Schlüsselwörter: Koautorschaft - Wissenschaftsnetzwerke - Strukturentwicklung - Selbstorganisation - Internet
Die Entwicklung von Koautorschaften verlief in drei Phasen, wobei die Anzahl der Wissenschaftskooperationen in den vergangenen zwei Jahrhunderten exponentiell anstieg. Vor allem die kleine Gruppe der „Vielpublizierenden“, die wissenschaftliche „Elite“, veröffentlicht bezogen auf die Größe ihrer Gruppe überdurchschnittlich viel. Es lässt sich empirisch nachweisen, dass Autoren mit ähnlichen Publikationszahlen verstärkt zusammen publizieren („Gleiches gesellt sich zu Gleichem“). Dieser Effekt tritt besonders stark bei Autoren mit besonders hohen oder besonders niedrigen Publikationszahlen auf (Eckeneffekt der Homophilie). Diese Regel gilt auch für Koautorschaften über längere Distanzen („invisible college“), vor allem moderne Kommunikationsmöglichkeiten beflügeln diese long-distance Netzwerke. Die fortschreitende Digitalisierung verändert die Struktur und beflügelt das Wachstum von Koautorschaften. Möglicherweise steht der Beginn einer neu- en Phase in der Entwicklung von Koautorschaften bevor.
Die erste stabile Phase der Wissenschaft bzw. der Koautorschaftsnetzwerke beginnt nach Kretschmer (1996) mit den Ursprüngen der Wissenschaft vor rund 5000 Jahren und endet in etwa um 1800. Dieser Zeitraum ist überwiegend durch individuelle Tätigkeiten geprägt, systematische Zusammenarbeit zwischen Wissenschaftlern ist kaum dokumentiert. So wurden beispielsweise von 1650 bis 1800 nicht mehr als 2,2 Prozent der wissenschaftlichen Arbeiten durch Koautorschaften veröffentlicht.
Ab 1800 ist nach Beaver & Rosen (1978) der Beginn einer Instabilisierung zu beobachten. Es begann eine erste Professionalisierung der Wissenschaften, vor allem in Frankreich, bedingt durch finanzielle Unterstützung von Staat und Sponsoren (äußere Quellen!). Die Folge war eine Zunahme der Koautorschaften in Frankreich. Andere Länder, wie Großbritannien und Deutschland begannen im Laufe der Französischen Revolution mit ähnlichen „Förderprogrammen“. So variierte bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts die Anzahl von Koautorschaften in einzelnen europäischen Ländern stark, bis zum ersten Weltkrieg stabilisierte sie sich allerdings bei rund 30 Prozent. In den folgenden Jahren war dann ein starker Anstieg der wissenschaftlichen Kooperationen zu beobachten.
Interessant ist in diesem Zusammenhang die sich wandelnde Struktur der Koau-torschaftsnetzwerke:
Waren nach Beaver & Rosen (1978) vor 1820 die Kooperationen vor allem auf „master-master-collaborations“ begründet, verschob sich dieses Verhältnis nach 1820 kontinuierlich in Richtung „master-apprentice callaboration“.Gemeint ist ein Rückgang von Koautorschaften unter „Gleichen“ hin zu einer verstärkten Zusammenarbeit zwischen „hierarchisch Verschiedenen“, beispielsweise zwischen Professor und Doktorand. Der „Master“ kann durch die ihm zur Verfügung stehende Ressourcen junge Wissenschaftler an sich binden, um so seine Arbeitseffektivität zu steigern. Sein Koautor profitiert, durch eine gemeinsame Veröffentlichung, vom Renommé des „Masters“.
Der beschriebene Strukturwandel ist also durch eine äußere Einwirkung, den Geldfluss, auf das Wissenschaftssystem bedingt und hat so systeminterne Veränderungen hervorgerufen. Das System hat sich selbst organisiert (siehe 2.4).
2.3 Zweite stabile Phase „Teamarbeit & Koautorschaft“
In der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts treten in den Naturwissenschaften Teamarbeit und Koautorschaft in den Vordergrund. Etwa 60 bis 70 Prozent der Arbeiten werden in Koautorschaften veröffentlicht.Da diese Phase, die am besten dokumentierte überhaupt ist, kann die entstandene Struktur näher untersucht werden. Regeln und Gesetze die der Analyse von Koautorschaftsentwicklugen dienen werden weiter unten besprochen (siehe 3).
Die Selbstorganisation der Wissenschaft im Allgemeinen und von Koautorschaften im Besonderen wird im wesentlichen von zwei Einflüssen bestimmt:
Eine Einwirkung von außen kann eine Systementwicklung nach sich ziehen, wobei die inneren Systemeigenschaften festlegen, wie diese Struktur aussieht. Nach Kretschmer (1998) „passt sich ein System den veränderten äußeren Bedingungen durch innere Optimierung an.“ (S.2). Diese Anpassung hat eine interne Optimierung und somit eine effektivere Forschung der gesamten wissenschaftlichen Gemeinschaft zur Folge. Als gutes Beispiel dient die in 2.2 beschriebene „Instabilisierung durch Professionalisierung“ in Frankreich vor rund 200 Jahren. Aber auch in der zeitgenössischen Forschung ist diese Anpassung zu beobachten:
In der niederländischen Hochenergiephysik haben sich nach Knorr-Cetina (1995) ähnlich gravierende Veränderungen ergeben. Experimente auf diesem Gebiet wurden fortschrittsbedingt in den letzten Jahren immer aufwendiger und teurer, außerdem sind die nötigen Anlagen vorwiegen im Ausland zu finden. Folge dieser Entwicklung is t eine zunehmende Anzahl von Veröffentlichungen mit bis zu 500 Koautoren. Eine Selbstorganisation hat stattgefunden, bedingt durch veränderte äußere Bedingungen.
Arbeit zitieren:
Martin Schilling, 2000, Struktur und Entwicklung von Koautorschaftsnetzwerken, München, GRIN Verlag GmbH
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