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1. Einleitung
Ausgehend von den wissenschaftlichen biologischen Annahmen des
Verhaltensforschers und Ethnologen Konrad Lorenz, der die Prägung als Lernprozeß beschrieb, ihr aber ein genetisch determiniertes Verhaltensprogramm zugrunde legte und durch seine Beobachtungen an frisch geschlüpften Gänseküken untermauerte, möchte ich in dieser Hausarbeit 1. den Begriff der Nachfolgeprägung im biologisch-ethologischen Sinne klären, 2. deutlich machen, das auch die menschliche Beziehung zwischen Mutter und Neugeborenem durchaus auf einem genetisch festgelegten prägungsähnlichen Phänomen beruht, welches zu einer festen Bindung zur Bezugsperson führt, 3. dabei Bezug nehmen auf die Entwicklung des Bindungsverhaltens bei höheren Tieren und beim Menschen und schließlich 4. in diesem Zusammenhang übergreifend die Entstehung von Deprivationssyndromen, aufgrund mangelnder emotionaler Zuwendung, schildern.
Bewiesen wurde, daß die langfristig partielle oder totale Trennung des Kindes von den Elternin erster Linie von der Mutternachhaltige
Entwicklungsbeeinträchtigungen zur Folge hat. Das Ausbleiben der Befriedigung frühkindlicher Zuwendungsbedürfnisse kann sich ungünstig auf das soziale und emotionale Verhalten des Kindes auswirken.
Rene A. Spitz untersuchte die Auswirkungen mütterlicher Abwesenheit an mehreren hundert Kindern in Waisenhäusern und faßte die unterschiedlich stark ausgeprägten Verhaltensstörungen unter dem Überbegriff Hospitalismus zusammen.
Meine Hausarbeit basiert auf der Vermutung, Deprivation als Ausdruck mißlungener Bindung im frühen Kindesalter ist auf das Mißlingen der Prägung im biologischen Sinne zurückzuführen. Hierbei sollte deutlich werden, daß ich eine Verbindung zwischen den Begriffen Prägung und Deprivation herzustellen versuche.
Verwendet wurde unter anderem Material über die Nachfolgeprägung nach
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Konrad Lorenz, über das Verhaltenssystem Bindung nach John Bowlby, über die Kaspar-Hauser-Versuche des Ehepaares Harlow und Schriften über Hospitalismus von Rene A. Spitz.
2. Die Nachfolgeprägung
Der Begriff der Prägung wurde von dem Ethologen Konrad Lorenz (1903-1989) am Beispiel der Nachfolgereaktionen nestflüchtener Vogelarten, wie Gänse, Enten und Hühner, entwickelt.
Der Verhaltensbiologe beobachtete an frisch geschlüpften Graugansküken eine angeborene Nachfolgebereitschaft auf das erste Lebewesen, welches sich in der Nähe der Küken bewegte und Signale in Form von Grußlauten von sich gab. Prägungserfolge ergaben sich auch, wenn ein artfremdes Lebewesen, in diesem Fall Lorenz selbst, das erste Objekt war, das dieses Verhaltensmuster zeigte. Diese Fehlprägung führte dazu, daß die Gänseküken fälschlicherweise Lorenz als ihr Muttertier ansahen und ihm folgten, obwohl er nicht über die arttypischen Merkmale der Gänse verfügte und sich somit von der eigentlichen Gänsemutter unterschied. Die Folgereaktion war durch die spätere Anwesenheit erwachsener Artgenossen nicht wieder rückgängig zu machen (Lorenz 1935). Lorenz folgerte aus seinen Beobachtungen, daß bestimmte Instinkthandlungen bei den Tieren genetisch determiniert sind, für einige dieser Handlungen jedoch der Auslöser nicht angeboren ist, sondern während einer sensiblen Phase erlernt werden muß. Das heißt, daß das Gänseküken über die angeborene Fähigkeit verfügt, ein Tier, welches es kurz nach dem Schlüpfen erblickt, anhand von Lauten und an der Bewegung zu erkennen und ihm instinktiv zu folgen, es aber nicht fähig ist, zu erkennen, ob es sich bei diesem Lebewesen tatsächlich um das eigentliche Muttertier handelt. Erlernt wird das Bild der Gänsemutter, jenes Tier, das natürlicherweise das erste Lebewesen ist, das die Küken in ihrem Leben erblicken. Die Kenntnis über die Größe des Muttertieres ist nicht angeboren. Erst durch die Prägung erwirbt das "objektlose" Lebewesen die Kenntnis des Objektes
- die Nachlaufprägung legt das Erkennen der Mutter fest.
