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Diese Arbeit soll der Frage auf den Grund gehen, wie der Umgang mit dem Schmerz in der Neuzeit erfolgte. Zuerst müssen einige Begriffe geklärt werden: Was ist mit Schmerz gemeint? Was mit Umgang? Welche genauere Zeitperiode soll behandelt werden?
Unter Schmerz soll in der Folge das verstanden werden, worunter Menschen gelitten haben. Das umfaßt also physischen und seelischen Schmerz. Heute weiß man, daß der eine vom anderen nicht zu trennen ist - im Laufe der Geschichte gab es dazu aber vielfältige Meinungen, die auch ansatzweise behandelt werden sollen.
„Umgang mit Schmerz“ meint im Kontext der Arbeit sowohl individuelles und soziales Umgehen mit dem Leiden als auch die medizinische Therapie. Ich habe mich entschlossen, die Entstehung der Schmerzmittel nicht in einem eigenen Kapitel, sondern als „Annexmaterie“ der Schmerzentwicklung zu behandeln, weil die Frage, ob und wie Schmerz gelindert werden soll, untrennbar mit der Schmerzauffassung der jeweiligen Zeit verknüpft ist.
Über die soziale Komponente des Schmerzes in der Geschichte gibt es wenig Literatur. Ich habe deshalb versucht, Texte, die sich nicht primär mit dem Thema Schmerz beschäftigen, in dieser Hinsicht zu interpretieren. So sind die speziellen Kapitel über Operationsschmerz, familiäre Gewalt und Schmerz im Strafvollzug entstanden. Diese Abschnitte beziehen sich auf bestimmte, abgegrenzte Perioden. Im Überblick der Schmerzentwicklung soll aber die ganze Zeitspanne - vom Beginn des sechzehnten Jahrhundert bis zum Beginn des Zwanzigsten - betrachtet werden.
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In einem medizinischen Lehrbuch heißt es: „6FKPHU] LVW HLQH XQDQJHQHKPH 6LQQHVHPSILQGXQJ YHUEXQGHQ PLW HLQHP XQOXVWEHWRQWHQ *HIKOVHUOHEQLV (U LVW GLH 5HDNWLRQ DXIGLH0HOGXQJGDGHP.|USHULP,QQHUHQRGHUYRQDXHQHLQ6FKDGHQGURKWRGHUEHUHLWV 1 “ WULIIWZREHLGLH(UNHQQXQJGHU8UVDFKHZHQLJHUZLFKWLJLVW.
Obwohl dieser Definition die psychische Komponente des Schmerzes fehlt, gilt Schmerz heute allgemein als Krankheit - ob er organisch bedingt, rein seelischer Schmerz oder psychosomatisch ist.
Schmerz wird, sofern er eine Warnfunktion erfüllt, als wertvoll anerkannt. Chronischer Schmerz, der den Patienten unnötig, wie wir heute sagen, quält, soll bekämpft werden.
Im Bereich der physischen Schmerzen kann man nach einem groben Muster folgende unterscheiden:
Für jeden dieser Schmerzen gibt es eigene Rezeptoren. Moderne Schmerzmittel wirken hauptsächlich durch Synthesehemmung der Schmerzbotenstoffe (z.B. Prostaglandine).
1 Silbernagel, Stefan u. Despopoulos, Agamemnon,7DVFKHQDWODVGHU3K\VLRORJLH. Stuttgart u. New York: Georg Thieme Verlag, 4. überarb. Auflage, 1991. S. 276.
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Im Mittelalter war der Schmerz physiologisch nicht erforscht. Die Beschäftigung mit Physiologie und Anatomie war auch nicht frei und fand an Versuchstieren statt, weil der menschliche Körper zu geheiligt war, um einem so profanen Zweck zu dienen. Die Malerei schließlich trieb den Wissensdurst über die menschliche Anatomie voran. Leonardo da Vinci führte auch anatomische Sektionen am Menschen durch.
