Inhalt
Abk ürzungen. 3
Einleitung. 6
Teil I: Die Herleitung von Digital Divide
1. Die Entwicklung des Internet zum Massenmedium. 9
2. Digital Divide: Stationen einer Theoriebildung
2.1. Aufstieg und Fall einer Wortschöpfung in den USA 11
2.1.1. Der erste NTIA-Report und die Wiederentdeckung der
Wissenskluft 12
2.1.2. „Digital Divide" in der zweiten und dritten
Regierungsstudie 14
2.1.3. „Towards Digital Inclusion“ und „A Nation Online“: Rückzug
von der politischen Agenda 16
2.1.4. „Have later“ statt „have not“?: Fünf Studien in sieben Jahren
Internet 18
2.2. Alternative Konzepte des Digital Divide 20
2.3. Globalisierung: Entwicklungsländer und Digital Divide 23
2.4. Der Weltgipfel der Informationsgesellschaft in Genf 25
2.4.1. Akteure und Interessenkonglomerate auf dem WSIS 26
Teil II: Indien
3. Landeskunde
3.1. Bevölkerungsentwicklung und Geographie 29
3.2. Politisches System und wirtschaftliche Entwicklung 32
3.3. Bildung und Sprachen 35
4. Digital Divide in Indien
4.1. Systematik 37
4.2. Physische Ressourcen
4.2.1. Netze
4.2.1.1. Elektrizität. 39
4.2.1.2. Telekommunikation - Festnetz 41
2
4.2.1.3. Telekommunikation - Zellulärer Mobilfunk 43
4.2.1.4. Internet. 43
4.2.1.5. Alternative Funktechnologien zur Telekommunikation. 45
4.2.2. ICT- Hardware
4.2.2.1. PC-Besitz. 46
4.2.2.2. Anschaffung gebrauchter PCs. 47
4.2.2.3. Entwicklung kostengünstiger mobiler PC-Ersatzgeräte. 49
4.2.2.3. Internetkioske: Nutzung von ICT ohne Besitz 52
4.3. Digitale Ressourcen 55
4.3.1. Entwicklung relevanter Inhalte für die indische
Landbev ölkerung 55
4.3.2. Hersteller-gebundene Software und Open Source 59
4.4. Menschliche Ressourcen. 6 2
4.5. Gesellschaftliche Ressourcen. 63
4.5.1. Makroebene: Institutionen der Weltgemeinschaft und
Handlungsr äume der Nationalregierung 63
4.5.2. Mesoebene: Firmen und Nichtregierungsorganisationen 68
4.5.2.1. Firmen 68
4.5.2.2. Nichtregierungsorganisationen 70
5. Fazit: Neue Chancen für Indien in neuen Medien? 72
6. Literatur 76
3
Abkürzungen:
BMWA = Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit BSA = Business Software Alliance CERN = Conseil Européen pour la Recherche Nucléaire CMC Literacy = Computer Mediated Communication Literacy CPS = Current Population Survey CTC = Community Technology Center DECT = Digitally Enhanced Cordless Telecommunications ERNET = Education and Research Network GNU = GNU´s Not Unix GPL = General Public License GSM = Global System for Mobile Communication HTML = Hypertext Markup Language HTTP = Hypertext Transfer Protocol IBM = International Business Machines Corporation ICANN = Internet Corporation of Assigned Names and Numbers ICT = Information and Communication Technologies ISPAI = Internet Service Providers Association of India Kwh = Kilowattstunden MB = Megabyte Mia = Milliarden Mio = Millionen
MSSRF = M.S. Swaminathan Research Foundation NAACP = National Association for the Advancement of Colored People NII = National Information Infrastructure NTIA = National Telecommunications and Information Administration OECD = Organization for Economic Cooperation and Development PC = Personal Computer PDA = Personal Digital Assistant PR = Public Relations R & D = Research and Development RAM = Random Access Memory
Rs = Rupies (Indische Währung, Eine Rupie entspricht in Euro etwa zwei Cent)
