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Globalisierung - Auswirkungen auf die “Dritte Welt“
1. Zum Begriff “Globalisierung“
Der Begriff “Globalisierung“ tauchte zu Beginn der 70er Jahre mit dem Satellitenfoto vom “blauen Planet“ Erde auf. 1 Nachweislich Verwendung fand der Begriff 1972 von Modelski für die Beschreibung der europäischen Expansion, die die Eroberung der Erde und einen weltumspannenden Güteraustausch zur Folge hatte. Nach diesem Begriffsverständnis, das sich u.a. bei Beck oder der “Gruppe von Lissabon“ findet 2 , läßt sich Globalisierung als Entstehung einer internationalisierten Welt verstehen. 3
Globalisierung wird aber in der gegenwärtigen Diskussion nach Scholz in der ungehinderten Ausdehnung des Warenhandels und der Warenproduktion, sowie der ungehinderten Bewegung und Übertragung von Ideen, Sehnsüchten, Hoffnungen und Träumen, der Erschließung neuer Absatzmärkte,
Arbeitsreservoirs und natürlichen Ressourcen über räumliche, politische und kulturelle Schranken hinweg, deutlich. 4 Dabei werden soziale, ökonomische, kulturelle und politische Vorgänge angefacht, beeinflußt aber auch “wechselseitig gesteuert“. 5 Hierfür stehen die Ausdrücke “Entgrenzung“ der Finanzströme, der Märkte und Marktsysteme, des Wettbewerbs, der Regulierungsmechanismen und der Nationalstaaten sowie die Ubiquität von Lebensweisen, Konsumverhalten, kulturellen Leben und sogar von Wahrnehmung und Bewußtsein. 6
Notwendige Voraussetzungen werden hierfür im entgrenzten Wettbewerb eines globalisierten Kapitalismus, in der weltweiten Ausdehnung und im ubiquitären
1 vgl. Bundeszentrale für politische Bildung: Globalisieung, 1999, H. 263, S. 2.
2 vgl. Beck 1997, S. 42 ff; vgl. auch Beck 1999, S. 40 ff.; vgl. aber auch DGL 1997, S. 44 ff.
3 vgl. Altvater/Mahnkopf 1999, S. 54 ff.
4 vgl. Scholz: Perspektiven des “Südens“ im Zeitalter der Globalisierung. In: Geographische
Zeitschrift, 52, H. 1, S. 2.
5 vgl. ebd.
6 vgl. ebd.
3
Zugang der Kommunikationstechnologien, der Entstofflichung der Produktion, der Standortmobilität von Produktions- und Informationssystemen sowie im supranationalen politischen Zusammenspiel gesehen. Somit versteht man unter dem Begriff “Globalisierung“ einen
“weltdurchdringenden Angleichungs- und Homogenisierungsprozeß“. 7
Dagegen steht die Auffassung, daß es sich bei der Globalisierung nicht um eine “soziale homogene Dynamik“ handelt, sondern Globalisierung vielmehr eine “globale Umstrukturierung und damit verbundene Heterogenisierung“ bewirkt. Dies wird in gleichzeitig ablaufenden integrierenden und fragmentierenden Prozessen deutlich. 8 Die Fragmentierungsprozesse werden z.B. von Wallenstein als “Ausdruck allgemeinen Weltzerfalls“ gedeutet, sie zeigen sich aber auch als “Zergliederung der Welt in das OECD-Gravitationszentrum ... und in die übrige Welt“ nach Senghaas. Aus sozial- und regionalwissenschaftlicher Sicht besitzt die Globalisierung mit der einhergehenden Fragmentierung eher die “Gestalt sich verschärfender sozialer und regionaler Disparitäten“. Diese Disparitäten werden in folgenden positiven aber auch negativen Erscheinungen und Prozessen deutlich 9 :
- lokaler Standortschwäche,
- Arbeitslosigkeit,
- Ausgrenzung (Exklusion),
- Marginalisierung,
- Verelendung,
- lokaler und globaler Massenarmut und Massenmigration,
- Flucht und Verharrung, die bedingt ist durch Unsicherheit und Aggression,
aber auch in:
- individuellem oder regionalem Reichtum,
- ökonomischer Partizipation,
- bewußter Abgrenzung (Inklusion),
7 vgl. Scholz: Perspektiven des “Südens“ im Zeitalter der Globalisierung. In: Geographische
Zeitschrift, 52, H. 1, S. 2.
