Inhaltsverzeichnis 1
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 3
1.1 Fragestellung. 3
1.2 Aufbau der Arbeit. 5
2. Das kulturelle Gedächtnis 7
2.1 Die theoretischen Ursprünge des kollektiven Gedächtnisses 8
2.2 Kommunikatives und kulturelles Gedächtnis. 12
2.3 Gedächtnisorte 16
2.4 Erinnern und Vergessen 19
2.5 Zusammenfassung 20
3. Der Raum als soziologisches Konstrukt 22
3.1 Absolutistische und relativistische Raumkonzepte 23
3.2 Raum und Ort 27
3.3 Michel Foucaults "Andere Räume" 29
3.4 Zusammenfassung 31
4. Das Museum. 33
4.1 Die historische Entwicklung 33
4.2 Das Museum heute 42
4.3 Die aktuelle Diskussion. 46
4.3.1 Musealisierung und Museumsboom. 47
4.3.2 Aufgaben und Probleme der Institution Museum 47
4.3.3 Raum, Ort und Architektur des Museums 51
4.4 Zusammenfassung 56
5. Synthese und Fragestellung 60
6. Methoden der empirischen Untersuchung. 62
6.1 Forschungsfeld und Erkenntnisziel. 62
6.2 Die Interviews. 64
6.2.1 Leitfaden und Gesprächsfelder 65
6.2.2 Auswahl der Interviewpartner. 67
6.2.3 Durchführung. 68
6.2.4 Aufbereitung des Erhebungsmaterials 68
6.3 Beobachtung 69
6.3.1 Leitfaden. 69
6.3.2 Durchführung. 70
6.4 Kritische Anmerkungen zu Methode und Durchführung 70
Inhaltsverzeichnis 2
7. Darstellung der Ergebnisse 72
7.1 Das Museum als Merkwelt. 72
7.1.1 Die Ordnung der Dinge - anschaulich und authentisch. 73
7.1.2 Lernort Museum? 77
7.1.3 Museumsarchitektur als Repräsentant gesellschaftlicher Relevanzen 80
7.2 Zwei Realitäten, zwei Räume: Alltag und Museum 84
7.2.1 Serviceeinrichtungen als Übergangsraum. 85
7.2.2 Das Museum als Gegenraum 87
7.2.3 Diffusion von sakralen und profanen Kulturräumen. 89
7.3 Normativität 91
7.3.1 Kultur verpflichtet. 92
7.3.2 "Verhaltenskodex" 95
7.4 Zusammenfassung 97
8. Resümee und Ausblick. 100
Literaturverzeichnis. 106
Anhang. 114
A. Interviewleitfaden. 115
B Liste der Interviewpartner 119
Einleitung 3
1. Einleitung
In den letzten Jahren ist das Thema Erinnerungskultur nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch im politischen und kulturellen Alltag zunehmend präsent: Vielerorts werden Gedenkstätten geplant und errichtet, aufwändige Sonderausstellungen zu kulturhistorischen Themen präsentiert und unzählige neue Museen gebaut. Die UNESCO stellt mit jedem Jahr mehr kulturelle Güter und Einrichtungen unter den Schutz des Weltkulturerbes. Und erst kürzlich schrie die Welt auf, als während des Irak-Krieges im April letzten Jahres das Nationalmuseum von Bagdad geplündert wurde, und damit, wie zunächst angenommen, 170000 Kunstwerke und Zeugnisse aus 7000 Jahren Zivilisationsgeschichte verloren gingen: Der "kulturelle Super-GAU" wurde ausgerufen (vgl. FRÖHDER ET AL. 2003), da in Mesopotamien unsere Kultur entstanden ist - Religion, Wissenschaft und Kunst.
Worum geht es bei dem Entsetzen über kulturelle Verluste und den vorher genannten bewahrenden Bemühungen - soziologisch betrachtet - eigentlich? Der schnelle Wandel unserer Gesellschaft und die resultierende Orientierungslosigkeit des Einzelnen, die Flut von Informationen durch expandierte Kommunikationswege und vielfältige Speichermöglichkeiten durch fortschreitende Computerisierung - um nur einige Aspekte zu nennen - stellen die Frage nach Selektion und Konstruktion der essentiellen gemeinschaftlichen Erinnerung, also danach, was in Zukunft überhaupt an Information, Wissen und Werten weitergegeben oder aber vergessen werden soll bzw. wie das kollektive Gedächtnis in Zukunft entsteht und tradiert wird.
1.1 Fragestellung
Maurice HALBWACHS, der als Gründungsvater bei der Beschäftigung mit dem kulturellen Gedächtnis gelten darf, hat in seinen Schriften (insbesondere 1925 1 /1950 1 ) darauf hingewiesen, dass die relative Stabilität der sozialen Umgebung unerlässlich für die "mnemonische Ordnung" einer Gesellschaft sei. Jan und Aleida ASSMANN, die wesentlichen Anteil an der aktuellen Beschäftigung mit HALBWACHS' Thesen haben, sprechen in diesem Zusammenhang von einer heutigen Krise des Gedächtnisses (z.B. A. ASSMANN 1999), die man wohl auch als Krise der kulturellen Identität verstehen kann. Eng verknüpft ist damit der räumliche Aspekt, wie HALBWACHS in "Das kollektive Gedächtnis" (1967
Einleitung 4
[1950 1 ]) ausführlich darstellt. Da unsere Umwelt heute einem beschleunigten Wandel und einer gewissen Flüchtigkeit und "Undurchschaubarkeit" (MEIER 2002, 14) durch verstärkte Mobilität und zunehmender Durchdringung realer und virtueller Räume unterliegt, stellt sich daher die Frage, ob wir mehr auf spezielle "Gedächtnisräume" oder "E-rinnerungsorte" angewiesen sind? Können und sollen sie auf die heutigen Lebensbedingungen kompensatorisch wirken und das Flüchtige in einer plastischen Erinnerungskultur wieder greifbar machen? Und impliziert nicht Kultur als "eine Art 'Gedächtnis' der Gesellschaft" (BAECKER 2001, 328) genauso das Vergessen?
Museen sind neben Archiven, Denkmälern, so genannten authentischen Orten und ähnlichen Einrichtungen und Institutionen ein Teil des gesamten "Erinnerungsraumes" einer Gesellschaft. In ihnen wird die Vergangenheit sinnlich erfahrbar, in die Gegenwart eingebettet und der Bogen zur Zukunft geschlagen. Dazu werden die musealen Inhalte für den Betrachter in einen ordnenden Sinnzusammenhang gebracht, womit traditionell auch kulturpolitische Interessen wie das so genannte nation building verbunden sind. Die deutsche Museumslandschaft hat sich jedoch in den letzten Jahren stark verändert. Insbesondere gehen die vielen neu errichteten Museen mit äußerst aufwändigen Sonderausstellungen einher. Gestiegene Besuchszahlen werden einerseits durch den spürbar forcierten Kulturtourismus erzielt, ein anderer Trend geht in Richtung massenwirksamer Eventkultur. Diese Entwicklung scheint ein weiteres Indiz für den langfristigen Wandel im Umgang mit kollektiven Gedächtnisinhalten zu sein, dem in der vorliegenden Arbeit die Aufmerksamkeit gilt. Hier stellt sich die Frage, wie diese Orte gesellschaftlich gerechtfertigt und bewertet, wie sie konzipiert und rezipiert werden. Was können diese Institutionen des kulturellen Gedächtnisses tatsächlich leisten und auf welche Art und Weise? Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für die Zukunft der musealen Institution?
