Politische Bildung an der Schule 2
Gliederung
1 Einleitung
2 Politische Bildung in Deutschland
2.1 Begriffsbestimmung
2.1.1 Politik
2.1.2 Politikwissenschaft
2.1.3 Politische Bildung
2.1.4 Politischer Unterricht
2.2 Die Bedeutung und Legitimation politischer Bildung
2.3 Verfassungsrechtliche Legitmation
2.4 Die Aufgaben politischer Bildung
2.4.1 im Hinblick auf gesellschaftliche Veränderungsprozesse
2.4.2 im Hinblick auf demokratisches Lernen
3 Didaktische Konzepte politischer Bildung
3.1 Konzeptionen politischer Bildung ab 1945
3.1.1 Bildungspolitische Vorstellungen der Alliierten: Die Re-education nach
1945
3.1.2 Die Partnerschaftspädagogik: Ein Wendepunkt der politischen Erziehung
3.1.2.1 Bildungspolitische Situation
3.1.2.2 Didaktische Konzeption
3.1.2.3 Kritische Anmerkungen
3.1.3 „Das Konzept der „Grundlegenden Einsichten“ nach Kurt Gerhard
Fischer
3.1.3.1 Bildungspolitische Situation
3.1.3.2 Didaktische Konzeption
3.1.3.3 Kritische Anmerkungen
3.1.4 Die Konfliktdidaktik nach Hermann Giesecke
3.1.4.1 Bildungspolitische Situation
3.1.4.2 Didaktische Konzeption
3.1.4.3 Kritische Anmerkungen
3.1.5 Rationalität als Ziel politischer Bildung nach Sutor
Politische Bildung an der Schule 3
3.1.5.1 Bildungspolitische Situation
3.1.5.2 Didaktische Konzeption
3.1.5.3 Kritik und Würdigung
3.1.6 Kategoriales Lernen: Der existenzielle Bezug nach Hilligen
3.1.6.1 Übersicht über die Arbeit Hilligens bis in die 70er Jahre
3.1.6.2 Didaktische Konzeption
3.1.6.3 Kritik und Würdigung
3.1.7 „Demokratisierung“ und „Emanzipation“ als Leitbegriff politischer
Bildung nach Schmiederer
3.1.7.1 Bildungspolitische Situation
3.1.7.2 Didaktische Konzeption
3.1.7.3 Kritik und Würdigung
3.2 Nützlichkeit und Akzeptanz didaktischer Konzeptionen in der Praxis
4 Der Politikunterricht in der Praxis an Hauptschulen Bayerns
4.1 Organisatorische Rahmenbedingungen
4.2 Der Lehrplan für die Leitfächer der politischen Bildung
4.2.1 Der Aufbau und Inhalt des Lehrplans im Fach Sozialkunde
4.2.2 Der Aufbau und Inhalt des Lehrplans im Fach Geschichte
4.2.3 Der Aufbau und Inhalt des Lehrplans im Fach Erdkunde
4.3 Die Zielformulierung des Lehrplans
5 Das Theorie-Praxis-Verhältnis in der politischen Bildung
5.1 Der Theoriebegriff
5.2 Defizite im Theorie-Praxis-Verhältnis
5.3 Vorschläge zur Verbesserung des Verhältnisses von Theorie und Praxis nach
Hilligen
Politische Bildung an der Schule 4
1 Einleitung
Die im Jahre 2000 veröffentlichte 13. Shell Jugendstudie gibt als Ergebnis ihrer Untersuchung zum Bereich Jugend und Politik an: „Nicht die Jugend ist politikverdrossen, sondern sie erlebt im Gegenteil die Politik als jugendverdrossen…“ (Fischer, in: Deutsche Shell, 2000, S. 262). Bei ihrer qualitativen Exploration fanden die Untersuchenden einen Rückgang des politischen Interesses bei Jugendlichen im Alter von 15 bis 24 Jahren. So beantworteten die jungen Menschen die Frage nach politischem Interesse im Jahre 1991 57 mit ja, im Jahre 1999 nur noch 43 (vgl. Fischer, in: Deutsche Shell, 2000, S. 262). Diese Nachrichten erscheinen in einer Demokratie erschreckend , denn demokratische Staatsordnungen leben von der aktiven Beteiligung der Bürger. Oft wird die Wahlenthaltung oder die Abwendung von politischen und gesellschaftlichen Problemen damit erklärt, dass Jugendliche das komplexe politische Handeln nicht verstehen und sich deshalb mit diesen Fragen nicht mehr beschäftigen. Diese Erklärung wäre aber für dieses vielschichtige Problem viel zu primitiv. Es gilt zu überlegen, woher die Apathie gegenüber aktiver Teilnahme am demokratischen Leben und am gesellschaftlichen Engagement kommen.
