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I. Vorbemerkung....................................................................................................................... 2 II. Grundbegriffe ....................................................................................................................... 3 III. Die Entstehung der drei Lager in Österreich:...................................................................... 4 Die Lagertheorie Adam Wandruszkas ...................................................................................... 4 IV. Von der Stabilität zur Erosion: Das Verschwinden des traditionellen Lagerbegriffes..... 12 V. Über den Sinn von 5HFKWV und /LQNV: Noberto Bobbio ..................................................... 19 VI. „What is left?“ - Conclusio .............................................................................................. 22 VII. Anhang ............................................................................................................................ 24 Literaturverzeichnis ............................................................................................................ 24
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Bevor ich mich im Rahmen dieser Arbeit ausführlich mit dem Thema „Lagertheorien“ beschäftigte, wußte ich nicht, wie spärlich die Literatur ist, die es zu diesem Thema gibt und wie diffus dieser Begriff eigentlich ist. Die erste Frage, die sich mir stellte, und die hier behandelt werden soll, ist demnach: Was versteht man unter „Lagern“ überhaupt? Wie sieht eine Lagertheorie für Österreich aus? Was ist heute noch davon übrig?
Ein weiterer Aspekt, der sich für mich aufgrund seines philosophisch-historischen Hintergrundes als der interessantere herausstellte, ist der politische Gegensatz von links und rechts. Meiner inneren Sehnsucht nach genauen Definitionen folgend, wollte ich wissen, ob es, zumindest für europäische Systeme, eine allgemeingültige Erklärung gibt. Gibt es dauernde „linke“ und „rechte“ Werte, oder handelt es sich nur um Kampfbegriffe der Tagespolitik?
Ich bin mir bewußt, daß meine Nachforschungen nicht überall befriedigende Ergebnisse bringen werden - allein aufgrund der Tatsache, daß es sich bei der Politik nich um eine Wissenschaft handelt und die Politikwisschaft nicht exakt ist. Trotzdem hoffe ich, ein wenig Licht ins Dunkel bringen zu können.
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Woher kommen die Begriffe, die sich so sehr in unseren Sprachgebrauch eingegangen sind, daß wir sie in der Regel nicht hinterfragen? Auf die Frage, wo sie sich selbst auf einer Links-Rechts - Skala positionieren, antworteten die meisten Befragten sofort und ohne Zögern 1 . Anscheinend kann jeder, ob politisch gebildet oder nicht, mit den Klassifizierungen /LQNV und 5HFKWV etwas anfangen, wenn er sie auch nicht korrekt definieren kann. Aber was ist korrekt?
Das Begriffspaar stammt, so die einhellige Meinung der Experten, aus der Zeit der Französischen Revolution, als die Radikaleren links, die Gemäßigten rechts des Vorsitzenden saßen. In vielen Parlamentssälen findet dieses Muster seine Fortsetzung. In Österreich symbolisiert die halbrunde Form nicht nur die beiden gegnerischen Lager (wie etwa in England), sondern verbindet die beiden durch eine 0LWWH. Bis vor einiger Zeit war es aber immer dasselbe: Konservative und Bürgertum rechts, Fortschritt und Arbeiterschaft links. Daß es heute nicht mehr so einfach ist, wird später noch auszuführen sein.
Etymologisch stellen die Wörter OLQNV und UHFKWV ein antinomisches Gegensatzpaar dar. Interessant dabei ist, daß ein Begriff, nämlich UHFKWV, die Norm bzw. das Gewollte darstellt, während OLQNV ein Ungenügen bezeichnet: OLQN bedeutete ursprünglich „ungeschickt“, UHFKW meinte die rechte, also die richtige Hand im Gegensatz zur ungeschickten linken. 2
Eng verbunden mit dem Links-Rechts-Schema sind die Begriffe .ODVVH, 3DUWHLund /DJHU. &ODVVLV meinte ursprünglich „Herbeirufung“ oder „Aufgebot“, dann bezeichnete es die herbeigerufene Menge. Schließlich wurde die Bezeichnung übertragen auf die Einteilung des Volkes in Tributklassen. Die heutige Bedeutung von .ODVVH als „Schicht des Volkes“ entstand im England des 18. Jahrhunderts, wo sie zuerst im Sinne von ORZHU FODVVHV 3 gebraucht wurde.
