Allerdings wehrt sich Rilke selbst in zahlreichen Briefen an Zeitgenossen mit einer bei ihm gänzlich „ungewohnten Heftigkeit“ 4 dagegen, von der `erfundenen´ Figur Malte auf ihn selbst schließen zu können, dass es laut Günther Herbert verräterisch erscheint 5 . Aufgrund dieses Abstreitens eines autobiographischen Zusammenhangs von Autor und Protagonist möchte ich hier nicht näher auf dieses Thema eingehen. Genauso wie Rilke mit einer ganz bestimmten Intention die Metropole Paris als Ort der Aufzeichnungen gewählt hat, hat er auch die Form des Tagebuchromans gewählt; dort kann er nämlich Tatsachen der äußeren Welt unterschlagen, die für seinen Protagonisten nicht relevant sind, andere aber betonen, die vielleicht im allgemeinen Zusammenhang oder aus der Sicht einer anderen Person nicht so wichtig wären, um somit einen subjektiven Eindruck der Großstadt und der Probleme, die daraus resultieren, zu vermitteln. Außerdem kann er dadurch besser das Innenleben Maltes darstellen, wodurch die Aufzeichnungen persönlicher wirken und den Leser unmittelbarer an dem teilnehmen lassen, was Malte äußerlich und innerlich erlebt und bewegt.
Im Folgenden werde ich versuchen, die verschiedenen Bilder von Paris, die der Leser durch Maltes Augen erlebt, darzustellen und deren Bedeutung für den Protagonisten herauszufiltern. Somit möchte ich die Auswirkungen des Großstadtlebens auf Malte, den letzten Nachkommen eines aussterbenden Adelsgeschlecht, der in die Metropole Paris zieht um dort als Dichter zu arbeiten, analysieren. Dies wird mit einer Betonung auf den Veränderungen geschehen, die die Eindrücke der Großstadt in Malte bewirken. Ob Paris für diese Veränderungen, nur ein Katalysator ist oder ob sie sowieso, auch ohne den Aufenthalt dort stattgefunden hätten, werde ich genauso besprechen wie die Frage, ob Malte die auf den ersten Blick abscheulichen Eindrücke von Paris ins Positive umwandeln kann, um einen Nutzen für seine dichterischen Aktivitäten herauszufiltern, ob er also auch ein anderes Paris als das der schrecklichen ersten Eindrücke entdeckt. Außerdem werde ich anhand der Gegenüberstellung von Maltes Kindheit und
4 Herbert, Günther. Deutsche Dichter erleben Paris. Verlag Günther Neske: Pfullingen, 1979. 111.
5 Herbert, Günther. Deutsche Dichter erleben Paris. Verlag Günther Neske: Pfullingen, 1979. 111.
3
seiner Pariser Zeit die Bedeutung der Vergangenheit für die Gegenwart in Paris analysieren.
Die Stadt Paris und Maltes erste Eindrücke nach seiner Ankunft dort werden besonders deutlich zu Beginn der Aufzeichnungen dargestellt. Trotz der Tatsache, dass Paris zu der Zeit des Verfassens eine der fortschrittlichsten, elegantesten und modernsten Großstädte war, sind besonders diese ersten Eindrücke des Protagonisten von Leitmotiven wie Krankheit, Armut, Einsamkeit und Tod geprägt. Das wegen eines Ausschlages entstellte Kind, der unangenehme Geruch der Gasse und die vielen fremden Gesichter sind nur einige dieser Eindrücke (Seite 9). Die Wirklichkeit der pulsierenden Metropole, die für den Protagonisten fast überall ihre abscheuliche und entsetzliche Seite hinterlässt, überwältigt ihn dermaßen, dass er an einen Punkt gelangt, an dem er Schwierigkeiten hat, mit diesen Eindrücken umzugehen. Schon der allererste und viel zitierte Satz „So, also hierher kommen die Leute, um zu leben, ich würde eher meinen, es stürbe sich hier.“ (S. 9) bestimmt die finstere Grundstimmung des Romans, die sich wie ein roter Faden durch die ersten Seiten der Aufzeichnungen zieht. Dabei ist, wenn man sich mit französischen Ortsangaben nicht auskennt, keineswegs von Anfang an klar, dass es sich bei ‚hier’ um Paris handelt, die Stadt an sich wird nämlich erst Seiten später namentlich erwähnt. Dies lässt darauf schließen, dass die ersten Erfahrungen Maltes zu Beginn der Aufzeichnungen primär nicht von der bestimmten Stadt Paris ausgehen, sondern von dem Eindruck der modernen Metropole an sich, was durch die Aussage „Alle Städte riechen im Sommer“ (S. 9) unterstützt wird. Ein großes Thema der Aufzeichnungen ist das Sehenlernen, und damit die Erneuerung und Erweiterung der Ich-Grenzen nach Innen und nach Außen, die von Malte zuerst angestrebt und dann nach eigenem Ermessen auch durchlebt wird. Diese Entwicklung ist durch den Schrecken, die soziale Deklassierung und die Fülle der Reize, die von der Großstadt ausgehen und von Malte mit allen Sinnen aufgenommen werden, ausgelöst. Auf den ersten Seiten wird dieses intensive Aufnehmen von Eindrücken mit allen Sinnen besonders deutlich dargestellt. Nicht nur, dass er angibt in Paris sehen zu lernen, er riecht zum Beispiel auch die Angst, die von der Stadt
4
ausgeht (S. 9). Die Angst, eins zu werden mit dem Leid der hetzenden einsamen Menschen; die Angst, mehr zu fühlen, als er ertragen kann. Rilke formuliert selbst in einem Gespräch über die Aufzeichnungen: „‚Die Dinge’ (…) ‚dringen durch alle Sinne in ihn [Malte] ein: zunächst das Auge, dann das