Die Schule trägt als gesellschaftliche Institution zu einem erheblichen Teil an der politischen Bildung bei. Sie übernimmt eine bedeutende Funktion bei der politischen Sozialisation und formt die Schüler im Hinblick auf ihre späteren Vorstellungen, Einstellungen und Verhaltensweisen. Als Alltagstheoretiker könnte man hier die These vertreten, dass das sinkende Interesse an Politik mit einer steigenden Unfähigkeit der schulischen Vorbereitung auf ein späteres politisch engagiertes Leben zu tun hat. Besonders an Hauptschulen scheint der Politikunterricht die Schüler nicht zu erreichen und wird auch in Lehrplänen nur mäßig berücksichtigt, obwohl es in unserer schnelllebigen, komplexen Gesellschaft wichtig ist Schülern Hilfestellung und Orientierung zu geben.
Die folgende Arbeit beschäftigt sich deshalb eingehend mit didaktischen Konzeptionen, die in ihrer Zielsetzung junge Menschen zu mündigen Bürgern einer demokratischen Gesellschaftsordnung erziehen wollen. Aus diesen Konzeptionen ergeben sich für die Lehrkörper viele methodische Möglichkeiten, wie sie im praktischen Unterricht politische Bildung und demokratisches Lernen an den Schüler bringen können. Um unsere freie Gesellschaftsordnung zu erhalten, zu pflegen und sie weiterzuentwickeln benötigen wir mündige und kompetente Bürger, die Interesse an ihrer sozialen Lebenswelt zeigen, die für Gleichheit und Gerechtigkeit in den Kampf ziehen. Deshalb kann und muss die Schule als Institution und insbesondere jede einzelne Schule vor Ort dazu beitragen, die
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demokratische Entwicklung unseres Staates zu unterstützen, indem sie Schüler zu mündigen Bürgern erziehen.
Politische Bildung an der Schule 6
2 Politische Bildung in Deutschland
2.1 Begriffsbestimmung
Zu Beginn dieser Arbeit sollen einige Begriffe voneinander abgegrenzt und so genau wie möglich bestimmt werden, um eine gemeinsame Grundlage für den weiteren Verlauf der Diskussion zu schaffen.
2.1.1 Politik
Der Gegenstand von Politik kann schwer bestimmt werden, da es sich um einen sehr vielschichtigen Begriff handelt. Das deutsche Wort Politik ist etymologisch betrachtet eine Anlehnung an das griechische Wort „tà politikà“, was die Wissenschaft der bürgerlichen Angelegenheiten war (vgl. Holtmann, 1994, S.460). Im Allgemeinen umfasst Politik „…die Gesamtheit der Verfahren und Handlungen von einzelnen, Institutionen und Organisationen, die öffentl. Belange durch Entscheidungen regeln“ (Brockhaus, 1992, S. 300). Politik bezieht sich also auf den öffentlichen, staatlichen Sektor und ist ein „Prozess- und Steuerungselement nahezu aller Bereiche der Gesellschaft“ (Holtmann, 1994, S.460). Politikwissenschaftlich wird in Anlehnung an die englische Dreigliederung des Begriffs zwischen Form (polity), Prozess (politics) und Inhalt (policy) unterschieden. Die Dimensionen des Politikbegriffes sind am deutlichsten bei Gagel dargestellt: Abb . 1: Dimensionen des Politikbegriffes:
Politische Bildung an der Schule 7
Seit der Antike wird der Politikbegriff immer wieder anders besetzt. Aristoteles sieht in der Politik die Aufgabe eine gute politische und gesellschaftliche Ordnung herzustellen. In der Neuzeit, vor allem im Verständnis von Machiavelli, zeichnet politisches Handeln die kluge Ausübung von Herrschaft und der intelligenten Konzeption der Mittel zum Zweck des Machterwerbs und -erhalts. Politik kommt also hier weniger der Gemeinschaft als dem politischen Akteur zu. Sternberger sieht allerdings Politik als „…Vorgang der Veränderung und als diejenige Art von Tätigkeit, die diesen Vorgang auslöst, fördert und antreibt“ (Brockhaus, 1992, S. 301). Das allgemeine Verständnis von Politik ist kulturell sehr unterschiedlich; in Deutschland wird Politik meist mit Staat, Sachorientierung und Allokation und Verteilung von Gütern in Verbindung gebracht (vgl. Brockhaus, 1992, S. 301). Politik erscheint darüber hinaus in verschiedenen institutionellen Formen. Schon Aristoteles differenzierte nach verschiedene politischen Ordnungen, er unterschied im positiven Sinn zwischen Demokratie, Aristokratie und Monarchie, im negativen zwischen Tyrannis, Oligarchie Ochlokratie (vgl. Brockhaus, 1992, S. 301f).