SIMPUTER = Simple, Inexpensive, Multilingual, People´s Computer
4
STPI = Software Technology Parks of India TCP/IP = Transmission Transport Protocol / Internet Protocol Touch LC-Display = Berührungssensitive Anzeige aus Flüssigkeitskristallen UNDP = United Nations Development Program
UNESCO = United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization UNICT = United Nations Information and Communication Technologies Task Force
UNO = United Nations Organisation URL = Universal Resource Locator VSNL = Videsh Sanchar Nigam Limited WAN = Wide Area Network WCE = World Computer Exchange WLL = Wireless Local Loop WSIS = World Summit of Information Society
5
Einleitung
„But I don’t think people have understood that the Digital Divide is about
all other divides, it’s not just a digital divide, it’s a divide in education, it’s
a divide in health, it’s a divide in infrastructure, it’s a divide in power.” 1
(Sam Pitroda)
Indien ist nach Maßgabe von Weltbank und UNO ein Entwicklungsland, in dem 45 Prozent der über eine Milliarde Menschen von weniger als einem US-Dollar am Tag leben müssen und fast die Hälfte der Einwohner Analphabeten sind. 2
Gleichzeitig ist während der 90er Jahre in den Technologieparks von Banga-lore, Chennai und Madras eine Softwareindustrie herangewachsen, die inzwischen in Teilbereichen eine führende Stellung auf dem Weltmarkt inne hat und 2002 insgesamt 522.250 Menschen beschäftigt hat. An den über 250 technischen Universitäten Indiens graduierten 2003 149.499 Studenten in Studiengängen der ICT. 3
In kaum einem anderen Land lässt sich die Debatte um den Digital Divide so intensiv führen wie in Indien. Zu den scharfen nationalen sozioökonomischen Gegensätzen ergänzt sich in einer zweiten Dimension der Vergleich mit Rahmendaten aus Ländern der Ersten Welt, durch den eine ähnliche Zerklüftung sichtbar wird.
Innerhalb des indischen Digital Divide ist die städtische und hoch gebildete „Info Elite“ von besonderer Bedeutung. Von ihr wird nicht nur eine Steigerung des Bruttosozialprodukts erwartet, sondern auch Lösungen für die innere Entwicklungsproblematik erhofft. „Catching up“ oder „Leapfrog Development“ sind Stichworte für Szenarios, in denen Entwicklungsländer wie Indien mit den Mitteln der Informationstechnologien wirtschaftlich zur Ersten Welt aufschließen, und gleichzeitig landesweit die Unterschiede in Einkommen, Bildung und Infrastruktur verringern können. In mindestens 144 Pilotprojekten wird derzeit mit Unterstützung von staatlichen Institutionen, Firmen und Nichtregierungsorganisationen das Potential digitaler ICT für Entwicklungshil-
1 InternationalFederation of Multimedia Associations (2002).
2 Vgl.: United Nations Development Report (2001). 3 Vgl.: Tata Telecom Limited (2004).
6
fe auf dem indischen Subkontinent erprobt. 4
Im Rahmen dieser Arbeit soll zunächst die Entstehungsgeschichte des Phänomens Digital Divide näher betrachtet werden. Die informationstechnologischen Innovationen aus der zweiten Hälfte der 90er Jahre einerseits- und die daraus zu erwartenden gesellschaftlichen Veränderungen andererseits liefern den theoretischen Rahmen für die Begriffsschöpfung „Digital Divide.“ Im Vordergrund der technischen Veränderungen steht die Erfindung und weltweite Diffusion von Internet und World Wide Web (WWW), die an dieser Stelle kurz abgehandelt wird.