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Die Prägung bezeichnet einen raschen und dauerhaften frühkindlichen Lernvorgang, der sich in zwei wesentlichen Punkten von anderen Lernvorgängen unterscheidet. Erstens ist die Prägung auf einen zeitlich begrenzten A bschnitt, der meistens in der frühen Kindheit liegt, beschränkt. Diesen Zeitraum nennt man sensible Phase, einen Abschnitt in der Entwicklung eines Lebewesens, in welchem bestimmte Verhaltensweisen nachhaltig beeinflußt werden, die außerhalb dieser Zeit nur schwer oder garnicht geändert werden können. Das der Nachfolgeprägung entsprechende Reizmuster (bei Gänsen - Reaktion auf Bewegung; bei Enten und Hühnern - Reaktion auf akustische Signale als Grußlaute) erfährt in der 13. bis 16. Stunde nach dem Schlüpfen der Graugansküken aus dem Ei die positivste Reaktion. Hierbei handelt es sich um ein zeitgebundenes Maximum der Prägbarkeit. Die Nachfolgereaktion beendet die sensible Periode.
Ist die sensible Phase verstrichen, kann die Prägung nicht nachgeholt und geändert werden. Daraus ergibt sich zweitens, der einmal erfolgte Lernvorgang ist irreversibel, also nicht umkehrbar, auch wenn es sich dabei um eine Fehlprägung auf andere Objekte handelt.
Mit dem Eintritt in die Geschlechtsreife erlischt die Nachfolgebereitschaft.
3. Prägungsähnliche Vorgänge am Beispiel der Mutter-Kind-Beziehung
Die Prägung ist ein obligatorischer Lernvorgang während einer sensiblen Phase der frühkindlichen Entwicklung, nach deren Ablauf die Entstehung von Gefühlsbindungen zunehmend u nwahrscheinlicher wird. Sie erfolgt nach einem bestimmten festgelegten Muster zu einem Zeitpunkt, zu dem die Triebhandlung, d.h. der innere Drang eine Aktivität auszuführen, der die Prägung zugeordnet wird, noch nicht vollends entwickelt sein muß.
Es ist a nzunehmen, daß prägungsähnliche Lernvorgänge auch bei höher
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entwickelten Lebewesen von Bedeutung sind. Möglicherweise baut der Embryo bereits im Mutterleib pränatal eine feste Beziehung auf, oder nachgeburtlich, wenn sich das erste Bezugsobjekt, das das Kind in seinem Leben kennenlernt, um die notwendige Bedürfnisbefriedigung kümmert.
Die Neugeborenen der Menschenaffen und der menschliche Säugling werden nach relativ langer Tragzeit mit offenen, voll ausgebildeten, Sinnesorganen, aber wenig bewegungsfähig g eboren. Die Säuglinge sind während ihrer langen Kindheitsphase auf die intensive Fürsorge der Mutter angewiesen, deren Pflegebereitschaft eine erblich festgelegte Form des Instinktverhaltens ist. Bei den Primaten verfügt das Neugeborene als aktiver Tragling über eine gewisse Selbständigkeit, die es ihm ermöglicht, sich instinktiv am Fell der Mutter festzuklammern. Der Säugling des Menschen ist nicht selbständig und gilt als passiver Tragling. Er ist nicht in der Lage, sich selbst zu ernähren und bedarf ständiger Fürsorge.
Bei menschlichen Neugeborenen spricht man deshalb auch von einer "physiologischen Frühgeburt" (Portmann).