2.1.2 Politikwissenschaft
Politikwissenschaft ist die nach dem zweiten Weltkrieg entstandene Wissenschaft und Universitätsdisziplin. Im Zuge des Wiederaufbaus und der Neukonstituierung Deutschlands waren zwei Gründe für die Einführung der Politikwissenschaft von Bedeutung:
- wissenschaftsgeschichtlich sollte die deutsche Tradition der Politik als Wissenschaft wieder erneuert werden, da sich diese im 19. Jahrhundert in verschiedene Staatswissenschaften aufgespalten und bis dato nicht wieder hergestellt wurde, - pädagogisch sollte sie bei der Herstellung der neuen demokratischen Ordnung behilflich sein ((Holtmann, 1994, S.465).
Ihr Untersuchungsgegenstand ist vor allem, die Geschichte der politischen Ideen und Politiktheorien, die internationalen Beziehungen und Verflechtungen der Staaten und die Struktur und Dynamik der politischen Systeme (vgl. Brockhaus, 1992, S.301f).
2.1.3 Politische Bildung
Im Gegensatz zu Erziehung, die als vorsätzliche Einwirkung zur Veränderung oder Konservierung des Verhaltens eines Zögling verstanden wird, wird Bildung als Anregung
Politische Bildung an der Schule 8
für die Entfaltung menschlicher Potentiale gesehen. Politische Bildung „…bedeutet, daß im Bildungsprozess Menschen in Beziehung zum Politischen gestellt werden“ (Holtmann, 1994, S. 470f). Im engeren Sinne ist politische Bildung als Teil der politischen Sozialisation zu verstehen, bei der Menschen lernen sich im institutionellem Rahmen aktiv an politischen Prozessen zu beteiligen und Verständnis für die politische Ordnung in einer demokratischen Gesellschaft zu entwickeln (vgl. Brockhaus, 1992, S. 302). Es lassen sich betreffs der Funktion der politischen Bildung zwei Betrachtungsweisen unterscheiden. Wird sie von der Perspektive des politischen Systems aus betrachtet soll sie politische Herrschaft legitimieren; von der einzelnen Person aus gesehen ist politische Bildung eine Chance sich in der Gesellschaft zu partizipieren und seine Interessen wahrzunehmen und zu vertreten (vgl. Holtmann, 1994, S. 471).
Alles in allem lässt sich aber sagen, dass aufgrund der verschiedenen wissenschaftlichen Ausrichtungen oder dem unterschiedlichem Verständnis von Demokratie und Staatsführung politische Bildung nicht in einer kurzen Definition abgehandelt werden kann. Mickel gibt eine sehr weitgefasste Definition, die hier als allgemeine Grundlage gelten soll:
Politische Bildung ist „der Sammelbegriff für ein schulisches oder außerschulisches, institutionalisiertes oder freies, intentionales oder funktionales, aktives oder passives, verbales oder non-verbales, interaktionales Einwirken auf den (Mit-)Menschen, um politisches Verhalten, Handlungsbereitschaft und -kompetenz, demokratische Spielregeln und Grundwerte, Problembewusstsein und Urteilsfähigkeit usw. zu vermitteln“ (Mickel, in: Nohlen, 1991, S. 507).