Die gesellschaftlichen Konsequenzen dieser Entwicklung summieren sich unter dem Begriff „Informationsgesellschaft“, der seit den 1970er Jahren teils gegensätzliche Vorstellungen in sich vereint. Der Stellenwert von Information wird darin so hoch angesetzt, dass im dystopischen Szenario unumkehrbar zwei Klassen entstehen, die sich durch Besitz oder Mangel an Information auszeichnen. 5 Enthusiastisch dagegen sind Aussagen, wie etwa vom ehemaligen US-Präsidenten Clinton, der von den digitalen ICT als „greatest equalizing force our society or any other has known“ sprach. 6
Räumlich gesehen hat sich die Diskussion zunächst lange auf der nationalen Ebene der USA gehalten, und wurde erst um 1998 auch in Westeuropa und anderen Ländern der Ersten Welt zu einem Gegenstand größerer öffentlicher Debatten. In diesem Teil der Arbeit nimmt deshalb die Darstellung der US-Diskussion den größten Raum ein. Hier wurde Digital Divide als Begriff geprägt und später fast nahtlos in anderen Teilen der Welt für andere gesellschaftliche Zusammenhänge übernommen.
Ein Teil der Öffentlichkeit in den USA ging von Beginn der Diskussion an kritisch mit dem Thema um und entwickelte alternative Vorstellungen von den Ursachen, der Ausdehnung und den Variablen einer digitalen Spaltung. Auch diese Ansätze werden erwähnt und in die spätere Betrachtung der indischen Verhältnisse einbezogen.
Dem indischen Digital Divide nähert sich die Arbeit am Ende des ersten
4 Vgl.: Natonal Association of Software and Services Companies (2004). 5 Vgl. Ide (1988), S.179. 6 Arrison (2003).
7
Teils, in dem die Ausdehnung der Thematik auf den Global Digital Divide zur Sprache kommt. Auf dem „World Summit of Information Society“ in Genf im Dezember letzten Jahres zeigten sich besonders deutlich die gemeinsamen und widerstrebenden Interessen von Regierungen, Firmen und Nichtre-gierungsorganisationen im Kontext der weltweiten digitalen Spaltung.
Der zweite Teil dieser Arbeit widmet sich ganz der indischen Problematik. Nach einer allgemeinen Darstellung Indiens unter demographischen, politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten ist die Darstellung des Digital Divide nach Ressourcen unterteilt. Diese Einordnung soll deutlich machen, dass die digitale Spaltung, ganz im Sinne des Eingangs zitierten Sam Pitroda, ein umfassendes und multivariates Problem ist. Sowohl die physisch erfahrbare Ebene der Gegenstände, als auch digitale, menschliche und gesellschaftliche Zusammenhänge sind, so soll deutlich werden, gemeinsam für die Diffusion von ICT verantwortlich. In allen Teilbereichen gibt es Hürden, die zu überwinden sind, wenn eine nachhaltige Entwicklung die sozioökonomischen Gegensätze von Indern untereinander und im weltweiten Ländervergleich verringern soll.
Am Ende der Arbeit wird ein Fazit gezogen, das versucht, die Chancen Indiens in Neuen Medien und die zukünftige Relevanz eines indischen Digital Divide zu bewerten.
8
Teil I: Die Herleitung von Digital Divide
1. Entwicklung des Internet zum Massenmedium 7
Der Begriff „Internet“ wurde erstmals 1974 schriftlich erwähnt, und entstammte Forschungen für das US-Militär, das durch den „Sputnik Schock“ und die Ängste vor einem atomaren Schlagabtausch mit der Sowjetunion in den frühen sechziger Jahren nach Wegen suchte, dezentrale Computernetzwerke aufzubauen. 8
Zu den bedeutendsten Innovationen der Netzwerktechnologie zählt der Ver-bund zweier Protokolle zu „TCP/IP“, das sich in den 70er Jahren als Standard für den Austausch von Datenpaketen im Ethernet durchsetzen konnte. 9 Damit wurde die Integration von Netzwerken mehrerer Ebenen und unterschiedlicher Fabrikate unter ein „Netz der Netze“ machbar. Jeder der angeschlossenen Rechner bekommt eine eindeutige Adresse und kann Datenpakete transferieren. Auch Dienste wie email oder die entfernte Einwahl (Remote log-on) wurden dadurch ermöglicht. Die Verbreitung dieser Netzwerke konzentrierte sich jedoch bis Ende der 80er Jahre im universitären Bereich.