Im Zuge dessen soll auch erörtert werden, welche Rolle die räumlichen Bedingungen im Museum einnehmen. Dabei geht es nicht nur um die viel diskutierte zeitgenössische Museumsarchitektur, sondern auch um Fragen der funktionalen und symbolischen Bedeutung von Gedächtnisorten, und - noch elementarer - um die Herstellung des musealen Raums durch soziales Handeln. Wie geht diese vonstatten, beispielsweise in Abgrenzung
Einleitung 5
zu anderen öffentlichen oder aber privaten Räumen? Mit welchen gesellschaftlich verankerten Zuschreibungen und Erwartungen sind diese belegt? Die empirische Untersuchung widmet sich diesem Spannungsfeld zwischen Museum, kulturellem Gedächtnis und räumlichen Aspekten, also dem Ineinandergreifen des räumlichen Handelns und der örtlichen Bedingungen mit der Reproduktion und Vermittlung des kulturellen Gedächtnisses im Rahmen der musealen Institution. Zu diesem Zweck soll vor allem die Besucherseite in Leitfaden-Interviews zu Wort kommen, um Wahrnehmungen, Motivationen und Bewertungen der Nutzer dieser Einrichtungen zu eruieren und an die kulturhistorische Betrachtung anzuschließen.
1.2 Aufbau der Arbeit
Im ersten Teil der Arbeit werden hinsichtlich des Museums als gesellschaftlicher Institution verschiedene Ansätze und Positionen zum kulturellen Gedächtnis erörtert und raumsoziologische Überlegungen angestellt, um dann der musealen Einrichtung in ihren historisch gewachsenen Aufgaben und Zuschreibungen genauer auf den Grund zu gehen. Diese drei Kapitel bilden die theoretische und konzeptionelle Basis für die empirische Untersuchung.
Zunächst wird also das zentrale Konzept des kulturellen Gedächtnisses näher betrachtet, wofür die Thesen von Maurice HALBWACHS die Grundlage bilden, die insbesondere Jan ASSMANN weiter ausgearbeitet hat. Schließlich kommt der Ansatz von Pierre NORA zur Sprache, der sich speziell mit Gedächtnisorten beschäftigt. Raumsoziologische Ausführungen bilden die zweite Säule der theoretischen Basis. Hier werden verschiedene Raumkonzepte aufgezeigt und entsprechende Begriffe näher beleuchtet und definiert. Des Weiteren erfolgt eine Einbindung des FOUCAULT'schen Ansatzes zu den Heterotopien, speziellen Räumen, die eine kompensatorische oder illusionistische Funktion für die Gesellschaft einnehmen.
Es schließen sich Ausführungen zur Entwicklung von Museen und Erinnerungsorten an, die die historische Bedeutung dieser Einrichtungen aufdecken, um die folgende Diskussion der aktuellen Positionen im Museumswesen, der Kulturpolitik und Kulturkritik verständlicher zu machen. Hier steht nicht nur der fortschreitende Trend zur Musealisie- rung sowie der gesellschaftliche Wert von Museen im Zentrum der Überlegungen, son-
Einleitung 6
dern auch und vor allem räumliche Aspekte von musealen Einrichtungen, die gerade in den letzten Jahren erhebliche Aufmerksamkeit erfahren haben. In einer Zusammenführung der Gedächtnis- und Raum-Thesen wird die Relevanz der Ansätze für die Institution Museum noch einmal aufgezeigt und schließlich das Ineinandergreifen und die Interdependenz dieser verschiedenen Faktoren verdeutlicht. Im Rahmen der empirischen Untersuchung, dem zweiten Teil der Arbeit, wird die Institution Museum und der museale Raum nach materiellem, symbolischem und funktionalem Potenzial und Gehalt für die Gesellschaft untersucht. Zehn qualitativ ausgerichtete Leitfaden-Interviews mit museumsaffinen Personen unterschiedlichen Grades (jedoch keine Experten) gehen dem Themenkomplex allgemein und an konkreten Beispielen auf den Grund. Dazu wurden das Jüdische Museum in Berlin und die Pinakothek der Moderne in München ausgewählt, beides sehr erfolgreiche neue Museen, die in ihren durchaus unterschiedlichen Konzeptionen hinsichtlich der Vermittlungsinhalte, der architektonischen Gestaltung und symbolischen Aufladung, aber auch der Publikumsstruktur, die gegenwärtigen Entwicklungen in der deutschen Mu-seumslandschaft fast idealtypisch verkörpern. Für ein umfassenderes Bild insbesondere der Herstellung und Aneignung des musealen Raumes wurden in beiden Museen zusätzlich teilnehmende Beobachtungen durchgeführt.
Die anschließende Auswertung richtet sich weniger auf repräsentative Ergebnisse oder einen statistisch zu verwertenden Vergleich der verschiedenen individuellen Aussagen, als vielmehr auf offen oder unterschwellig thematisierte Schwerpunkte und Einschätzungen bezüglich des Museums als Ort des kulturellen Gedächtnisses. Mithilfe der Auswertungsergebnisse werden nicht nur die bestehenden theoretischen Ansätze erklärend angewendet und weitergehende Forschungshypothesen entwickelt, son- dern auch Perspektiven auf die Zukunft der musealen Institution abgeleitet.
Das kulturelle Gedächtnis 7
2. Das kulturelle Gedächtnis
Anfang des vorigen Jahrhunderts verfolgte der französische Soziologe Maurice HALBWACHS die zentrale These von der sozialen Bedingtheit des Gedächtnisses. Bis heute bilden seine Erkenntnisse den Grundstein für die aktuelle Forschung, weshalb in der Literatur immer auf HALBWACHS als Gründervater des Gedächtnis-Paradigmas verwiesen wird. 1
Man kann sich natürlich fragen, warum das Thema des sozialen, kollektiven bzw. kulturellen Gedächtnisses gerade in den letzten zwanzig Jahren derart relevant geworden ist, dass sogar von einer "Halbwachs-Renaissance" 2 (ASSMANN 2002a, 7) gesprochen wird. Ein möglicher Ausgangspunkt ist die simple Frage: Wer bin ich? In einer (westlichen) Gesellschaft, die zunehmend einem beschleunigten sozialen Wandel, fortschreitender Pluralisierung der Gesellschaft, allgegenwärtiger Mobilität und insofern einem vergrößerten Bezugsrahmen unterliegt, stellt sich nicht nur die Frage nach der individuellen Identität, sondern auch nach der kollektiven Zugehörigkeit. Und zwar gerade deshalb, da die heute extrem verstärkte Betonung der Individualität des Einzelnen die selbstverständliche Identifizierung mit dem Kollektiv nicht mehr zwangsläufig gewährleistet. Dennoch ist ein gewisses Basisverständnis über die gemeinsame Identität für das Zusammenhalten einer Gemeinschaft unabdingbar. Parameter dieser kollektiven Identität sind nicht nur die jeweilige Sprache, sondern auch Werte und Normen, die gemeinsame Geschichte, eine allgemeine und zumeist religiöse Weltanschauung, und natürlich überlieferte Kulturelemente, also u.a. kulturelle Leistungen, die Objektivationen dieser gemeinsamen Kultur darstellen.
