Das Duden-Bedeutungswörterbuch als Trivialroman“. Der Klassiker von Luise F. Pusch Seite 18 Das Duden-Bedeutungswörterbuch
1.) Einleitendes
Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit dem Thema der Feministischen Linguistik.
Nach einem Exkurs zur Geschichte der Frauensprache sollen die feministische Sprachkritik und die feministische Sprachpolitik näher betrachtet werden. Hier werden u. a. die wichtigsten
herausgearbeitet und Möglichkeiten aufgezeigt, die verbale Unterdrückung der Frau mit linguistischen bzw. rhetorischen Mitteln zu kompensieren.
Im Zentrum der Hausarbeit steht e ine Neuinspektion und - bewertung des Duden-Bedeutungswörterbuches, das im Jahre 1983 der Sprachkritikerin Luise F. Pusch als Paradebeispiel für die systematische Benachteiligung der Frau in der Sprache diente. Genau wie bei Puschs Untersuchung des Nachschlagewerkes, steht auch hier aus Umfangs- und Übersichtlichkeitsgründen nur der Buchstabe A im Fokus. Um auch die Meinung der Autorin über die aktuelle Ausgabe des Bedeutungswörterbuches einzuholen und zu erfahren, ob es ihrer Ansicht nach eine wirkliche Gle ichberechtigung von Frauen und Männern in der Sprache überhaupt geben kann, bat ich Luise Pusch um ein persönliches Gespräch, das sie mir auch gewährte. Die Ergebnisse sind in die Hausarbeit eingeflossen.
Im Anschluss folgt ein Resümee und ein Ausblick, ob und wie sich die Forschung in der Feministischen Linguistik weiterentwickeln
2.) Historischer Abriss
Unter der Bezeichnung „Frauensprache“ werden oft die unterschiedlichsten Dinge zusammengefasst, die zum Teil nur recht wenig miteinander zu tun haben. Ursprünglich wurde der Ausdruck von Reisenden im 17. Jh. geprägt: Sie berichteten von Kulturen in der Karibik, in denen Männer und Frauen angeblich verschiedene Sprachen benutzten.
1
Später wurde Ähnliches auch von afrikanischen und anderen Völkern behauptet. Ob es Kulturen mit einem solchen geschlechtsspezifischen Bilingualismus wirklich gegeben hat, ist allerdings sehr umstritten; heute wird meist vermutet, dass die Annahme verschiedener Sprachen bei Frauen und Männern auf einem Irrtum beruhte. In einigen Sprachen wird auch in der ersten Person zwischen maskulinen und femininen Personen unterschieden, die jeweils ein anderes Wort für
ich
gebrauchen.
2
Im 20. Jh. wurde das Wort „Frauensprache“ dann auch auf Sprachen wie das Deutsche bezogen. Die fe ministische Sprachreflexion begann in der Bundesrepublik mit der Neuen Frauenbewegung. Der legendäre Tomatenwurf von weiblichen 68ern auf die männlichen ‚Patriarchen’ des SDS etablierte den von sieben SDS-Frauen gegründeten „Aktionsrat zur Befreiung der Frau“. Der Ausdruck „Sexismus“
3
kam für die Situation der Frau auf und schließlich auch „Feminismus“. Diese Bezeichnung ist aus dem französischen Wort
féminisme
abgeleitet und meint eine Richtung der Frauenbewegung, die, „von den Bedürfnissen der Frau ausgehend, eine grundlegende Veränderung der gesellschaftlichen Normen und der patriarchalischen Kultur anstrebt.“
4
Auf dem Feminismus basiert auch die „Feministische Linguistik“. Sie entstand in den 70er Jahren auf Grund der Feststellung, dass
1
Vgl. Samel, Ingrid: Einführung in die Feministische Sprachwissenschaft, Berlin 2000, S. 24f.
2 Im Thai ist dies beispielsweise der Fall: phom = maskulin vs. dichan = feminin. 3 Er bedeutet allgemein die Unterdrückung von Menschen auf Grund ihres
männliche Herrschaftssicherung über Sprache und Sprechen funktioniert. Sogar Persönlichkeiten wie Sigmund Freud neigten zu einer herablassenden Sprache gegenüber Frauen, und seine Ansichten, dass Frauen beispielsweise den sogenannten Penisneid
Frauenbewegung außerordentlich heftig beanstandet. Sie macht die gesellschaftliche Wirksamkeit dieser Ausdrücke mitverantwortlich für die Lage der Frauen vor allem in den USA:
„ (...) seine Ausdrucksweise, die immer abfällig ist, trägt noch weiter zur Verwirrung des Sachverhaltes bei. Freud kann zur Fundierung seiner Theorie des Penisneides oder des weiblichen Kastrationskomplexes keine unumstößlichen Beweise erbringen.“ 5
Linguistinnen wie Senta Trömel-Plötz kritisieren deshalb seitdem sowohl das Sprachsystem 6 (langue) als auch den Sprachgebrauch (parole). 7 Der sexistische Sprachgebrauch wurde zum zentralen Forschungsgegenstand für die Feministinnen. Ziel war und ist die qualitative Verbesserung der Lebenssituation der Frauen, darüber hinaus soll der Weg zur Gleichberechtigung für künftige Generationen geebnet werden.
