Um Eingang in das Thema der Fernsehrezeptionsforschung bei Kleinkindern mit dem Schwerpunkt Aufmerksamkeit, Wahrnehmung und Verständnis von Fernsehbildern zu finden, stellen wir die Definitionen der Begrifflichkeiten "Aufmerksamkeit" und "Wahrnehmung" in Kürze dar.
Die Aufmerksamkeit "ist die Hinwendung des Bewußtseins auf einen bestimmten Gegenstand oder Vorgang" (1) zum Zwecke einer zielgerichteten Tätigkeit, wobei alle anderen Eindrücke zurückgedrängt werden.
Dabei wird zum einen die unwillkürliche und zum anderen die willkürliche Aufmerksamkeit unterschieden. Ersterem entspricht die allgemeine
Aufnahmebereitschaft für bestimmte Eindrücke. Sie verläuft automatisch und wird nicht wie die willkürliche Aufmerksamkeit bewußt gelenkt. Diese beschreibt die spezielle Aufnahmebereitschaft - die Eindrücke werden zielgerichtet gesucht. Hierzu zählt die Feststellung, daß Aufmerksamkeit willentlich auf bestimmte Reize gelenkt werden kann, auf deren Wahrnehmung besonderen Wert gelegt wird (2). Die Definition der Wahrnehmung beschreibt "die unter dem Einfluß von Gedächtnisinhalten, Stimmungen, Gefühlen, Erwartungen und Denkprozessen erfolgende Verarbeitung von Sinneseindrücken. Die Wahrnehmung hat das Ziel, Informationen [über die Umwelt] zu gewinnen." An gleicher Stelle wird darauf hingewiesen, daß Wahrnehmung durch die Möglichkeiten, welche die menschlichen Sinnesorgane bieten, beschränkt ist (3).
Augenscheinlich dürfte der Sachverhalt sein, daß Aufmerksamkeit und Wahrnehmung zwei nicht strikt voneinander trennbare Bereiche sind, die sich einander zwangsläufig bedingen.
Um den Gesetzmäßigkeiten der Aufmerksamkeit und Wahrnehmung von Fernsehsendungen durch Kinder nachzugehen, soll hier im folgenden zwei Fragestellungen als Leitgedanken nachgegangen werden. 1. Welche Kriterien verursachen Aufmerksamkeit und Konzentration bei Kindern ? 2. Wie nehmen Kinder Fernsehen wahr und wie verstehen sie es? Zur Beantwortung der ersten Frage beziehen wir uns vorrangig auf einen Text von Jo Groebel (4).
Der Autor benennt das primäre Sehmuster kleiner Kinder, wonach diese den Fernsehapparat vorrangig dann einschalten, wenn nicht anderes zu tun ist, d.h. wenn Zeit übrig ist. Nach der Prämisse "Erst einschalten - dann auswählen" planen die Kinder ihr Sehverhalten im Vorfeld nicht, der Inhalt der Sendungen ist für sie noch nicht der ausschlaggebene Aspekt um den Fernseher einzuschalten. Unterstützend beruft Groebel sich auf amerikanische Untersuchungen, die belegen, daß weniger als ein Drittel der Kinder trotz emotionaler Bindung zu diversen Fernsehhelden, regelmäßig fernsehen (5). Die Bindung zu den Fernsehfiguren reicht nicht an eine vollkommene Identifikation und Abhängigkeit heran.
Haben Kinder Zeit, um fern zusehen, sind sie nicht beständig darauf konzentriert. Die Aufmerksamkeitsprozesse sind variabel und vom Programm und der Umgebungssituation abhängig.
Fernsehen ist nicht die einzige Aktivität. Es w ird häufig unterbrochen; die Kinder wenden sich vom Bildschirm ab und Dingen zu, die sie momentan stärker interessieren.
Kleinere Kinder sind noch nicht in der Lage, komplizierte Handlungen auf dem Bildschirm zu verfolgen. Sie haben Schwierigkeiten verschiedene Inhaltsebenen zu überblicken und widmen ihre Zuwendung hauptsächlich Nebensächlichkeiten, die ihr Interesse wecken (einzelne Szenen und Figuren, besondere Gegenstände und Details, Tiere, Frauenstimmen). Das Verständnis für die Fernsehsprache entwickelt sich erst im Laufe der Zeit (6). Heidtmann grenzt diese Zeitraum ein und bemerkt: "Aus der neueren Medienwirkungsforschung wissen wir, daß Kinder bereits im Alter von sechs Monaten vor dem Bildschirm auf die dort gezeigten Variationen von Bild-und Tonmaterial reagieren, und daß im Alter von zwei, spätestens drei Jahren gerichtetes und absichtsvolles Zuschauen einsetzt (7).