Der entscheidende Schritt zur allgemeinen Verwendbarkeit des Internet wurde 1989 am Europäischen Institut für physische Teilchenforschung (CERN) in Genf getan. Tim Berners-Lee erfand das World Wide Web (WWW) in einer Kombination aus drei Standards: Der „Universal Resource Locator“ (URL) gibt jeder Seite eine unverwechselbare Adresese, das „Hypertext Transfer Protocol“ (HTTP) standardisierte die Kommunikation zwischen Browser und Server und die „Hypertext Markup Language“ (HTML) vereinheitlichte die Verknüpfung von Inhalten zum Design von Webseiten. Das WWW basiert, ähnlich wie bereits in den 80er Jahren der deutsche „Bildschirmtext“ (BTX) und das französische „Minitel“, auf dem Hypertext-
7Auf eine detaillierte Darstellung der technischen Innovationen und deren Diffusion bis zum Internet und World Wide Web wird verzichtet. Es sei hier verwiesen auf zwei der zahlreichen Monographien: Abbate (2000); Berners-Lee (1999).
8 Mit der erfolgreichen Platzierung des ersten künstlichen Satelliten im Orbit demonstrierte die Sowjetunion 1957 ihre Überlegenheit in der Weltraumtechnik gegenüber dem Westen. Der „Sputnik-Schock“ verweist auf die öffentliche Reaktion im Westen. 9 Vgl. Leiner et al (2003).
9
System. Damit sind Daten trotz räumlicher Distanz der Server assoziativ auf einander zu beziehen, beziehungsweise horizontal zu „verlinken.“ Berners-Lee setzte in der Verbindung von frei verwendbaren Protokollen die Spezifikationen für ein effektives multimediales Webdesign. 10 Wenige Jahre später folgten die grafischen Benutzeroberflächen „Mosaic“ (1993), „Netscape“ (1994) und „Internet Explorer“ (1995). 11 Erst diese Browser gaben den Inhalten des Netzes eine Oberfläche, die den Nutzwert auch für Laien drastisch erhöhte.
In dieser Phase weisen Daten über Wachstum von Internet und WWW aus, dass sich die Verbreitung beider Technologien zwischen 1994 und 1996 stark beschleunigte. 12 Die Zahl der ans Internet angeschlossenen Rechner vervierfachte sich fast auf 9,5 Millionen Hosts, der Bestand an Webseiten wuchs ungefähr um das Hundertfache auf 100.000. 13 Für das sprunghaft ansteigende Interesse am WWW in dieser Zeit steht auch das Engagement der Firma Microsoft, die zunächst „Netscape“, der Firmengründung eines Studenten, den Markt für Internetbrowser überlassen musste. Nachdem Marc Andreesen und Jim Clark mit Netscape bis 1996 mehr als 50 Millionen Dollar umgesetzt hatten, konterte Microsoft, in dem es den „Internet Explorer“ kostenlos als Teil des Betriebssystems „Windows 95“ auf den Markt brachte und die Weiterentwicklung des Browsers mit hohem Aufwand fortsetzte. 14
10 Vgl.: Berners-Lee (1999).
11 Vgl.: Wilson (2003).
12 Vgl.: Internet Software Consortium (1994-1996).
13 Internet hosts lassen sich nach zwei Methoden erfassen: Methode A listet alle von Domain Servern registrierte Rechner. Methode B erfasst nur hosts, die auf ein ping Signal antworten. Beide Methoden weisen ähnliche Wachstumsproportionen auf; Vgl.: Lottor (1992). 14 Vgl.: Wilson (2003).