Nach dem Verständnis der männlichen Hegemonie ist alles davon Abweichende unzulänglich, mangelhaft. Aus Sicht der Frauen jedoch ist es nur anders, nicht schlechter. Trömel-Plötz definiert diese andere Weise des Sprechens folgendermaßen:
„Frauensprache bedeutet: Frauen reden mit Selbstvertrauen und Sicherheit, mit Autorität, mit Gefühl, (...) hören sich gegenseitig und werden gehört. Frauensprache heißt Veränderung.“ 8
Bis ca. 1978 wurde das Thema „Frauen und Sprache“ nur als ein Teilbereich der Soziolinguistik behandelt und die Kategorie Geschlecht nur als eine von diversen typischen Variablen dieses
5
Millet, Kate in: Sexus und Herrschaft, München 1971, S. 206-257. In: Filser, Franz (Hg.) : Die Frau in der Gesellschaft, Stuttgart 1988, S. 21.
6 Inklusive dessen Subsystem Lexik.
7 Vgl. Samel, Ingrid: Einführung in die Feministische Sprachwissenschaft, Berlin 2000, S. 24f.
8 Trömel-Plötz, Senta: Frauensprache: Sprache der Veränderung, Frankfurt am Main 1982, S. 76.
Forschungsbereiches angesehen. Doch wegweisende Aufsätze wie zum Beispiel Robin Lakoffs „Language and Woman’s Place“ 9 und Trömel-Plötz’ deutsches Pendant „Linguistik und Frauensprache“ 10 trugen mit dazu bei, dass die Sprachforschung sich eingehender mit dem Thema „Frauensprache“ befasste. 11 Es wurde versucht, systematische Unterschiede zwischen der Sprachweise von Frauen und Männern zu finden und zu beschreiben.
In diesem Zuge entstanden später die Bezeichnungen „genderlect“ und „doing gender“ 12 . Der Ausdruck „gender“ (engl. für „soziales Geschlecht“) löste in den 90er Jahren in der linguistischen Frauenforschung die Bezeichnungen „Männer- und Frauensprache“ sowie „weibliches Register“ weitgehend ab. Hier erscheint das menschliche Geschlecht als ein „sozial oder kulturell erworbener Status bzw. als ein Phänomen, das unser Verhalten und unsere Wahrnehmung mit bestimmt.“ 13 Damit werden Männlichkeit und Weiblichkeit als sozial erlernte und geprägte Verhaltensweisen aufgefasst, und „gender“ wäre demnach nicht eine biologische, sondern eine soziale Kategorie. Das bedeutet eine Entwicklung natürlichen 14
(veränderbaren) Geschlecht hin. Mit Hilfe des „genderlects“ sollte die Diskrepanz erklärt werden, dass trotz der von den Frauenforscherinnen definierten Unterschiede in der Sprache von Frauen und Männern, dennoch häufig Abweichungen davon festgestellt werden; Abweichungen dergestalt, dass auch Männer
9
Lakoff, Robin: Language and Woman’s Place, New York 1975, S. 6f.
10
Trömel-Plötz, Senta: Frauensprache: Sprache der Veränderung, Frankfurt am Main 1982, S. 35-57.
11 Lakoff versteht unter Frauensprache in diesem Essay sowohl die Sprache, die nur Frauen benutzen, als auch die Sprache, mit der Frauen von anderen Frauen beschrieben werden („language restricted in use to woman“ / „language, descriptive of woman alone“).
12 Das Konzept des „doing gender“ ist nach Ingrid Samel ein weiterer, aus der amerikanischen Ethnomethodologie kommender Ansatz, mit dem die Differenzen im weiblichen und männlichen Kommunikationsverhalten in der linguistischen Frauenforschung erklärt werden. Geschlechterunterschiede werden danach vom Individuum in seiner Handlung vollzogen und sind daher nicht im Individuum als Wesensmerkmal zu suchen (vgl. dazu auch Samel, Ingrid: Einführung in die Feministische Sprachwissenschaft, Berlin 2000, S. 165).
