsfähigkeit (vgl. Schmidt 1988, 9).
In Harts Analyse (1973) der wirtschaftlichen Aktivitäten in Accra, Ghana, wird die Vielzahl informeller Einkommensmöglichkeiten der städtischen Beschäftigten erstmals aufgelistet und formellen Erwerbsaktivitäten gegenüber gestellt (vgl. Heimburger 1990, 9f.). Harts Typologie unterscheidet nicht nach Personen, sondern ist auf Tätigkeiten ausgerichtet, weshalb Individuen durchaus in beiden Sektoren tätig sein können (vgl. Hart 1973, 68f., zitiert nach Heimburger 1990, 9).
Auch werden informelle Einkommensmöglichkeiten nach dem Kriterium der Legalität klassifiziert, da viele informelle Unternehmer in einer Grauzone zwischen Legalität und Illegalität arbeiten (vgl. Hart 1973, 69, zitiert nach Heimburger 1990, 9). Sethuraman (1976, 70) weist außerdem auf die beiden Merkmale der Informalität - „unorganisiert“ und „nicht statistisch erfasst“ - in Harts Untersuchung hin. Folgende Einkommensmöglichkeiten werden nach Hart unterschieden (vgl. Hart 1973, 68f., zitiert nach Heimburger 1990, 9f.):
6
a. Formelle Einkommensmöglichkeiten
b. Informelle Einkommensmöglichkeiten
Legal:
Aktivitäten im primären und sekundären Sektor (Landwirtschaft, Gartenbau, Bauwirtschaft, Kunstgewerbe); Aktivitäten selbstständiger Handwerker (Schuhmacher, Schneider, Bier- und Schnapsbrauer)
Tertiäre Unternehmen mit relativ großem Kapitaleinsatz (Wohnungsbau, Trans-port, Dienstleistungen, Waren- und Geldspekulation, Vermietungen) Distribution auf kleinem Niveau (Markt-, Klein- und Straßenhändler, Lebensmittel- und Getränkelieferanten, Träger, Zwischenhändler) Andere Dienstleistungen (Musiker, Wäscher, Schuhputzer, Barbiere, Fotografen, Fahrzeugreparatur, Vermittlungs- und Schiedsgerichtstätigkeit, Zauberer, Magier, traditionelle Medizinmänner)
Private Transferzahlungen (Geschenke, Bettelei, Leihe) Illegal:
Dienstleistungen (Warenschieberei, Hehlerei, Wucher, Drogenhandel, Prostitution, Zuhälterei, Bestechung, Schmuggel, Korruption)
Transfers (Kleindiebstahl, Diebstahl, Unterschlagung und Veruntreuung, Glücksspiel und Falschspielerei)
Laut Schmidt (1988, 12) stellt Harts „etwas willkürliche Einteilung“ den ersten Versuch einer Typologie dar, die sich jedoch speziell auf die vorgefundene Situation in Accra, Ghana, bezieht. Zudem unterscheidet Hart strikt zwischen Lohnarbeit, die er dem formellen Sektor zurechnet und Einkommen aus selbstständiger Tätigkeit, das er als wesentlichstes Merkmal dem informellen Sektor zuordnet - mittlerweile ist jedoch
7
empirisch bewiesen, dass Lohnarbeit auch im informellen Sektor existiert (vgl. Heimburger 1990, 10).
Aus diesen Gründen ist Harts Arbeit nur mit Einschränkungen als Basis für eine allgemein verbindliche Definition geeignet (vgl. Heimburger 1990, 10). Dessen ungeachtet ist es ihm jedoch gelungen, auf die Beschäftigungssituation der ärmeren Bevölkerungsschichten aufmerksam zu machen und dadurch die entwicklungspolitische Auseinandersetzung mit dem IS angeregt zu haben (vgl. Heimburger 1990, 10f.).
Eine Studie über Kenia im Jahr 1972, die im Rahmens des Weltbeschäftigungsprogramms (WEP) der ILO entstand, führte zu einer weiteren Entwicklung des Konzepts des informellen Sektors (vgl. Charmes 1990, 10) und zur Verbreitung der begrifflichen Dichotomie IS und FS (vgl. Heimburger 1990, 11).
