INHALTSVERZEICHNIS
A: EINLEITUNG S.1
B: HAUPTTEIL S.2
1.) Das Spiel mit Wörtern des gleichen Stammes oder Klanges: Die Paronomasie S.2
1.1
Das Wortspiel mit Wörtern desselben Stammes unterbestimmten
Bedeutungsverschiebungen S.2
1.2
Das Wortspiel mit Wörtern verschiedener Herkunft und Bedeutung,
aber gleicher bzw. ähnlicher Lautung S.9
2.
Das Spiel mit der metaphorischen Bedeutung des Wortes: Die Amphibolie S.10
3. Das Spiel mit den Bedeutungsnuancen, - wandlungen und - spaltungen S.12
C: SCHLUSSBETRACHTUNG S.13
BIBLIOGRAPHIE S.15
1. Primärliteratur S.15
2. Sekundärliteratur S.15
ANHANG
II
A: EINLEITUNG
Leonce: Mensch, du bist nichts als ein schlechtes Wortspiel. Du hast weder Vater noch Mutter,
1 sondern die fünf Vokale haben dich miteinander erzeugt.
Die Äußerung des Prinzen Leonce über den Narren und Kumpanen, Valerio, dieser sei nichts weiter als ein schlechtes Wortspiel, weist in metasprachlicher Funktion der Sprache bereits darauf hin, dass die rhetorischen Mittel, das Wortspiel im Besonderen, in Büchners Leonce und Lena eine tragende Rolle spielen. Indem Leonce ihm diese Einschätzung zu Teil werden lässt, klassifiziert er ihn sogleich als den Hauptproduzenten sprachlicher Virtuositäten, während die Anmerkung bzgl. seiner „Erzeugung“ einen Hinweis auf die Bildung der Wortspiele selbst gibt. 2 , Dass diese Feststellung jedoch nicht ausreichen kann, um das Wortspiel als stilistische Figur zu definieren zeig en die verschiedenen Positionen der Forschung, die sich mit dem Phänomen in der Literaturwissenschaft
3 Ein Hauptproblem der Begriffsbestimmung scheint dabei sowie in der Linguistik auseinandergesetzt haben.
die Herangehensweise der verschiedenen Untersuchungen selbst zu sein, die zum einen nach äußeren, 4 zum anderen sich in detailgenauen Einzelanalysen bildungsspezifischen Kriterien zu abstrahieren versuchen, 5 Neben dem Versuch verstricken, ohne dabei die Zusammenhänge, denen sie entstammen, zu berücksichtigen. 6 , zwei 7 oder gar sechs 8 Kategorien, findet man vermehrt die Gliederung in drei einer Einteilung in eine
9 welche auch der folgenden Arbeit zu Grunde liegt. Während die ersten beiden Gruppen, das Rubriken,
Wortspiel durch die Paronomasie (Kapitel 1.1) s owie durch die Amphibolie (Kapitel 1.2) die Bildungsmechanismen durch Klang und Wortstamm zum einen sowie die Bedeutung zum anderen einschließen, stellt die dritte Kategorie eine Art „Sammelbecken“ dar, welches Wortspiele ganz bestimmter Prinzipien umfasst, die sich weder der Paronomasie noch der Amphibolie exakt zuordnen ließen. Da die Untersuchung spezifisch an einem ausgewählten Werk vorgenommen bzw. nur Beispiele aus dem Lustspiel zur Verdeutlichung der theoretischen Kriterien herangezogen wurden, war die Konsequenz, dass sich die Theorie dem Praktischen, d.h. dem vorgegeben literarischen Fundus anpassen musste und nicht umgekehrt. Infolgedessen fiel die Gewichtung der einzelnen Rubriken nicht völlig einheitlich aus, vielmehr bestimmten die Auswahl der Sekundärliteratur, der Dramenkontext sowie die jeweils sprechenden Figuren die Auswahl, um ein möglichst prägnantes, aber zugleich breit angelegtes Spektrum der Wortspielverwendung aufzuzeigen. Da sich folglich die Analyse der Sprache anhand des Lustspiels entwickelt, wird eine
1 Georg Büchner: Sämtliche Werke und Briefe. Historisch-kritische Ausgabe mit Kommentar hrsg. von Werner R. Lehmann. Erster Band.