Ein weiterer Ansatz zur Erklärung der Relevanz des Gedächtnis-Themas ist die Verarbeitung der deutschen Geschichte. Die Durchsicht der Literatur bringt eine regelrechte Flut an theoretischen und angewandten Gedächtnis-Schriften zutage, insbesondere aus den letzten fünf Jahren, die sich vorwiegend mit dem Thema des kollektiven Gedächtnis-
1 SeinWerk konnte HALBWACHS allerdings nicht zu Ende führen: Kaum nach Antritt seiner Pariser Profes-
sorentätigkeit 1944 wurde er Opfer des Holocaust. Geradezu symbolisch sei es, dass HALBWACHS ausge-
rechnet dieses Schicksal widerfuhr, "dessen unabschließbare Erinnerungsarbeit die gegenwärtige Gedächt-nisforschung entscheidend motiviert" merkte Jan ASSMANN dazu an (2002a, 9f).
2 Gerade fand in Göttingen ein Kolloquium zu Ehren von HALBWACHS statt, der in sein Notizbuch ge-
schrieben haben soll, dass er der Nachwelt als Erfinder des Ausdrucks "la mémoire sociale" im Gedächtnis
bleiben möchte (LEPENIES 2003).
Das kulturelle Gedächtnis 8
ses in Verbindung mit Holocaust und Drittem Reich beschäftigen. Es scheint, dass auch aus diesem historischen Grund die Rezeption von HALBWACHS (und in seiner Folge anderer Theoretiker wie Jan ASSMANN und Pierre NORA) in Deutschland besonders fortgeschritten ist.
2.1 Die theoretischen Ursprünge des kollektiven Gedächtnisses
Welche waren also die wichtigsten Ideen von HALBWACHS' Theorie des kollektiven Gedächtnisses? Und was war das Bahn brechende daran? Um die Jahrhundertwende und noch zu HALBWACHS' Zeit herrschte die Ansicht vor, Gedächtnisinhalte seien biologisch vererbbar. Mit Begriffen wie der Alten Erbschaft und der Archetypen verfolgten Sig-mund FREUD und Carl Gustav JUNG in ihren Konzepten die Idee des kollektiv Unbewussten, das qua biologischer Weitergabe jedem individuellen Unbewusstsein eingeschrieben ist. Der Naturwissenschaftler Jean Baptiste de Monet DE LAMARCK ist ein weiterer bekannter Vertreter dieser Forschungsprämisse genetisch erworbener Eigenschaften. HALBWACHS wendete sich nicht nur von diesen Theorien ab, sondern auch von der individualistischen Gedächtnistheorie seines Lehrers Henri BERGSON (vgl. J. ASSMANN 2002a, 7f). 3
Im Mittelpunkt seiner Überlegungen, festgehalten insbesondere in HALBWACHS' erster Gedächtnisschrift von 1925 "Les cadres sociaux de la mémoire" 4 und seinem (unvollendeten) Spätwerk von 1950 "La mémoire collective" 5 , steht dagegen "das Soziale am (individuellen) Erinnern und das soziale Erinnern im Unterschied zu individuellen Gedächtnisleistungen" (ECHTERHOFF/SAAR 2002, 14f). Unsere individuellen Erinnerungen sind demnach immer kollektiv verankert. Fast klingt es wie ein Trost, wenn HALBWACHS schreibt:
"Das bedeutet, daß wir in Wirklichkeit niemals allein sind, (...) denn wir tragen stets eine Anzahl unverwechselbarer Personen mit und in uns" (1967, 2).
3 Darüber hinaus war HALBWACHS stark beeinflusst von seinem anderen Lehrer, dem Begründer der "fran-
zösischen Schule" Emile DURKHEIM, dessen Ansätze er auf gruppentheoretischer Ebene weiterverfolgte.
4 In Deutschland erstmals 1966 erschienen unter dem Titel "Das Gedächtnis und seine sozialen Bedingun-
gen".
5 In Deutschland erstmals 1967 erschienen unter dem Titel "Das kollektive Gedächtnis".
Das kulturelle Gedächtnis 9
Folgendes ist damit gemeint: Jedes Individuum hat sowohl Erinnerungen, die nur ihm selbst gehören und die nicht unmittelbar mit einer Gruppe geteilt werden können, als auch Gedanken und Kenntnisse von Begebenheiten, die quasi Allgemeingut sind. Paradoxerweise seien aber ausgerechnet erstere diejenigen, die sich nicht ohne weiteres ins Gedächtnis zurückrufen lassen, während letztere, gerade weil sie uns vertraut und leicht zugänglich sind, es auch für die anderen sind. Der Grund dafür liegt in der Tatsache, dass sich niemals das Kollektiv als Ganzes, sondern immer die einzelnen Individuen erinnern:
"Wenn überdies das kollektive Gedächtnis seine Kraft und seine Beständigkeit daraus herleitet, daß es auf einer Gesamtheit von Menschen beruht, so sind es indessen die Individuen, die sich als Mitglieder der Gruppe erinnern. (...) Wir würden sagen, jedes individuelle Gedächtnis ist ein 'Ausblickspunkt' auf das kollektive Gedächtnis" (HALBWACHS 1967, 31).
Je enger wir also mit einer Gruppe als Träger von kollektivem Gedankengut in Verbindung stehen, umso leichter sind auch die Erinnerungen, die wir mit ihnen teilen, erreichbar. Da wir aber unsere ureigenen Erinnerungen nur selten mit jemandem teilen oder reaktivieren können, sind sie auch schwerer zugänglich (ebd., 29f). Das Erinnern ist deshalb immer sozial bedingt und an die Zugehörigkeit zu Gruppen geknüpft, da wir, "um sie wiederzufinden, den gleichen Weg nehmen müssen" (HALBWACHS 1966, 201). Eine der grundsätzlichen Annahmen von HALBWACHS' Theorie ist dabei, dass Erinnerungen immer einem Prozess der Rekonstruktion unterliegen. Das heißt, Erinnerungen sind nicht ein einmal eingebranntes Bild in unseren Köpfen, sondern verändern sich im Laufe der Zeit, wenn beispielsweise neue Informationen durch Erzählungen oder Lektüre hinzukommen. Hier betont HALBWACHS die eminente Bedeutung der Sprache für die Rekonstruktion, denn sie sei Bedingung des kollektiven Denkens. Unentbehrlich ist jedoch ein Kern an tatsächlicher eigener Erinnerung, denn eine bloße Information sei lediglich "ein entliehenes Gedächtnis und nicht das meine" (HALBWACHS 1967, 35f). Rekonstruktion bedeutet also auch, dass unausweichlich das Hier und Jetzt in unser Bild von der Vergangenheit einfließt. Es findet eine Wechselwirkung statt, die Vorstellungen häufig zu Erinnerungen transformiert (ebd., 55f).
Das kulturelle Gedächtnis 10
Eine weitere Annahme besagt, dass sich jegliche Gedanken, unser Gefühls- und Geistesleben, und daher auch Erinnerungen, in so genannten Rahmen 6 entfalten, die für "mnemonische Ordnung" (ECHTERHOFF/SAAR 2002, 16) sorgen. Diese Rahmen sind als Anhaltspunkte zu verstehen, z.B. zeitlich und räumlich, die gesellschaftlich generiert sind und jedem Einzelnen Orientierung bieten. Eine Erinnerung ist dabei umso reicher, je größer die Anzahl der Rahmen ist, in denen sie verankert ist, denn jeder Zeitabschnitt hat eigene Rahmen bzw. "Konventionen", d.h. Verkettungen von Ideen und Urteilen. Verändern sich diese oder wechselt man die Gruppe, verschwinden auch die Rahmen und damit die darin verhafteten Erinnerungen (HALBWACHS 1966, 368ff). Dies ist nicht zuletzt der Grund, warum kürzlich geschehene Ereignisse leichter erinnert werden als länger zurückliegende. Während aber das Voranschreiten der Zeit oder die Veränderung des räumlichen Umfeldes als "natürlicher" Vorgang gelten können, hat die Gesellschaft darüber hinaus die Tendenz, Erinnerungen zu betonen, die die Gruppen in Übereinstimmung bringen können, und diejenigen auszuschalten, die möglicherweise trennend auf die ü-bergeordnete Gemeinschaft wirken (ebd., 382).
