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Zusammenfassende Graphik: wesentliche Etappen in der Entwicklung des Krankheitsbegriffs
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Warum widmet sich eine politikwissenschaftliche Arbeit einer Annäherung an den Krankheitsbegriff? Inwiefern kann eine Definition von Krankheit für die Politikwissenschaft von Interesse sein?
Ich glaube, daß diese Thematik nicht nur interessant, sondern höchst brisant ist. Daß uns ihre Bedeutsamkeit im täglichen Leben nicht bewußt ist, widerlegt diese These nicht. Die meisten von uns sind mit einer bestimmten Vorstellung davon aufgewachsen, was „normal“ ist, was „gesund“ bedeutet und was von der Norm abweicht, „krank“ ist. Daß sich diese Normalitäten und Anormalien jedoch über die Jahrhunderte hin stark verändert haben, ist unbestritten und Ausdruck der unterschiedlichen Zwecke, die eine Gesellschaft damit verfolgt hat. Alfons Labisch bringt diese Entwicklung auf den Punkt, wenn er festhält: „*HVXQGKHLW
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VR]LDOHU .RQWUROOH Macht aus. Er schließt ein und grenzt aus, öffnet die Türe für finanzielle oder soziale Zuwendung, entscheidet mitunter - man denke an die schrecklichen Vorkommnisse während des Nationalsozialismus - über Leben und Tod. Dieser Jemand können kleinste soziale Verbände, Institutionen, Einzelpersonen oder auch staatliche Autoritäten sein.
Das Ziel dieser Arbeit ist es, die Eingebundenheit des Begriffes.UDQNKHLW in Raum und Zeit aufzuzeigen. Damit soll einerseits die Relativität des Begriffes selbst demonstriert werden und andererseits die Möglichkeiten und Gefahren, die in einer Manipulation des Krankheitsbegriffes stecken.
Im ersten Teil möchte ich, ausgehend vom religiös gefärbten Krankheitsbegriff des Mittelalters, verschiedene Stationen in der Geschichte des Krankseins beleuchten. Es wäre natürlich illusorisch, wollte man diesen „Weg“ als einheitlich und zu einem homogenen Endergebnis, nämlich der heutigen Vorstellung von Krankheit hinführend, darstellen. Noch heute gibt es unterschiedliche Krankheitsbegriffe, deren Unterschiede nicht nur geographisch und kulturell bedingt sind, sondern auch innerhalb einer relativ homogenen Gesellschaft wie der unseren auf rivalisierende Schulen und Meinungen zurückzuführen sind.
Der zweite Teil der Arbeit wird aktuelle Teilbereiche des Krankheitsbegriffs an ausgewählten Beispielen beleuchten.
1 Labisch, Alfons, +RPR +\JLHQLFXV *HVXQGKHLW XQG 0HGL]LQ LQ GHU 1HX]HLW Frankfurt/Main: Campus Verlag, 1992. S. 17-18.
2 Zola, Irving, „Medicine as an Institution of Social Control“. In: 6RFLRORJLFDO 5HYLHZ 20, 1972. S. 487-504. Zitiert nach Labisch, S. 9.
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Hippokrates sah Krankheit in erster Linie als Funktionsstörung. Eine solche Definition sei deshalb die naheliegendste, meint Emanuel Berghoff in seiner „Entwicklungsgeschichte des Krankheitsbegriffes“, „ZHLOGHU0HQVFKVLFKQXUGDQQIUNUDQNKlOWZHQQHLQHDXJHQIlOOLJH 3 “ Das Ziel des Hippokrates war es, alle Bedingungen zu )XQNWLRQVYHUlQGHUXQJ ]XWDJH WULWW.
erkennen, unter denen Krankheit zustande kommt. Er stellte also nicht mehr die Frage seiner Vorgänger, von welchem Dämon der Leidende besessen war, sondern er fragte sich, was mit ihm und in ihm vorging. Das Fieber sah er als Zeichen dafür, daß der natürliche Heilungsprozeß eingesetzt hatte. Die Natur betrachtete Hippokrates als den eigentlichen „Arzt“ des Kranken, und die weltliche Ärzteschaft konnte nur der Natur in dieser ihrer Funktion dienen und behilflich sein.