10
2. Digital Divide: Stationen einer Theoriebildung
2.1.Aufstieg und Fall einer Wortschöpfung in den Vereinigten Staaten
„Back in the heady days of the dot-com boom everything was out of
proportion, including political rhetoric. The Rev. Jesse Jackson, for
example, called the digital divide "classic apartheid," the NAACP's
Kweisi Mfume dubbed it "technological segregation," and President
Clinton urged a "national crusade." 15 (Sonia Arrison)
Bevor der Begriff „Digital Divide“ Teil eines weltweiten Diskurses wurde, etablierte er sich zunächst innerhalb der US-amerikanischen Öffentlichkeit und durchlief mehrere Bedeutungswandlungen. Wer den „catchy term“ zu welchem Zeitpunkt zum ersten Mal verwandte, bleibt weiterhin unklar, wie Andrew Carvin bemerkt: „It's discussed several times a year on my digital divide listserv and every time someone is credited with coining it, that person posts a message saying, 'Nope, wasn't me.“ 16 Es wird angenommen, dass der Begriff innerhalb der zahlreichen Diskussionsforen und Newsgroups geprägt wurde, die sich während des sprunghaften Wachstums des Internet mit Annahmen über soziale Folgen der Entwicklung befassten. 17
In jedem Fall war es die Regierung, die „Digital Divide“ ab 1995 aufnahm, in den nationalen Diskurs einführte und zu einem der wichtigsten innenpolitischen Themen in der Clinton/Gore Administration ausbaute. Zum Referenzmaterial wurden dabei sechs Studien über den Zustand und die Nutzung der „National Information Infrastruktur“ (NII). Die Ergebnisse dieser vom Wirtschaftsministerium in Auftrag gegebenen Befragungen prägten maßgeblich Sichtweisen und mögliche Maßnahmen des Digital Divide vor, die auch im globalen und indischen Diskurs Bestand haben.
Die teilweise oder vollständige Regulierung des Telekommunikationssektors durch den Staat hat in den USA eine lange Tradition. In dem rasch wachsenden Markt für Telefonverbindungen am Ende des 19. Jahrhunderts konstatierte die politische Administration ein Marktversagen, das um- 15Arrison (2003).
16 Vgl.: Borkowski und Foster (2003). 17 Ebenda.
11
fassende Eingriffe der öffentlichen Politik nötig machte. 18 So überwacht seit 1934 die „Federal Communications Commission“ (FCC) den Telekommunikationsbereich mit der Aufgabe,
„to make available, so far as possible, to all people of the United
States, a rapid, efficient nationwide and world-wide wire and radio com-
munication service with adequate facilities and reasonable charges.“ 19 Erst 1996 wurden die Prioritäten neu gesetzt und mit der Schaffung von Wettbewerb versucht, die Qualität der Dienstleistung zu erhöhen und die Preise zu senken: „Let any communications business compete in any market against each other.“ Dennoch wurde der Telekommunikationssektor durch die Deregulierung nicht ganz an den Markt verwiesen und nach wie vor als ein „soziales Gut“ im Sinne des obig zitierten „Telecommunication Acts“ von 1934 bezeichnet.
In der Neufassung dieser Handlungsvorgabe an die FCC aus dem Jahr 1996 nahm die Regierung vage die Neuen Medien als „advanced telecommunications and information services“ in die Liste der zu sicher zu stellenden bürgerlichen Grundversorgung im Telekommunikationsbereich auf. 20 Die Schlagworte „Universal Service“ und „Universal Access“ sind eine seit 60 Jahren geprägte Formel in der Telekommunikationspolitik der USA und bilden im erweiterten Bezugsrahmen des Digital Divide eine entscheidende Grundlage für staatliches Handeln. 21 Auch in Indien wiederholt sich diese Problemstellung, wenn auch unter verschärften Bedingungen.
2.1.1.Der erste NTIA Report und die Wiederentdeckung der Wissenskluft
Eigentlich boten 1995 die Ergebnisse der ersten "Falling Through the Net"-Studie wenig Anlass, weit in die öffentliche Wahrnehmung vorzudringen. Die genutzten Daten entstammten bis auf zwei Kategorien dem „Current Population Survey“ (CPS), einer inzwischen seit mehr als 50 Jahren durchgeführten Stichprobenuntersuchung US-amerikanischer Haushalte. Neben