Den zeitlichen und räumlichen Eigenschaften dieser Rahmen widmet HALBWACHS besondere Aufmerksamkeit. Die Zeit ist demnach, im Gegensatz zur "Zeit der Philosophen" (HALBWACHS 1967, 126) und Mathematiker, ein rein soziales Konstrukt. Sie ist abhängig von der jeweiligen Gruppe, als deren gemeinsamer Denk-Rahmen sie dient. So wird die Zeit mit Inhalt gefüllt, mit Ereignissen, und erst dadurch wirklich. Der Geist kann dann die Erinnerung innerhalb der Zeit "lokalisieren" und rekonstruieren. Dem räumlichen Rahmen ist ebenfalls ein ganzes Kapitel in "Das kollektive Gedächtnis" gewidmet. Denn neben der Zeit bewahrt auch das "materielle Milieu", das uns umgibt, die Vergangenheit auf, so dass wir sie wiedererfassen können (ebd., 142). Bereits 1941 veröffentlicht HALBWACHS zu diesem Thema die umfangreiche Studie "La topographie légendaire des évangiles en Terre Sainte" 7 , die vermutlich nicht unwesentlich als empirischer Vorläufer für dieses Kapitel fungiert. Hier entwirft er unter starker Beachtung von architektonischen und geographischen Orten eine topologische Auffassung
6 Mit dieser Bezeichnung nimmt HALBWACHS den von Erving GOFFMAN für seine Methode verwendeten
Begriff der "Rahmen-Analyse" vorweg. Auch GOFFMAN interessiert sich für räumlich-soziale Phänomene,
wie z.B. in "Behaviour in Public Places" (1963) oder "Das Individuum im öffentlichen Austausch" (1982).
7 In Deutschland als letztes 2003 erschienen unter dem Titel "Stätten der Verkündigung im Heiligen Land.
Eine Studie zum kollektiven Gedächtnis".
Das kulturelle Gedächtnis 11
von Gedächtnis. Für HALBWACHS sind es die realen Orte selbst, an denen sich Erinnerung konkretisiert und materialisiert. Da nämlich Orte und räumlich Verankertes verhältnismäßig stabil und überdauernd sind, kann eine Orientierung an ihnen zur Kontinuität des kollektiven Gedächtnisses beitragen:
"Da innerhalb der Welt der Gedanken und Gefühle jedes dauerhafte Element fehlt, muß sie ihr Gleichgewicht mit Hilfe der Materie und in einem oder mehreren räumlichen Bereichen sichern" (HALBWACHS 1967, 157f).
Dabei findet eine Wechselwirkung statt, denn nicht nur die Gruppe ist in ihrem Sein von einer jeweiligen Örtlichkeit beeinflusst, sondern der Ort erhält auch das Gepräge der Gruppe. Allerdings wandeln sich Orte sehr viel langsamer als die Gruppe (ebd., 130ff). Dies ist leicht in vielen Städten nachzuvollziehen, deren Altstädte kaum noch ins heutige Stadtbild passen wollen und meist in erster Linie touristische Attraktion denn alltäglicher Lebensraum sind. Bei vielen neuen Museen hat man hingegen einen ganz anderen Eindruck: Hier scheint die Architektur, die den Ort maßgeblich formt, der Entwicklung der Gruppe weit voraus zu sein. Dieses Spannungsfeld ist aber nicht mehr nur auf die Metropolen beschränkt, sondern findet sich zunehmend auch in kleineren, in kultureller Hinsicht "unbedeutenderen" Städten. Als Beispiel sei die Guggenheim-Dependance in der spanischen Industrie- und Hafenstadt Bilbao genannt. Zusammenfassend lassen sich nach ECHTERHOFF/SAAR (2002, 17f) aus HALBWACHS' Schriften zum Gedächtnis fünf wesentliche Dimensionen des Erinnerns herauskristallisieren: • Kontextualität des Erinnerns,
d.h. die intersubjektiven Bezugsrahmen, an denen sich das Erinnern orientiert. Dazu gehören unter anderem Raum und Zeit. • Kommunalität des Erinnerns,
d.h. die soziale Situiertheit des Erinnerns in Gruppen, denn das Gedächtnis hat seinen Sitz in Erinnerungsgemeinschaften (die allerdings nicht zwingend anwesend sein müssen).
• Kreativität bzw. Rekonstruktivität des Erinnerns,
d.h. Erinnerungen sind lediglich Versionen der Vergangenheit und tragen als sol- che die Spuren der Zwecke und Kontexte ihrer Rekonstruktion. Sie werden je-
Das kulturelle Gedächtnis 12
weils in einen gegenwärtigen Rahmen eingepasst und unterliegen insofern auch Veränderungen. • Kommunikativität des Erinnerns,
d.h. Erinnerungen werden in kommunikativen Kontexten wie Lebensgeschichten, Erfahrungen, Bräuchen, Normen usw. tradiert. • Prozess der Identifikationsbildung durch Erinnern,
d.h. die Metathese, dass sich Identitätskonstitution über Erfahrungsverarbeitung und Gedächtnisbildung vollzieht.
In der Gedächtnisforschung wirft jeder dieser Aspekte zahlreiche weitere Fragen auf, u.a. psychologischer, soziologischer, historischer und philosophischer Art, die auch zunehmend interdisziplinär diskutiert werden. Für die Forschungsfrage dieser Arbeit sollen jedoch aus Gründen der sinnvollen Beschränkung nur die oben ausgeführten Aspekte im Vordergrund stehen.
2.2 Kommunikatives und kulturelles Gedächtnis
Der Historiker und ausgewiesene HALBWACHS-Kenner Jan ASSMANN unterscheidet unter dem Oberbegriff des kollektiven Gedächtnisses zwischen dem kommunikativen und dem kulturellen Gedächtnis: zwei verschiedene Gedächtnis-Rahmen, die er als "Modi des Erinnerns" bezeichnet und in biografische und fundierende Erinnerung trennt (J. ASSMANN 2002b, 50ff). 8 Damit knüpft er an eine Unterscheidung an, die HALBWACHS bereits andeutet, wenn er Geschichte, Tradition und Gedächtnis säuberlich voneinander trennen will. Dieser postuliert nämlich, dass
"die Geschichte im allgemeinen an dem Punkt beginnt, an dem die Tradition aufhört - in einem Augenblick, in dem das soziale Gedächtnis erlischt und sich zersetzt. Solange eine Erinnerung fortbesteht, ist es unnötig, sie schriftlich festzulegen, sie überhaupt festzulegen" (HALBWACHS 1967, 66). Dagegen bezieht sich ASSMANN zufolge das kommunikative Gedächtnis auf die jüngste, mündlich übermittelte Vergangenheit und reicht damit nicht weiter als drei bis vier Generationen zurück. Damit spezifiziert er einen Zeitraum, der bei HALBWACHS
8 Der Idee des von Jan VANSINA (1961 1 ) geprägten Begriffes "floating gap", der das kommunikative vom
kulturellen Gedächtnis trennt, folgt ASSMANN nicht, da es nur die Forscherperspektive widerspiegelt, nicht
aber die Innenperspektive der betroffenen Gesellschaften.