Weiters war Hippokrates ein glühender Vertreter der Humoralpathologie: durch die richtige Mischung der vier Körpersäfte (Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle 4 ) war der Mensch gesund. Eine Entmischung der Säfte oder die Dominanz eines von ihnen ließ den Menschen krank werden. Im Gegensatz dazu stand Demokrit mit seiner Auffassung, daß der Körper sich nicht hauptsächlich aus Säften zusammensetze, sondern aus Atomen bestehe 5 . Trotzdem beherrschte die Hippokratische „Viersäftelehre“, von Galen systematisiert, noch über Jahrhunderte hinaus die medizinische Lehre.
Bedeutsam für unser Thema ist auch die Tatsache, daß Hippokrates eine frühe Abkehr von der religiösen Deutung der Krankheiten vollzog. Über die Epilepsie, den PRUEXV VDFHU schrieb er: „1DFKPHLQHU$QVLFKWLVWGLHVH.UDQNKHLWLQJDUNHLQHU%H]LHKXQJJ|WWOLFKHURGHU KHLOLJHU DOV GLH DQGHUHQ .UDQNKHLWHQ VRQGHUQ GDV :HVHQ LKUHU (QWVWHKXQJ LVW GDVVHOEH ZLH EHL GHQ DQGHUHQ .UDQNKHLWHQ 'LH 0HQVFKHQ DEHU VDKHQ LQIROJH LKUHU 8QHUIDKUHQKHLW XQG 9HUZXQGHUXQJVRZRKOLKU:HVHQZLHDXFKLKUH8UVDFKHDOVHWZDV*|WWOLFKHVDQZHLOVLH 6 “ LQQLFKWVGHQDQGHUHQ.UDQNKHLWHQJOHLFKH.
3 Berghoff, Emanuel, 'LH (QWZLFNOXQJVJHVFKLFKWH GHV .UDQNKHLWVEHJULIIHV. Wien: Verlag Wilhelm Maudrich, 1946. S. 4.
4 Wie man auf die Idee kommen konnte, der Mensch bestehe aus diesen vier Säften, liegt auf der Hand: man sah Menschen sterben, indem sie bluteten oder Blut erbrachen. Man sah sie Schleim spucken oder Galle erbrechen. Es verwundert nicht, daß man Wohlbefinden und Leiden in unmittelbaren Zusammenhang mit diesen Flüssigkeiten stellte.
5 Die Vorstellung, daß der Organismus sich aus Teilchen zusammensetzt, deren Veränderung Krankheit bedeutet, nennt man Solidarpathologie.
6 Hippokrates, 3HUL 'LDLWHV (hEHU GLH 5HJHOXQJ GHU /HEHQVZHLVH), I2, 1. Übersetzt nach: Kapferer, Werke des Hippokrates, Band 1, 1993. III S. 24. Zitiert nach Labisch, S. 22.
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Hippokrates war mit dieser Einschätzung zweifellos seiner Zeit voraus, wie im nächsten Kapitel näher ausgeführt werden wird.
Galen leistete hinsichtlich des Krankheitsbegriffes vor allem durch seine Systematisierungen große Dienste. Er teilte die Krankheiten in
• Krankheiten der Elemente (d.h. des Schleims, des Blutes, der Galle)
• Krankheiten der Gewebe (dynamische und physikalische Störungen. Erstere werden durch
Kontraktion und Erschlaffung des Gewebes herbeigeführt, letztere durch Temperatureinwirkung, Trockenheit und Feuchtigkeit)
• Krankheiten der Organe 7 .
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Die Leiblichkeit war in der religiös dominierten Gesellschaft des Mittelalters den geistigen und seelischen Dingen in seiner Bedeutung klar untergeordnet. Der Körper war ein Werkzeug, das dem Menschen bei der Erfüllung seines gottesfürchtigen Alltagswerkes dienen sollte. Aufgrund dieses Primats der geistigen Dinge konnte Gesundheit niemals Selbstzweck sein. War man gesund, so galt das als Zeichen der Gnade Gottes und als Hinweis darauf, daß Gott mit dem, was man tat und wie man lebte, zufrieden war. War man krank, konnte das als Prüfung verstanden werden, die Gott für einen vorgesehen hatte, oder als Strafe für falsche Lebensführung. Man unterschied zwischen „natürlichen“ Krankheiten, etwa Seuchen, die auch über „gute“ Menschen hereinbrechen konnten (sie waren als Prüfung zu verstehen, und wer sie überlebte, hatte das Wohlgefallen bewiesen, das Gott mit ihm hatte) und anderen, deren Auftreten man durch sein eigenes Verhalten verschuldet hatte.
