Inhaltsübersicht:
Einleitung Seite 3
1. Psychologie Seite 4
1.1. Gedächtnis als Funktion
1.2. Gedächtnis als plastisches Netzwerk
1.3. Erinnerung als Rekonstruktion
1.4. Gedächtnisrahmen
2. Sozialkonstruktivismus Seite 7
2.1. Sprache als Metarahmen
2.2. Erinnern heißt erzählen
2.3. Erzählfamilien
3. Maurice Halbwachs Seite 9
3.1. Gedächtnis und Gruppenzugehörigkeit
3.2. Kollektives Gedächtnis
3.3. Vergessen als Bindungsverlust
3.4. Erinnerung im sozialen Gravitationsfeld
3.5. Erinnerungsfiguren
4. Übergänge zur Kulturwissenschaft Seite 15
4.1. Gedächtnisorte
4.2. Gedächtnis als kulturwissenschaftliches Paradigma
5. Jan Assmann Seite 18
5.1. Konnektive Struktur
5.2. Kommunikatives und kulturelles Gedächtnis
5.3. Tod als Urszene der Erinnerungskultur
5.4. Rituelle und textuelle Kohärenz
5.5. Kanon als kulturelle Kohärenz
5.6. Erinnerung als Widerstand
Schluss Seite 24
Literaturangaben Seite 26
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Einleitung
Der Gedächtnisdiskurs hat sich innerhalb des letzten Jahrzehnts zu einem ausgezeichneten Ort interdisziplinärer Forschung entwickelt, an dem sich „unterschiedliche Fragen und Interessen kreuzen, stimulieren und verdichten: kulturwissenschaftliche, naturwissenschaftliche und informationstechnische“ (A. Assmann, 1999, S.16). Dabei wird zunehmend deutlich, „dass das Gedächtnis ein Phänomen ist, auf das keine Disziplin ihr Monopol anmelden kann“ (S.16). Um dieser Einsicht gerecht zu werden, unternimmt der folgende Essay keine fachspezifische Berichterstattung, sondern einen interdisziplinären Streifzug: Als Ausgangspunkt dienen aktuelle Konzepte der Psychologie, die vor dem Hintergrund sozialkonstruktivistischer Prämissen weiterentwickelt werden und vorbereitenden Charakter haben. Im Zentrum steht die Gedächtnistheorie von Maurice Halbwachs, die nach verschiedenen Seiten hin ausgebreitet wird und kulturwissenschaftliche Übergänge ermöglicht. Gegen Ende kommen Jan Assmanns Überlegungen zum kulturellen Gedächtnis zur Sprache – und schließlich einige kritische Bedenken, die das Ungedachte dieser Arbeit offenlegen. Der Text entfaltet sich dabei nicht in historisch-chronologischer Abfolge, sondern gibt schrittweise den Blick auf umfassendere Horizonte frei: er ist gleichsam unterwegs vom relativ isolierten Individuum zum kulturell verfassten Kollektiv. Im Lauf dieser Bewegung überlagern sich immer wieder zwei Perspektiven: eine mikrologische, die nach den Kontexten des individuellen Erinnerns fragt, und eine makrologische, die dem kollektiven Gedächtnis auf der Spur ist. Ihre Spannung lässt sich nicht in eine einheitliche Theorie aufheben; aber sie sind versöhnt in dem Bemühen, den Zusammenhang von Erinnerung und Identität fassbar zu machen.
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1. Psychologie
1.1 Gedächtnis als Funktion
Die aktuellen Gedächtniskonzepte der Psychologie sind stark geprägt von einem Forschungsfeld, das sich in den letzten Jahrzehnten i m Umkreis von Kognitions- und Neurowissenschaften entwickelt hat. Auch wenn eine umfassende Theorie noch aussteht und etliche Punkte umstritten bleiben, lassen sich doch richtungweisende Tendenzen ausmachen. So ist ein Gedächtnismodell, das völlig im Rahmen informationstechnischer Vorstellungen verbleibt, zunehmend unplausibel geworden: „Das Gedächtnis ist kein passiver Wissensspeicher, sondern ein höchst aktives Organ, in ständiger Veränderung und Selbstorganisation begriffen“ (Dörner & van der Meer, 1995, S.I). Bekräftigt wird diese Einsicht insbesondere durch Konzepte, in denen die neuronalen Grundlagen des Gedächtnisses berücksichtigt bzw. ins Zentrum gestellt werden (Squire & Kandel, 1999). Dabei steht auf jeden Fall fest, dass sich die Gedächtnisleistung nicht in einem bestimmten Hirnareal lokalisieren lässt: es bietet sich vielmehr an, „das Gedächtnis als eine im gesamten Gehirn verteilte Funktion zu konzeptualisieren, die aus aktivitätsbedingten Veränderungen neuronaler Wechselwirkungen resultiert“ (Schmidt, 1992, S.32). Die systemtheoretische Perspektive gibt damit den Blick frei auf die fundamentale Stellung, die das Gedächtnis im Zusammenhang der psychischen Prozesse einnimmt. In diesem Sinne konstatiert Schmidt (1992, S.32):
„Das Gedächtnis repräsentiert in seiner neuronalen Architektur und den dadurch ermöglichten Funktionsabläufen sozusagen den jeweiligen Stand der Wahrnehmungsgeschichte eines kognitiven Systems und steuert die Bedeutungszuweisungen an aktuelle Wahrnehmungen durch Schemata bzw. Attraktoren, wobei Sprache eine wichtige Rolle spielen dürfte. Damit erfüllt es eine zentrale Funktion bei der Wahrnehmungs- und Verhaltenssynthese und bildet die Grundlage der selbstorganisierenden Autonomie des kognitiven Systems“.