Das kulturelle Gedächtnis 13
noch nicht so klar eingegrenzt wurde, sich aber genauso auf die Lebensspanne der Generationen bezieht:
"Das Gedächtnis einer Gesellschaft erstreckt sich, so weit es kann, d.h. bis dorthin, wohin das Gedächtnis der Gruppen reicht, aus denen sie sich zusammensetzt. (...) Würde die Dauer des menschlichen Lebens verdoppelt oder verdreifacht, wäre der Bereich des kollektiven Gedächtnisses, in Zeiteinheiten gemessen, sehr viel ausgedehnter" (HALBWACHS 1967, 71). Der Begriff des kommunikativen Gedächtnisses bezeichnet also den sozialen Aspekt des individuellen Gedächtnisses. Er betont dabei insbesondere die von HALBWACHS wenig beachtete normative Komponente, die sich aus der Wechselwirkung von Sozialisation und Erinnerung ergibt (J. ASSMANN 2000, 200ff).
Dieser Modus stellt also ein Alltagsgedächtnis dar, das mit Kultur im engeren Sinne nichts zu tun hat, da die alltägliche Kommunikation ein hohes Maß an "Unspezialisiertheit, Rollenreziprozität, thematische Unfestgelegtheit und Unorganisiertheit" aufweist (J. ASSMANN 1988, 9f).
Das kulturelle Gedächtnis andererseits richtet sich auf Fixpunkte in der Vergangenheit und kann als institutionalisierte Mnemotechnik oder objektivierte Kultur verstanden werden, wozu Bücher, Ehrenmale, Gedenkrituale usw. gehören. Das kulturelle Gedächtnis bringt auf diese Weise Erinnerungsfiguren hervor. Damit meint ASSMANN die Transformation einer Idee oder eines historischen Faktums in einen kollektiven Gedächtnisinhalt (J. ASSMANN 2002b, 38), der durch kulturelle Formung und institutionalisierte Kommunikation wach gehalten wird. Der Begriff wurde in Anlehnung an HALBWACHS' Begriff der Erinnerungsbilder gewählt. Erinnerungsfiguren sind demnach durch drei Merkmale charakterisiert: einen konkreten Raum- und Zeitbezug, den konkreten Bezug auf eine Gruppe sowie die Rekonstruktivität. Das Gedächtnis rekonstruiert dabei nicht nur die Vergangenheit, sondern organisiert auch die Erfahrung der Gegenwart und Zukunft. Insofern bedingt die Gruppenerinnerung auch die Identität der Gruppe (ebd., 42ff). ASSMANN benennt dazu drei Funktionen, die die einheitsstiftenden und handlungsorientierenden Impulse des Wissens einer Gruppe zur Geltung bringen: "Speicherung, Abrufung, Mitteilung, oder: poetische Form, rituelle Inszenierung und kollektive Partizipation" (ebd., 56). Letzteres meint ganz konkret die Zusammenkunft und persönliche An- wesenheit, die selbst in Schrift-Kulturen nicht zu unterschätzen sei.
Das kulturelle Gedächtnis 14
Die Besonderheit des kulturellen Gedächtnisses ist aber nicht nur die fundierende Wirkung der Erinnerungsfiguren auf die Identität, sondern auch die Ausdifferenzierung. Die spezialisierten Gedächtnisträger, Wissensbevollmächtigte sozusagen, haben neben der unverfälschten Überlieferung noch eine andere Aufgabe, nämlich die der sorgfältigen Einweisung, die eine Partizipation am kulturellen Gedächtnis erst ermöglicht. Folge dieser Praxis ist einerseits eine kontrollierte Verbreitung der Gedächtnisinhalte, andererseits resultiert neben der Pflicht zur Teilhabe auch ein Recht darauf (ebd., 54f). Spricht ASSMANN als Althistoriker hier von einzelnen Gedächtnisträgern wie Schamanen, Barden, Schreibern und Gelehrten, ist für unseren Kulturkreis wohl vor allem die Institutionalisierung in Form von Museen, Opern, Bibliotheken usw. hervorzuheben, die weniger von der einzelnen Person abhängen, als ausdifferenzierte gesellschaftliche Organisationen darstellen. Der Mechanismus, oder zumindest der eigene Anspruch daran, bleibt jedoch gleich.
Sechs konstitutive Merkmale nennt ASSMANN (1988, 13ff) für das kulturelle Gedächtnis: • Gruppenbezogenheit, die sich durch identifikatorisch positive oder negative Besetzungen auszeichnet.
• Rekonstruktivität, d.h. der aktualisierende und perspektivierende Modus im Gegensatz zum bewahrenden Modus des Archivs.
• Geformtheit, im Sinne von kulturellen Objektivationen oder Kristallisationen wie Schrift, Bilder und Riten.
• Organisiertheit, d.h. institutionalisierte Kommunikation und Spezialisierung der Gedächtnisträger.
• Verbindlichkeit, d.h. normativ und formativ gültige Wertperspektiven und Relevanzgefälle bezüglich der Symbole und deren Funktion.
• Reflexivität, in Bezug auf die kulturelle Praxis, auf sich selbst (Auslegung, Kritik, Zensur usw.) und das Selbstbild der Gruppe.
Entscheidend ist dabei, dass sich das zum kulturellen Gedächtnis zusammengefasste Wissen in den verschiedenen Kulturen nicht nur inhaltlich, sondern auch im Laufe der Zeit verändert. Ebenso können Verbindlichkeit und Reflexivität, aber auch die allgemeinsten Grundeinstellungen zu Geschichte und Vergangenheit und damit zur Funktion des Erinnerns überhaupt starken Abweichungen unterliegen. Aufgrund dieser Offenheit
Das kulturelle Gedächtnis 15
bzw. der jeweiligen Ausformung einer Kultur können nun kulturtypologische Aussagen getroffen werden, nämlich "über das, was sie ist und worauf sie hinauswill" (ebd., 16). Zusammenfassend lässt sich zur Unterscheidung der beiden Gedächtnisformen sagen, dass die fundierende Erinnerung, also das kulturelle Gedächtnis, mit kulturellen Objektivationen arbeitet, während die biografische Erinnerung, also das kommunikative Gedächtnis, sich auf die alltägliche soziale Interaktion stützt. In Bezug auf das Museum sind m.E. beide Modi wichtig, als derartige Objektivationen nur mithilfe von ausgeprägter Kommunikation verstanden, angeeignet und weitergegeben werden können. Nach dieser Lesart kann das Museum möglicherweise eine Art Bindeglied zwischen beiden Gedächtnisformen darstellen.
Die schon bei HALBWACHS betonte Verräumlichung spielte bereits bei der in der Antike häufig beschriebenen Gedächtniskunst, der ars memoriae bzw. ars memorativa, eine große Rolle. Zur Veranschaulichung von Wissen und leichterem Memorieren von Zusammenhängen und Gedankengängen imaginierte man diese Inhalte in räumlichen Gebilden:
"Der Kern der ars memorativa besteht aus 'imagines', der Kodifizierung von Gedächtnisinhalten in prägnanten Bildformeln, und 'loci', der Zuordnung dieser Bilder zu spezifischen Orten eines strukturierten Raumes. Von dieser topologischen Qualität ist es nur ein Schritt zu architektonischen Komplexen als Verkörperungen des Gedächtnisses. Es ist der Schritt von Räumen als mnemotechnischen Medien zu Gebäuden als Symbolen des Gedächtnisses" (A. ASSMANN 1991, 14. Hervorhebung im Original).
