INHALTSVERZEICHNIS
I) Zur Problematik 1
II) Definition Bilinguismus 1
III) Geschichte Südtirols seit 1919 2
IV) Sprachenlernen in Südtirol: Antrieb und Zugang 3
1) Der Antrieb
a) Der Wunsch nach sozialer Integration 4
b) Die Angst vor sozialer Integration 4
c) Kommunikative Bedürfnisse 4
d) Einstellungen zu den Sprachen 4
2) Der Zugang
a) Die Umwel 4
b) Natürliche Situationen 4
c) Außersprachliche Verstärkung 5
d) Feedback 5
e) Zweisprachigkeitsprüfungen 5
f) Veränderung der sozialen und sprachpolitischen Verhältnisse 5
g) Den Zugang lenken 6
- Förderung der Zweisprachigkeit 6
- Zweitsprachenlernen 7
V) Die Schule in Südtirol 7
VI) Die ,repertori linguistici' (Sprachregister) in Südtirol 7
VII) Zusammenfassung 11
VIII) Literaturverzeichnis 11
II
I)Zur Problematik
Die Zweisprachigkeit in Südtirol ist sicherlich ein sehr interessantes Thema, und ich habe es nicht zuletzt deshalb gewählt, weil ich selbst Südtirolerin bin und tagtäglich mit dem Bilinguismus konfrontiert werde.
Ich werde zu Beginn meiner Arbeit einen kurzen Überblick über die Geschichte Südtirols seit seiner Einverleibung in den italienischen Staat im Jahre 1919 geben und anschließend daran die Faktoren des Sprachenerwerbs, nämlich Antrieb und Zugang, anhand eines dazu einschlägigen Beitrags von Kurt Egger erläutern. Im letzten Teil geht es um die verschiedenen Sprachregister Südtirols, zu deren Veranschaulichung ich einen Bericht von Alberto Mioni zu Hilfe nahm.
Zur Zeit leben in Südtirol rund 63% Deutschsprachige, 30% Italienischsprachige und ein kleiner Anteil von Ladinern, nämlich 4%. 1 In meiner Arbeit lasse ich die Ladinischsprachigen außer Betracht, da ich mich nur auf die zweisprachige Beziehung zwischen Italienischsprachigen und Deutschsprachigen beziehe, wobei ich mit "Deutschen" und "Italienern" immer deutsch- bzw. italienischsprachige Südtiroler meine.
Tatsächlich zweisprachig sind vorwiegend die Deutschen in den Städten, während dies auf dem Land und bei den Italienern eher selten der Fall ist, obwohl alle dieselben Voraussetzungen, nämlich Zweitsprachenunterricht ab der zweiten Klasse, hätten. 2 Näheres dazu später. Den Punkt über die Sprachgruppenzugehörigkeitserklärung möchte ich hier nur kurz anschneiden: es sind nämlich alle Südtiroler dazu verpflichtet, sich spätestens bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres zu einer der drei Sprachgruppen, nämlich Deutsch, Italienisch oder Ladinisch, zu bekennen; diese Erklärung hat 10 Jahre bis zur nächsten Volkszählung Gültigkeit und hat schon zu vielen Aufregungen geführt, weil einerseits sich viele Anderssprachige (Slowenen, Engländer...) sich zu keiner der drei Sprachgruppen zugehörig fühlen, und andererseits Kinder aus zweisprachigen Familien ein Elternteil "verleugnen" müßten. 3 Viele Eltern fordern deshalb, daß bei einer künftigen Volkszählung fünf Möglichkeiten offenstehen, nämlich deutsch/ italienisch/ ladinisch/ und neu: gemischt/ andere. Ob dies jedoch durchgesetzt werden kann, ist noch sehr fraglich. 4
II) Definition
Bilingualismus/Bilinguismus:
[lat. lingua >Zunge<,>Sprache<. - Auch: Zweisprachigkeit]. Bilinguismus ist ein Sonderfall des Multilingu(al)ismus ("Mehrsprachigkeit") und wird wie dieser in zweierlei Sinn verstanden: [...] Fähigkeit, sich in zwei Sprachen auszudrücken. Nach einer vieldiskutierten, auf U. Weinreich zurückgehenden Hypothese können die beiden Sprachen im Individuum auf unterschiedliche Weise
1 Vgl. Daniela Weber-Egli: Gemischtsprachige Familien in Südtirol, Alto Adige. Zweisprachigkeit und soziale Kontakte. Ein Vergleich von Familien in Bozen und Meran. Meran: Alpha & Beta 1992. S. 16.