Aus der Sicht der ILO sind für informelle Tätigkeiten folgende Merkmale charakteristisch (vgl. Haan 1989, 6f.): a. Einfacher Zugang in den IS b. Verwendung von lokalen Ressourcen c. Familienbetriebe d. Kleine Betriebsgrößen
e. Einsatz von arbeitsintensiven und angepassten Technologien f. Fähigkeiten werden außerhalb des formellen Schulsystems erworben g. Unregulierte und wettbewerbsintensive Märkte
Weiters kommt die Studie zu der Feststellung, dass informelle Tätigkeiten weitgehend ignoriert, selten unterstützt und oftmals durch den Staat reguliert sowie manchmal aktiv behindert werden (vgl. ILO 1972, 6, zitiert nach Bromley 1978, 1033). Die Wahrnehmung einer dualistischen Struktur des Arbeitsmarkts ist dadurch erkennbar, dass die Merkmale des formellen Sektors aus Sicht der ILO dem genauen Gegenteil von jenen des IS entsprechen (vgl. Schmidt 1988, 10), die da wären (vgl. Bromley 1978, 1034):
8
a. Schwieriger Eintritt in den Markt b. Häufige Verwendung ausländischer Ressourcen c. Firmeneigentum (bzw. mehrere Eigentümer) d. Produktion größeren Umfangs e. Kapitalintensive und oft importierte Technologie f. Formelle Aneignung der Fähigkeiten, oft „expatriate“ g. Geschützte Märkte (Zölle, Kontingente, Handelslizenzen)
Der Ansatz der ILO hat sehr bedeutend zur Etablierung des Konzepts des IS beigetragen und verglichen mit jenem von Hart, stärker versucht, die Ökonomie als Ganzes zu beschreiben (vgl. Heimburger 1990, 12ff.).
Dennoch ist der Versuch einer allgemein verbindlichen Definition gescheitert (vgl. Heimburger 1990, 15): Ähnlich wie bei Hart handelt es sich eher um eine deskriptive als um eine definitorische Annäherung an das Phänomen, wodurch in manchen Bereichen Abgrenzungsprobleme auftreten - so muss beispielsweise nicht jedes Kleinunternehmen überall staatlich benachteiligt werden (vgl. Heimburger 1990, 15). Auch die Nennung des ebenso wenig definierten informellen Schulbesuchs, um sich an das Phänomen IS heranzutasten, zeigt eine gewisse Operationalisierungsunfähigkeit des ILO-Ansatzes (vgl. Heimburger 1990, 15). Weiters stellt Poapongsakorn (1991, 110) fest, dass die ILO-Definition nicht anwendbar ist, wenn man nur die offiziellen Statistiken zur Verfügung hat. Sethuraman (1976, 72) kommt zu dem Schluss, dass sich die von der ILO angeführten Charakteristika insbesondere für Kenia eignen, sich aber im Allgemeinen als weniger relevant erweisen.
Sethuraman (1976) selbst schlägt eine Reihe anderer Kriterien für die Identifizierung von Unternehmen im IS vor, welche die relative Komplexität der Kriterien des Kenia-Reports vermeiden und leichter beobachtbar sein sollen (vgl. Charmes 1990, 13). Demnach wäre ein Fertigungsbetrieb 7 dann als informelles Unternehmen zu klassifizieren, wenn zumindest eines der folgenden Kriterien zutrifft (vgl. Sethuraman 1976, 81):
7 Sethuraman (1976, 81) hat auch Kriterien für die Bereiche Bauwesen, Transport, Handel und Dienst-
leistungen erarbeitet, die sich zum großen Teil mit den hier vorgestellten Merkmalen decken.
9
a. Beschäftigung von nicht mehr als 10 Personen (inklusive Teilzeit- und Gelegenheitsarbeitern) b. Betrieb auf illegaler Basis, entgegen staatlicher Vorschriften c. Mitarbeit von Familienangehörigen d. Keine fixen Arbeitsstunden bzw. -tage e. Betriebsstätte ist nicht dauerhaft f. Keine Verwendung von Elektrizität im Herstellungsprozess g. Kreditbedarf wird nicht durch formelle Finanzinstitutionen gedeckt h. Produkt geht normalerweise direkt an den Endverbraucher i. Fast alle Beschäftigten haben weniger als 6 Jahre Ausbildung im formellen Schulsystem absolviert
In einer späteren Arbeit merkt Sethuraman (1981, 16) jedoch an, dass Definitionen auf Basis von Mehrfach-Kriterien auch Probleme mit sich bringen: „...the informal sector universe remains vague because of the multiple criteria: each criterion can be used to define a universe of its own. Consequently one is not certain about the universe to which the term informal sector refers “ (Sethuraman 1981, 16).
