Einleitung
Nach den Napoleonischen Kriegen zu Beginn des 19. Jahrhunderts, erlebte Europa eine Zeit des relativen Friedens. Dieser Friede währte rund hundert Jahre, unterbrochen nur von kurzen Kriegen mit vergleichsweise wenig Todesopfern. Er fand 1914 ein jähes Ende, als der 1.Weltkrieg ausgelöst wurde. Dieser markierte mit seinen Schrecken und Massen an Todesopfern, so Ziemann (S. 411) eine historisch neue Dimension des Tötens. Diese Schrecken des 1.Weltkriegs wurden im 2.Weltkrieg noch übertroffen. Die Todesopfer, deren Großteil nun aus Nichtkombattanten bestand, vervielfachte sich im Vergleich zum 1. Weltkrieg. Ziemann untersucht in seiner Arbeit, wie es zu dieser menschenverachtenden Eskalation des Tötens im 2. Weltkrieg kommen konnte. Er fragt sich warum im 1. Weltkrieg das Töten nur in gewissen Beschränkungen eskalierte, wie diese Beschränkungen nach und nach aufgehoben wurden, so dass im 2. Weltkrieg das Töten eskalierte.
1. Die Etablierung des Massentodes
Als 1914 der Krieg ausbrach, wurden in Deutschland die Truppen problemlos mobilisiert. Die Kriegsbegeisterung war im Gegensatz zum heutigen Bild nicht hoch einzuschätzen. Das Bild der singend und gut gelaunt in den Krieg ziehenden Truppen war eine Schöpfung des Propagandaapparats des Deutschen Reich. Die Truppen waren aufgrund des Schliefenplans dazu gezwungen, schnellstmöglichst über Belgien nach Frankreich vorzudringen. Während des Vormarschs kam es in Belgien zu den ersten Gewaltexzessen an Zivilisten, als ca. 5500 Belgier, die unter dem Verdacht der Freischärlerei standen, in teils befohlenen, teils spontanen Massakern exekutiert wurden. Dies war eine erste Anhäufung des Sterbens während des ersten Weltkriegs. In Frankreich verrannten sich die Truppen schließlich in einen Stellungskrieg. Es entstand eine unbewegliche Front, die von keiner Kriegsseite mit ihren damaligen militärischen und taktischen Mitteln aufgebrochen werden konnte.
Es bildete sich der von Schützengräben durchzogen Todesstreifen, der Schauplatz der Kämpfe, welcher an manchen Stellen nicht mehr
als einige hundert Meter breit und war. Ziemanns erste zentrale These ist nun „dass die Gewalt in der Enge der Grabensysteme und des Niemandsland dazwischen zugleich entgrenzt und begrenzt wurde“ (S. 412). Die Anhäufung von Gewalt, Tod und Verwüstung ist also räumlich auf den Todesstreifen und die dort kämpfenden Truppen begrenzt.
Eine geplante räumliche Entgrenzung und Verschärfung der Gewalt durch die 1916 proklamierte totale Mobilisierung von Volk und Nation, also das Einbeziehen der gesamten Bevölkerung in das Kriegsgeschehen, und der Verabschiedung von der Auffassung, dass der Krieg begrenzt sei und nur einem instrumentellen Zweck diene, ließ sich allerdings während des ersten Weltkriegs nicht realisieren.
In ihrer Art ist die Gewalt allerdings entgrenzt, und das aufgrund der Einführung zum Teil neuer und moderner Waffen, wie z. B. Flammenwerfer, Giftgas, Maschinengewehre und Jagdflugzeuge, die während des 1. Weltkriegs zu ihren ersten Einsätzen kamen. Durch die neuen Waffen wurde die „ Gefechtsaktivität noch stärker von der Hand des Menschen in die Fähigkeit von Maschinen verlagert“ ( S. 414). Diese neuen Waffen erleichterten durch ihre hohe Reichweite und Feuerkraft den Kombattanten das Töten, indem das Töten anonymisiert wurde.
