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Inhaltsverzeichnis
Einf ührung 3
I. Die russische Armee unter Peter I. - Hintergrund 5
I. 1. Die Soldaten 5
I. 2. Die Offiziere 9
II. Die artikul voinskij, die Kriegsartikel 13
II. 1. Entstehung und formaler Aufbau 13
II. 2. Herrscherideologie 14
II. 3. Die ideale Armee und ihre realen Probleme 16
II. 4. Opfer und Täter - Die Lebenswelt in der Armee Peters I. 19
Resumee S. 24
Literaturverzeichnis S 26
3
Einführung
Nur wenige Männer veränderten den Verlauf der Geschichte Rußlands derart radikal und umfassend wie Peter der Große. Lange Zeit zeichnete die Historiographie ein beinahe ausnahmslos positives Bild der Herrschaftszeit dieses Mannes, den man als den Begründer eines neuen, modernen, an Westeuropa orientierten Rußlands sah. Tatsächlich gab es nur wenige Bereiche des politischen wie gesellschaftlichen Lebens, die von seinem Reformwerk nicht zumindest mittelbar berührt und verändert worden waren. Den Kern seines Interesses wie seiner Reformen bildeten dabei zweifellos die Armee und die Flotte. Insbesondere auf diesem, dem militärischen Feld, erntete der Zar Bewunderung und Anerkennung unter den Geschichtsschreibern der Nachwelt. Und tatsächlich war es ihm gelungen, nicht nur die Türken im Süden, sondern auch die bis dahin unangefochten den Ostseeraum beherrschende Großmacht Schweden im Großen Nordischen Krieg letztlich zu bezwingen und somit die Grundlage für eine über Jahrhunderte andauernde Großmachtstellung Rußlands in Europa zu schaffen.
Kaum etwas schützt vor Kritik so zuverlässig wie der Erfolg. - Vor diesem Hintergrund soll gerade deshalb das Ziel dieser Arbeit die geschichtswissenschaftliche Analyse und Bewertung des ‚Flaggschiffs’ der Reformen Peters des Großen sein: der Heeresreformen. Dabei werden jedoch nicht Kriegs- oder gar Schlachtenverläufe im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen, sondern vielmehr die Frage nach den gesellschaftlichen und sozialen Bedingungen und Folgen der Reformen. Der Fokus wird hierbei auf den Menschen liegen müssen, die am unmittelbarsten von den Veränderungen betroffen waren, nämlich den Soldaten und Offizieren der russischen Armee unter Peter I.
Neben einer dem Umfang dieser Arbeit weitmöglichst angemessenen Berücksichtigung der neueren Literaur zu diesem Thema, soll ihr eigentlicher Kern in einer e igenständigen Untersuchung und Bewertung der zentralen Quelle hinsichtlich der Heeresreformen Peters des Großen bestehen: den artikul voinskij, den Kriegsartikeln.
Entsprechend gestaltet sich die inhaltliche Gliederung der Arbeit. Im I. Kapitel wird die Lage der russischen Soldaten bzw. Offiziere in einem größeren Rahmen beleuchtet werden. Es wird zu fragen sein, aus welchen Menschengruppen sie sich zusammensetzten, was sich für sie unter der Regierungszeit Peters veränderte, jedoch auch welche Kontinuitäten existierten und welche Probleme sich daraus ergaben. Neben einer Würdigung der Sekundärliteratur werden hierbei unter anderem die Tagebuchaufzeichnungen des schottischen Generals Patrick Gordon Beachtung finden. Das anschließende II. Kapitel soll sich d ann ausschließlich einer
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quellenimanenten Untersuchung und Bewertung der Kriegsartikel widmen. In diesem Zusammenhang werden Fragen nach der ihnen zugrunde liegenden Herrscherideologie aufgeworfen werden, nach den theoretischen Vorstellungen einer idealen Armee und deren realer Probleme sowie nach möglichen Aussagen über die Lebenswelt der Menschen, die in der Armee Peters des Großen dienten. Im abschließenden Resümee wird sich schließlich zeigen müssen, inwieweit die Ergebnisse dieser Arbeit ein in militärischer Hinsicht ausnahmslos oder zumindest überwiegend positives Bild der Herrschaftszeit Peters I. tatsächlich zu rechtfertigen vermögen.