Dichtungen und Übersetzungen mit Dokumentationen zur Stoffgeschichte (Büchners Werke. Hamburger Ausgabe in vier Bänden), Darmstadt
1967, S.155, I. Akt, 3. Szene, S.115, V.28-30. Im Folgenden zitiere ich aus dieser Quelle durch Angabe der Seiten-/Akt-/Szenen sowie Verszahl
im laufenden Text.
2 Vgl.: Wagenknecht, Christian Johannes: Das Wortspiel bei Karl Kraus (Palaestra. Untersuchungen aus der deutschen und englischen Philologie
und Literaturgeschichte 242), Göttingen 1965, S.9/10, Kohl, Norbert: Das Wortspiel in der Shakespeareschen Komödie. Studien zur
Interdependenz von verbalem und aktionalem Spiel in den frühen Komödien und den späten Stücken, Diss. phil., Frankfurt am Main 1966, S.63;
Mautner, Franz Heinrich: Das Wortspiel und seine Bedeutung. Grundzüge der geistesgeschichtlichen Darstellung eines Stilelementes, in:
Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 9 (1931), S.679-710, S.680. Die Problemati k der Definition des
Wortspiel wird häufig der eigentlichen Untersuchungen vorangestellt, um die eigene Kategorisierung zu relativieren.
3 Eine Zweiteilung der Sekundärliteratur über das Wortspiel aus der Sichtweise der Literaturwissenschaft und der Linguistik ist durchaus
gegeben, wobei sich jedoch in einzelnen Untersuchungen die Bereiche überschneiden können.
4 Vgl.: Mautner, S.679. Den Grund für diese Bestimmungstendenz sieht Mautner in der Tatsache gegeben, dass der Mechanismus der Bildung
beim Wortspiel auffälliger sowie zu einer Auflösung reizender ist als bei irgendeinem anderen Sprachkunstwerk oder Stilmittel.
5 Vgl.: Mautner, S.680, Kohl, S.61. Kohl spricht hier betont von einer Einzelwirtschaft bei „extreme[m] Klassifikationsgeist“(S.61), der in eine
„definitionslose“ (S.61) Beschäftigung mit dem Thema zu expandieren droht.
6 Vgl.: Wagenknecht, S.11, Anm. 10, 12, 14, 15, S.12, Anm.11, 13.
7 Vgl.: Wagenknecht, S.11, Anm. 9. Die ältere Forschung grenzt wiederkehrend die beiden Bereiche Klang und. Bedeutung voneinander ab.
8 Vgl.: Schultz, Julius: Psychologie des Wortspiels, in: Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft (1927), zitiert nach Mautner,
S.679, Anm. 3, Mautner, S.80. Schultz unterscheidet „etwa sechs leidlich umgrenzbare Typen“(S.680).
9 Vgl.: Kohl, S.89, Maunter, S.682.
1
Verquickung und gegenseitige Durchdringung der Aspekte wie etwa Interpretation und mögliche Intensionen des Autors die reine Darstellung der Bildungsmechanismen ergänzen. Dies bildet zugleich die Voraussetzung für die zentrale Frage nach Aufgabe und Sinn, die das Wortspiel speziell in Büchners Leonce und Lena zu erfüllen sucht. Als romantisches, denkbar unkompliziertes Märchen belächelt, wurde dem Lustspiel im Vergleich mit Büchners übrigen Dramen lange Zeit wenig Aufmerksamkeit gewidmet, sodass sich die Gesamtwertung auch auf die Würdigung der Sprache übertragen musste. In Wiederholungen, leeren Gleichungen und Variationen sah man die Worte um sich selbst kreisen und stets das gleiche ausdrücken, 10 auch wenn sie ab und an ihr Kostüm wechseln sollten, das Prinzip der Monotonie jedoch schien unbestritten. Dass allerdings weder die abwertende Zuordnung zur Epoche der Romantik, die im Übrigen ihrer ganzen
11 noch die Gattungsbestimmung „Märchen“ Eigenart nach für das sprachliche Spiel wie geschaffen war,
Leonce und Lena treffend charakterisiert, soll sich an der Untersuchung des Wortspiels exemplarisch zeigen.