2.1.4 Politischer Unterricht
Aufgrund der terminologischen Schwierigkeiten, die sich schon beim Begriff des Politischen ergeben, tauchen auch bei der Bezeichnung des politischen Unterrichts Differenzen auf. Je nach Bundesland wurde dieser im Unterrichtsplan mit verschiedenen Begriffen besetzt, zum Beispiel Sozialkunde, Gemeinschaftskunde, politische Bildung oder Politik (siehe Anlage 4). Da die Strukturen in der modernen Gesellschaft äußerst kompliziert geworden sind, benötigen junge Menschen Unterricht zur politischen und sozialen Orientierung. „Dabei ist nicht an ein bloßes Durchschauen der Mechanismen demokratischer Herrschaftsausübung gedacht, an eine Funktionalismus also, sondern an das Verstehen von Phänomenen der politischen Soziologie, Anthropologie und Ethik“
Politische Bildung an der Schule 9
(Mickel, 1967, S. 41). Außerdem muss politischer Unterricht eine adäquate Institutionenlehre und Übungen zur Diskussions- und Abstimmungstechnik als Prozedur demokratischer Willensbildung beinhalten. Die Vermittlung von politischem Urteilen und Handeln durch politisches Denken muss ebenfalls ein bedeutendes Kriterium im Politikunterricht sein (vgl. Mickel, 1967, S. 41f)
2.2 Die Bedeutung und Legitimation politischer Bildung
Der Grundgedanke der Menschenbildung ist der Mensch selbst, es geht in jeder Pädagogik um den Menschen, selbst politische Bildung ist immer Menschenbildung (vgl. Fischer, 1973, S. 28f). Auch in einer demokratischen Staatsordnung wie der Bundesrepublik Deutschland sind ist immer ein latentes Gefahrenpotential vorhanden. Die menschlichen Tugenden und Kompetenzen, die bei Krisen- und Konfliktzeiten das Humane ausmachen, sind nicht tranzendental gegeben, sondern müssen erlernt werden. „Je aufgeklärter eine Gesellschaft und je mehr demokratische Prinzipien in Alltag und Politik möglich sind, desto stabiler ist die demokratische Verfasstheit, die Bereitschaft für Demokratie einzustehen und zum Engagement…“ (Hafeneger, 2001, S. 12). Im Gesamtkonzept für die politische Bildung an bayerischen Schulen aus dem Jahre 1991 findet sich eine ähnliche Begründung auf die Frage, warum überhaupt Politikunterricht zu geben sei. So heißt es dort:
„Keine andere politische Ordnungsform achtet und schützt die Würde und den Wert des einzelnen Menschen in gleichem Maße wie die Demokratie. Sie bedarf allerdings auch wie keine andere der Mitwirkung und Beteiligung aller Bürger. Es muß deshalb oberstes Ziel der politischen Bildung und wesentliches Anliegen der Bildungspolitik sein, die heranwachsenden Staatsbürger mit den Grundlagen unseres freiheitlichen demokratischen Rechtsstaates vertraut zu machen, um auf diese Weise ihre Fähigkeit und Bereitschaft zu verantwortungsbewußtem gesellschaftlich-politischen Handeln zu fördern“ (http://www.lehrplaene.org/bayern/ba_pb_gesamt, 1991, S. 1054). Auch Reinhard stellt die Frage, ob also Demokratie politische Bildung braucht und legitimiert diese damit, dass erstens nicht jede Gesellschaft unbedingt demokratisch ist und sich eine demokratische Staatsform nicht allein durch ihre Institutionen erhält. In keiner anderen gesellschaftlichen Ordnung ist „…die wechselseitige Abhängigkeit der Individuen so zwingend wie im politischen System der Demokratie“ (Reinhard, 1996, S. 9).Um die Vorstellung von Gleichheit und Gerechtigkeit verwirklichen zu können, müssen die Einzelinteressen neben
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die der Gemeinschaft treten und erkannt werden, dass die soziale Lebenswelt und das politische System einer Gesellschaft miteinander verbunden sind. Die Aufgabe der politische Bildung ist es nun, diesen Zusammenhang zu vermitteln und die Aktivität der Bürger zur Mitgestaltung der Pole zu fördern; es geht um die Entwicklung der sogenannten Bürgertugenden (vgl. Reinhard, 1996, S. 10). „Ohne politischen Unterricht muss bürgergesellschaftliches Engagement blind bleiben und ohne Mitwirkung in der Bürgergesellschaft bleibt politische Bildung blutleer“ (Schiele, 2002, S. VIII)
2.3 Verfassungsrechtliche Legitmation
Im Artikel 131 der Bayerischen Verfassung vom 2. Dezember 1946 finden sich folgende Artikel zur Legitimation der Bildung: „
(1) Die Schulen sollen nicht nur Wissen und Können vermitteln, sondern auch Herz und Charakter bilden.