18 Vgl.: American Telephone and Telegraph Company (2004).
19 Federal Communications Commission (1934). 20 Federal Communications Commission (1996). 21 Vgl.: Mueller (1999).
12
demographischer Schlüsselwerte wie Arbeitsverhältnis, Einkommen oder Bildung enthielt der dreimal jährlich vom „Department of Commerce“ ermittelte Datensatz auch die Ausrüstung der Haushalte mit Telefonanschlüssen. 22 Das Aufmerksamkeit erregende Moment entstand durch die Einbindung von Fragen über PC-Besitz und Modemanschluss der Haushalte in den CPS und die Quertabulierung mit sozioökonomischen Kennwerten. Hierzu heißt es in der NTIA-Studie, man habe sich erst nach Erhebung der Studie im Oktober 1994 an das durchführende „Bureau of Census“ im Wirtschaftsministerium gewandt:
"Further, after the CPS was concluded, NTIA asked the Census to
cross-tabulate the information gathered according to several specific
variables (i.e., income, race, age, educational attainment, and region)
and three geographic categories - rural, urban, and central city." 23 "Falling Through the Net" fasste die Daten schließlich in 30 Statistiken, in denen die Wohnlage (rural, urban, central city) mit den relevant erscheinenden sozioökonomischen Parametern tabuliert wurde. 24 Die Darstellung ergänzte sich durch knappe methodische Hinweise und mehrere Seiten Interpretation einschließlich Hinweisen zur Umsetzung der gewonnenen Erkenntnisse in die politische Praxis. 25
Das entscheidende Ergebnis bildete die Korrelation von sozioökonomischen Parametern wie Einkommen, Bildung, ethnischer Zugehörigkeit oder Wohn-ort mit den zwei neuen „Computervariablen.“ Obwohl die Datenerhebung zeitlich in etwa parallel zu dem Erscheinen der Webbrowser „Mosaic“ und „Netscape“ verlief, erwähnte man das Wort „Internet“ in dem Bericht nur zweimal.
Trotz dieser Unterschätzung des aufkommenden Massenphänomens Internet wurde "Falling Through the Net" zu einem ständigen Bezugspunkt der entstehenden Digital Divide-Debatte. Das lag zum einen am Mangel an vergleichbaren Studien, zum anderen war mit „social stratification“ das entscheidende Stichwort für die Bewertung der Daten gefallen: Lexikalisch bewegt sich der Begriff synonym mit Schichtung, sozialer Sedimentierung oder 22 Vgl.: Bureau of Labour Statistics and Bureau of Census (1995-2002). 23 U.S. Department of Commerce (1995).
24 Eine vergleichende Darstellung der wichtigsten Kennwerte aller fünf "Falling Through the Net"-Studien ist in Abb.1, S.17 eingefügt.
25 Da die Stichprobenerhebung nicht von der NTIA durchgeführt wurde, blieb die Methodik in der Studie unterrepräsentiert und verwies auf den CPS zurück.
13
dem heute meist vermiedenen Klassenbegriff: „Social stratification is the division of society into strata based on social position or class.“ 26 Eine vereinfachende Darstellung dieses Zusammenhangs ist die binäre Codierung, wie sich sich etwa mit der "knowledge-gap" Hypothese aus den siebziger Jahren anbietet:
„As the infusion of mass media information into a social system increa-
ses, segments of the population with higher socioeconomic status tend
to acquire this information at a faster rate than the lower status seg-
ments, so that the gap in knowledge between these segments tend to
increase rather than decrease.” 27
Anders als in den späteren Studien richtete die NTIA in diesem ersten Report aber wenig konkrete Forderungen an die politische Praxis. Die Gefahr einer dauerhaften Spaltung der Gesellschaft scheint 1995 in der NTIA nicht prognostiziert worden zu sein. Eher vage spricht die Studie von einer "interim period", in der traditionelle öffentliche Bildungseinrichtungen wie Schulen und Bibliotheken den fehlenden Zugang für marginalisierte Bevölkerungsgruppen ermöglichen sollen.
