INHALT
1 EINLEITUNG 4
2 BEGRIFFE 4
3 ARBEITSLOSIGKEITSFORSCHUNG ZU ZEITEN
DER WELTWIRTSCHAFTSKRISE 5
3.1 DIE MARIENTHALSTUDIE. 5
3.1.1 Die materielle Situation der Marienthaler. 6
3.1.2 Auswirkungen der Arbeitslosigkeit auf das Dorfleben - die müde Gemeinschaft
7
3.1.3 Die Haltungstypen 8
3.1.4 Auswirkungen auf die sozialen Beziehungen. 9
3.1.5 Einbezug der Situation vor der Arbeitslosigkeit. 9
4 DER EINFLUSS DER MARIENTHALSTUDIE AUF
DIE WEITERE FORSCHUNG 10
4.1 DIE ARBEITSLOSIGKEITSFORSCHUNG IN DEN SIEBZIGER UND ACHTZIGER JAHREN 11
4.1.1 Moderierende Faktoren, die die Auswirkungen von Arbeitslosigkeit
beeinflussen 11
4.1.2 „Differenzielle Arbeitslosigkeitsforschung“ - Berücksichtigung von
Teilgruppen. 12
4.1.3 Verlauf der Arbeitslosigkeit. 13
4.1.4 Veränderung der Situation der Arbeitslosen seit den dreißiger Jahren. 13
4.1.5 Funktionen der Arbeit. 14
4.1.6 Bedeutung der Zeit vor der Arbeitslosigkeit für die wissenschaftliche
Forschung. 15
4.2 ARBEITSLOSIGKEITSFORSCHUNG HEUTE. 16
4.2.1 Darstellung einer Metaanalyse über die Ergebnisse der
Arbeitslosigkeitsforschung 16
4.2.2 Geschlechtsspezifisches Erleben von Arbeitslosigkeit 18
4.2.3 Arbeitslosigkeit und Aktiv ität 18
5 RESÜMEE UND AUSBLICK 19
6 LITERATUR. 23
3
1 Einleitung
In den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts tritt zum ersten Mal das Phänomen der Massenarbeitslosigkeit auf. Zu dieser Zeit beginnen sich auch Wissenschaftler mit der Arbeitslosigkeit zu beschäftigen. Eine der ersten, und sicher auch der bekanntesten Untersuchungen aus dieser Zeit, ist die Marienthalstudie. Eine Forschungsgruppe der Universität Wien um Maria Jahoda untersuchte die Auswirkungen der Arbeitslosigkeit in einem kleinen österreichischen Dorf, in dem fast alle Bewohner arbeitslos geworden sind. Am Ende ihres Untersuchungsberichtes schreibt Jahoda: „Wir haben als Wissenschaftler den Boden Marienthals betreten: wir haben ihn verlassen mit dem einen Wunsch, dass die tragische Chance solchen Experiments bald von unserer Zeit genommen werde“(Jahoda, Lazarsfeld, Zeisel 1975, S. 112). Wie wir heute feststellen müssen, wurde Jahoda dieser Wunsch nicht erfüllt. Das Thema Arbeitslosigkeit ist aktueller denn je. In den meisten europäischen Ländern sind wir heute von einer Massenarbeitslosigkeit betroffen, die besorgniserregende Ausmaße erreic ht hat und alle Altersgruppen, alle Berufe und alle sozialen Schichten betrifft. Mittlerweile gibt es sehr viele Forschungsarbeiten zum Thema Arbeitslosigkeit, die sich insbesondere auf Europa, USA, Kanada, Neuseeland und Australien beziehen, also auf rela tiv hochindustrialisierte Länder, die alle mit dem Problem der Massenarbeitslosigkeit zu kämpfen haben. Die Fülle der Arbeiten und die teilweise widersprüchlichen Ergebnisse machen es schwer, diese Arbeiten zu überblicken und zu vergleichen. Dennoch habe i ch versucht, die wichtigsten Ergebnisse der Arbeitslosigkeitsforschung der letzten Jahrzehnte darzustellen und darüber hinaus aufzuzeigen, welchen Einfluss die Arbeitslosigkeitsforschung der dreißiger Jahre auf die heutige Arbeitslosigkeitsforschung hat. Dabei werde ich der Frage nachgehen, inwieweit die Ergebnisse der Marienthalstudie, die ich zu Beginn meiner Arbeit ausführlich darstelle, auch heute noch aktuell sind. Am Ende meiner Arbeit werde ich von der Situation eines Arbeitslosen aus seiner persönlichen Sicht berichten und auf die aktuelle Debatte um die Hartz-IV-Reform eingehen.