6 Ohr, er lernt bloß, sich ihrer zu bedienen. Er lernt sehen, er lernt hören (…)’“ .
Das intensive Erleben dieser Dinge weist darauf hin, dass Malte ein sehr sensibler Mensch ist, der unvorbereitet und schutzlos den Eindrücken der modernen Metropole ausgeliefert ist. Ellen Key bezeichnet ihn wegen dieser Sensibilität als einen „durch Überempfindlichkeit krank gewordenen Menschen“ 7 . Das bedeutet, dass ein anderer, weniger sensibler Mensch, der die selben Erlebnisse in Paris erfahren hätte, diese komplett anders aufnehmen und eine grundsätzlich andere Reaktion darauf zeigen würde. Es benötigt folglich einen so sensiblen Menschen wie ihn, um die Erfahrungen der modernen Metropole auf diese Weise zu verarbeiten. Malte zeichnet sich also gerade durch seine außergewöhnliche Sensibilität als besonders und einzigartig aus und ist somit anders als der Rest der stereotypen Menscheit. Diese Einzigartigkeit ist der Grund, warum er hier in Paris keinen einzigen Verbündeten hat, mit dem er seine Sorgen und sein Leid teilen könnte. Auch in seiner Kindheit ist dieses Problem schon zu beobachten, denn selbst mit Erik, dem gleichaltrigen Sohn seiner Cousine, auf den er in Ulsgaard trifft, war es ihm nicht vergönnt ein richtig freundschaftliches Verhältnis aufbauen. In der Großstadt würden sich ihm viele Möglichkeiten des Kontakts zu anderen Menschen bieten, einfach weil es mehr Menschen gibt, die Kontakt suchen, und er verspürt auch die Sehnsucht nach einer Freundin: „Man müsste schon eine Freundin haben.“ (S. 126), doch er geht auf keine dieser Möglichkeiten ein.
Da Malte schon immer einsam war und da sich das in der Pariser Gegenwart noch verschlimmert hat, diagnostiziert Ellen Key bei Malte „eine unheilbare Einsamkeit der Seele“ 8 . Einerseits leidet Malte trotz der vielen Menschen
6 Betz, Maurice. „Über die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“. In: Materialien zu Rainer
Maria Rilke „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“. Hg.: Hartmut Engelhardt. Suhrkamp
Taschenbuch Verlag: Frankfurt am Main, 1974. 160.
7 Key, Ellen. „Ein Gottsucher“. In: Materialien zu Rainer Maria Rilke „Die Aufzeichnungen des Malte
Laurids Brigge“. Hg.: Hartmut Engelhardt. Suhrkamp Taschenbuch Verlag: Frankfurt am Main, 1974.
149.
8 Key, Ellen. „Ein Gottsucher“. In: Materialien zu Rainer Maria Rilke „Die Aufzeichnungen des Malte
Laurids Brigge“. Hg.: Hartmut Engelhardt. Suhrkamp Taschenbuch Verlag: Frankfurt am Main, 1974.
148.
5
unter dieser Einsamkeit, andererseits aber auch wegen der vielen Menschen. Er erträgt ihre Nähe nicht und will nicht teilnehmen am Leben einer Massengesellschaft, weil er weiß, dass er wegen seiner Einzigartigkeit nicht in diese Masse hinein passt. D adurch fühlt er sich in eine Ohnmacht versetzt 9 , die ihm die Aufnahme von menschlichen Kontakten noch mehr erschwert.
Diese aus dem Umfeld der Großstadt resultierende Anonymität, unter der er sehr leidet, verleitet ihn zu existentiellen Zweifeln und gestaltet sein Leben und sein Leiden noch komplizierter.
