Gliederung:
1. Einleitung
2. Der komische Roman 3. Die Instanz des Erzählers 4. Die Instanz des fiktiven Lesers 5. Verhältnis der beiden Instanzen zueinander 6. Der implizite Leser 7. Zusammenfassung
1.Einleitung:
Mitte des 18. Jahrhunderts verbreitete sich die Aufklärung in Frankreich, und mit ihr die Auffassung, dass die Vernunft das Wesen des Menschen darstelle, wodurch alle Menschen gleich seien. Die Vernunft sei als einzige befähigt, über Wahrheit und Falschheit von Erkenntnissen zu entscheiden. Die Aufklärer verstanden sich und ihre Werke in diesem Zusammenhang als Anleiter zum freiheitlichen, autonomen Vernunftgebrauch, nicht zuletzt durch ihre Kritik an überkommenen Normen und Dogmen. An erster Stelle allen aufklärerischen Denkens stand das Ziel der Erziehung des Menschen zu einem selbstbestimmten, vernünftigen Wesen, das seine Umwelt beobachtet, und seine Beobachtungen als neue, eigene Wirklichkeit versteht. Neue Inhalte fand daher auch die Literatur der Aufklärung. Sie war vorwiegend erzieherisch, kritisch und satirisch. 1 Auch Diderot, einer der bedeutendsten Vertreter aufklärerischer Literatur reiht sich in diese Tradition ein.
Im Rahmen des Proseminars « Denis Diderot und die französische Aufklärung » beschäftigte ich mich mehr mit dem Werk um Jacques, den Fatalisten, und seinen Herrn. In diesem Zusammenhang soll hier genauer auf das Verhältnis zwischen Erzähler und Leser eingegangen werden, wobei jedoch eine Trennung zwischen implizitem und fiktivem Leser vorgenommen wird, die aus dem Titel dieser Abhandlung nicht hervorgeht, jedoch notwendig ist. Bevor jedoch eine genauere Analyse der doch sehr speziellen Verhältnisse der einzelnen Instanzen zueinander möglich ist, muss zuvor explizit auf das Genre des komischen Romans,
1 vgl. Nünning, Ansgar (Hrsg.), Metzler Lexikon Literatur -und Kulturtheorie. Stuttgart: Verlag J.B. Metzler, 2001. S. 30-31.
beliebtes Mittel der Aufklärer zur Normkritik, eingegangen werden, um mit Hilfe dieses Hintergrunds die Charakteristiken der einzelnen Instanzen objektiv bewerten zu können. Der Hauptaspekt dieser Arbeit wird also die Charakterisierung der einzelnen Instanzen sein, zunächst für sich, dann miteinander.
2. Der Komische Roman
„Jacques le fataliste“ ist unwiderlegbar der Gattung des komischen Romans zuzuordnen, und parodiert somit in dieser Eigenschaft den zeitgenössischen Abenteuer- bzw. Liebesroman. 2 Bevor jedoch genauer auf den komischen Roman eingegangen werden soll, zuvor noch eine Erklärung zu den Beweggründen Diderots, sich gerade dieses Genres anzunehmen, um seine aufklärerischen Ziele an das Volk zu bringen: Im 17. Jahrhundert sah sich der Roman generell harscher Kritik ausgesetzt. Vorgeworfen wurde ihm vor allem Wirklichkeitsferne, und dies nicht einmal zu Unrecht. Elitäre Charaktere, außergewöhnliche Szenarien und unglaubliche Handlungen hatten nicht viel mit dem realen Alltag des einfachen Romanlesers zu tun. Im Zuge des 18. Jahrhunderts und besonders durch das Wirken der Aufklärung erfuhr der Roman eine grundlegende Veränderung. Man besann sich mehr und mehr auf den Aspekt, dass die Romanlektüre nicht nur bloßer Akt der Selbstbelustigung sein dürfe, sondern vielmehr den Zweck der geistigen und moralischen Bildung des Lesers erfüllen müsse. Die „Weltfremdheit“ und „Oberflächlichkeit“ des Romans wurde angeprangert. Angestrebt wurde eine umfassende Umerziehung der französischen Gesellschaft auf Basis der erklärten gesellschaftlichen Vorstellungen der Aufklärer. 3
Resultierend aus dieser Kritik änderte sich das Erscheinungsbild des Romans radikal. Die Hauptpersonen der Geschichten entsprangen nicht mehr ausschließlich den hohen Klassen der Gesellschaft, allzu außergewöhnliche Entwicklungen im Handlungsgeschehen wurden vermieden, Szenarien wurden so gewählt, dass sie den zeitgenössischen französischen Leser