Eines dieser klassischen Symbole ist die Bibliothek, eine Form des Archivs, wie es auch Museen sind. Gezielt werden hier Inhalte zum Zwecke des erinnernden Rückrufens angeordnet, wobei die gesammelten Objekte als Träger von Wissen und Bedeutung fungieren. Doch auch in der kollektiven und kulturellen Mnemotechnik, der "Erinnerungskultur", ist die Verräumlichung von Gedächtnisinhalten unabdingbar:
"Die Gedächtniskunst arbeitet mit imaginierten Räumen, die Erinnerungskultur mit Zeichensetzungen im natürlichen Raum" (J. ASSMANN 2002b, 60).
In diesem Zusammenhang wird häufig der Begriff der "Mnemotope", d.h. Gedächt- nisorte, benutzt. Zu diesem Thema hat sich insbesondere Pierre NORA hervorgetan, des-
Das kulturelle Gedächtnis 16
sen Ansatz, mit dem er durchaus an HALBWACHS anknüpft, im Folgenden besprochen werden soll.
2.3 Gedächtnisorte
Pierre NORA hat sich wohl am eingehendsten mit dem Phänomen der Gedächtnisorte beschäftigt. In seinem mehrbändigen Werk "Les Lieux de Mémoire" (1984-1993) 9 geht er dem französischen Kollektivgedächtnis und seinen speziellen "Orten" auf die Spur und kommt zu einem eher ernüchternden Ergebnis. Die in den letzten Jahren verstärkte Diskussion um Gedächtnis entspringe nämlich einer einfachen Tatsache:
"Nur deshalb spricht man so viel vom Gedächtnis, weil es keines mehr gibt" (NORA 1990, 11). Damit meint er den in modernen Gesellschaften fortgeschrittenen Zerfall der ursprünglichen Einheit von Gedächtnis und Geschichte in zwei gegensätzliche Formen der Erinnerung. Er proklamiert zum einen das Ende des Gedächtnisses als natürliche Weitergabe und Wiederholen von Wissen und Werten und zum anderen den Beginn der Geschichte als eine kritisch-intellektuelle Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Alles, was heute Gedächtnis genannt werde, sei somit in Wirklichkeit Geschichte. Der Museumssoziologe Heiner TREINEN kommt zu einem ähnlichen Ergebnis:
"Die kollektive Wertschätzung authentischer Objekte als Symbole für gedachte Kulturzusammenhänge findet überwiegend in solchen Epochen statt, in denen sich kulturelle Wandlungsvorgänge abspielen und kognitiv verarbeitet werden; in denen also Traditionen durch Prozesse der Reflexion über Geschichte, durch historisches Bewußtsein, ersetzt werden" (TREINEN 1990, 156f). Diese Sichtweise unterscheidet sich in gewisser Weise von der HALBWACHS' und ASSMANNS, diese Differenzen sollen hier aber vernachlässigt werden, um sich auf NORAS Konzept der Gedächtnisorte zu konzentrieren.
Im Zuge des Wandels entstehen also speziell ausgewiesene Orte, die uns die Vergangenheit vermitteln sollen, denen aber das Unmittelbare, Selbstverständliche, Sakrale und
9 Vgl. auch das deutsche Parallelwerk von FRANÇOIS/SCHULZE (2001). In diesem dreibändigen Werk wer-
den als deutsche Erinnerungsorte Themen wie Goethe oder die Berliner Museumsinsel behandelt. Die Her-
ausgeber betonen jedoch, dass dies "kein sinnstiftendes oder staatstragendes Projekt" im Sinne einer neuen
Nationalgeschichte sei, sondern vielmehr ein (durchaus skeptisches) "Nachdenken über die deutsche Ge-
schichte" (ebd., 23).
Das kulturelle Gedächtnis 17
auch die typische Unschärfe fehlt (NORA 1990, 12f). Gedächtnisorte, die bei NORA nicht nur räumlich zu verstehen sind und außer Museen, Bibliotheken oder Triumphbögen auch die Nationalflagge, Jahrestage oder Feste umfassen, sind ihm zufolge nicht nur Überreste, sondern "Ewigkeitsillusionen". Dazu führt er aus:
"Daher der nostalgische Aspekt dieser pathetischen und frostigen Ehrfurchtsunternehmen. Sie sind die Bräuche einer Gesellschaft ohne Brauchtum; flüchtige Heiligtümer einer Gesellschaft der Entheiligung; besondere Bindungen einer Gesellschaft, die alle Besonderheiten schleift; faktische Differenzierungen einer Gesellschaft, die aus Prinzip nivelliert, Erkennungszeichen und Merkmale der Gruppenzugehörigkeit in einer Gesellschaft, die dazu tendiert, nur noch gleiche und identische Individuen anzuerkennen" (NORA 1990, 17).
Dennoch, Gedächtnisorte vereinen stets drei Aspekte, nämlich einen materiellen, symbolischen und funktionalen Sinn, der einer Gruppe zur (historischen) Selbsterkenntnis (vgl. BINDER 2001, 199) verhelfen kann. Demnach sei eine Gedenkminute, bei der die Symbolik im Vordergrund steht, gleichzeitig ein materieller Zeitausschnitt und funktional wirksam, um eine Erinnerung wachzurufen (NORA 1990, 26). Am Beispiel des Museums hieße dies, dass der rein materiell ausgestattete Ort immer auch von einer symbolischen Aura umgeben ist und funktional als Ort des Lernens, der kulturellen Vergewisserung und/oder des sozialen Miteinanders wirksam wird.
Im Großen und Ganzen lässt sich der von NORA (nicht ohne Verachtung im Ton) benannte Wandel von Gedächtnis zu Geschichte an drei konkreten Merkmalen festmachen (ebd., 19ff). Ein erstes augenfälliges Merkmal des Wandels sei demnach eine allgemeine "Archivierungswut", die so genannte Musealisierung. Alles nur Greifbare wird gesammelt und aufgehoben, geordnet und aufgeschrieben, unter der Prämisse, dass es einmal ein wichtiges Zeugnis unserer heutigen Lebensform sein könnte. Die Beurteilung im Voraus, was wirklich von Bedeutung sein wird, ist indessen unmöglich. Und von kulturellen Leistungen ist hier nicht zwingend die Rede. Abgesehen von der waltenden Willkür hat diese Materialisierung des Gedächtnisses nicht nur enorme quantitative Ausmaße angenommen, sondern ist heute auch stark dezentralisiert und demokratisiert. Früher war es nur wichtigen Familien, der Kirche und dem Staat vorbehalten, die von Historikern "direkte Quellen" genannten, bewusst zur Überlieferung an die Nachwelt produzierten Artefakte zu archivieren. Kunstwerke oder Gesetze bildeten so Orte des Gedächtnisses. Heute tragen Privatpersonen, Unternehmen und Prominenz einen erheblichen Teil zu
Das kulturelle Gedächtnis 18
dieser Flut "indirekter Quellen" bei. Die künftige Verwendung von biografischen Aufzeichnungen, Sammlungen von Kaffeekannen oder archivierten Aktenbergen bleibt jedoch fraglich. Das Ergebnis sind u.a. maßlos aufgeblähte Gedächtnisinstitutionen wie Museen, Dokumentationszentren und Bibliotheken (die ja nur einen kleinen Teil darstellen), die NORA mit LEIBNIZ' Worten als "papiernes Gedächtnis" bezeichnet hat. Zweitens ziehe die neue Künstlichkeit im Umgang mit der Vergangenheit auch einen Wandel von der sozialen Praxis zum individuellen Zwang nach sich. Sie wird nicht mehr unmittelbar und spontan, allumfassend und unbewusst erlebt wie ehedem. Insofern bedeutet es das Zerbrechen einer alten Identitätsbeziehung, das zu einer neuen Identitätsfindung herausfordert. Diese ist allerdings Privatangelegenheit. Das traditionelle Feld der Historiker wird nun zunehmend von sämtlichen (Berufs-)Gruppen beackert, auf Erkundung nach der eigenen Genese.