8 vgl. ebd., S. 7.
9 vgl. ebd., S. 7 f.
4
- Standortzugewinnen,
- sozialem Aufstieg;
1.1 Abgrenzung zu Internationalisierung und Multinationalisierung
Der Austausch von Rohstoffen, Industrieprodukten sowie Dienstleistungen, Geld, Ideen und Menschen zwischen zwei oder mehreren Nationalstaaten wird als Internationalisierung verstanden. 10 Als Multinationalisierung wird der Transfer oder die Verlagerung von Ressourcen und besonders Kapital, in geringem Maße auch von Arbeit, von einer Volkswirtschaft in eine andere bezeichnet. 11 Im Vergleich Globalisierung zu Internationalisierung und Multinationalisierung liegt hier nach Scholz ein Unterschied in inhaltlicher, phänomenologischer und struktureller Sicht vor.
Scholz zieht in diesem Fall Beck und Tezlaff heran, die Globalisierung als “unrevidierbar“ und als “irreversibel“ bezeichnen, da der enthaltene Prozeß der Entgrenzung, der Übergang von einem nationalen zu einem globalen Kapitalismus, in der Globalisierung, ein neues Phänomen darstellt. Alle darin verflochtenen Voraussetzungen und Effekte, sind weder aufhebbar noch umkehrbar. 12
1.2 Vorphase der Globalisierung
Das Aus des klassischen Systems von Bretton Wood im August 1971 stellte die Weichen für den Angleichungs- und Homogenisierungsprozeß. Nach der Meinung von Scholz wurde der notwendige Zeitgeist in Gestalt des Neonliberalismus wissenschaftlich z.B. v. Hayek, Friedman oder Giddens geliefert. Den “faktischen Anstoß“ sieht er aber eher im Treffen von Rambouillet 1975, aber auch in der Erdölkrise zu Beginn der 70er Jahre und in der Mitte desgleichen Jahrzehnts in der aufkommenden Krise des Fordismus, sowie die “Inflexibilität“ der britischen Produktionsorganisation unter Premierminister
10 vgl. DGL 1997, S. 44
11 vgl. ebd., S. 46.
12 vgl. Scholz: Perspektiven des “Südens“ im Zeitalter der Globalisierung. In: Geographische
Zeitschrift, 52, H. 1, S. 2.
5
Taylor. Das Signal für den Umbruch ging zum einen von den sogenannten ostasiatischen Aufsteigerstaaten, dem britischen Thatcherismus und zum anderen vom amerikanischen Reaganismus aus. 13
Zum Begriff “Dritte Welt“ 14 2.
In den vergangenen fünf Dekaden wurde zunehmend sichtbar, daß der Lebensstandard in vielen Ländern der Erde im Vergleich zu anderen gravierende Unterschiede aufweist. Allgemein könnte man von “armen“ und “reichen“ Ländern sprechen. Die weniger reichen Länder werden oft als “rückständig“, “unterentwickelt“, “unerschlossen“, “weniger entwickelt“ oder “entwicklungsbedürftig“ bezeichnet. Alle diese Begriffe sind jedoch relativ; denn man stellt Vergleiche an mit dem “fortschrittlichen“, “entwickelten“ oder “mehr entwickelten Ländern“. Die aktuell gängigen Begriffe sind “Dritte Welt“ oder der “Süden“.
Die Bezeichnung “Dritte Welt“ fand zunächst in den 50er Jahren in Frankreich Verwendung. In den 60er Jahren wurde der Begriff zum Bestandteil einer Dreiteilung der Welt auf der Grundlage politischer und wirtschaftlicher Gegebenheiten: Zur “Ersten Welt“ gehören die Industrieländer mit marktwirtschaftlicher Ordnung, sowohl allgemein die “kapitalistische“ oder westliche Welt genannt als auch mit der OECD-Welt und nicht selten mit dem Westen gleichgesetzt 15 ; die “Zweite Welt“ umfaßt die sozialistischen Länder mit zentraler Planwirtschaft; zur “Dritten Welt“ zählen die ärmeren Länder, von denen die meisten zwischen 1492 und 1945 Kolonien 16 der Europäer waren.