B: HAUPTTEIL
1.) Das Spiel mit Wörtern des gleichen Stammes oder Klanges: Die Paronomasie
12 stützt, Da sich die erste Kategorie der Einteilung des Wortspiels auf die rhetorische Figur der Paronomasie ist es gemäß der Besonderheit des Stilmittels von Vorteil, die folgende Untersuchung in zwei Klassen zu unterteilen. Zum einen wird primär auf das Schriftbild sowie verwandtschaftliche Beziehungen Bezug genommen, indem das Spiel mit Wörtern desselben Stammes anhand einiger Beispiele aus dem Drama verdeutlicht wird, zum anderen richtet sich der Blick vorwiegend auf phonetische Eigenschaften des Vokabulars, auf das Spiel mit gleichen (homophonen) bzw. ähnlichen (homoeophonen) Worten, die jedoch aufgrund ihrer unterschiedlich Herkunft und Bedeutung voneinander abzugrenzen sind.
1.1 Das Wortspiel mit Wörtern desselben Stammes unter bestimmten Bedeutungsverschiebungen Zwar finden sich in Büchners Lustspiel zahlreiche Beispiele für alle hier zu untersuchenden Arten des Wortspiels und ebenso für viele weitere sprachliche Kunstgriffe, jedoch lässt sich eine gewisse Dominanz des Spiels mit Wörtern eines Wortstammes nicht übersehen. Die zitierten Exempel entsprechen daher eher einer Auswahl, statt einem Anspruch auf Vollständigkeit zu genügen. Auch wird die Selektion nicht chronologisch dem Handlungsverlauf folgen, wie es im Rahmen einer Interpretation sinnvoll wäre, sondern die Gliederung wird sic h vielmehr an Figuren bzw. an bestimmten Figurenkonstellationen ausrichten. Dennoch soll versucht werden, das breite Spektrum der Möglichkeiten dieses Wortspieltyps durch die Aufführung verschiedener rhetorischer Figuren aufzuzeigen.
Als ein Sprachvirtuose zeigt sich so neben weiteren Akteuren, die Titel- und Hauptfigur Prinz Leonce vom Reiche Popo. Vor allem in Dialogen mit den ihn umgebenden Personen der Dienerschaft besticht er durch 13 , wenn er seine Haltung kundtut: spielerische Äußerungen
10 Vgl.: Schröder, Jürgen: Georg Büchner „Leonce und Lena“. Eine verkehrte Komödie (Zur Erkenntnis der Dichtung 2), München 1966, S.50.
11 Vgl.: Mautner, S.699.
12 Statt Paronomasie findet man in der Sekundärliteratur auch häufig den lateinischen Terminus Annominatio bzw. Adnominatio.
13 Vgl.: Landau, Paul: Leonce und Lena, in: Martens, Wolfgang (Hg.): Georg Büchner (Wege der Forschung 3), Darmstadt? 1973, S.50-71., S.57.
Paul Landau spricht vom „ironisch pointierten Sarkasmus“ (S.57) des Prinzen.
2
Leonce: „Wenn meine Braut mich erwartet, so werde ich ihr den Willen thun und sie auf mich warten
lassen (...) Ich glaube an Träume, träumen sie auch zuweilen, Herr Präsident?“
(S.114/115, I. Akt, 3. Szene, V.38-7.)