2 Vgl. ebd. S. 16. 3 Vgl. ebd. S. 17. 4 Vgl. ebd. S. 18.
1
nebeneinander existieren: Entweder wird ein und derselbe Begriff durch je ein Wort in beiden Sprachen ausgedrückt ("zusammengesetzter" oder "kombinierter" Bilinguismus engl. compound bilingualism), oder es liegen bereits zwei sprachenspezifische Begriffe zugrunde ("koordinierter Bilinguismus", coordinate bilingualism).[...] 5
III) Geschichte Südtirols seit 1919
In diesem Kapitel werde ich besonders jene Ereignisse hervorheben, die für das Verständnis einiger Besonderheiten unserer Provinz bedeutend sind. 6
10.10.1919: ungefähr 200.000 deutschsprachige Südtiroler und einige Tausend Ladiner werden dem italienischen Staat einverleibt. Besonders Ettore Tolomei setzt sich für eine schnelle Assimilierung der deutschsprachigen Bevölkerung ein. (Assimilierung: politischkulturelle Umerziehung, Anpassung an das Staatsvolk) Ab1923 leitete Mussolini ein rücksichtsloses Italianisierungsprogramm ein. 21.01.1923: Südtirol wurde mit dem italienischen Trentino zur "Venezia Tridentina" mit der Hauptstadt Trtient zusammengeschlossen.
29.03.1923: schließlich wurden die italienischen Ortsnamen in Südtirol eingeführt und alle mit "Tirol" in Verbindung stehenden Namen wurden verboten. So wurde aus Alto Adige "Oberetsch" und ein Altoatesino war ein "Etschländer". 1923 u.24: Alle deutschsprachigen Schulen wurden italianisiert. Es entstanden die ersten Katakombenschulen, wo heimlich Deutsch unterrichtet wurde, was aber als "Organisatiion des Widerstandes" bezeichnet und schwer bestraft wurde. Das Deutschsprechen überhaupt war untersagt und Grabinschriften durften nur mehr in Italienisch gemacht werden. Schließlich wurde auch mit der Italianisierung von Familien-und Vornamen begonnen. So wurde aus: Gruber - Dalla Fossa
Es kam sogar vor, daß mehrere Brüder plötzlich verschiedene Familiennamen hatten. Auch die Pressefreiheit und die Selbstverwaltung in den Gemeinden wurde aufgehoben. Ab 1926: Die Bozner Industriezone wurde geschaffen und die faschistische Region förderte massiv die Ansiedlung italienischer Firmen aus dem norditalienischen Raum, und damit die Zuwanderung von rein italienischsprachiger Bevölkerung. Dadurchh wuchs die Provinzhauptstadt auf 50.000 Einwohner im Gegensatz zu 8.000 im Jahre 1918 an. 1938: Österreich wurde an das Deutsche Reich angeschlossen und viele Südtiroler hofften, daß sie Hitler "heim ins Reich" holen würde, aber dieser hatte Mussolini schon 1922 erklärt, auf die Deutschen in Südtirol verzichten zu wollen: "Mit Italien, das seine nationale Wiedergeburt erlebt und eine große Zukunft hat, muß Deutschland
5 Hadumod Bußmann: Lexikon der Sprachwissenschaft. Kröner 2 1990. S. 134-135.
6 Folgende Chronologie der Ereignisse seit 1919 ist teilweise vergleichend zitiert nach: Daniela Weber- Egli (Anm.1) S. 26-30.