3DUWHL bezeichnete im frühen Deutschen einen selbständigen Teil eines größeren Ganzen, z.B. eine Prozeßpartei. Mit der Zeit erwarb das Wort eine pejorative Bedeutung, so zum Beispiel bei den Auseinandersetzungen um die politische Einheit Deutschlands im 19. Jahrhundert. Als Selbstbezeichnung tauchte 3DUWHL in dieser Periode noch selten auf, im
1 vgl. Inglehart, Ronald, .XOWXUHOOHU8PEUXFKLQGHUZHVWOLFKHQ:HOW. Frankfurt am Main u. New York: Campus 1995. S.367. Die Rede ist von einer Umfrage, die in neun europäischen Staaten in den achziger Jahren durchgeführt wurde.
2 Kluge, Friedrich, (W\PRORJLVFKHV:|UWHUEXFKGHUGHXWVFKHQ6SUDFKH. Berlin u. New York: de Gruyter, 1995.
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Parlament bevorzugte man den Begriff)UDNWLRQ. Der heute aktuelle Parteibegriff setzte sich erst im 20. Jahrhundert durch. Im Deutschen Sprachraum wurde er nach dem Ersten Weltkrieg, „ZRKOXQWHUHQJOLVFKHPXQGIUDQ]|VLVFKHQ(LQIOX“ 4 gebräuchlich.
Am schwierigsten scheint der Begriff des /DJHUV zu definieren sein. Die meisten Lexika und Wörterbücher kennen den politischen Lagerbegriff gar nicht. Gewisse Klarheit kommt ihm jedoch dadurch zu, daß man in Österreich von GHQGUHL/DJHUQ zu sprechen pflegt (wobei die beiden ersten Lager meist unausgesprochen bleiben und nur die Rede vom GULWWHQ /DJHU auf die Existenz zweier anderer schließen läßt). Die Lager werden dabei allerdings mit den drei großen Parteien identifiziert. Die Parteien stellen im allgemeinen Sprachgebrauch also nicht nur konkrete Manifestierungen der großen, abstrakten Lager dar. 5
,,,'LH(QWVWHKXQJGHUGUHL/DJHULQgVWHUUHLFK
'LH/DJHUWKHRULH$GDP:DQGUXV]NDV
Adam Wandruszka hat sich dem Phänomen /DJHU auf zweihundert Seiten ausführlich gewidmet und damit die umstrittene österreichische /DJHUWKHRULH geschaffen. 6 Man hat ihm später vorgeworfen, nicht nur wissenschaftliche Motive dafür gehabt zu haben: Wandruszka zählte sich selbst dem dritten Lager zu und publizierte das Werk in den Fünfzigern: in einer Zeit, als „seine Leute“ Identätsstiftung und historische Legitimation als gleichberechtigter Dritter gut gebrauchen konnten. 7 Tatsächlich liest sich Wandruszkas historischer Abriß etwas zurechtgezimmert. Interessant ist jedoch sein Lagerbegriff, der nicht nur die Partei(en) einer ideologischen Richtung meint, sondern Vorfeldorganisationen und bewaffnete Auswüchse (wie Heimwehren und Schutzbund) miteinschließt und so ein umfassendes Bild der
3 ebd.
4 ebd., s.v. 3DUWHL
5 Wie sehr der Begriff /DJHUin unserem Denken mit dem Begriff 3DUWHL verschmolzen ist, wird deutlich, wenn man spontan versucht, das Liberale Forum oder die Grünen einem /DJHU zuzuordnen.