Allein in dieser Replik finden sich bereits Variationen zweier Wortstämme. Leonce ändert das Grundverb „warten“ durch die Addition eines Präfixes an den vorderen Wortstamm ab zum Kompositum „erwarten“, welches zwar etymologisch mit der ursprünglichen Form verwandt ist, aber semantisch eine andere, positivere Prägung erhält. Wer „erwartet“, stimmt sich - häufig begleitet von Vorfreude - auf etwas Kommendes ein. Einen Schritt weiter geht der Prinz in seiner Frage an den Präsidenten, in welcher er vom Substantiv plural „Träume“ zum Verb „träumen“ springt und durch die direkte Aneinanderreihung derselben sie sowohl durch eine Anadiplose, eine Sonderform der Geminatio, verbindet, aber in Hinblick auf Komma und natürliche Sprechpause auch kontrastiert. Durch die Erwähnung seiner „Ahnungen“ in der letzten Frage, wird zudem wieder auf die Semantik gezielt, da nun der Unterschied zwischen Leonces „Träume[n]“ (V.6), als „Ahnungen“, „Vermutungen“, „Wissen“ und dem „träumen“ (V.6) des Präsidenten, als unbewusstes Erleben während des Schlafes.
Einige Verse später, jedoch im selbem Gespräch mit dem Präsidenten, verkündet Leonce im Befehlston: Leonce: „Sagen Sie einem höchsten Willen, dass ich alles thun werde, das ausgenommen, was ich
werde bleiben lassen, was aber jedenfalls nicht so viel sein wird, als wenn es noch einmal so viel
wäre“ (S.115, I. Akt, 3. Szene, V.16-19).
Abgesehen von der auffälligen Benutzung von Klangfiguren wie der Alliteration („Sagen sie“, V.16, „Willen“, V.16, (...) „werde“, V.17, (...) “was“, V.17, (...) “werde“,V17, (...) “was“, V.17, (...) „wird“, V.18, (...) “wenn“, V.18, (...) “wäre“, V.19) und grammatischen Figuren wie dem Parallelismus („was ich...“, V.17, „was aber...“, V.17-18) und dem Hyperbaton durch die Einschiebung immer neuer Nebensätze („das ausgenommen“, „was ich ...“, „was aber...“) spielt der Prinz mit verschiedenen Komposita des Verbs „sein“ im Indikativ Futur („werde“), Indikativ Präsens („wird) und Konjunktiv („wäre“). Da sich in diesem Fall die Bedeutungsänderung hauptsächlich durch die einzelnen Tempi realisiert und man weniger von einer völligen semantischen Verschiebung wie in der vorigen Replik ausgehen kann, bleibt abzuwägen, ob für Büchner in diesem Wortspiel nicht die klanglichen Reize im Vorgrund standen und die etymologischen Abwandlungen schlichtweg zusätzlich die Sinnlosigkeit der Aussage als Ganzes unterstützen sollten. Leonces herablassender, scheindialogischer Umgang mit Vertretern des Staatsapparats findet eine Entsprechung in seiner Beziehung zu Rosetta, der Geliebten des Prinzen. Aus einem Akt des Müßiggangs und Überdrusses heraus beschließt er, diese Liaison zu beenden, gibt sich als Herr, erteilt Befehle und zitiert das
14
In der Mädchen herbei, als wäre sie ein bloßer Gegenstand, mit der er verfahren könne, wie es ihm beliebt.
15
heißt es: aufwendig inszenierten Liebensszene, die allerdings mehr einer Todesszene gleicht,
Rosetta:
So liebst du mich aus Langeweile?
14 Vgl.: Landau, S.64, Baumann, Gerhart: Georg Büchner. Die dramatische Ausdruckswelt, zweite, durchges. u. erg. Aufl., Göttingen 1976,
S.100.
15 Vgl.: Dedner, Burghard: Leonce und Lena, in: Interpretationen. Georg Büchner. Dantons Tod, Lenz, Leonce und Lena, Woyzeck
(Literaturstudium Interpretationen), Stuttgart 1990, S.119-176, S.144-145. Im Folgenden zitiere ich diese Angabe als „Dedner 1“. Dedner sieht
das quälende Verhalten Leonces als Teil einer „Ästhetik zur Perversion“ (S.145).
3
Arbeit zitieren:
Julia Ilgner, 2004, Die Formen des Wortspiels in Georg Büchners Lustspiel "Leonce und Lena", München, GRIN Verlag GmbH
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