Die Begriff Schwellenländer fällt, wenn Entwicklungsländer im Begriff sind, sich zum Industriestaat zu entwickeln. Gegenüber den reinen Entwicklungsländern,
13 vgl. ebd.
14 Dieses Kapitel basiert auf: Dickenson 1985, S. 1 ff.
15 Der OECD haben sich aber auch Mexiko und Südkorea angeschlossen. Vgl. Nuscheler: Das
Nord-Süd-Problem. In: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.) 1997: Grundwissen Politik,
Bd. 345, S. 439.
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deren Wirtschaft in erster Linie auf der Landwirtschaft und dem Export von Rohstoffen basiert, findet in den Schwellenländern die Produktion eigener Industriegüter statt. Hierzu werden derzeit die ost- und südostasiatischen Länder Südkorea, Taiwan, Hongkong, Singapur, Malaysia und Thailand sowie die südamerikanischen Staaten Brasilien und Venezuela gerechnet. Sie werden häufig mit der Abkürzung NICs ( Newly Industrializing Countries) gekennzeichnet. 17
2.1 Einteilung der Welt in “Norden“ und “Süden“
Seit der Veröffentlichung der Nord-Süd-Kommission (1980): “Das Überleben sichern. Gemeinsame Interessen der Industrie- und Entwicklungsländer“, die allgemein als der Brandt-Report bekannt ist, wird der Begriff “Dritte Welt“ zunehmend durch den Terminus “Süden“ ersetzt. In ihrem Bericht unterscheidet die Brand-Kommission zwischen dem “reichen, entwickelten Norden“ und den “armen, entwicklungsbedürftigen Süden“. Ein Jahr später wählte die Süd-Kommission unter der Leitung des ehemaligen Präsidenten Tanzanias, Julius Nyerere, in ihrem Bericht die “Herausforderung des Südens“ diese Definition:
“Der Süden umfaßt die Gesamtheit der Entwicklungsländer,
also diejenigen Länder, die von den Vereinigten Nationen als
´weniger entwicklete Länder´ (LDC = Less Developed
Countries) eingestuft werden.“ 18
In der Literatur wird der Begriff “Südländer“ als zu ungenau kritisiert, da auch einige im Süden des Globus gelegene Länder wie Australien und Neuseeland, zu den westlichen Industrienationen zählen. 19
16 Es gibt aber auch Länder der “Dritten Welt“ wie z.B. Afghanistan, Liberia, China oder der Iran,
die zwar nie Kolonie waren, aber dennoch aufgrund ihrer wirtschaftlichen und sozialen Struktur
zu den Entwicklungsländern zählen.
17" vgl. Microsoft Encarta Enzyklopädie 1997: Schwellenländer (siehe hierzu Kapitel 4.1.1 “Tiger-
Staaten“).
18 Bericht der Süd-Kommission, Die Herausforderung des Südens, 1991, zitiert aus Nuscheler:
Das Nord-Süd-Problem. In: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Grundwissen Politik,
Bd. 345, 1997, S. 439.
7
2.2 Einteilung der Länder nach dem Bruttosozialprodukt
Eine andere Einteilungsmöglichkeit nimmt die Weltbank vor. Sie teilt in ihrem Bericht von 1991, ausgehend vom Bruttosozialprodukt (BSP) pro Kopf und Jahr, die Länder der Welt in vier Gruppen ein: in die Länder mit niedrigen Einkommen, in die Länder mit einem unterdurchschnittlichen Einkommen, in die Länder mit einem überdurchschnittlichen Einkommen, in die Länder mit einem hohen Einkommen.
Zu den Ländern mit dem niedrigen Einkommen zählen die Staaten, deren BSP 1991 unter $ 650 lag. Zu dieser Kategorie zählen Staaten wie z.B. Burkina Faso, Mali, Pakistan oder Indien.