Maltes Schilderung der Theorie der verschiedenen Gesichter eines Menschen (S. 11f) unterstützt sein Bild des Einzigartigen, Besonderen, aber auch des Ausgesetzten. Diese Theorie besagt, dass ein Mensch e ine bestimmte Anzahl an Gesichtern oder Masken für sein Leben zur Verfügung gestellt bekommt. Viele nutzen diese Gesichter aber zu schnell ab, so dass keine neuen Masken mehr übrig sind und das ‚Nichtgesicht’ zum Vorschein tritt. Menschen nehmen durch das ständige Wechseln der Masken eine andere Identität an, wodurch viele ganz vergessen, wer sie wirklich sind. Diese Theorie zeigt das Maß der Entfremdung, das in der modernen Metropole vorherrscht, und unter dem auch Malte zu leiden hat. Als er sich als Kind selbst einmal verkleidet hat, indem er eine Maske aufgesetzte, schreckt er vor sich selbst aus lauter Entsetzen zurück und verliert die Kontrolle (S. 104).
Seine Einzigartigkeit zeichnet also zum einen dadurch aus, dass er um diese Theorie weiß, zum anderen aber auch dadurch, dass er sich nicht hinter solchen Masken versteckt, sondern sein wahres Gesicht zeigen möchte. Neben gerade Genanntem schildert die Theorie der Masken auch ein entscheidendes Problem der Aufzeichnungen: die Gefahr, sein wahres Ich zu verlieren. Malte sträubt sich dagegen, mit dem Strom zu schwimmen und dieses wahre Ich aufzugeben oder zu verändern, und kritisiert deshalb die Maskenhaftigkeit der Menschen. Dies bestätigt auch Dieter Schiller: „Rilke lässt ihn die ‚normale’ Sicht auf die Zusammenhänge der Stadtwelt, in der die Maskenhaftigkeit, das vorgeprägte Leben und der fabrikmäßige Tod widerstandslos
9 Schiller, Dieter. „Rainer Maria Rilke: ‚Die Aufzeichnungen des malte Laurids Brigge’: Der Einsame
und seine Welt“. In: Rilke-Studien. Zu Werk und Wirkungsgeschichte. Redaktion: Edda Bauer.
Aufbau-Verlag: Berlin und Weimar, 1976. 139.
6
Arbeit zitieren:
Christine Merklein, 2004, Beobachtungen der modernen Metropole in Rainer Maria Rilkes "Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge", München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Zeitgenössische Kritik an der Neuen Sachlichkeit
Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen
Seminararbeit, 20 Seiten
Die Frage nach der Schuld in Alfred Döblins "Berlin Alexanderplat...
Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen
Seminararbeit, 17 Seiten
Kunstgeschichte und Nation - Julius Langbehn: Rembrandt als Erzieher -...
Kunst - Allgemeines, Kunsttheorie
Hausarbeit (Hauptseminar), 22 Seiten
Der Ausbruch aus der klassischen Struktur des Kriminalromans in Friedr...
Hausarbeit, 21 Seiten
Eine Analyse des Franz Biberko...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 26 Seiten
Kunst und Kulturindustrie bei Theodor W. Adorno - Adornos schicksalhaf...
Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts / Gegenwart
Hausarbeit (Hauptseminar), 32 Seiten
EREC - Analyse arthurischer Erzählschlüsse: Vergleich der Romanschlüs...
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Seminararbeit, 17 Seiten
Zur Schuldfrage Gretchens in Goethes Faust I
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 20 Seiten
Sibylle Bergs Sex II - Zwischen Splatter-Roman und Popliteratur?
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 16 Seiten
Arno Schmidts "Leviathan" - Mythologie und Weltanschauung
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 17 Seiten
Die Großstadt als Wahrnehmungsherausforderung in Alfred Döblins Berlin...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 30 Seiten
Geschichte Europa - and. Länder - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung
Hausarbeit, 14 Seiten
Die Darstellung des Krieges und seiner Folgen in Hans Erich Nossacks D...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 14 Seiten
Die Neuwerdung Franz Biberkopfs in dem Roman 'Berlin Alexanderplat...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 26 Seiten
Ganztagsschule - ein Beitrag zur Bewältigung sozialer Ungleichheit?!
Pädagogik - Schulwesen, Bildungs- u. Schulpolitik
Vordiplomarbeit, 30 Seiten
Christine Merklein hat den Text Beobachtungen der modernen Metropole in Rainer Maria Rilkes "Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge" veröffentlicht
Christine Merklein hat einen neuen Text hochgeladen
Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge
Text und Kommentar
Rainer Maria Rilke, Hansgeorg Schmidt-Bergmann
Rainer Maria Rilke and Lou Andreas-Salome: The Correspondence
Rainer Maria Rilke, Lou Andreas-Salome, Edward Snow
The Beginning of Terror: A Psychological Study of Rainer Maria Rilke's...
David Kleinbard, Julie Manga
The Beginning of Terror: A Psychological Study of Rainer Maria Rilke's...
David Kleinbard, Jennifer Manlowe
0 Kommentare