Interessant erscheint in diesem Zusammenhang der von Groebel geprägte Begriff der Aufmerksamkeitsträgheit, die besagt: "Je länger ein Kind bei einer Sendung verharrt, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, daß es sie aufmerksam verfolgt." (8) Aufmerksamkeit wird erzeugt durch ständige Action, eine damit verbundene permanente Geräuschkulisse und entsprechende Musik, durch Geschehnisse, die das Kind persönlich ansprechen, Kontrasteffekte oder Extremfälle. Deshalb gehören Actionserien im Fernsehen auch zum bevorzugten Genre der Kinder. Erwähnt werden soll an dieser Stelle das von Groebel beschriebene ASSE-Modell des Aufmerksamkeitsverlaufes (9). Er hat untersucht, welche Gründe für eine Bindung
seitens der Kinder zu Fernsehfiguren in Frage kommen. Jeder Buchstabe des Akronyms bezeichnet eine Dimension durch welche Aufmerksamkeit erzeugt wird.: A -Attraktivität der äußeren Erscheinung, S-sachliche Bindungsgründe, S-soziale Bindungsgründe, E-emotionale Bindung. Das ASSE-Modell läßt sich gut auf die Reize, die neben Bindung auch Aufmerksamkeit verursachen, anwenden. Die benannten Reize führen insgesamt zu einer Hinwendungs-oder Bindungsreaktion seitens des Kindes. Durch dieses Modell wird deutlich, daß besondere Reize, Akustik und kurze aktionsbetonte Sätze und Szenen im Fernsehen Aufmerksamkeit anregen und dafür sorgen, daß Sendungen besonders interessiert wahrgenommen werden. Das Programm ist auf spezielle Bedürfnisse der jungen Zuschauer ausgerichtet, bindet sie, wenn es Möglichkeiten zur Orientierung gibt, wenn attraktive Personen mit sympathischen Stimmen auftreten, die als Vorbilder angenommen werden können, oder wenn es sie bei der Verarbeitung emotionaler Bedürfnisse unterstützt. Besonders bindungswahrscheinlich und aufmerksamkeitsfördernd sind äußere Attraktivitätsmerkmale, denen sich das Kind zuwendet. Die im Fernsehen gezeigten attraktiven Äußerlichkeiten stellen einen Reiz dar, der zu einer Hinwendungsreaktion führt. Ammensprache, Freundlichkeit und Frauenstimmen erinnern das Kind an die Person der Mutter.
Ab dem achten Lebensjahr wenden sich die Kinder verstärkt gleichgeschlechtlichen Fernsehfiguren und Personen zu, die dem Kind nicht zwangsläufig ähnlich sind. Diese Personen übernehmen eine Vorbild- und Orientierungsfunktion. Dient die Fernsehperson als Orientierung, wirkt sie nur dann, wenn sie glaubwürdig, unterstützend und hilfreich erscheint. Diesen Bereich beschreiben die sachlichen Bindungsgründe. Wenn Sachinformationen mit emotionalen Komponenten, etwa mit ansprechenden Moderatoren, kombiniert werden, verursachen sie bei den jungen Fernsehzuschauern eine Zuwendungsreaktion.
Mit der dritten Beziehungsdimension wird das starke Kommunikationsbedürfnis der Kinder befriedigt. Der laufende Fernsehapparat vermittelt die Illusion, es befänden sich weitere Personen im Zimmer, die jederzeit kommunikationsbereit sind. Das Kind fühlt sich nicht allein. Das Fernsehen wird als ergänzende Kommunikation erlebt. Mit den als Vorbild empfundenen Charakteren können sich Kinder "unterhalten" und somit Bindung aufbauen.
Bei der Verarbeitung von emotionalen Bedürfnissen spielt die vierte Dimension, die emotionalen Bindungsgründe, eine Rolle. Die kindlichen Gefühle werden auf
Arbeit zitieren:
Christian Honig, 2000, Befunde der Fernsehwirkungsforschung: Aufmerksamkeit gegenüber Fernsehen, Wahrnehmung von Fernsehen, Verstehen von Fernsehen, München, GRIN Verlag GmbH
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