13 Samel, Ingrid: Einführung in die Feministische Sprachwissenschaft, Berlin 2000, S. 38.
14 Engl. sex, lat. sexus.
oft in einem „weiblichen“ Stil sprechen und umgekehrt. Die „Kategorie“ des „gender“ hat(te) die Absicht, aufzuzeigen, dass die Sprache, die Menschen benutzen, stark von äußeren (variablen) Faktoren wie Herkunft, Alter, Erziehung, gesellschaftlicher Status und nicht zuletzt der Intention des Sprechers bzw. der Sprecherin abhängig ist. Ingrid Samel postuliert dazu, dass auch das „soziale Geschlecht“ die Unterschiede im Sprachverhalten von Frauen und Männern nicht allein erkläre und es somit stabile „genderlects“ nicht gebe. 15
3.) Feministische Sprachkritik
„Die feministische Sprachkritik betrifft neben dem Wortschatz vor allem die systematischen Möglichkeiten der Personenbezeichnung, die nach Meinung der Kritikerinnen die deutsche Sprache als sexistisch erweisen, weil fast ausnahmslos maskuline Formen von Substantiven und Pronomina generisch verwendet werden können.
Der Satz
Die Unterschiede in der Sprechweise von Frauen und Männern äußern sich, wie behauptet wird, vorwiegend in folgenden
• Frauen benutzen in der Regel Wörter aus ihren spezifischen Bereichen wie zum Beispiel Haushalt, Kinderpflege, Mode, Gesundheit etc.
• Frauen verniedlichen und verharmlosen ihre Sprache und schwächen die Stärke oder Härte ihrer Aussagen durch Euphemismen ab. So sollen ihre Einlassungen liebenswürdiger und akzeptabler erscheinen. 17
• Frauen sprechen akzentuierter und verwenden häufiger die Frageintonation in Aussagesätzen.
15
Vgl. Samel, Ingrid: Einführung in die Feministische Sprachwissenschaft, Berlin 2000, S. 164.
16 Glück, Helmut (Hg.): Metzler Lexikon Sprache, Berlin 2000 (elektronische 17 Dieses sog. ‚weibliche Register’ besitzen aber auch Männer, die es meist gezielt als Strategie o. ä. einsetzen.
• Frauen sprechen oft mit Hilfe von Rückkoppelungen durch Fragepartikel wie „nicht wahr?“, „gell?“, „oder?“. 18
• Frauen verwenden meist Unschärfemarkierer 19 wie „irgendwie“, „finde ich“, „quasi“ usw. Durch diese abschwächenden Mechanismen soll Zustimmung erreicht werden, es entsteht aber überwiegend der Eindruck von Unsicherheit respektive Trivialität des Gesagten.
• Frauen artikulieren sich korrekter als Männer und passen sich eher der Standardsprache an. Ziel ist eine Aufwertung des vermeintlich niedrigeren gesellschaftlichen Status.
• Frauen gebrauchen empathische Graduierungen wie „so“, „wirklich“, „echt“ oder „überaus nett“ etc.
• Frauen benutzen selten bis nie Kraftausdrücke oder Flüche (höchstens stark abgeschwächt); Frauen erzählen keine Witze. 20
Für die frühen Frauenforscherinnen ergab diese „Frauensprache“ eine Machtlosigkeit und Herabsetzung des weiblichen Geschlechts. Senta Trömel-Plötz nennt diese Sprechweise eine „Rhetorik der Unterdrückten“, einhergehend mit einer „Strategie subversiven Redens“ 21 . Diese aber würde die Frau nicht anwenden, weil sie eine Frau ist, sondern weil die sozialen Verhältnisse sie dazu zwingen, damit sie trotz ihres niedrigeren Ranges wahrgenommen respektive ernst genommen wird. Nach Meinung von Lakoff und Trömel- Plötz sollten Frauen sich so verhalten wie Männer. Doch würden sie das tun, würden sie sich in eine Double-bind-Situation begeben: Wenn die Frau wie ein Mann spricht, wirkt sie männlich und wird wiederum als Frau entwertet! 22
18
Die Sprachwissenschaftlerin Mary Ritchie Key bezeichnet diese Art als „unbestimmt -indirekten und unsicheren Sprechstil“ (tag-questions).
19
Im Englischen „hedges“.
20 Vgl. Samel, Ingrid: Einführung in die Feministische Sprachwissenschaft, Berlin 2000, S. 34f.
21 Vgl. Trömel-Plötz, Senta: Frauensprache: Sprache der Veränderung, Frankfurt am Main 1982, S. 51.
22 Vgl. Lakoff, Robin: Language and Woman’s Place, New York 1975, S. 6.
Arbeit zitieren:
Alexander Linden, 2004, Das Phänomen Frauensprache, München, GRIN Verlag GmbH
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