Ein weiteres Anwendungsproblem ergibt sich dadurch, dass bereits das Auftreten eines einzigen Kriteriums ausreicht, um einen Betrieb als informell zu klassifizieren, wodurch der IS einen sehr großen Umfang annehmen kann (vgl. Schmidt 1988, 14). So würde beispielsweise jedes Unternehmen, das weniger als zehn Arbeitnehmer beschäftigt, automatisch als informell gewertet werden. Auf der anderen Seite muss jedoch auch eingestanden werden, dass die Verwendung mehrerer Kriterien, gleichsam einer Merkmalssumme, dazu führen würde, dass die meisten Unternehmen exkludiert werden würden (vgl. Schmidt 1988, 14).
Eine im Vergleich zu den bisherigen Ansätzen eher pragmatische Annäherungsweise verzichtet auf die Auflistung eines umfangreichen Kriterienkatalogs, sondern teilt informelle Aktivitäten entsprechend ihrer Buchhaltung in drei Kategorien ein (vgl. Chickering 1991, 10): Unternehmen mit keinem Buchhaltungssystem Unternehmen mit einem rudimentären Buchhaltungssystem Unternehmen mit einem ausgefeilten Buchhaltungssystem
10
Es wird angenommen, dass diese drei Stufen mit einem entsprechendem Niveau an Entwicklung und Größe der Produktionseinheit korrelieren: Je akkurater und je besser die Buchhaltung gesteuert wird, desto mehr spricht dafür, dass der Betrieb die Bedingungen des formellen Sektors erfüllt (vgl. Chickering 1991, 10).
Poapongsakorn (1991, 110) nennt weitere Definitionsansätze, die sich jedoch sehr rasch als unzulänglich erweisen:
So lautet eine Methode, einfach alle Aktivitäten im Dienstleistungsbereich als informell einzuordnen - doch dadurch werden wichtige Komponenten des informellen Sektors als formell eingestuft und umgekehrt.
Eine feinsinnigere Definition charakterisiert den IS durch wirtschaftliche Besonderheiten wie Wettbewerbsverhalten und Arbeitsmarktbedingungen - mit der entsprechenden Problematik, dass diese Eigenschaften schwer zu quantifizieren und für die empirische Forschung daher ungeeignet sind. Eine mittlerweile überholte Annäherung ist es, die Angehörigen des IS auf „umherziehende Arbeiter ohne festen Arbeitsplatz“ zu reduzieren - darunter fallen Straßenhändler, Bettler und Hausierer etc. 8
In der empirischen Forschung wird oft auch eine Methode angewendet, bei der entweder die Charakteristika der arbeitenden Personen bzw. die Größe des Haushalts/Betriebsstätte 9 , oder aber eine Kombination von beiden, einbezogen werden. Die Mängeln der Charakteristika-Methode sollen durch die Verknüpfung mit dem Größenkriterium abgewendet werden - doch existieren auch Unstimmigkeiten zur Größeneinteilung der Unternehmen.
Durch ein weiteres Beispiel soll aufzeigt werden, wie durch beliebig gesetzte Definitionskriterien Umfang und Struktur des informellen Sektors beeinflusst werden können (vgl. Schmidt 1988, 16): Zum Zwecke der Identifizierung der Angehörigen wird der IS von den beiden PREALC 10 Vertretern Souza und Tokman definiert als „...comprising all those
8 Durch diese einseitige Begriffsbestimmung werden z.B. Produktionsbetriebe nicht miteinbezogen.
9 Im Original wird „establishment size“ angeführt, ohne Hinweis, ob es sich um Haushalt oder Betriebsstätte
handelt (vgl. Poapongsakorn 1991, 110).
10 PREALC bzw. das „ILO Regional Employment Programme for Latin America and the Caribbean“ (vgl.
Souza/Tokman 1976, 355) unternahm einen der wenigen Versuche, den informellen Sektor anhand des
Kriteriums “Beschäftigte” zu definieren (vgl. Heimburger 1990, 16).