Ein Schütze, dessen Maschinengewehr eine hohe Reichweite besaß, brauchte dem Opfer nicht mehr ins Angesicht blicken bevor er es tötete. Und diese visuelle Verschleierung des Opfers half der Mehrheit der Soldaten bei der Rationalisierung und Bewältigung ihrer Handlungen (S. 414).
Aber das die Gewalt nicht völlig entgrenzte liegt nach Ziemann an folgenden Faktoren.
Während des Stellungskriegs folgte jeder Offensive eine Gegenoffensive und die offensichtliche und militärische Nutzlosigkeit der Materialschlachten mit ihren hohen Opferzahlen, welche von Ziemann jedoch relativiert wird, war auch den Kämpfenden bewusst. So richtete sich deren Aggression oftmals gegen die eigenen Offiziere, welche wiederum gelegentlich mit Offizieren der gegnerischen Partei Gefechte nach Absprache veranlassten. Die ritualisierte Gewalt war neben der Fahnenflucht und der Selbstverstümmelung eine Form des Ausdrucks der Ablehnung des Kriegs.
Die Unmotiviertheit der Soldaten entsprang aus zahlreichen sozialen Problemen der jeweiligen Armeen.
Aufschlussreich ist die Zusammensetzung der Armeen, aus welchen gesellschaftlichen Schichten und Klassen die Soldaten kamen. In der deutschen Armee herrschte der Standesdünkel, die Offiziersränge waren fast ausschließlich dem Adel vorbehalten, wodurch sich für die Kombattanten keine Aufstiegsmöglichkeiten ergaben. Außerdem gab es in der deutschen Armee keinerlei finanzielle Anreize. Wichtig ist auch die Tatsache, dass der Großteil der Armeen aus einfachen Bauern bestand. In der deutschen Armee waren es fast 50 Prozent, in der russischen weit mehr, nur in der englischen Armee-England, das am weitesten industrialisierte Land, war der Anteil gering. Diese Bauern teilten nicht die Ideale der Nationen für die sie kämpften. Die Bauern waren noch nicht in der Vorstellung einer industrialisierten Nation angekommen. In ihren Lebensentwürfen spielte die Nation keine übergeordnete Rolle, vielmehr waren die Bauern verhaftet an ihren Grundbesitz und ihr Land, sowie an ihre Arbeit auf den Feldern. Oftmals plagte die Bauern auf den Schlachtfeldern einfach das Heimweh. So kam es 1917 im Zuge der russischen Revolution zu Massenfahnenfluchten, da die Bauern bei der Landverteilung ihr Stück erhalten wollten. Die deutschen Arbeiter, stammend aus sozialistischen Milieus, folgten der Auffassung der SPD, die ein Ende des Kriegs ohne Eroberung forderte.
Diese mehrheitlich unmotivierten Soldaten empfanden sich paradoxerweise eher als Opfer, denn als Täter und empfanden keine Genugtuung an Brutalität und Verwüstung.(S. 417) Dies sind Gründe, welche die völlige Eskalation der Gewalt während des ersten Weltkriegs verhinderten, trotz der Etablierung massenhaften Tötens durch die Einführung, Produktion und Anwendung neuer Waffen und deren Folgen. Die Kriegshandlung griff zudem, mit Ausnahmen wie z. B. dem Massaker an den belgischen Zivilisten und ersten, kaum Schäden anrichtenden Luftbombardements der in frontnähe gelegenen Gebieten, nur indirekt auf die Zivilbevölkerung über, nämlich durch die Blockade von Nahrungs- und Futtermitteln und dem daraus resultierenden Hungertod.
Arbeit zitieren:
Swen Elgner, 2001, Die Eskalation des Tötens in zwei Weltkriegen nach Benjamin Ziemann, München, GRIN Verlag GmbH
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