6 Wandruszka, Adam, „Österreichs politische Struktur. Die Entwicklung der Parteien und politischen Bewegungen.“ In: Benedikt, Heinrich (Hg*HVFKLFKWHGHU5HSXEOLNgVWHUUHLFK. München und Oldenburg: 1977 (unveränderter Nachdruck von 1954). S.291-485
7 Fritzl, Hermann u. Uitz, Martin, „Kritische Anmerkungen zur sogenannten Lagertheorie“. In: ÖZP 4 (1975). S.325-332
„,QGHPHUGHPQDWLRQDOHQ/DJHUHLQHHLQKHLWOLFKH*HVFKLFKWHJDEXQGGLH.RQWLQXLWlWXQG6WDELOLWlWGLHVHU SROLWLVFKHQ*UXSSHELVLQGLH=ZHLWH5HSXEOLNDOOHUGLQJVZLGHUEHVVHUHV:LVVHQQDFK]XZHLVHQYHUVXFKWHZROOWH
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politischen Manifestation von Weltanschauungen zeichnet. Er selbst definiert den Begriff
JHEUDXFKHQ GHU QLFKW QXU GXUFK GHQ WlJOLFKHQ 6SUDFKJHEUDXFK JHUHFKWIHUWLJW HUVFKHLQW 8 VRQGHUQDXFKGHQPLOLWDQWHQ&KDUDNWHUGHV3KlQRPHQVJXW]XP$XVGUXFNEULQJW“.
Die Entstehung aller drei Lager hat für Wandruszka dieselbe Ursache und denselben zeitlichen und örtlichen Kontext: alle drei entstanden als Antwort auf den politischen Liberalismus, der in den 1880er Jahren seinen Höhepunkt fand und viele Fragen und ungelöste Probleme offenließ. So waren die Gründerväter, Karl Lueger, Viktor Adler und Engelbert Pernstorfer um Georg von Schönerer geschart und suchten nach Antworten. Jeder fand eine andere, und in jedem der drei Lager blieb auch in späterer Zeit die Verbindung zum Liberalismus erhalten. In jedem Lager war noch ein bißchen davon übrig: der laizistische Antiklerikalismus im sozialistischen und nationalen Lager (Wandruszka bezeichnet ihn als eine Form des „NXOWXUHOOHQ /LEHUDOLVPXV“ 9 ) und der ökonomische Liberalismus bei den Christlichsozialen.
Die Stabilität seines Lagerentwurfes sieht Wandruszka durch die Tatsache bestätigt, daß der Zweite Weltkrieg die Gewichtung der drei Lager nicht wesentlich verändert hat.
'DVÄ&KULVWOLFKVR]LDO.RQVHUYDWLYH/DJHU³
Im Wesentlichen ist Wandruszkas Schilderung sehr persönlichkeitsorientiert. Er schildert die Geschichte des christlichsozialen Lagers anhand verschiedener Führerpersönlichkeiten. Eine herausragende Stellung kommt dabei Ignaz Seipel zu. Mit ihm erstarkte das christlichsoziale Lager und mit seinem Tod verblaßte es. Im Ausgang des Ersten Weltkrieges sieht Wandruszka die erste Krise der Christlichsozialen, die die Spaltung in monarchische Legitimisten und jene, die ein demokratisches, republikanisches Staatswesen favorisierten, nach sich zog. Diese Krise war einigermaßen beigelegt, als sich große Gruppen innerhalb der Christlichsozialen vom „Anti-Habsburgismus“ der anderen Parteien anstecken ließen. Bald darauf erfuhr das Lager erneut eine Spaltung: nämlich in die, die einen Anschluß an Deutschland bedingungslos forderten und jene, die ihm skeptisch bis ablehnend gegenüberstanden - nicht zuletzt deswegen, weil man unmittelbar nach dem Ende des
HUXQHQWVFKORVVHQH:lKOHUVFKLFKWHQGD]XEULQJHQGHPQDWLRQDOHQ/DJHUVHLQHJHEKUHQGHDOWH6WlUNH ZLHGHU]XJHEHQ“. S.329 8 Wandruszka, S.291
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Weltkrieges noch nicht wissen konnte, ob sich Deutschland langfristig den Kommunismus würde vom Leib halten können. Im Parteiprogramm vom Dezember 1918 fanden sich folgende Worte: „'LH &KULVWOLFKVR]LDOH 3DUWHL VLHKW LQ GHP :LHGHUDQVFKOX 'HXWVFK|VWHUUHLFKV DQ GLH +DXSWPDVVH GHV GHXWVFKHQ 9RONHV GLH 9HUZLUNOLFKXQJ HLQHV 10 Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten nahm ODQJJHKHJWHQ QDWLRQDOHQ ,GHDOV.“
die große Zustimmung zur Anschlußidee allerdings stark ab.