Bei den Staaten mit einem unterdurchschnittlichen Einkommen lag der Wert des BSP zwischen $ 650 und $ 2520. Länder wie z.B. Algerien, Marokko, Argentinien oder Malaysia zählen zu dieser Gruppe. Von Staaten mit einem überdurchschnittlichen Einkommen sprach die Weltbank, wenn das BSP zwischen $ 2530 und $ 7620 lag. Zu dieser Kategorie zählen Länder wie z.B. Saudi-Arabien, Brasilien, Südafrika oder Mexiko. Zu der vierten Gruppe, Staaten mit hohem Einkommen, gehören die Länder, deren BSP höher als $ 7620 war. Bei diesen Staaten handelt es sich in erster Linie um die westeuropäischen Industrieländer, Die USA, Japan, Australien und Kanada.
Das Einkommen ist nur ein mögliches Kriterium, um den Entwicklungsstand eines Landes wiederzugeben. Daneben gibt es noch weitere gesellschaftliche und wirtschaftliche Kriterien der Differenzierung: Wenn man die Bevölkerung in der Dritten Welt mit der der reicheren Länder vergleicht, so ist ihre Ernährung sowohl qualitativ als auch quantitativ schlechter. Es sind mehr Menschen in der Landwirtschaft beschäftigt, die durchschnittliche Lebenserwartung ist niedriger und ein hoher Prozentsatz der Bevölkerung sind Analphabeten. Hauptsächlich werden Produkte aus der Landwirtschaft und dem Bergbau exportiert, und
19 vgl. Nohlen 1993, S. 173.
8
häufig bringen nur ein oder zwei Erzeugnisse den Hauptanteil am Exporterlös. Diese und andere Kennzeichen können dazu dienen, das “Commonwealth der Armut“ zu beschreiben. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch, daß diese Maßstäbe nicht immer dieselben Länder umschließen, so daß die Grenzen der Dritten Welt fließend sind. Darüber hinaus kann man die Anzahl der Länder, die ein- oder ausgeschlossen sind, durch geringe Manipulationen der Maßstäbe verändern.
Es soll noch einmal deutlich daraufhin gewiesen werden, daß es bemerkenswerte Abweichungen sogar innerhalb dieser umfassenden Gruppierungen gibt; selbst das ökonomische Kriterium des Bruttosozialprodukts muß differenziert betrachtet werden: 20
Im Jahr 1994 lag das Pro-Kopf-Einkommen in den Ländern mit niedrigen und mittleren Standard zwischen $ 330 in Ruanda und $ 5130 in Südafrika. 21
Von den 40 Ländern mit einem BSP von weniger als $ 650 pro Kopf, welche die Weltbank zu den ärmsten Ländern der Welt zählt, Liegen 28 in Afrika, 9 in Asien und nur 3 Länder (Haiti, Honduras und Nicaragua) in Lateinamerika. Aus solchen Aussagen ließe sich schließen, daß Amerika weniger arm und unterentwickelt sei als Afrika und Asien. Solche Unterschiede weisen auf einen wichtigen Aspekt in jeder Diskussion über die Dritte Welt hin: das es die “Dritte Welt“ nicht gibt. Die “Dritte Welt“ ist keine homogene Staatengemeinschaft, sondern sie setzt sich aus den unterschiedlichsten Ländern zusammen. So werden Schwellenländer wie Argentinien oder Südkorea ebenso unter diesen Begriff subsumiert wie auch die kaum entwickelten Staaten Tansania oder Mali. Hieran kann man gut erkennen, daß es auch unter den Entwicklungsländern Staaten gibt, die reicher und industrialisierter sind als andere. Wichtigste Gemeinsamkeit aller Dritte Welt Staaten ist, daß sie wirtschaftlich noch nicht so weit entwickelt sind wie die Industrienationen. Außerdem wirken neben dem durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen und dem gesamtwirtschaftlichen
20 Fischer Weltalamanach 1993, S. 488 und S. 567.
21 vgl. Tabelle : Sozioökonomische Kennzahlen der ASEAN-Staaten 1994.Quelle: Weltbank
1996, Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen 1996, Far Eastern Economic Review
1997. In: Geographische Rundschau, 49, S. 703.
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Sandra Kaske, 2000, Globalisierung und Entwicklungsländer, München, GRIN Verlag GmbH
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