2 Begriffe
Um mit dem Begriff der Arbeitslosigkeit umgehen zu können, muss erst einmal definiert werden, was in der vorliegenden Arbeit unter Arbeitslosigkeit verstanden wird. Laut der offiziellen Definition der Europäischen Union zählen zu den Arbeitslosen „alle Personen von 15 bis 74 Jahren,
4
a) die während der Berichtswoche ohne Arbeit waren,
b) die gegenwärtig für eine Beschäftigung verfügbar waren, d.h. Personen, die innerhalb der zwei auf die Berichtswoche folgenden Wochen für eine abhängige Beschäftigung oder eine selbständige Tätigkeit verfügbar waren;
c) die aktiv auf Arbeitssuche waren, d.h. Personen, die innerhalb der letzten vier Wochen (einschließlich der Berichtswoche) spezifische Schritte unternommen haben, um eine abhängige Beschäftigung oder eine selbständige Tätigkeit zu finden oder die einen Arbeitsplatz gefunden haben, die Beschäftigung aber erst später, d.h. innerhalb eines Zeitraums von höchstens drei Monaten aufne hmen“ (EG-Kommission 2000, http://forum.europa.eu.int/irc/dsis/coded/info/data/coded/de/gl008882.htm). Diese Definition schließt Hausfrauen, Kinder, Studierende und Rentner bzw. alle Menschen die „keinerlei auf Erwerb gerichtete Tätigkeiten ausüben oder suchen“ (Hradil 2003, S. 183) aus. Diese Personen werden nicht als arbeitslos, sondern als nichterwerbstätig bezeichnet (vgl. ebd., S. 183).
In der Forschungsliteratur werden unterschiedliche Begrifflichkeiten benutzt. Teilweise wird von Erwerbslosigkeit gesprochen, teilweise aber auch von Arbeitslosigkeit, wobei auch hier nicht immer eine klare Unterscheidung zwischen Arbeitslosen und Nichterwerbstätigen getroffen wird. Ich werde mich in dieser Arbeit an den Begriff der Arbeitslosigkeit halten, wie dieser in der Definition der Europäischen Union verstanden wird, da dies auch der Begriff ist, der in der öffentlichen Diskussion benutzt wird.
3 Arbeitslosigkeitsforschung zu Zeiten der
Weltwirtschaftskrise
3.1 Die Marienthalstudie
Im Jahr 1930, zur Zeit der Weltwirtschaftskrise, als nahezu ein Viertel der Arbeiterschaft in den westlichen Industrieländern arbeitslos wurde, schloss auch die Fabrik im niederösterreichischen Industriedorf Marienthal ihre Tore, woraufhin praktisch alle Bewohner des Dorfes ihre Arbeit verloren. Eine Forschergruppe der Universität Wien suchte Marienthal mehrere Wochen lang auf, um im Sinne der Methode der Soziographie die Folgen der Betriebsstilllegung auf das Dorfleben, auf die sozialen Beziehungen der Menschen, auf ihre psychische Verfassung und auf ihre Lebensweise zu untersuchen. Die Mitarbeiter wollten jedoch nicht nur die Rolle des Reporters oder Beobachters übernehmen, sie wollten auch einen Beitrag zur Linderung der Not in Marienthal durch das Übernehmen nützlicher
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Aufgaben leisten (vgl. Jahoda, Lazarsfeld, Zeisel 1975, S. 28). Der Bericht, den Jahoda über ihre Untersuchung in Marienthal geschrieben hat, wird im Folgenden zusammengefasst wiedergegeben.
3.1.1 Die materielle Situation der Marienthaler
Zur Zeit der Erhebung lebten in Marienthal 478 Familien. Bei mehr als dreiviertel aller Familien (378) bezog mindestens ein Familienmitglied Arbeitslosenunterstützung bzw. Notstandshilfe. In Österreich wurde zu dieser Zeit die Arbeitslosenunterstützung nach etwa einem halben Jahr von der Notstandshilfe abgelöst. Nach spätestens einem Jahr erlosch auch diese, die Arbeitslosen wurden ab diesem Zeitpunkt gar nicht mehr unterstützt, was bei neun Familien in Marienthal der Fall war. Bei 93 Familien hatte mindestens ein Familienmitglied Arbeit und 18 Familien lebten von Abfertigung und Pension (vgl. Jahoda, Lazarsfeld, Zeisel 1975, S. 38f.). Doch auch die Unterstützungszahlung war so gering, dass die Familien zur Sicherung ihres Lebensunterhaltes auf zusätzliche Mittel angewiesen waren. „Selbst die Behörden versuchten in Marienthal nicht mehr, den Schein aufrechtzuerhalten, als ob man von der Unterstützung, die man bekommt oder sogar nicht bekommt, leben könnte. Wenn Katzen und Hunde verschwinden fällt es den Besitzern gar nicht mehr ein, Anzeige zu erstatten: man weiß, dass sie von irgendjemandem gegessen wurden und forscht nicht nach dem Namen. Bei Übertretungen des Fischrechts und selbst bei kleinen Kohlendiebstählen drückt man beide Augen zu“ (ebd., S. 41f.). Viele Marienthaler besaßen einen Schrebergarten und versuchten sich mit Gemüseanbau und Hasenzüchten das Notwendigste für den Lebensunterhalt zu schaffen. Die Fürsorgeunterstützungen durch die Gemeinde waren fast völlig eingestellt worden, weil diese fast ebenso arm war wie ihre Einwohner, nur an Weihnachten bekam jede Familie ein Lebensmittelpaket. Dass sich diese finanzielle Not auch auf die Ernährung auswirkte, wird aus den Essverzeichnissen deutlich, die einige Familien über eine Wochen hinweg führten. Der Fleischkonsum ging seit der Schließung der Fabrik stark zurück, Rind- und Schweinefleisch wurde häufig durch Pferdefleisch ersetzt. Der Mehlkonsum nahm drastisch zu, weil viele Nahrungsmittel durch mehlhaltige Speisen ersetzt wurden (vgl. ebd., S. 42-49). Statt Zucker wurde das nährstoffarme Saccharin verwendet. Eine Statistik über das Gabelfrühstück der Schulkinder zeigt, dass etwa die Hälfte der Kinder am Tag vor der Unterstützungsauszahlung Nichts oder nur trockenes Brot in die Schule mitbrachte. Am Tag nach der Unterstützungsauszahlung brachten fast alle Kinder ein ausreichendes Gabelfrühstück mit. Hierbei zeigt sich auch, welche Bedeutung der alle zwei Wochen wiederkehrende Tag der Unterstützungsauszahlung für die Familien hatte. Er war ungleich wichtiger als der Sonntag geworden (vgl. ebd., S. 37).