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I. Die russische Armee unter Peter I. - Hintergrund
I. 1. Die Soldaten
Die Masse der russischen Soldaten der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts rekrutierte sich aus der Gruppe der leibeigenen Bauern. Die Regierungszeit Peters des Großen stellte hier keine Ausnahme dar. Was sich unter seiner Herrschaft jedoch rasch und stark veränderte, waren sowohl die Häufigkeit der Rekrutierungen als auch die Menge der Männer, die dabei für den Kriegsdienst eingezogen wurden. 1 In der Praxis bedeutete dies, daß eine bestimmte Anzahl an Höfen einen Rekruten zu entsenden hatte. Da die Auswahl den jeweiligen Herren überlassen blieb, entsendeten diese freilich nicht ihre tüchtigsten Männer, sondern diejenigen, die am entbehrlichsten schienen. 2 Das Prinzip der Freiwilligkeit spielte dabei selbstverständlich keine Rolle. Es wäre verkürzt, die immer wieder von verschiedenster Seite beschriebene Undiszipliniertheit russischer Soldaten allein auf diese Vorbedingung zurückführen zu wollen, doch zumindest ansatzweise könnte sie damit sicher in einem Zusammenhang stehen. Zeugnisse, die das Problem belegen, liefert beispielsweise Gordon, der in seinem Tagebuch beschreibt, daß „[...] nachdem ich [sc. Gordon] den Truppen ihren Sold für die zweite Hälfte des September hatte geben lassen, verweilte ich [...] noch, um ihnen Zeit zu gewähren, Lebensmitteln einzukaufen und sich mit dem Nöthigen zu versorgen; allein sie verwandten die Zeit größten Theils zum Trinken, wobei viele Streitigkeiten vorfielen.“ 3 Einen weiteren Beleg gibt Stiessius, der den russischen Soldaten 1706 zwar hinsichtlich ihrer Angriffskraft bescheinigt „[...] they are lively and ferocious in their first onset, like the Poles and Turks.“ 4 Dann aber einschränkend hinzufügt: „When, however, they cannot at once break through the enemy ranks, they come crashing back, and let themselves be hacked down by their victors [...] without offering resistance or asking for quarter.“ Das Ausbildungsniveau der Soldaten vor 1700 war in Rußland sehr niedrig. Von einer regulären Ausbildung im eigentlichen Sinne kann vor den 1720er Jahren im Grunde überhaupt nicht gesprochen werden. So verwundert es kaum, daß bei der schweren Niederlage der russischen Armee bei Narva lediglich die beiden Garderegimenter ernsthaften Widerstand geleistet und durchgehalten hatten. 5 Sie waren die einzigen Einheiten, die bis zu diesem Zeitpunkt eine für damalige Verhältnisse ze itgemäße Ausbildung erhalten hatten. Wohl eines
1 Vgl. HUGHES, S. 69.
2 Vgl. dazu auch DUFFY, S. 129.
3 GORDON, Bd. 3, S. 146.
4 Dieses und das folgende Zitat: STIESSIUS zitiert nach DUFFY, S. 135.
5 Vgl. dazu HUGHES, S. 75.
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der negativsten, aber gleichzeitig auch bezeichnendsten Urteile spricht in diesem Zusammenhang wiederum Stiessius, der nicht nur den Soldaten, sondern gleich dem ganzen Volk vorhält: „It is scarcely possible for a people to be as fitted for slavery as the Muscovites. They are so corrupt by nature that they will do nothing of their own free will, but must be driven by hard and cruel blows.“ 6
Ist ein derart absolutes Urteil gerechtfertigt? Waren die russichen Männer, die für die Armee rekrutiert worden waren, tatsächlich so korrupt und initiativlos? Um eine Antwort geben zu können erscheint es sinnvoll, die Lebensverhältnisse russischer Soldaten zur Zeit Peters des Großen näher zu untersuchen.
Schon die Rekrutierung an sich galt praktisch als eine Art vorgezogenes Todesurteil und zwar sowohl in gesellschaftlicher wie auch häufig in physischer Hinsicht. Da die Dauer des Militärdienstes für Soldaten in Peters Armee praktisch lebenslänglich war, endeten für einen jungen Mann mit seiner - überdies beinahe ausnahmslos unfreiwilligen - Rekrutierung abrupt und endgültig alle seine bisherigen gesellschaftlichen Beziehungen und Kontakte. So glich die Verabschiedung eines Soldaten von seiner Familie häufig einer Trauerfeier, die in manchen Details am ehesten an eine Bestattung erinnern konnte. 7 Ein Familienleben nach der Rekrutierung war bestenfalls in einem Garnisionsregiment möglich, das fest an einem Ort stationiert war, in jedem Fall stellte es eine Ausnahme dar. Die Regel war, daß die Soldaten ihr Leben bei ihrem Regiment verbringen mußten, die Gründung einer Familie war ihnen unmöglich. Der Sold, den sie für ihren Dienst erhielten, war gleichermaßen gering wie er unregelmäßig ausgezahlt wurde.