2 sowohl Dirscherl als auch von Treskow vertreten diese Ansicht
3. Geißler, Rolf, Romantheorie in der Aufklärung. Berlin: Akademie-Verlag, 1984. S.79-82.
an seine eigene Lebenssituation bzw. Umwelt erinnerten. 4 „Wirklichkeit“ und „Wahrscheinlichkeit“ waren zum tonangebenden Kredo des Romanschreibens geworden. Hin zur zeit der Spätaufklärung hatten sich die Vorstellungen über die Kriterien für einen „richtigen“ Roman auf folgende Anforderungen konkretisiert: die Fiktion müsse realitätsverbunden sein, die Darstellung menschlichen Empfindens müsse wahrscheinlich sein, und allgemein müsse der Roman seine didaktische Funktion erfüllen. 5 Diderot selbst, als Aufklärer ohnehin, schloss sich den neuen Forderungen an die Romanschreibung an, lag für ihn doch der Kernpunkt zur Wirkung eines literarischen Werkes, in dem Grad der Wahrscheinlichkeit, dem die Handlung unterstellt war. Um genau zu sein, forderte, ja verlangte Diderot geradezu konkret die Darstellung romanhafter Handlungen im Rahmen der „vérité“, d.h. so, dass sie sich vom zeitgenössischen Romanleser identifikatorisch und nachvollziehbar erschließen lässt. 6
Doch diese Entwicklung an sich reichte Diderot noch nicht. Worauf es ihm neben der erzieherischen Funktion noch viel mehr ankam, war das eigenständige Reflektieren des Lesers über das Gelesene, und die Anwendung des Erfahrenen auf die eigene Situation. Geißler argumentiert hier treffend, wenn er sagt, dass statt „eines unkritisch -gefühlsbetonten Miterlebens eine kritisch -reflektierende Haltung zur Romanhandlung“ 7 nötig sei, um den Leser zum eigenen Handeln und Denken zu animieren, und nicht nur passiv am Geschehen teilnehmen zu lassen.
Dies zu erreichen galt es und Diderot war sich bewusst, dass der Roman als solcher nur bedingt geeignet war, seine Auffassung eines das Gemüt bewegenden Romans und damit verbunden seine wirkungsästhetischen Ziele zu realisieren. In dem Bewusstsein, dass der Roman als solcher im Grunde dazu fähig sei, den Leser moralisch zu erreichen, jedoch nicht so „extrem“, wie er es sich vorstellte, waren Traktate und Essays für ihn keine Alternative, da diese Art der Literatur beim zeitgenössischen Leser kein Interesse fand. Die nötige Distanz des Lesers zur Handlung, die letztendlich ein kritisches Reflektieren ermöglicht, fand Diderot
4 vgl. Treskow, Isabella von, Französische Aufklärung und sozialistische Wirklichkeit. Denis Diderots Jacques le fataliste als Modell für Volker Brauns Hinze-Kunze-Roman, Würzburg: Königshausen & Neumann, 1996. S. 44-46
5 vgl. Geißler, Rolf. Romantheorie in der Aufklärung. Berlin: Akademie-Verlag, 1984. S.34.
6 ebd., S. 22ff.
7 ebd., S. 82.
dann im Genre des komischen Romans. In „Jacques le fataliste et son maître“ negiert er prinzipiell fast alle von ihm gestellten Forderungen an den Roman, ja er verspottet sie sogar. Zum besseren Verständnis möchte ich hier nur einige Merkmale der Gattung des komischen Romans einbringen, die ich unterschiedlichen Werken zu diesem Thema entnommen habe: die [„Darstellung der Wirklichkeit spielt eine große Rolle […], jedoch nicht um ihrer selbst Willen, sondern zum Zweck erheiternder Unterhaltung […], zur angenehmen Belehrung des Lesers…“], Personen vor allem der unteren Schichten stehen im Mittelpunkt der Handlung, und mit ihnen dementsprechend unscheinbar wirkende Probleme und Vorfälle, die vorherrschende neoaristotelische Auffassung der Struktur eines Romans wird vollkommen ignoriert - in diesem Fall setzt sich die gesamte Handlung aus vielen, scheinbar unzusammenhängenden Einzelepisoden zusammen, die selbst zusammen kein einheitliches Bild zu ergeben scheinen, der Erzähler wird zum handlungstragenden Gebilde. Der komische Roman übernimmt die Themen, die im zeitgenössischen Roman zum Tragen kamen, und bei den Lesern sehr beliebt waren, mit der Ausnahme, dass sie hier gnadenlos verspottet wurden. Hauptfunktion war unbestritten die Kritik an der Gesellschaft und bestehenden Normen und Dogmen, die in den Augen des Aufklärers Diderot völlig überkommen waren. 8
All die hier aufgezählten Merkmale komischen Schreibens sind in „Jacques le fataliste et son maître“ wieder zu finden. Mein Augenmerk wird sich im weiteren Verlauf dieser Arbeit speziell auf das Erzähler-Leser-Verhältnis richten, das hinsichtlich der bereits erwähnten kritischen Grundhaltung des Werkes und der Gattung des komischen Romans als sehr komplex erweisen dürfte.
3. Die Instanz des Erzählers
Ich möchte mich nun an dieser Stelle genauer mit dem Erzähler auseinandersetzen. Es ist wohl nicht abzustreiten, dass er die auffälligste Persönlichkeit in der ganzen Geschichte ist.
8 entnommen aus Dirscherl, Klaus, Der Roman der Philosophen. Tübingen: Gunther-Narr-Verlag, 1985. S. 127. aber v.a. aus Treskow, Isabella von, Französische Aufklärung und sozialistische Wirklichkeit. Denis Diderots Jacques le fataliste als Modell für Volker Brauns Hinze-Kunze-Roman, Würzburg: Königshausen & Neumann, 1996. S. 152-153.
Arbeit zitieren:
Mandy Dobiasch, 2002, Erzähler und Leser in Denis Diderots "Jacques le fataliste", München, GRIN Verlag GmbH
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