Damit ist der orientierende, regulierende und kontinuierende Funktionsradius des Gedächtnisses umgreifend bestimmt. Allerdings bleibt die inhaltliche Dimension in systemtheoretischen Formulierungen zwangsläufig unterbelichtet: Gedächtnis wird hier nur beiläufig als Repräsentation der Wahrnehmungsgeschichte aufgefasst. Es ist daher notwendig, die bisherigen Überlegungen um Erkenntnisse der Neurowissenschaft zu ergänzen.
1.2. Gedächtnis als plastisches Netzwerk
Hier hat sich in den letzten Jahrzehnten über die Unterscheidung von K urz- und Langzeitgedächtnis hinaus auch eine inhaltliche Differenzierung durchgesetzt (Markowitsch,
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2001). Dabei muss eine angemessene Gedächtnistypologie neben der Priming-Form drei weitere Systeme des Langzeitgedächtnisses berücksichtigen: (1) das prozedurale Gedächtnis motorischer Routinen, welches weitgehend unbewusst abläuft; (2) das semantischlexikalische Gedächtnis, das sich auf Fakten- und Allgemeinwissen bezieht; und schließlich (3) das episodisch-biographische Gedächtnis, in dem bewusst reflektierte und kontextgebundene Information verfügbar gehalten wird. Diese Unterscheidungen haben keinesfalls nur analytischen Charakter, sondern sind empirisch gesättigt: ihnen entsprechen verschiedene Hirnareale, in denen die spezifischen Gedächtnisprozesse verarbeitet werden. 1
Trotzdem soll im Rahmen dieser Arbeit – entgegen der Empfehlung Markowitschs – weiterhin von „dem“ Gedächtnis gesprochen werden. Denn die einzelnen Gedächtnissysteme lassen sich nicht nur in einen umfassenden Funktionskreis integrieren, sondern gehorchen auch ähnlichen Organisationsprinzipien: sie operieren in weitmaschigen und plastischen Netzwerken. Insofern bietet sich für die folgenden Ausführungen an, das Gedächtnis mit Damasio (1997) als gewaltigen Systemkomplex zu verstehen, der ständig im Wandel begriffen ist und latent in Form von „dispositionellen Repräsentationen“ vorliegt.
1.3. Erinnerung als Rekonstruktion
Man kann den gemeinsamen Nenner der aktuellen Forschung dahingehend zusammenfassen, dass „die Gedächtnistätigkeit nicht m ehr als Aufbewahrungs-, sondern als Konstruktionsarbeit “ (Schmidt, 1992, S.11) konzeptualisiert wird. Mit diesem Richtungswechsel knüpfen aktuelle Gedächtniskonzepte wieder an Einsichten an, die unter der Dominanz von behavioristischen und informationstechnischen Ansätzen vernachlässigt worden sind: so hat beispielsweise schon Bartlett (1932) auf den dynamischen und schöpferischen Charakter der Prozesse des Konservierens („retention“) und Aktualisierens („recall“) hingewiesen. Es gilt also, Erinnerungen nicht mehr als Reaktivierungen fixierter Engramme oder als direkte Speicherzugriffe zu definieren; stattdessen muss man davon ausgehen, dass Erinnerungen „momentane Konstruktionen sind, Versuche, Muster zu kopieren, die wir einst erlebt haben (…) [, wobei] die Wahrscheinlichkeit einer exakten Kopie gering“ (Damasio, 1997, S.145f) ist. Die Mittel, die zu einer solchen Rekonstruktion erforderlich sind, werden von „dispositionellen Repräsentationen“ (S.147) bereitgestellt, die sich im Transformationsprozess des Gedächtnisses unablässig reorganisieren. Insofern kann
1 So werden beispielsweise bei der Einspeicherung semantisches und episodisches Gedächtnis im limbischen System verarbeitet, die Ablagerung vollzieht sich auf neocorticaler Ebene und der Abruf läuft über eine Regionenkombination, die Teile des Stirnhirns und der vorderen Schläfenlappenregion umfasst. Das prozedurale Gedächtnis dagegen umgeht corticale Strukturen vollständig und rekrutiert stattdessen darunterliegende Kerngebiete sowie Teile des Kleinhirns.
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man sagen, dass jede Rekonstruktion von Vergangenheit immer in das bewegte Gewebe der Wahrnehmungsgeschichte verwickelt bleibt: assoziiert mit anderen Erfahrungen, verknüpft mit weiterem Wissen, strukturiert durch Relevanz- und Bewertungsmuster der Gegenwart.