Wenn die Rekrutierung in die Armee für viele auch ein vorweggenommenes physisches Todesurteil bedeutete, so lag die Ursache dafür nicht etwa primär in dem Risiko, während eines Gefechts oder einer Belagerung ums Leben zu kommen, sondern vielmehr in den vielen Gefahren, denen die Soldaten während der oftmals wochen- oder monatelangen Märsche durch die Weiten des Landes und nicht selten durch schwieriges Gelände ausgesetzt waren. Ihre Ausrüstung war häufig unzureichend oder in schlechtem Zustand; ausgebaute Straßen in einem westeuropäischen Sinne gab es so gut wie überhaupt nicht, bestenfalls gelegentlich bessere ‚Trampelpfade’, die sich bei Regen jedoch schnell in tiefe Schlammwege verwandelten, die für Menschen und Pferde nur noch schwer, für Wagen oder Artillerie praktisch nicht mehr passierbar waren. So war es keine Seltenheit, daß Truppenverbände an einem ganzen Tag nur einige wenige Kilometer vorwärts kamen. Da auch die Ernährung und Versorgung der Soldaten mit Wasser logistisch nicht immer einfach zu bewerkstelligen war,
6 STISSIUS zitiert nach DUFFY, S. 135.
7 Vgl. dazu auch DUFFY, S. 129.
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zumal während eines Marsches in abgelegenen Gebieten, kam eine körperliche Schwächung der Männer und eine damit verbundene erhöhte Krankheitsanfälligkeit häufig noch hinzu. Schließlich konnten auch die Witterungsverhältnisse lebensgefährliche Ausmaße annehmen, wie Gordon in seinem Tagebuch bisweilen eindrucksvoll beschreibt: „[...] bald nach Mitternacht, war ein so heftiger Sturmwind mit naßem Schnee und Hagel, daß alle unsere Zelte umgeworfen und zerrißen wurden; dabei war eine so große Kälte, daß wir aus Furcht, die Soldaten möchten erfrieren, keinen Augenblick länger bleiben konnten.“ 8 Werden alle diese schwierigen Verhältnisse, unter denen die Soldaten leben - vielleicht besser: überleben - mußten, in Betracht gezogen, so ist es schwer vorstellbar, daß es sich bei ihnen nur um untüchtige, undisziplinierte und in einem praktischen Sinne ungebildete Männer handelte. Treffend erscheint in diesem Zusammenhang die Einschätzung Wonzels, der in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts urteilte, die russischen Regimenter seien „[...] a nursery for every kind of art and craft. The low pay of the ordinary soldiers makes it vital for them to stretch their imagination, and make themselves selfsufficient in every respect. They become their own bakers, brewers, butchers, tailors, cobblers, perruquiers, locksmiths, wheelwrights, saddlers, blacksmiths, carpenters, masons, coppersmiths, musicians and painters - in other words, any occupation which comes to mind. Nowhere in the world are there people who are so resourceful.“ 9 Diese Charakterisierung mag zwar ein weinig überzogen erscheinen, doch vermag sie das Urteil von Stiessius, die russichen Soldaten taugten nur zur Sklaverei, eindeutig zu relativieren.
Einen weiteren wichtigen Aspekt im Leben eines Soldaten stellte die Behandlung durch die Offiziere dar. Es ist sehr wahrscheinlich, daß in einer Armee, deren Befehls- und Gehorsamsstruktur derart hierarchisch geordnet war wie die der russischen, die meisten Soldaten ihren vorgesetzten Offizieren mehr oder minder bedingungslos aus geliefert waren. In diesem Punkt bildete die Armee einen Spiegel der russischen Gesellschaft, die auch schon vor der Zeit Peters des Großen stark hierarchische Strukturen aufwies und zudem durch eine weitgehende Rechtlosigkeit gekennzeichnet war. 10 Hinzu kam, daß viele der Strafen, die in den Kriegsartikeln für Vergehen der Soldaten vorgesehen waren, bestenfalls als drakonisch bezeichnet werden können. Es dürfte für einen einfachen Soldaten kaum möglich gewesen sein, sich gegen ungerechtfertigte Drangsalierungen eines Offiziers zur Wehr zu setzten. 11
8 GORDON, Bd. 3, S. 152.
9 WONZEL zitiert nach DUFFY, S. 134. Bezeichnend ist auch die etwa zeitgleiche Einschätzung von Silva, „no
soldier is easier to feed than the Russian.“ Ebd., S. 131.
10 Man bedenke nur die Rangtabellen oder die Tatsache, daß die Leibeigenschaft erst 1861 aufgehoben wurde.
11 Hierauf wird in Kapitel II. 4. noch näher eingegangen.
Arbeit zitieren:
Markus Lotzenburger, 2003, Die russische Armee unter Peter dem Großen auf der Grundlage der Kriegsartikel, München, GRIN Verlag GmbH
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