Das dritte Merkmal der Metamorphose von Gedächtnis zu Geschichte sei die Betonung der Diskontinuität, des Risses zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Früher gab es drei Muster, sich die Zukunft (und daher auch die Vergangenheit) vorzustellen: als Wiederherstellung bzw. gleich bleibende Fortführung von Vergangenheit, als Fortschritt oder aber als Revolution (NORA 2002, 23). Die Gegenwart war das natürliche Bindeglied. Den heute (vermeintlich?) klaffenden Spalt versucht man, mit der genannten Archivierung und individuellen Identitätsfindung zu überbrücken. Wie konnte es zu diesem Bruch kommen, zu der heutigen Situation, die NORA "Epoche des Gedenkens" (2002, 23) getauft hat? Zwei Gründe seien für die "Gedächtniskonjunktur" (ebd.) verantwortlich. Zum einen die von Daniel HALÉVY formulierte "Beschleunigung der Geschichte" (vgl. 2001 [1961 1 ]), dass also selbst das Kontinuierlichste und Dauerhafteste in unserer Gesellschaft in Atem beraubendem Tempo der Veränderung unterliegt. Die traditionelle Geschichte verliert damit ihre einfache Linearität. Nicht zufällig wird auch von einem Ende der Kunstgeschichte gesprochen. 10 Zum anderen nennt NORA die "Demokratisierung" der Geschichte. War die Geschichtsschreibung seit jeher Sache der Mächtigen, ist sie heute vor allem in den Händen von Minoritäten. Man denke nur an die Debatten der Deutschen um Juden und Vertrie-
10 Insbesondereder renommierte Kunsthistoriker Hans BELTING hat sich mit diesem Thema ausführlich be-
schäftigt, das deutliche Parallelen zu der hier besprochenen Diskussion aufweist.
Das kulturelle Gedächtnis 19
bene. Aber nicht mehr nur gesellschaftliche Minderheiten, sondern scheinbar die gesamte Bevölkerung geht auf die Suche nach den Ursprüngen ihrer selbst.
2.4 Erinnern und Vergessen
Das kollektive Gedächtnis, also das gemeinschaftliche Erinnern an Ausschnitte der Vergangenheit, schließt immer auch das Vergessen all der anderen Ereignisse, Werte und Artefakte jener vergangenen Zeiten ein. Zu dieser untrennbaren Einheit von Erinnern und Vergessen stellt Niklas LUHMANN vielleicht etwas überspitzt fest:
"Die Hauptfunktion des Gedächtnisses liegt (...) im Vergessen" (LUHMANN 1997a, 579). An dieser Stelle kommen noch einmal HALBWACHS' Erkenntnisse über die Bezugsrahmen jeglicher Erinnerung zur Sprache, denn sie erklären in gleicher Weise den Mechanismus des Vergessens:
"Erinnern bedeutet Sinnstiftung für Erfahrungen in einem Rahmen; Vergessen bedeutet Änderung des Rahmens, wobei bestimmte Erinnerungen beziehungslos und also vergessen werden, während andere in neue Beziehungsmuster einrücken und also erinnert werden" (J. ASSMANN 1991, 347). Erst der Wandel dieser von HALBWACHS cadres sociaux genannten Rahmen, also die Veränderung der Lebensbedingungen und sozialen Verhältnisse im Laufe der Zeit oder durch örtlichen Wechsel, macht Vergessen möglich, denn den vormaligen Erinnerungen fehlt der äußere Halt. 11 Nur diejenigen Erinnerungen können deshalb reproduziert werden, die auch Anhaltspunkte innerhalb der neuen Rahmenbedingungen finden (vgl. HALBWACHS 1966, 368ff). Alles andere muss zwangsläufig und in durchaus funktionaler Weise verschwinden, denn eine unbegrenzte Anhäufung von (individuellen und kollektiven) Erinnerungen würde effizientes Handeln und Entscheiden unmöglich machen (vgl. FEHR 1990, 222). Was bleibt sind Erfahrungen, welche zwar haltbarer als Erinnerungen sind, aber angesichts neuer Rahmenbedingungen ebenfalls verloren gehen können (ebd.). 12
Der Mechanismus des sozialen Vergessens hat auch für die Institution des Museums Implikationen. Michael FEHR sieht den Ursprung des modernen Museums im Nicht-
11 Dieskann als weiterer Grund gewertet werden, warum die von Umberto ECO (1988) angedachte ars
oblivionalis, also "Kunst des Vergessens", im Gegensatz zur ars memorativa als Konzept obsolet ist.
12 Vgl. zur Thematik des sozialen Vergessens auch ESPOSITO (2002).
Das kulturelle Gedächtnis 20
Erinnern, also im Schwinden von kollektivem Gedächtnis und Tradition, und der Vorstellung, dass das Museum dem Vergessen Einhalt gebieten könnte (1990, 220f). Aus diesem Grund erscheint ihm das Museum mehr als "Ort des Vergessens" (ebd.) denn als einer des kollektiven Gedächtnisses. Reiner WIEHL spricht in diesem Zusammenhang von einer toten Kultur im Museum, die der gegenwärtigen, lebendigen gegenübersteht (WIEHL 1988, 44).
2.5 Zusammenfassung
Fassen wir die wichtigsten Aspekte des Gesagten zusammen: Maurice HALBWACHS vertrat als einer der ersten 13 die Überzeugung, dass es zwar individuelle Gedächtnisleistungen gibt, diese aber immer sozial bedingt sind, d.h. sozial vermittelt und auf die Gruppe bezogen. Er weist insbesondere auf die zeitliche und räumliche Rahmung dessen hin und zeigt die Wechselwirkung zwischen individuellem und kollektivem Erleben und Erinnern auf. Jan ASSMANN greift dieses Konzept auf und spezifiziert es genauer. Dabei trifft er die Unterscheidung zwischen einem alltagsnahen kommunikativen und einem alltagsfernen kulturellen Gedächtnis. Beide beschreibt er als Teil eines natürlichen Vorgangs. Pierre NORA hingegen empfindet die heutige Situation als unnatürlichen Bruch zwischen Geschichte und Gedächtnis. Dabei geht er vor allem auf die verstärkte Entstehung von Gedächtnisorten ein, die eine logische Folge von sich auflösenden Gedächtnisgemeinschaften in der modernen Gesellschaft seien, deren Verlust auf diese Weise kompensiert werden soll.
An dieser Stelle sollen noch einmal die Begriffe Gedächtnis und Erinnerung differenziert werden (A. ASSMANN 1991, 14ff): Während mit Gedächtnis im Allgemeinen eine Fähigkeit auf organischer Grundlage umschrieben wird, steht Erinnerung für den konkreten Vorgang des Einprägens und Rückrufens spezifischer Inhalte. Dem Gedächtnis wird die passive Speicherfunktion zugeschrieben, während die Erinnerung dem aktiven Prinzip
13 Zur gleichen Zeit bemühte sich auch einer der bedeutendsten Kunsthistoriker, Aby WARBURG, um die
Emanzipation von der biologischen Theorie. Der Begründer der ikonologischen Methode als eigenständi-
ger kunsthistorischer Disziplin prägte den Begriff des sozialen Gedächtnisses, wobei "Warburg die Kultur
als Gedächtnisphänomen und Halbwachs das Gedächtnis als Kulturphänomen untersuchte. Warburg inte-
ressierte sich für die Gedächtnisförmigkeit der Kultur, Halbwachs für die Kulturgeprägtheit des Gedächt-
nisses" (J. ASSMANN 2002a, 8).