1.4. Gedächtnisrahmen
Die Einsicht, dass Spuren und Fragmente vergangener Erlebnisse erst im Medium eingespielter kognitiver Prozesse eine erinnerbare Form annehmen, hat innerhalb der Psychologie vor allem zu Versuchen geführt, interne Verarbeitungsprozesse zu formalisieren. So ist beispielsweise schon in der Gestaltpsychologie auf Strukturierungstendenzen wie „leveling“, „sharpening“ und „normalizing“ hingewiesen worden. Darüber hinaus kulminieren unzählige Untersuchungen in der Frage, wodurch Informationen besser erinnerbar werden, d.h. welche Rahmenbedingungen Gedächtnisprozesse ermöglichen und begünstigen. Hier lässt sich zusammenfassend sagen, dass neben Bedeutsamkeit, Kohärenz und Plausibilität der Informationen insbesondere ihre Passung in kognitive Schemata, ihre Wiederholungsrate und ihr Bezug zum Selbstkonzept relevante Faktoren darstellen (Echterhoff & Saar, 2002).
Über Feststellungen dieser Art kommt die Psychologie selten hinaus – was unter anderem daran liegt, dass sie ein relativ isoliertes Individuum fokussiert und umfassendere Kontexte abblendet. Wenn man die Perspektive allerdings verschiebt und die Rahmenbedingungen selbst in den Blick nimmt, zeigt sich unweigerlich deren soziale Vermitteltheit: denn sowohl Bedeutsamkeit, Kohärenz und Plausibilität, als auch kognitive Schemata, Repetition und Identität sind in großem Maße Produkte sozialer Interaktion. Damit ist der Punkt markiert, an dem Gedächtnisphänomene in ihrer Kontextualität, Kommunalität und Kommunikativität denkbar werden. Hier geht der interdisziplinäre Zusammenhang auf, der im Folgenden erkundet werden soll. Die Theorien, die dabei zur Sprache kommen, versammeln sich unter dem Paradigma der rekonstruktiven Erinnerung und sind den überindividuellen Rahmen des Gedächtnisses auf der Spur.
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2. Sozialkonstruktivismus
2.1. Sprache als Metarahmen
Seit den sechziger Jahren werden in Abgrenzung zur empirischen Sozialpsychologie Konzepte entwickelt, die sich verstärkt um die Explikation überindividueller Kontexte bemühen. Im Anschluss an die Wissenssoziologie von Berger & Luckmann (2001) und die Philosophischen Untersuchungen Wittgensteins (1953) rückt dabei insbesondere die Sprache ins Zentrum der Analyse. Als entscheidend erweist sich der Versuch, „Sprache nicht als Fähigkeit des einzelnen, sondern als gemeinsam hergestellte Handlungspraxis“ (Echabe & Castro, 1995, S.131) zu begreifen.
Denn „auf der Grundlage dieses diskursanalytischen Hintergrundes lassen sich ‚psychologische Wirklichkeiten’ wie Denken und Erinnern als Sprachspiele auffassen (…). Damit werden die psychologischen Konstrukte aus ihrer Fixierung auf die Hirntätigkeit herausgenommen und in den Rahmen kommunikativ vermittelter Interaktion gestellt“ (Echabe & Castro, 1995, S. 131).
Der sozialkonstruktivistische Zugang überholt auf diese Weise sämtliche Modelle, die kognitive Prozesse auf subjektive Intentionen und implizite Regeln reduzieren. Er zeigt auf, dass sich „psychologische Wirklichkeiten“ nicht aus ihrer kommunikativen Verankerung herauslösen lassen: sie bleiben notwendig eingebunden in die sprachliche Praxis der gemeinsamen Lebenswelt.
2.2. Erinnern heißt erzählen!
Unter dem Eindruck dieser Einsichten hat sich ein Ansatz auskristallisiert, der auch die Erinnerung als „diskursive Leistung“ (Gergen, 1998, S.191) begreift. Als grundlegend gilt, dass Erinnerungen erst im sprachlichen Zusammenhang eine feste Form und eine intersubjektiv eingespielte Bedeutung gewinnen; erst dort lässt sich der Anspruch, etwas richtig zu erinnern, reflektieren und prüfen. Dabei wird vor allem der rhetorische bzw. dialogische Charakter der Sprache hervorgehoben: Sprache repräsentiert weniger die Welt selbst, sondern konstituiert und erhält eine soziale Ordnung. Insofern sind sprachlich artikulierte Erinnerungen immer schon auf wechselseitige Überzeugung und Bestätigung angelegt (Shotter, 1991). Dieser Gedanke findet sich insbesondere in einem Forschungsfeld entwickelt, das unter dem Namen „narrative Psychologie“ gerade zu sich kommt (Polkinghorne, 1998). Hier wird die These vertreten, dass Gedächtnisprozesse – zumindest solche mit biographischem Gehalt – grundsätzlich einem narrativen Muster folgen:
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Dipl.-Psych. Johannes Zimmermann, 2002, Erinnerung und Gedächtnis: Die Konzepte von Halbwachs, Assmann & Co, Munich, GRIN Publishing GmbH
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