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3.1.2 Auswirkungen der Arbeitslosigkeit auf das Dorfleben - die müde Gemeinschaft
Mit der Stilllegung der Fabrik als das „Zentrum des sozialen Lebens“ (Jahoda, Lazarsfeld, Zeisel 1975, S. 56) schrumpfte in Marienthal auch der soziale Lebensraum. Die öffentlichen Anlagen verwilderten, die Zahl der entliehenen Bücher in der Bibliothek war trotz Gebührenfreiheit um fast 50 Prozent zurückgegangen, Abonnements von Tageszeitungen gingen um 60 Prozent zurück und politische Organisationen und Vereine verloren bis zu zwei Drittel ihrer Mitglieder. Insgesamt hatte das Interesse an Politik stark nachgelassen. Einige Vereine hatten aber auch mehr Mitglieder als früher, dies waren jedoch alles Vereine, in denen eine Mitgliedschaft materielle Vorteile bot (vgl. ebd., S. 57-60). Insgesamt wirkte die Bevölkerung im Ort abgestumpft und energielos. Die meisten Marienthaler hatten die Beziehung zur Zukunft verloren. Wie sich das Leben in Marienthal durch die Arbeitslosigkeit veränderte, wird aus Erzählungen der Menschen deutlich. Eine Frau erzählte: „Früher war es ja herrlich in Marienthal, schon die Fabrik war eine Zerstreuung. Im Sommer ist man spazieren gegangen und die vielen Unterhaltungen! Jetzt habe ich gar keine Lust mehr auszugehen“(ebd., S. 55). Dieser allmähliche Zerfallsprozess wird insbesondere in der Zeiterfahrung und -verwendung deutlich. „Losgelöst von ihrer Arbeit und ohne Kontakt mit der Außenwelt, haben die Arbeiter die materiellen und moralischen Möglichkeiten eingebüßt, die Zeit zu verwenden“(ebd., S. 83). Messungen der Gehgeschwindigkeit zeigen, dass die Männer, im Vergleich zu den Frauen, langsamer gingen und öfter stehen blieben. Die Zeitverwendungsbögen belegen, dass die Zeit zwischen den drei Orientierungspunkten Aufstehen - Essen - Schlafengehen mit Nichtstun verbracht wurde. Den Männern fiel es schwer zu beschreiben, was sie den ganzen Tag gemacht hatten, was in den Zeitverwendungsbögen durch Sätze wie „einstweilen wird es Mittag“ (ebd., S. 84) zum Ausdruck kommt. Die Zeiteinteilung und sparsame Zeitverwendung wird zunehmend sinnlos, wenn der Tag nicht mehr der Trennung nach Arbeitszeit und Freizeit unterliegt. Die arbeitslosen Frauen waren von diesem Fehlen der Zeitstruktur weniger betroffen. Die Hausarbeit und die Beschäftigung mit den Kindern mussten weiterhin getan werden und strukturierten die Tage der Frauen. Ein Zeitzerfall, wie er bei den Männern festzustellen war, ließ sich bei den Frauen nicht finden. Dennoch wollten die Frauen nicht nur aus materiellen Gründen wieder in die Fabrik zurück. Eine Frau berichtete: „Trotzdem ich in der Fabrik viel mehr Arbeit hatte, war mir diese Zeit die liebste. Ich habe gern gearbeitet, und man konnte sich mehr rühren“ (ebd., S. 56). Durch die Fabrik wurde der Lebensraum der Frauen erweitert und es gab automatisch Möglichkeiten zu sozialen Kontakten (vgl. ebd., S. 83-92).
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Julia Vollmer, 2004, Auswirkungen von Arbeitslosigkeit - Ein Überblick über die Ergebnisse der Arbeitslosigkeitsforschung, München, GRIN Verlag GmbH
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