2.1.2. „Digital Divide“ in der zweiten und dritten Regierungsstudie Gleich zweimal hatte die NTIA in den Jahren 1997 und 1998 ihre "Falling Through the Net"-Serie fortgesetzt, und dabei die methodische Grundkonzeption der ersten Studie in etwa beibehalten. Seit der Auseinandersetzung um die Daten von 1994 hatte sich der Eindruck verfestigt, man befinde sich in einem dynamischen technologischen Wandlungsprozess, der die Gesellschaft nach dem Muster der Wissenskluft-Hypothese zu spalten drohte. Diese theoretische Prämisse wechselte die Perspektiven: Anders als 1995 waren nun nicht mehr die "Have Nots" im Zentrum, sondern das gesamte gesellschaftliche Gefüge, wie bereits die Untertitel beider Studien hervorheben: "New Data on the Digital Divide" und "Defining the Digital Divide" deutlich.
In der Studie von 1998 identifizierte die NTIA zwei herausragende Trends: Zum einen war in allen sozialen Segmenten, die analog zum ersten Report gruppiert wurden, PC-Besitz und Online-Zugang gewachsen. Gleichzeitig
26 Oxford English Dictionary (1989).
27 Tichenor, Donohue und Olien (1970), S. 159-170.
14
schienen sich aber die verschobenen sozialen Verhältnisse, die man von den Daten der ersten Studie her identifiziert hatte, Bahn zu brechen: "In fact, the 'digital divide' between certain groups of Americans has increased between 1994 and 1997." 28
Der noch 1995 vernachlässigte Internet-Anschluss rückte als Gradmesser des Digital Divide in den Mittelpunkt der beobachteten Disparitäten, die sich auf Einkommen, ethnische Zugehörigkeit und den schulischen Bildungsgrad konzentrierten:
- "A high-income household in an urban area is more than twenty
times as likely as a rural, low-income household to have Internet ac-cess as a child in a comparable Black family, and four times as likely
to have access as children in a comparable Hispanic household.
- A child in a low-income White family is three times as likely to have
Internet access as a child in a comparable Black family, and four
times as likely to have access as children in a comparable Hispanic
household
- Those with a college degree are more than eight times as likely to
have a computer at home and nearly sixteen times as likely to have
home Internet access as those with an elementary-school educa-tion." 29
Auch die Interpretation der Daten vermittelt den Eindruck eines Problemfeldes, in das dringend gestaltend eingegriffen werden sollte. War noch im ersten Report die Förderung von Bibliotheken und Schulen mit PC-Ausrüstung als Möglichkeit angedeutet, steigerte sich die NTIA-Rhetorik bis 1999 zu engagierten Stellungnahmen: In den veränderten Rahmenbedingungen einer „digital economy“ müsse man sicherstellen, „that all Americans have the in-formation tools and skills that are critical to their participation.“ 30 Die Verfügbarkeit der neuen ICT für alle Bürger wurde in den Katalog der „universal services" eingegliedert, und so als ähnlich wichtig definiert wie der Anschluss ans Telefonnetz.
Damit war der Weg frei für Kampagnen zum staatlich geförderten Ausbau der ICT-Infrastruktur, die das innenpolitische Geschehen bis zum Ende der Clinton/Gore Administration prägten. Zum größten dieser Förderungsprogramme entwickelte sich seit dem „Telecommunications Act“ von 1996 „Erate", durch das ein jährlicher Fonds von 2,25 Milliarden Dollar aus Steuergeldern für die Computerausrüstung von Schulen, Büchereien und 28 U.S. Department of Commerce (1997). 29 Ebenda. 30 Daley (1999).
15
Community Access Center (CACs) zur Verfügung gestellt wurde. 31 Präsident Clinton und sein Vize Gore machten bis zum Ende ihrer Amtszeit ein ums andere Mal öffentlich deutlich, dass sie den Ausbau der digitalen Infrastruktur beinahe als Selbstläufer zu einer gerechten Gesellschaft verstanden:
„Imagine what it will be like when every single child in this country can
just stretch across a keyboard and pull up every book ever written. [...]