Der Schmerz wurde im Mittelalter als Strafe Gottes angesehen. Eine Linderung durch den Menschen war daher gar nicht gewollt. Wurde sie versucht, galt das als Widersetzung gegen den göttlichen Willen. Erlösung von den Schmerzen konnte nur durch göttliche Gnade erfolgen. David B. Morris schreibt in seiner „Geschichte des Schmerzes“: „6FKPHU]JDEGHQ &KULVWHQ DOVR HLQHQ 9RUJHVFKPDFN GHVVHQ ZDV HV WKHRORJLVFK JHVSURFKHQ EHGHXWHWH 2 “ YHUGDPPW]XVHLQ(UNRQNUHWLVLHUWHGHQ*ODXEHQ.
Außerdem: wozu braucht man Ärzte, wenn der Glaube Berge versetzen kann?
Betäubung und Hypnose wurden von der Kirche schon allein deshalb abgelehnt, weil alles, was mit Willensentzug und Suggestion zu tun hatte, mit dem Teufel in Verbindung stehen und Hexerei sein mußte. Vor allem der Geburtsschmerz der Frau wurde verklärt, weil Gott zu Eva gesagt hatte: „,FKZLOO'LUYLHOH6FKPHU]HQVFKDIIHQZHQQ'XVFKZDQJHUZLUVW'XVROOVWPLW 3 “ Das deutsche Wort 3HLQ sowie das englische SDLQ leiten sich vom 6FKPHU]HQ JHElUHQ... lateinischen SRHQD, „Buße, Strafe“, ab 4 .
Zwei Auffassungen können als Voraussetzungen dieser Einstellung gesehen werden: daß Körper und Seele untrennbar miteinander verbunden seien und daß die menschliche Natur unvollkommen und schadhaft sei.
2 Morris, David B, *HVFKLFKWHGHV6FKPHU]HV. Frankfurt am Main u. Leipzig: Insel Verlag, 1994. S. 76. 3 Genesis, 3,16
4 vgl. Kluge, Friedrich, Etymologisches :|UWHUEXFKGHUGHXWVFKHQ6SUDFKH Berlin u. New York: Walter de Gruyter, 23. erw. Auflage 1995. s.v. 3HLQ
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Einerseits kann man davon ausgehen, daß die Reformation den Strafcharakter des Schmerzes etwas zurückgedrängt hat. Andererseits reichte diese Sichtweise aber weit in die Neuzeit herein.
Petrus Severinus schrieb 1616: „'LH HUVWH %HVFKDIIHQKHLW GHU 'LQJH ZDU UHLQ XQYHUVHKUW YROONRPPHQ RKQH 9HUGHUEQLV XQG 7RG $EHU QDFK GHP 6QGHQIDOO GHV 3URWRSODVWHQ VLQG ]X MHQHQ HUVWHQ 6DPHQ GXUFK GHQ J|WWOLFKHQ )OXFK QHXH 7LQNWXUHQ KLQ]XJHNRPPHQ GXUFKGHUHQ 9HUPLVFKXQJ GLH VFK|QH 8QYHUVHKUWKHLW GHU JDQ]HQ .UHDWXU LQ YHUGHUEOLFKHU $UW WUDQVSODQWLHUW ZRUGHQ LVW 'LH HUVWHQ 6DPHQ VLQG ]ZDU HUKDOWHQ JHEOLHEHQ DEHU YHUKOOW ZRUGHQ PLW QHXHQ EHOEULQJHQGHQ .OHLGHUQ 'LHV LVW GLH $QDWRPLH GHU .UDQNKHLWHQ XQG GHV 5 “ 7RGHVPLWGHUHQ$XVOHJXQJVLFKGLHbU]WHEHVFKlIWLJHQPVVHQ.
Vor allem Ärzte, die versuchten, den Frauen die Qualen einer Geburt zu erleichtern, taten das heimlich. Im 17. Jahrhundert wurden in Frankreich Narkosekräuter überhaupt verboten, nicht zuletzt aus diesen Grund 6 . Aus dieser Notlage heraus griff man bei Operationen auf Betäubung durch Druck auf die Halsschlagader, um Bewußtlosigkeit herbeizuführen. War die Blutzufuhr zum Gehirn aber zu lange unterbrochen, konnte das Lähmungen oder den Tod nach sich ziehen. Man versuchte, Schmerz durch Unterkühlung des schmerzbefallenen Gliedes zu lindern. Weitverbreitet war auch der Druck auf Nerven.