11
engaged in domestic service, casual labourers, the self-employed, and employers, whitecollar, blue-collar and family workers in enterprises with a total staff of not more than four persons“ (Souza/Tokman 1976, 356).
Die Größe (im Sinne der Mitarbeiteranzahl) gehört zu den meist angewendeten Kriterien, weshalb auch entsprechende Definitionen existieren, in denen ein im IS operierendes Unternehmen auch bis zu 10, manchmal sogar 20 Arbeiter beschäftigen darf (vgl. Haan 1989, 9).
Statt der oben zitierten Definition, die laut Souza und Tokman (1976) dazu tendiert, die Größe des informellen Sektors zu überschätzen, wäre den Autoren zufolge auch alternativ möglich „...to define it in terms of all persons whose income is below a certain minimum level - usually the legal minimum wage - on the assumption that the low-productivity activities typical of the informal sector also generate low incomes” (Souza/Tokman 1976, 356f.).
Hierbei ist jedoch kritisch anzumerken, dass die Verwendung einer bestimmten Lohngrenze als Definitionskriterium dazu führt, dass gerade ein wichtiges Erkenntnisziel, nämlich das Lohnniveau im IS, per Definition aus der Untersuchung herausgenommen wird (vgl. Schmidt 1988, 16).
Auch gibt es Arbeitnehmer im IS, deren Lohnhöhe das Niveau erreicht, welches im FS Tätige erhalten - womit eine klare Abgrenzung zwischen den beiden Gruppen auf Basis der Lohnhöhe unmöglich wird (siehe auch Kapitel 3.2.3.6.).
Chickering (1991, 10f.) erkennt bei den bisherigen Definitionsversuchen vor allem zwei Strömungen: „In general, definitions tend to focus on either functional attributes (size or complexity of operation, for instance) or legal status“ (Chickering 1991, 10). Jene, die eine Annäherung über die funktionellen Attribute wählen, tendieren dazu, den informellen Sektor als Ausdruck von Armut zu betrachten und sehen in den Armen das Proletariat, dem geholfen werden muss (vgl. Chickering 1991, 10f.). Die andere Gruppe beurteilt die Existenz des IS „as evidence of institutional failure“ und sieht in den Armen Entrepreneure, die nur eines benötigen: „... policies that do not discriminate against them“ (Chickering 1991, 11).
Ein Vertreter letzterer Ansichtsweise, die in den 1980er Jahren an Bedeutung gewann, ist Hernando de Soto, der eine Definition des informellen Sektors durch die Analyse seines Verhältnisses zum Staat unternimmt. Der so genannte legalistische Ansatz, der mit ihm verbunden wird, erklärt den IS durch ein einziges zentrales Kriterium, der Nicht-
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Gesetzesmäßigkeit der wirtschaftlichen Aktivität (vgl. Bass/Wauschkuhn 2000, 16 und Kochendörfer-Lucius 1990, 10): Durch ein protektionistisches rechtliches System werden Individuen gezwungen, an sich legale wirtschaftliche Tätigkeiten in einer Art auszuüben, in der es zur Umgehung oder Verletzung von Gesetzen kommt (vgl. Soto 1992, 18). Informalität ist für de Soto daher eine Frage von institutionellen und nicht von betrieblichen Charakteristika (vgl. Soto 1992, 18). 11
Der genannte Aspekt der Umgehung oder Verletzung von Gesetzen führt auch zur Frage, ob informelle Tätigkeiten als kriminell eingestuft werden oder nicht. Balkenhohl (1995, 12) meint zu dieser Thematik, dass Tätigkeiten im IS der Entwicklungsländer sicherlich nicht den Normen und Regeln der formellen Wirtschafts- und Rechtsordnung entsprechen. Es handelt sich dennoch nur selten um Aktivitäten, „die strafrechtliche Tatbestände erfüllen oder bewusst arbeits-, gewerberechtliche oder steuerliche Vorschriften umgehen“ (Balkenhohl 1995, 12).
Castells/Portes (1989, 14f.) versuchen die Frage zu beantworten, indem sie auf der einen Seite den Produktions- und Distributionsprozess und auf der anderen Seite das Endprodukt auf Legalität bzw. Illegalität näher untersuchen.
Tab. 1: Die Legalität wirtschaftlicher Aktivitäten
Quelle: vgl. Castells/Portes 1989, 14 (eigene Darstellung).
