zweihundert Kindern seines Waisenhauses, den Zug zum Umschlagplatz im Ghetto, führte.
Trotz verschiedener Rettungsversuche Außenstehender entschied sich der Pädagoge, seine Kinder in das Vernichtungslager Treblinka zu begleiten. Rentabel scheint diese Entscheidung keineswegs gewesen zu sein, doch war sie zutiefst menschlich und bewundernswert. Sie unterstreicht sein Märtyrertum, unterstreicht seine äußere Stärke.
Daß aber seine äußere Stärke nicht durch die innere bedingt war, sondern möglicherweise zum Schein funktionieren mußte, zweckgebunden, um den Kindern nicht die letzte Hoffnung, gar ihnen ihre Jugend zu nehmen, daß Korczak ein gebrochener Mensch sein mußte, in Anbetracht der Not, die er täglich auf seinen "Bettel"gängen durch das Ghetto beobachtete und, daß er seine äußere Stärke gewann aus der Anwendung lang bewährter Erziehungsmethoden und aus seinem Umgang mit den Kindern im viel zitierten praktischen Humanismus - all diese Vermutungen werden in Korczaks persönlichen Aufzeichnungen, in seinem Tagebuch, bestätigt.
Seine Aufzeichnungen sind sehr umfassend, so daß es im Rahmen dieser Hausarbeit nicht möglich ist, jede von Korczak notierte Einzelheit zu erwähnen und mit früheren Gedanken und Schriften in Zusammenhang zu bringen. Deshalb belasse ich es bei einer subjektiven Auswahl einzelner vertretener Standpunkte und beschränke mich bei meiner Beschreibung grundsätzlich auf die in den Nächten des Jahres 1942 geschriebenen Tagebucheintragungen. (Beginn: Januar 1940; Ende: 04.08. 1942)
Es sollte im vornherein nicht unerwähnt bleiben, daß Korkzaks Schreibstil oft ambivalent, wirr und durcheinander erscheint. Das Studieren der Lektüre führt bei dem Leser immer wieder zu Fragen, Rätseln und Mißverständnissen. Außerdem fällt es nicht leicht zwischen bissiger Satire und unverständlichem Ernst, zwischen Unehrlichkeit und wiederum dem Streben nach Wahrheit zu unterscheiden. Des weiteren drückt Korczak sich in Form vieler l oser Einzelheiten aus, die womöglich ohne Sinn entworfen wurden, einem ermatteten Gemüt entsprangen. Die Zeilen scheinen oft unter mechanischer Beeinflussung geschrieben, mit dem Ziel, dem Tag genüge zu tun, also zu schreiben um zu schreiben, das lebenabschließende Werk zu vollbringen - als führe die Hand von selbst ungeordnete Gedanken in die Schrift.
Viele Eintragungen sind mitunter spaßhaft, ironisch, auch weltentrückt und gerade deshalb humorvoll. Sie zeugen, wie sein Handeln auch, von gewisser Genialität und gesunder Naivität.
"Kein Wunder, daß ein Tagebuch für den Leser unverständlich bleibt. Kann man denn überhaupt fremde Erinnerungen, ein fremdes Leben verstehen ?" (S. 312) Allgemeiner Grund zum Schreiben eines Tagebuches ist der Anlaß, eigene Gedanken für sich zu manifestieren, vielleicht um einen Ausgleich, um Abhilfe zu schaffen wegen fehlender Gesprächspartner, wegen bedrückender Stimmungen, oder um Erinnerungen des Lebens festzuhalten.
Korczaks Tagebuch, das in zwei unterschiedlich lange Abschnitte, in Teil 1 und Teil 2, gegliedert ist, enthält neben philosophischen und gesellschaftlichen Gedanken, u.a. über den Krieg, neben geisteswissenschaftlichen Überlegungen, Kindheitserinnerungen und Kindheitsgedanken (z.B. alles Geld aus der Welt schaffen), eigenen und fremden Weisheiten, Erziehungsaufforderungen an den Leser, Situationsbeschreibungen (z.B. die Flasche Schnaps unter seinem Bett), Zukunftsplänen (z.B. Bücher schreiben) auch Träume, Selbstcharakteristik und Selbstkritik, welche oft ungerechtfertigt ist.
Darin bemängelt Korczak z.B. sein Verhalten während der Essenszeiten, wenn er durch den Saal läuft und das Eßgeschirr wegräumt. Er glaubt, er würde den Kinder die Freude und Ästhetik beim Essen nehmen. Doch niemand scheint sich so viele Gedanken um diesen Sachverhalt zu machen, wie er.