Trotz der Abneigung gegen medizinische Schmerzlinderung dürfte die Verwendung von Narkosemitteln aber bereits im Mittelalter so gebräuchlich gewesen sein, daß diese Praxis schriftlich erwähnt wurde. Opium, Alraune, Alkohol, Schierling und Bilsenkraut waren aber nicht immer leicht dosierbar. Bei manchen Patienten wirkten sie gar nicht, bei anderen führten sie zu Ohnmacht und Tod.
5 Petrus Severinus (= Peder Soerensen 1542-1602,GHD0HGLFLQDH3KLORVRSKLDHIXQGDPHQWDFRQWLQHQVWRWLXV GRFWULQDH3DUDFHOVDH+LSSRFUDWLFDHHW*DOHQLFDH. Basel: 1571. Zitiert nach Richard Toellner, „Die Umbewertung des Schmerzes im 17.Jahrhundert in ihren Voraussetzungen und Folgen“. In: 0HGL]LQKLVWRULVFKHV -RXUQDO 6 (1971), S.36-44. Vgl. S.39.
6 Seeman, Bernard, hEHUGHQ6FKPHU]*HVFKLFKWHGHU6FKPHU]EHNlPSIXQJ. Heidelberg: Sauer-Verlag, 1965. S. 97.
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Der italienische Philosoph, Mathematiker und Arzt Girolamo Cardano (= Hieronymus Cardanus, 1501 - 1576) beschrieb den Schmerz so: er ließe Eingeweide zerspringen, wenn der Mensch nicht Tränen und Seufzer hätte, deren Verdrängung für Menschen mit zarter Konstitution (vor allem Frauen) tödlich sei und die den Männern die Haare ergrauen ließe. Man solle, wenn man vom Schmerz geplagt sei, keine Nahrung zu sich nehmen und Trost in der Philosophie suchen 7 .
Einer der wichtigsten Erscheinungen auf dem Gebiet der Philosophie und Medizin war René Descartes (= Renatus Cartesius, 1596-1650), der mit seinen mechanistischen Vorstellungen des Schmerzes eine Umwertung hervorrief.
Er nahm an, daß Materieteilchen der Schmerzquelle auf die Haut treffen, dort einen Hautfleck in Bewegung versetzen, der den Schmerz wie eine Klingelschnur ins Gehirn weiterleitet, wo etwas wie eine Glocke dem Menschen die Schmerzempfindung anzeigt. Oder anders gesagt: der Schmerz läßt die Nervenfäden reißen, und dadurch kommt es zu einer hirnwärts gerichteten Bewegung der „Lebensgeister“ (VSLULWXV YLWDOLV), deren Folge eine rein mechanische Reflexbewegung ist.
Deshalb, meinte Descartes, ist der Schmerz gut- weil er nützlich ist. Er befreite ihn damit von seinem theologischen Strafcharakter und machte ihn zu einem Diener des menschlichen Körpers.
Bei Descartes gehörte der Schmerz in die Welt der seelischen Affekte, die er allesamt gut nannte. Er trennte damit das bewußtseinserkennende Subjekt, die Seele, vom Körper, dem Gegenstand (erkanntes Subjekt). Er vermutete also schon damals - und die Existenz von Phantomschmerzen schien ihm rechtzugegen - daß der Schmerz nicht im Körper lokalisiert sei, sondern in Geist und Seele. Tiere können keine Schmerzen spüren, weil sie per definitionem keine Seele und keinen Verstand hätten.
Von Bedeutung ist, daß Descartes den Schmerz als Sinneswahrnehmung definierte. In der älteren Lehre hatte nämlich die Sichtweise von Schmerz als krankhaftes Gefühl, als Störung der Proportion und der Körpersäfte, überwogen 8 .
7 Kuhlen, Franz-Josef, =XU*HVFKLFKWHGHU6FKPHU]6FKODIXQG%HWlXEXQJVPLWWHOLQ0LWWHODOWHUXQGIUKHU 1HX]HLW. Stuttgart: Deutscher Apotheker Verlag, 1983 (= Quellen und Studien zur Geschichte der Pharmazie, Hg. von Rudolf Schmitz, Bd 19). S. 118.
Arbeit zitieren:
Barbara Prainsack, 1998, Der Umgang mit Schmerz in der Neuzeit, München, GRIN Verlag GmbH
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