Das wichtigste Kennzeichen der Krankheiten war das Leiden, der Schmerz. In „vergeistigten“ Gesellschaften wie Klostergemeinden wurde er oft durch Askese bewußt herbeigeführt, um die Verneinung und Unterdrückung der Leiblichkeit auszudrücken. Im Rahmen einer Krankheit wurde Schmerz als Strafe Gottes angesehen. Eine Linderung durch den Menschen war weder gewollt noch erlaubt. Wurde sie versucht, galt das als Widersetzung gegen den göttlichen Willen. Erlösung von den Schmerzen konnte nur durch göttliche Gnade erfolgen. David B. Morris schreibt in seiner „Geschichte des Schmerzes“: „6FKPHU]JDEGHQ &KULVWHQ DOVR HLQHQ 9RUJHVFKPDFN GHVVHQ ZDV HV WKHRORJLVFK JHVSURFKHQ EHGHXWHWH
7 Vgl. Berghoff, S. 9.
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8 “ Das Wort 3HLQ sowie das englische SDLQ YHUGDPPW ]X VHLQ (U NRQNUHWLVLHUWH GHQ *ODXEHQ.
lassen sich auf das lateinische SRHQD, „Buße“, „Strafe“, zurückführen. 9 .
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Die „Neuzeit“, wie sie hier verstanden werden soll, reicht vom Beginn der Renaissance bis zur Zeit Sigmund Freuds, der durch seine psychoanalytischen Aspekte den Krankheitsbegriff grundsätzlich reformierte.
Bevor jedoch davon die Rede sein soll, wie sich die sozialen Sanktionen von Krankheit im Laufe der Neuzeit gestalteten, möchte ich darstellen, welche die gängigsten Krankheitsauffassungen waren, die damals vorherrschten 10 . Die vielfältigen Tendenzen lassen sich unter folgendem Muster subsumieren:
1. RQWRORJLVFKH .UDQNKHLWVDXIIDVVXQJHQ. Die Krankheit ist eine selbständige Wesenheit. Jede einzelne Krankheit hat immer denselben Ursprung und nimmt immer denselben Verlauf. Manche Vertreter gingen soweit zu sagen, daß die Krankheiten selbst als eine Art niederes Leben zu betrachten seien.
2. Krankheit als Folge einer JHVW|UWHQ 2UGQXQJ im Organismus. Hierzu zählen die bereits erwähnte Humoral- und Solidarpathologie, wie auch Funktionsstörungen, unter denen ein zu viel (Überfunktion) oder ein zu wenig (Unterfunktion) der einzelnen Lebensvorgänge verstanden werden kann. Manchmal ist mit der gestörten Ordnung aber auch das Nichtfunktionieren der Steuerungen im Organismus gemeint.
Interessant erscheint in diesem Zusammenhang die Krankheitsdefinition Dietrich Georg Kiesers zu sein, der in seinem „6\VWHP GHU 0HGL]LQ“ 1817 Gesundheit als Ausgleich der negativen und positiven Kräfte, die im Organismus wirken, definierte:
„*HVXQGKHLWLVWGHUMHQLJH=XVWDQGGHVEHVRQGHUQ/HEHQVLQZHOFKHPGLHEHLGHQ3ULQFLSHGHV /HEHQVJOHLFKI|UPLJZLUNHQZRDOVRZHGHUGDVSRVLWLYH3ULQFLSQRFKGDVQHJDWLYHVHOEVWLVFK
8 Morris, David B., *HVFKLFKWHGHV6FKPHU]HV. Frankfurt am Main: Insel Verlag, 1994. S. 76.
9 Vgl. Kluge, Friedrich, (W\PRORJLVFKHV:|UWHUEXFKGHUGHXWVFKHQ6SUDFKH. Berlin: Walter de Gruyter, 23. Erw. Aufl. 1995. S.v. Pein.
10 Ich stütze mich hierbei auf die Ausführungen, die Karl Eduard Rothschuh unter „QDWXUDOLVWLVFKH .UDQNKHLWVPRGHOOH“ anbietet. Vgl. seinen Beitrag „Der Krankheitsbegriff“. In: Rothschuh, Karl Eduard (Hg), :DVLVW.UDQNKHLW"(UVFKHLQXQJ(UNOlUXQJ6LQQJHEXQJ. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1975. S. 397-420.
Arbeit zitieren:
Barbara Prainsack, 1998, Der Krankheitsbegriff und seine Sanktionierung, München, GRIN Verlag GmbH
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Der Machtwechsel in Ostberlin. Von Ulbricht zu Honecker
Geschichte Europa - Deutschland - Nachkriegszeit, Kalter Krieg
Seminararbeit, 25 Seiten
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