"Jeder Tag, nicht nur der gestrige, ist ein Buch - ein dickes Heft, ein Kapitel, das für Jahre reicht." (S. 324)
Korczak verwendet eine Methapher, um auszudrücken, welche Arbeit er mit dem Schreiben seines T agebuches verbindet. Er vergleicht mit dem Ausheben eines Brunnens. Wie beim Brunnenbau verschiedene Bodenschichten abgetragen, Gesteine und Erde aus einem verflochtenen Wurzelwerk an das Licht gefördert werden, so werden seine Erinnerungen im Gedächtnis f reigelegt und verarbeitet. Seine Gedanken vermögen aufgeschrieben für zukünftige Leser verwertbar sein. "Ich mag nicht schreiben. Nachdenken - ja. Das fällt mir nicht schwer. So, als ob ich mir selbst Märchen erzähle." (S. 250)
Das Tagebuch besticht als Zeugnis eines leidenschaftlichen und barmherzigen Menschen mit unvergleichlicher Ausstrahlung durch seine offenherzige Art, Situationen zu beschreiben, die den Leser den heutigen Alltag erinnern lassen. Schließlich erinnert der Tagebuchinhalt mehr an eine mündliche Wiedergabe einzelner Geschehnisse oder Gedanken, als das sich der Schreibstil an reinen Mustern, semantischer Art, orientiert. Die Form der Aufzeichnungen sind von praktischer Lebensführung geprägt. Das zeigen die vielen Wiederholungen (z.B. er ist am Tage schläfrig, in der Nacht kann er besser denken.) oder auch die zahlreich angeschnittenen und später unterbrochenen Themen, deren Ende er mit lapidaren Worten abtut: "Ich will mich bei diesem Thema nicht aufhalten." Er läßt Voraussichten offen, z.B. schreibt Korczak: "...ich werde das näher erklären, wenn ich auf das Denken im Schlaf zu sprechen komme..." oder "Von Regina werde ich noch mehr erzählen." - Versprechen, die er entweder aus Vergeßlichkeit oder aus Zeitmangel nicht zu erfüllen vermochte. Seine Eintragungen enden meist sehr persönlich, situationsungebunden, die letzten Sätze fallen aus dem Kontext und wirken gleich einer Pointe, obwohl sie keinem vorangegangenen Witz zugeordnet werden kann. Siehe: "Meine Tinte ist ausgegangen..."
Korczak bemerkt an späterer Stelle im Tagebuch, daß er seine Erinnerungen nicht allein für sich geschrieben haben möchte. Einzelne Verhaltensaufforderungen, wie "Gib acht!" könnten als an den zukünftigen Leser gerichtete Hinweise gelten. Dann entstände mit d em Tagebuch eine Interventionsschrift für spätere Fürsprecher.
Er schreibt in der Vergangenheitsform über Methoden, die er zum Zeitpunkt der Aufzeichnung noch praktizierte. Diese Tatsache deutete darauf hin, daß Korczak über seinen baldigen Tod Bescheid gewußt haben könnte, daß er zumindest scheinbar in der Lage war, sein Lebensende zu spüren.
Er schreibt selbst: "Nicht der Mechanismus, aber das Wesen der Dinge - das Ding an sich, in sich selbst, beschäftigten mich."
Auf die Frage zum Ziel seines Tagebuches findet sich eine mögliche schlichte Antwort: "...aber warum schreibe ich das eigentlich ?"
Im Sinne einer Erklärung schienen mir beim Studium der Lektüre vier wesentliche Grundstimmungen bedeutsam, die immer wieder Eingang in Korczaks Tagebuchnotizen finden und aus meiner Sicht die gesamten Aufzeichnungen charakterisieren.
Die einzelnen Themen finden sich nicht klar abgegrenzt in einer bestimmten Reihenfolge im Tagebuch niedergeschrieben wieder; sie sind vielmehr ineinander verstrickt und lassen sich nur grob einordnen. Selbst diese Eintragungen sind in ihrer Vielschichtigkeit zum Zweck dieser Hausarbeit nur in einer Auswahl benennbar.
"Die Gedanken quälen mich, es sind so viele..." (S. 283) Die vier grundlegenden Stimmungen; Das wären erstens natürlich seine privaten Erinnerungen. Zweitens die Auseinandersetzung mit dem Älterwerden und dem Endresultat daraus - der Tod. Dieser Punkt umfaßt auch sein Verhältnis zur Eigenverantwortlichkeit, die Euthanasiespekulationen und seinen eigentlichen Suizidgedanken.
Drittens beschäftigt sich Korczak oft mit der korrupten Lage und den Mitarbeitern in der Armeneinrichtung der Dzielnastraße. Zu dieser Auseinandersetzung zähle ich das gesamte gegenwärtige Geschehen im Ghetto bis hin zu der verleugnenden Selbstironie, mit welcher er die deutsche Besatzermacht verspottet und hinterfragt. Der vierte Punkt umfaßt natürlich Korczaks Lebensaufgabe, die Erziehung und die Kinder.
"Aber nur mit mir selbst sprach ich mich aus." (S. 328) Die Erinnerungen in subjektiv gewählten Auszügen: "Eine Autobiographie. Ja. Über mich selbst, meine kleine und doch wichtige Person..."
Erwähnung findet häufig die tiefe Verbundenheit mit der Heimat. "Ich bin Warschau." "Warschau ist mein und ich bin sein." (S.267) Auffallend ist, daß Korczak in der Vergangenheitsform schreibt, was möglicherweise als Abschied von Warschau gedeutet werden könnte. "Mit dieser Stadt war ich fröhlich und traurig, ihre Heiterkeit war meine Heiterkeit...", "Mit Warschau bin ich groß geworden." und "Warschau war mein Boden...) (S. 267)
Arbeit zitieren:
Christian Honig, 1999, Zu: Janusz Korczak - Tagebuch aus dem Warschauer Ghetto 1942, München, GRIN Verlag GmbH
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