1932, das Todesjahr von Ignaz Seipel, bezeichnet Wandruszka als „JURH=lVXU“ nicht nur für das Christlichsoziale Lager, sondern sogar für die österreichische Geschichte. Obwohl Seipels schlechtes Verhältnis zur Sozialdemokratie ein „.HUQSUREOHPIUGLH*HVFKLFKWHGHU (UVWHQ5HSXEOLN“ gewesen war:
„6HLSHOVC$QWLPDU[LVPXVEHVWLPPWHZHLWJHKHQGGLHVSlWHUH(QWZLFNOXQJGHU+HLPZHKUEHZHJXQJZLHDXFKGLH LQQHUH (QWZLFNOXQJ LP FKULVWOLFKNRQVHUYDWLYHQ /DJHU XQWHU 6HLSHOV 1DFKIROJHUQ DQ GHU 8QP|JOLFKNHLW GHQ *HJHQVDW] YRQ CEUJHUOLFK XQG CVR]LDOLVWLVFK YRQ CDQWLPDU[LVWLVFK XQG CPDU[LVWLVFK ]X EHUZLQGHQ RGHU ZHQLJVWHQV LQ HLQ IUXFKWEDUHV GHPRNUDWLVFKHV 6SDQQXQJVYHUKlOWQLV ]X YHUZDQGHOQ LVW GLH 'HPRNUDWLH LQ GHU 11 5HSXEOLNgVWHUUHLFK]XQlFKVWJHVFKHLWHUW.“
„:lKUHQGGHUXQEHVWULWWHQHJURH)KUHULQGLH(ZLJNHLWHLQJHKW“ 12 , folgte Dollfuß, der die Vaterländische Front gründete, um, wie Wandruszka feststellt, den Nationalsozialisten in Österreich den Wind aus den Segeln zu nehmen. Ihm folgte als nächste große Persönlichkeit Schuschnigg, dessen Regime „GLH DXV GHU |VWHUUHLFKLVFKHQ *HVFKLFKWH VR ZRKOEHNDQQWHQ 13 zeigte. Große Teile des Lagers =JH HLQHV DXIJHNOlUWHQ EURNUDWLVFKHQ $EVROXWLVPXV“
versuchten wie Schuschnigg den wachsenden Einfluß der Heimwehren 14 zurückzudrängen. Auf diese innere Opposition gegen die autoritären Tendenzen der Heimwehren und auf die Tradition der christlichsozialen Gewerkschaftspolitik habe sich die ÖVP bei ihrer Gründung 1945 gestützt.
9 ebd. S.293
10 Wandruszka, S.331
11 ebd. S.332. Wie man allerdings den Gegensatz vonDQWLPDU[LVWLVFK und PDU[LVWLVFK „ZHQLJVWHQVLQHLQ IUXFKWEDUHVGHPRNUDWLVFKHV6SDQQXQJVYHUKlOWQLV“ verwandeln könnte, scheint aufgrund der Existenz des Wortes „anti“ schleierhaft.
12 ebd. S.336 13 ebd. S.345
14 Wandruszka betrachtet die Heimwehrbewegung als etwas ausgelagerten Teil des Christlichsozialen Lagers, da sie sich zeitlich auf die Zwischenkriegszeit beschränkt. Er betont mehrmals den „GHIHQVLYHQ&KDUDNWHU“ (S.360) dieser Organisation und beruft sich auf „GLHJHVXQGHQXQGZRKODXFKQRWZHQGLJHQ$QWULHEHXQG0RWLYHGHU GLHVH%HZHJXQJLKUH(QWVWHKXQJYHUGDQNWH“ (S.359). Die Tatsache, daß die Heimwehr, wie auch der Schutzbund, das staatliche Gewaltmonopol in Frage stellte bzw. in einem Konkurrenzverhältnis zu ihm stand, erwähnt Wandruszka nicht.
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Barbara Prainsack, 1998, Die politischen Lager und die Bedeutung der Unterscheidung von ´Links´ und ´Rechts´, München, GRIN Verlag GmbH
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