That's the future we're trying to build." (Bill Clinton) 32
2.1.3. „Towards Digital Inclusion“ und „A Nation Online“: Rückzug von der politischen Agenda
Schon ein Jahr nach den alarmierenden Befunden von „Defining the Digital Divide“ konstatierte die vierte Auflage der Studie eine Trendwende, die sich im vorerst letzten Report eindrucksvoll vertiefte. Zufrieden klang daher das Resumée des Wirtschaftsministers Donald E. Evans: „I am pleased that the data in this report shows that, overall, our Nation is moving toward full digital inclusion." 33
In fast allen Messkategorien hatte sich das Kluft-Phänomen einer „social stratification" zurückgebildet, während inzwischen 54 Prozent der Bevölkerung zu Internetnutzern geworden waren. Gerade jene Bevölkerungsgruppen, denen bislang der Zugang aufgrund ihres Einkommens, Alters, Wohnorts oder ethnischer Zugehörigkeit verwehrt schien, schlossen nun dynamisch zu den „early adopters“ auf. 34
An dieser Stelle begann auch der Abstieg des Digital Divide als Thema des öffentlichen Diskurses. Durch den ersten Report als „cables and boxes“-Phänomen etabliert und auf das Internet konzentriert, kam nun die Kluft statistisch zusehends abhanden. Zwar gelang es in der vorläufig letzten Studie von 2002 mit dem Breitbandanschluss ein Kriterium zu präsentieren, dessen Verteilung sich erneut sozial unterschiedlich gestaltet. Dennoch beurteilten die Verfasser die Verbreitungsgeschichte des Internet in den USA inzwischen als einen Erfolg: "Few technologies have spread as quickly, or be-
31The Universal Service Administrative Company (1999-2002).
32 Cable Network News (2000). 33 U.S. Department of Commerce (2000). 34 U.S. Department of Commerce (2002).
16
come so widely used, as computers and the Internet." 35 In dieser Problematisierungsebene zeigte sich Digital Divide als lösbares Problem. Die Gründe für die Verringerung der Zugangskluft liegen aber nicht zwangsläufig an den dargestellten Maßnahmen der Regierung. Von daher soll der Handlungsansatz, den die administrative Ebene zwischen Aufstieg und Fall des Digital Divide aus den Vorgaben der NTIA-Studien entwickelte, noch einmal insgesamt betrachtet werden.
35 U.S. Department of Commerce (2002).
17
2.1.4. „Have later“ statt „have not“?: Fünf Studien in sieben Jahren Internet
„The concept of an information gap is ill-defined from the start“ 36
(Benjamin M. Compaine)
Zwischen Wiederentdeckung der Wissenskluft und „A Nation Online“ lagen sieben Jahre, was sich als eine präzedenzlos kurze Zeit für die Diffusion eines Massenmediums in breite Teile der Bevölkerung ausnimmt. 37 Von den Bemerkungen, die über ICT der 90er Jahre gemacht wurden, erwies sich deshalb kaum eine so wahr wie die Feststellung, Technologie sei „a moving target.“ 38
Entrückt liest sich 2004 die Forderung nach „universal access to email“ aus dem Jahr 1995. Ohne Intervention des Staates, so heißt es in einem Artikel des einflussreichen „think tanks“ „RAND“, werde der Mehrheit der US-Bürger
36 Compaine (1988).
37 Vgl.: Abb.2, S.18. 38 Compaine (2001).
18
Arbeit zitieren:
Henning Onken, 2004, Digital Divide und Entwicklung - Das Beispiel Indien, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Zeitgenössische Ungleichheitsforschung - Soziale Schichtung und Mobili...
Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung
Hausarbeit (Hauptseminar), 32 Seiten
Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung
Hausarbeit (Hauptseminar), 19 Seiten
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Henning Onken hat den Text Digital Divide und Entwicklung - Das Beispiel Indien veröffentlicht
Henning Onken hat einen neuen Text hochgeladen
Digital Divide: Informations- und Kommunikationstechnologie in Entwick...
Voraussetzungen und Chancen
Alexander Dechent
Bridging the Digital Divide: Technology, Community and Public Policy
Lisa J. Servon, Servon
Gender and Computers: Understanding the Digital Divide
Joel Cooper, Kimberlee D. Weaver, Robertson Cooper
Information Technology Parks of the Asia Pacific: Lessons for the Regi...
Pekka Tarjanne, Richard D. Taylor, Meheroo Jussawalla
0 Kommentare