Demnach werden kriminelle Aktivitäten dadurch charakterisiert, dass sowohl Produktion, Distribution als auch das Endprodukt selbst von nicht gesetzmäßigem Charakter sind. Bei informellen Tätigkeiten ist der Produktions- und Austauschprozess ebenso unerlaubt, jedoch ist das Endprodukt legal - dementsprechend werden informelle Aktivitäten als eine Art Stufe zwischen formellen und kriminellen Aktivitäten eingeordnet (vgl. Castells/Portes 1989, 14f.).
11 De Sotos Ansatz bzw. Ergebnisse seiner Untersuchungen über den urbanen informellen Sektor in Lima
(Peru) werden in den Kapiteln 2.4.3. bzw. 4.3. näher ausgeführt.
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Auch für Altvater und Mahnkopf (2002a, 90ff.) befinden sich marktbezogene informelle Aktivitäten nicht nur in einer „Grauzone des Übergangs zur Formalität“, sondern desgleichen in einem „Schattenbereich des Übergangs zur Illegalität und Kriminalität“. Die Frage der Grenzziehung wird institutionell bzw. durch politische Regulierung entschieden (vgl. Altvater/Mahnkopf 2002a, 92).
2.3 Neuere Sichtweisen
Im Jahre 1993, etwa 20 Jahre nach der ersten Begriffsbestimmung, veröffentlichte die ILO eine neue Definition für den „informellen Sektor“, die da lautet: „[Der informelle Sektor] besteht aus Betrieben, die in der Produktion von Waren und Dienstleistungen mit dem primären Ziel tätig sind, Beschäftigung und Einkommen für die betreffenden Personen zu erzielen. Die Produktionsbetriebe in diesem Sektor arbeiten auf niedriger Organisationsstufe ohne oder fast ohne Trennung zwischen den Produktions-faktoren Arbeit und Kapital und in kleinem Rahmen und weisen die charakteristischen Merkmale von Privathaushalten auf, deren Inhaber die notwendigen Mittel auf eigenes Risiko aufbringen müssen. Darüber hinaus sind die Produktionsausgaben oft nicht von den Haushaltsausgaben zu trennen“ (vgl. ILO 1993 zitiert nach DB 2002, 240). Weiters unterscheidet die ILO drei Kategorien informell Arbeitender, zwischen denen jedoch alle Arten von Übergängen und Kombinationen denkbar sind (vgl. DB 2002, 240): Besitzer bzw. Betreiber von (Mikro- und Klein-)Unternehmen, Selbstbeschäftigte mit unbezahlt mitarbeitenden Familienangehörigen, abhängig Beschäftigte in informellen Unternehmungen, in Gelegenheitsjobs, Heimarbeit, Hausarbeit (domestic work), in Saison- oder Teilzeitarbeit, unregistrierter Arbeit etc.
Nach der ILO Definition werden Eigenarbeit und Reproduktionsarbeit, d. h. unbezahlte Tätigkeiten für die Familie und für den familiären Konsum nicht als „informelle Beschäftigung“ angesehen (vgl. DB 2002, 240).
Diese neuere Annäherung an das Phänomen hat zwar der Datenerfassung und der statistischen Schätzung des informellen Sektors einen großen Auftrieb gegeben (vgl.
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Charmes 1999, 2), doch auch diese bleibt nicht ohne Kritik: So werden weder die Bedingungen der Tätigkeit oder die Charakteristika des Arbeitsplatzes einbezogen, noch wird das verfügbare Kapital oder die Dauer und das Ausmaß der wirtschaftlichen Tätigkeit beachtet (vgl. DB 2002, 240). Weiters fehlen ganze Gruppen informell Beschäftigter, nämlich all jene, die nicht in Kleinst- und Familienunternehmen arbeiten (vgl. DB 2002, 240).
In den letzten Jahren wurde aus der eher unternehmensorientierten Sichtweise des IS, die sich auch in der ILO-Definition von 1993 widerspiegelt, eine zunehmend arbeitsplatz- und tätigkeitsbezogene Darstellung. Dadurch wird eine genauere Begriffsbestimmung von Informalität und informeller Beschäftigung möglich, die über eine rein sektorale Betrachtungsweise hinausgeht (vgl. DB 2002, 241). So versteht man unter informeller Beschäftigung heute „eine Tätigkeit ohne regulären Vertrag, ohne soziale Absicherung und bei prekären Arbeitsschutzbedingungen“ (DB 2002, 241).