Der Geburtszustand der Menschenaffen und des menschlichen Säuglings erscheint als eine Weiterentwicklung über den Zustand des "Nesthockers" hinaus. Die längere Entwicklungszeit ist die Voraussetzung, daß die Gehirn- und Sinnesfunktionen ausreifen. Besonderes Augenmerk gilt in diesem
Zusammenhang der Ausprägung sozialer Kommunikationsfähigkeit und sozialer Verhaltensweisen im engsten wechselseitigen Kontakt mit der Mutter. John Bowlby definiert die Mutter als "die Person, die das Kind betreut und ihm gegenüber Gefühlsbindungen entwickelt". Die für das Neugeborene
selbstverständlichste und natürlichste Beziehung ist die lebenswichtige Mutter-Kind-Bindung. Als Bindung wird der anhaltene emotionale Kontakt eines Menschen zum Mitmenschen definiert (nach Ahlheim). Die ersten Jahre der Kindheit sind von der besonderen persönlichen Fürsorge durch die Bezugsperson Mutter, die für die körperliche Entwicklung und die psychische Gesundheit ihres Kindes sorgt, geprägt.
Mit der Geburt des Kindes reagiert die Mutter besonders sensibel auf die Signale
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des Säuglings. Zum Beispiel signalisiert das Schreien des Kindes ein Bedürfnis nach Nahrung oder nach Kontakt. Dabei wirken unter anderem die Merkmale des Kindchenschemas als motivierende Reize, die Aufmerksamkeit auf das Kind zu richten, mit ihm zu sprechen oder Körperkontakt herzustellen. Das Kindchenschema wurde 1943 erstmalig von Konrad Lorenz benannt und beschreibt die Kombination charakteristischer Körpermerkmale des Kleinkindes (relativ große Augen, weiche Körperformen, rundliches Gesicht usw.), die als Schlüsselreiz auf den elterlichen Pflegeinstinkt wirken und somit eine emotional getönte Zuwendungsreaktion auslösen.
Mutter und Kind befinden sich in ständiger Interaktion, in einer wechselseitigen Beziehung, die sich in Kreisprozessen darstellen läßt. Beispielsweise reagiert das Kind bei Zuwendung (Berührungen, Blickkontakt) mit einem Lächeln, welches seinerseits Signal und Anreiz für die Kontaktperson ist, sich dem Kind weiterhin zu widmen.
Verschiedene Beobachtungen lassen die Aussage zu, daß die zunächst unspezifische Kontaktaufnahme (etwa ab 3. Monat) in eine Phase des individuellen Kennenlernens und der individuellen Bindung an die Bezugsperson übergeht.
Das würde bedeuten, daß sich das Kind mit dem dritten Lebensmonat in einer sensiblen Phase befindet, in der sich die Beziehung zur Mutter grundlegend festigt. Das menschliche Kleinkind verfügt w ährend einer sensiblen Phase über eine angeborene Bindungsbereitschaft an eine oder mehrere individuelle Personen. Die individuelle Mutter-Kind-Bindung, die im Laufe der ersten beiden Lebensjahre entsteht und einem prägungsähnlichen Fixierungsvorgang gleicht, ist von tiefgreifender Bedeutung für die weitere Entwicklung des Kindes. Bowlby ist der Ansicht, daß soziale Interaktion den wichtigsten Aspekt der mütterlichen Fürsorge darstellt und daß das Füttern keinen wesentlichen Bestandteil der Zuwendung durch die Mutter bildet. Diese Ansicht sah er durch die Versuche des Ehepaares Harlow bestätigt, die sich, wie im folgenden Kapitel dieser Hausarbeit beschrieben, mit den Beobachtungen der Auswirkungen der Muttertrennung bei Rhesusaffen beschäftigten.
(Am Beispiel von Fehlentwicklungen im Bereich des Bindungsverhaltens lassen
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Arbeit zitieren:
Christian Honig, 1998, Prägung und Deprivation, München, GRIN Verlag GmbH
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