Das kulturelle Gedächtnis 21
des Auffindens und Hervorholens unterliegt. Beide sind jedoch ein untrennbares Begriffspaar, da sie komplementäre Aspekte eines einzigen Komplexes darstellen. Die in diesem Zusammenhang häufig verwendeten Begriffe Mnemonik, Mnemotechnik usw. leiten sich ab von Mnemosyne (griech.: Erinnerung, Besonnenheit), der Göttin der Erinnerung und Mutter der Musen.
Welche Bedeutung haben die genannten (aufeinander aufbauenden) Ansätze nun für das Forschungsthema? Die übergeordnete Frage lautet dabei, inwiefern Museen heute Orte des kulturellen Gedächtnisses sind.
In den verschiedenen Ansätzen zum kollektiven bzw. kulturellen Gedächtnis werden Museen häufig eher nebenbei und ganz selbstverständlich abgehandelt, ihre Bedeutung wird kaum kritisch hinterfragt. Unklar ist jedoch, welchen Stellenwert das Museum unter den vielfältigen anderen Institutionen tatsächlich für das kulturelle Gedächtnis einnimmt. Inwiefern haben Museen die Kraft, das kollektive Denken zu rahmen und Orientierung zu bieten? Woran lässt sich die Bezeichnung Gedächtnisort konkret festmachen? Worin bestehen genau die materiellen, symbolischen und funktionalen Aspekte des Museums? Was können diese leisten für das Kollektiv oder inwiefern wird das Kollektiv erst durch sie geformt?
Der Raum als soziologisches Konstrukt 22
3. Der Raum als soziologisches Konstrukt
Bei den theoretischen Positionen zum kulturellen Gedächtnis war bereits mehrfach von der räumlichen Bedeutung die Rede, deshalb soll zunächst einmal aus soziologischer Perspektive auf die Begriffe von Raum und Ort, von relational und absolut eingegangen werden. Vor allem Martina LÖW hat in ihrer Abhandlung zur Raumsoziologie (2001) diese Konzepte umfassend diskutiert. Insbesondere auf den Museumsraum bezogen soll dann Michel FOUCAULTS Konzept der Heterotopologie zur Sprache kommen und mit LÖWS allgemeiner Theorie zusammengeführt werden. Ziel ist es in diesem Abschnitt, theoretisch zu fundieren, wie sich das kulturelle Gedächtnis räumlich verankert und welche potentielle Bedeutung der Raum bzw. Ort für die kulturelle Institution des Museums einnimmt.
Vorweg sei über die soziologische Beschäftigung mit Raum angemerkt, dass dieser Forschungsbereich lange als sehr vernachlässigt galt, insbesondere im Gegensatz zur Dimension Zeit. Zwar beschäftigten sich bereits Georg SIMMEL, Emile DURKHEIM und andere "Klassiker" mit dieser Thematik, der Durchbruch scheint dem Raum als soziologisches Forschungsfeld aber erst in letzter Zeit gelungen zu sein. Als Gründe dafür werden u.a. spürbare Auswirkungen von neuen technologischen Errungenschaften oder auch die Umstrukturierung städtischer Räume genannt (vgl. Löw 2001, 11). Wegweisende Arbeiten haben beispielsweise auf handlungstheoretischer Ebene Elisabeth KONAU (1977) oder aber Dieter LÄPPLE (1991) vorgelegt. Insbesondere Pierre BOURDIEU oder Michel FOUCAULT widmeten wesentliche Teile ihres Werkes der Dimension Raum. Aber auch andere Ansätze werden in den folgenden Abschnitten aufgezeigt. Im Zuge der unmittelbar wahrnehmbaren Folgen einer globalisierten Welt, und nicht zuletzt der des virtuellen Raums, haben verschiedene Autoren in den letzten Jahren auch von "Enträumlichung" (AHRENS 2001) oder "the death of distance" (CAIRNCROSS 1997) gesprochen und die mittlerweile umfangreiche Debatte weiter belebt. Von der anhaltenden Bedeutung, die dem Raum heute im wissenschaftlichen Diskurs zugemessen wird, zeugen aber auch aktuelle Sammelbände wie "Die Gesellschaft und ihr Raum" von KRÄMER-BADONI/KUHM (2003).
Der Raum als soziologisches Konstrukt 23
3.1 Absolutistische und relativistische Raumkonzepte
Die verschiedenen absolutistischen Raumkonzepte haben ihren Ursprung in der Antike und basieren auf der dreidimensional ausgerichteten euklidischen Mathematik. Diese ist auch für unsere heutige Vorstellung von Raum noch dominierend. Das ist nicht selbstverständlich, denn die Vorstellung von Raum muss immer erst erlernt werden und kann sich also auch verändern (LÖW 2001, 73). Während Albert EINSTEIN für dieses Raumkonzept den englischen Begriff container prägte, setzte sich in der deutschen Rezeption die Übersetzung Behälterraum durch. Soziale Prozesse werden hier als unabhängig vom Raum verstanden, der diese lediglich beherbergt oder umschließt, aber auch ohne sie als leerer Behälter existieren kann. Der Raum ist also a priori vorhanden und strukturiert als solcher das Handeln der in ihm befindlichen Menschen. Auf diese Weise entsteht eine einseitige Abhängigkeit der zwei voneinander getrennten Realitäten Mensch und Raum. LÖW unterscheidet in dieser theoretischen Behandlung von Raum drei vorherrschende absolutistische Konzeptionen: den ortsbezogenen, den territorialen und den Kantschen Raumbegriff, deren soziologische Vertreter vor allem BERGER/LUCKMANN und GIDDENS sind, in Ansätzen auch LUHMANN und PARSONS. Ihren Positionen gemein ist zum einen die Verdinglichung des Raums, die Fixiertheit bedeutet und daher Beweglichkeit oder gar die Vorstellung von mehreren Räumen an einem Ort von vornherein verneint. Zum anderen werden mögliche symbolische Verknüpfungen mit Raum nicht berücksichtigt (LÖW 2001, 63ff).
Pierre BOURDIEU ist der vielleicht wichtigste soziologische Vertreter, der sich mit Raumkonzepten beschäftigt hat, und zwar in einer Mischung aus absolutistischen und relativistischen Elementen. Er unterscheidet drei Arten von Räumen, die sich alle überlappen (können): den physischen, den sozialen und den angeeigneten physischen Raum (BOURDIEU 1991). Der physische Raum ist dabei abstrakt zu verstehen, also unter bewusster Ausblendung aller sozialen Konstruktionen und Objektivationen. In ihm realisiert sich, in Form von sich überlappenden Subräumen, der soziale Raum, der infolge von Güter- und Personenverteilung verschiedene Wertigkeiten aufweist. Die dritte Form, der angeeignete physische Raum, steht für die Aneignung von im Raum verteilten Gütern
Arbeit zitieren:
Susanne Debbas, 2004, Das Museum als Ort des kulturellen Gedächtnisses, München, GRIN Verlag GmbH
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