(2) Oberste Bildungsziele sind Erfurcht vor Gott, Achtung vor religiöser Überzeugung und vor der Würde des Menschen, Selbstbeherrschung, Verantwortungsgefühl und Verantwortungsfreudigkeit, Hilfsbereitschaft und Aufgeschossenheit für alles Wahre, Gute und Schöne und Verantwortungsbewusstsein für Natur und Umwelt (3) Sie Schüler sind im Geiste der Demokratie, in der Liebe zur bayerischen Heimat und zum deutschen Volk und im Sinne der Völkerversöhnung zu erziehen“ (Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, 1969, S. 44). Vor allem im Artikel 2 und 3 der Verfassung wird auf eine Fülle von Bildungszielen hingewiesen, die eine positive Einstellung zur Demokratie sicherstellen könnten. In den Lehrplänen der Hauptschule lassen sich ähnliche Bildungsziele finden, was darauf schließen lässt, dass der Politikunterricht diesen Teil der Bildungsarbeit übernehmen soll (siehe Gliederungspunkt 4.2).
2.4 Die Aufgaben politischer Bildung
2.4.1 im Hinblick auf gesellschaftliche Veränderungsprozesse
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts sieht sich die politische Bildung mit einem gesellschaftlichen Umbruch konfrontiert, der sie zur gründlichen Reflexion ihrer Aufgaben und zu einer Neudefinition ihres Selbstverständnisses zwingt. Eckstein stellt die
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Frage, ob sich diese gesellschaftlichen Veränderungen überhaupt fassen lassen. „Wenn man von den aktuellen gesellschaftlichen Veränderungen spricht, denkt man an eine Reihe von populären Etikettierungen, die für die moderne bzw. post-moderne Gesellschaft verwendet werden: Risikogesellschaft - Wissensgesellschaft -Arbeitsgesellschaft -Informationsgesellschaft …“ (Eckstein, 2002, S. 1) Eckstein verweist hier auf Schäffter, der voraussetzt, dass die Binnenbeobachtung unserer Gesellschaft eigentlich nicht möglich ist und die Gesellschaft an und für sich nicht bestimmt werden kann (vgl. Eckstein, 2002, S.2). Aber es lassen sich nach Eckstein einige Grundprozesse, die in unserer modernen Welt stattfinden: - Individualisierung:
Das Individuum ist nicht mehr so stark an sein Herkunftsmilieu gebunden und hat somit mehr Möglichkeiten sein Leben zu gestalten. Auf den anderen Seite muss man nun Entscheidungen für sein Leben selbst treffen und Eigenverantwortung übernehmen.
- Rationalisierung und Bürokratisierung:
Das Bedürfnis nach Wärme und Geborgenheit wird immer mehr in den Privatbereich zurückgedrängt, da mit der zunehmenden Institutionalisierung unserer Gesellschaft eine reine Zweckorientierung einhergeht. - Mediatisierung:
Die Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnologien verändern die Kommunikation der Menschen. Die elektronische Unterhaltung kann soziale Beziehungen gefährden und die persönliche Komponente in der Kommunikation zurückdrängen.