2
zusammengehen. Dazu ist nötig ein klarer und bündiger Verzicht auf die Deutschen in Südtirol." 23.07.1939: Das Umsiedlungsabkommen zwischen Hitler und Mussolini fand statt, welches besagte, daß die deutschsprachigen Südtiroler wählen durften, entweder im Land zu bleiben und "Italiener" zu werden, oder auszuwandern und die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen. Die sog. Option (lat.optare:wechseln) spaltete ganze Familien in 'Dableiber' und 'Optanten' und sollte bis 1942 endgültig abgeschlossen sein. Den Dableibern wurde aber gedroht, nach Sizilien auswandern oder in italienische Kolonien umsiedeln zu müssen. Deshalb entschieden sich ca. 80% fürs Auswandern. Durch den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges aber wanderte schließlich nur mehr ein Drittel der Optanten aus. 1943: Nachdem Mussolini gestürzt worden war schloß Italien den Separatfrieden mit den Alliierten, und in der sog. "Operationszone Alpenvorland", die von deutschen Truppen besetzt war, kam es für kurze Zeit zu einer Vereinigung mit Groß- Deutschland. Dies hatte zur Folge, daß der Deutschunterricht wieder aufgenommen und ausgebaut wurde. Nach der deutschen Kapitulation kam Südtirol unter alliierte Militärverwaltung, und die Südtiroler Volkspartei (SVP) und Österreich kämpften für eine Wiedervereinigung, aber auch Italien wollte auf sein Anrecht auf Südtirol nicht verzichten. 1946: Bei der Friedenskonferenz in Paris wurde entschieden, daß Südtirol bei Italien verbleiben, aber eine weitgehende Autonomie erhalten sollte. Das nach den beiden unterzeichnenden Außenministern benannte Gruber- De Gasperi- Abkommen war die Basis für das 1948 in Kraft tretende 1. Autonomiestatut, welches für die gesamte Region Trentino- Alto Adige erlassen wurde. Es galt aber nicht nur für die Deutschen, sondern ebenfalls für die zahlenmäßig überlegeneren Italiener. Deshalb strebte man eine Autonomieregelung an, die auf die Provinz Bozen zugeschnitten sein sollte, denn die Gleichstelung der deutschen Sprache wurde nicht berücksichtigt und das Autonomiestatut selbst wurde nur zu einem geringen Teil verwirklicht.
Einige Jahre später erarbeitete die sog. ,Neunzehnerkommission' die Grundlagen für eine neue Autonomieregelung. Diese Maßnahmen wurden im sog. ,Paket' im Jahre 1969 verabschiedet, und das neue Autonomiestatut trat 1972 in Kraft. Es enthielt einige wesentliche Änderungen z.B. Die Region Trentino- Alto Adige/Südtirol bleibt zwar bestehen, die eigentlichen Machtbefugnisse gehen an die beiden nun autonomen Provinzen Bozen und Trient über. Die Einführung des ,ethnischen Proporzes', d.h. die Verteilung der öffentlichen Stellen und Sozialwohnungen aufgrund der zahlenmäßigen Stärke der drei Volksgruppen: deutsch, italienisch und ladinisch.
Man wurde verpflichtet, bei der Besetzung von öffentlichen Stellen beide großen Sprachen zu kennen und zu beherrschen.
Dei zweite Sprache mußte bereits ab der zweiten Klasse Grundschule sowohl an deutschen als auch an italienischen Schulen gelernt werden.
Mit dieser Autonomieregelung wurde die Stellung der deutschen Sprache in Südtirol erheblich verbessert. 1992 wurde das Paket schließlich abgeschlossen.
3
Arbeit zitieren:
Verena Huber, 1995, Bilinguismus/ Zweisprachigkeit in Südtirol, München, GRIN Verlag GmbH
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Berichtigung.
Liebe Frau Verena,
das Hitler-Mussolini-Abkommen fand einen Monat vorher statt, nicht am 23.7., sondern am 23.6. 1939 statt.
Ansonsten ist der Vorschaubericht wahrheitsgetreu und ohne Schnörkel aufgetragen.
Sehr gut recherchiert und gewusst wiedergegeben.
Andreas Raffeiner, Bozen
am Sunday, September 19, 2004-