Es ist jedoch sehr wahrscheinlich, dass auch die neueren Ansätze nicht den angestrebten Schlusspunkt in der Debatte zur Findung eines einheitlichen Definitionskonzepts bilden werden, sondern viel mehr, dass sich die kontroversiell geführte Diskussion auch in Zukunft fortsetzen wird.
Indessen resümiert Kochendörfer-Lucius (1990, 12), dass es nicht im Sinne des IS ist, „eine unfruchtbare Diskussion um Definitionen und Abgrenzungen“ zu führen, sondern dass eine „positive Bewertung des Wirtschaftsbereichs, die seiner tatsächlichen Bedeutung entspricht und sich im Sprachgebrauch ausdrückt“, viel wesentlicher ist. Auch Balkenhohl (1995, 10) betrachtet die Suche nach einer Definition als nebensächlich: „Es lohnt sich überhaupt nicht, so viel Zeit mit der Definition des informellen Sektors (IS) zu verschwenden: wenn man ihn sieht, dann weiß man sofort, worum es geht“.
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2.4 Erklärungsansätze des informellen Sektors
Wie schon bei den Definitionen des IS gibt es auch bei der Erklärung seiner Entstehung keine einheitliche Meinung. Tatsächlich kann nicht einmal eindeutig geklärt werden, wie viele Erklärungsansätze überhaupt existieren - manche Autoren sprechen von zwei Schulen (z.B. Schmidt 1988, 8), andere von drei (z.B. Carr/Chen 2002, 5) und wiederum andere nennen gleich vier Erklärungsansätze (z.B. Kochendörfer-Lucius 1990, 9 oder Suharto 2002, www), wobei sich diese nicht immer decken. 12
Kochendörfer-Lucius (1990, 9) schränkt die individuelle Bedeutung der Ansätze jedenfalls mit der Anmerkung ein, dass keiner die komplexe Wirklichkeit des IS vollständig zu erklären vermag. Stattdessen thematisiert jeder Erklärungsansatz jeweils einen Ausschnitt besonders (vgl. Kochendörfer-Lucius 1990, 9f.). Aus diesem Grund werden im folgenden Abschnitt einige der diskutierten Ansätze vorgestellt.
2.4.1 Strukturalistischer Ansatz
Der strukturalistische Ansatz wird vor allem vom Lateinamerika-Büro der ILO, PREALC, vertreten (vgl. Kochendörfer-Lucius 1990, 9). Dieser beurteilt den IS als Resultat der mangelnden Fähigkeit des formellen Sektors, das Überschussangebot an Arbeitskräften zu absorbieren (vgl. Balkenhohl 1995, 12). Die fehlenden Arbeitsplätze in der modernen Industrie sind demnach strukturell bedingt und werden folgendermaßen erklärt (vgl. Kochendörfer-Lucius 1990, 9):
Durch Imperfektionen des Kapitalmarkts wird die Bildung von Oligopolen begünstigt, wodurch einerseits die Konkurrenz begrenzt wird und anderseits die Preise für Konsumgüter der Oberschicht auf einem hohen Niveau verharren. Dies führt zu einer Reduktion der Nachfrage und dadurch auch zu einem geringeren Bedarf an Arbeitskräften. Als Konsequenz sind die überschüssigen Arbeitskräfte dazu gezwungen, sich neue Einkommensquellen zu schaffen - der informelle Sektor wächst (vgl. Kochendörfer-Lucius 1990, 9).
Arme und Frauen werden dabei auf den Arbeitsmärkten am meisten benachteiligt, da ihnen der Zugang zu Arbeit bzw. den Voraussetzungen für Arbeit - Schule und Berufsausbildung - verwehrt bleibt (vgl. Kochendörfer-Lucius 1990, 9).
12 Weitere Autoren, die Erklärungsansätze vorstellen: u.a. Peattie 1987, 852; Markmann 2001, 23f.;
Rakowski 1994, 501f.
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Arbeit zitieren:
Katharina Kainz, 2003, Der urbane informelle Arbeitsmarkt in Entwicklungsländern, München, GRIN Verlag GmbH
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