- Internationalisierung von Lebensverhältnissen:
Im Zuge der europäischen Union vermengen sich die Lebensbereiche verschiedene Kulturen in Deutschland immer stärker. Auch unter dem Stichwort der Globalisierung wird häufig die Entwicklung einer multikulturellen Gesellschaft diskutiert. - Funktionale Differenzierung:
Funktionale Differenzierung meint auf der einen Seite die Spezialisierung und Leistungssteigerung in bestimmten gesellschaftlichen Teilsystemen und andererseits die Abgrenzung und Verselbstständigung gegenüber anderen Teilsystemen. Daraus folgt, dass bestimmte Individuen ausgeschlossen werden, wenn sie nicht ihre Handlungsfähigkeit durch laufende Anpassung ihrer Qualifikation sichern (vgl. Eckstein, 2002, S.3-5).
Politische Bildung an der Schule 12
Damit die Menschen den Herausforderungen der heutigen Gesellschaft gewachsen sind, müssen sie eine adäquate politische Bildung erfahren, die wie das Bildungswesen insgesamt vor Notwendigkeit der Modernisierung steht. In der Quintessenz geht es bei der politischen Bildung dabei um eine Professionalisierung ihres Selbstverständnisses und ihrer Praxis: „ Politische Bildung sollte sich als Profession verstehen, die ihre Aufgaben nach fachlich orientierten Gesichtspunkten diskutiert, in der pädagogischen Praxis bewältigt und ihre Leistungen durch Forschung und Evaluation selbst überprüft“
(http://www.bpb.de/publikationen/JMFXCF,1,0,Politische_Bildung_nach_der_Jahrtausendwe nde.html, 2002, S. 5). Jedoch wird die politische Bildung erst dann zur Profession, wenn die ihre fachliche Identität und ihre Praxis nach transparenten und weitgehend unabhängigen Kriterien entwickelt. Professionen besitzen eine hohes Maß an Autonomie gegenüber staatlichen und gesellschaftlichen Vorgaben; sie dienen nicht der Legitimation von Herrschafts- und Machtverhältnissen (vgl.
http://www.bpb.de/publikationen/JMFXCF,1,0,Politische_Bildung_nach_der_Jahrtausendwe nde.html, 2002, S. 5ff)
2.4.2 im Hinblick auf demokratisches Lernen
Himmelmann zitiert in seinem Aufsatz über die Aufgabe die politischen Bildung verschiedene Leitsätze, die die Notwendigkeit des demokratischen Lernens aufgreifen: „Der mündige Bürger fällt nicht vom Himmel“ (Theodor Eschenburg), „Noch nie war Demokratie ein Selbstläufer“ (Siegfried Schiele), „Niemand wird als Demokrat geboren“ (Michael Greven) oder „Demokratie ergibt sich nicht naturwüchsig“ (Jürgen Habermas). Diese Ansicht teilt auch Henkenborg der postuliert: „Im Politikunterricht sollen Kinder- und Jugendliche Demokratie-Lernen. Politische Bildung soll eine Schule der Demokratie sein und als Schulprinzip sowie als eigenständiges Schulprinzip, als Unterrichtsprinzip sowie als eigenständiges Schulfach zur Einbürgerung der Demokratie beitragen“ (http://www.sowi-onlinejournal.de/2001-1/henkenborg.htm#Aufgabe). Dabei ist es außerdem von großer Bedeutung, dass Schüler Bürgerqualifikationen, Selbstvertrauen und ein vielschichtige Interessensgebiete ausbilden können und sich selbst als „Subjekte der Demokratie“ (http://www.sowi-onlinejournal.de/2001-1/henkenborg.htm#Aufgabe) begreifen. Henkenborg beschreibt bestimmte Schlüsselqualifikationen, die Schüler zum friedlichen Zusammenleben lernen sollen, in einer Lernmatrix:
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Abb 2: Demokratie-Lernen und Schlüsselqualifikationen: Lernmatrix für die politische Bildung:
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(vgl. http://www.sowi-onlinejournal.de/2001-1/henkenborg.htm#Aufgabe)
Der Grundgedanke der Matrix lässt sich folgendermaßen beschreiben: Politische Mündigkeit als eine kognitive, pragmatische und affektiv-habituelle Struktur besteht aus acht Schlüsselqualifikationen. Auf der Ebene des Unterrichts liegt die Aufgabe dieser Schlüsselqualifikationen in der Formulierung von Lernzielen für die Lehrenden.
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Marco Häusler, 2004, Politische Bildung an der Schule, München, GRIN Verlag GmbH
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