Inhaltsverzeichnis
Seite
Einleitung. 3
„... auf einer Erde ohne Landkarten.“-
Liebe und Politik in Der englische Patient. 3
„Let not light see my black and deep desires.“-
Der talentierte Mr. Ripley und das Schicksal des Lügens 7
Die Poesie der Leidenschaften-
Ans ätze zu allgemeinen Stilprinzipien Anthony Minghellas. 12
Quellenangaben. 15
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Einleitung
Die beiden letzten und auch bekanntesten Filme des britischen Regisseurs Anthony Minghella, Der englische Patient und Der talentierte Mr. Ripley, handeln beide -schlicht gesagt- von einfachen Menschen mit großen Gefühlen. Beide sind in stilvollen und beeindruckenden Bildern gefilmt. Und doch scheinen sie sich auf den ersten Blick in ihrer Ästhetik und in ihren Inhalten zu unterscheiden. Erst bei genauerem Betrachten fallen einige Parallelen und Bezüge zwischen ihnen auf, die somit natürlich auch auf die Arbeitsweise und auf verschiedene Stilmerkmale Minghellas in seiner Doppelrolle als Regisseur und Drehbuchautor hinweisen. Im folgenden werde ich nun auch zuerst die einzelnen Filme getrennt voneinander analysieren und im Anschluß daran versuchen, in einer Art Vergleich bestimmte durchgängige Stilprinzipien von Minghellas Filmen herauszuarbeiten.
„... auf einer Erde ohne Landkarten.“-
Liebe und Politik in Der englische Patient
In der Romanvorlage zum Film läßt der Autor Michael Ondaatje am Ende des Zweiten Weltkrieges vier Personen in einer alten, von der Welt abgeschiedenen toskanischen Villa aufein-andertreffen. Ihre unterschiedlichen Erinnerungen, die verschiedenen Beziehungen, die sich zwischen ihnen entwickeln, ihre Erlebnisse und Gespräche miteinander sind der Stoff für die zahlreichen Momentaufnahmen und Erinnerungs- und Gedankenfragmente, die Ondaatje scheinbar willkürlich aneinanderreiht. Mit der Zeit ergeben die Bruchstücke wie ein komplexes Puzzle ein Gesamtbild und lassen Abschnitte der Biographien aller Personen erkennen. Sie suchen wieder Halt nach der Zeit der Anarchie und des Schmerzes. Am Ende scheint es, sie haben ihre Erinnerungen verarbeitet und ansatzweise wieder zu sich gefunden. Anthony Minghella interessiert sich in seiner Verfilmung weitestgehend für die Erinnerungen einer Figur, des verbrannten ‚englischen Patienten‘. Erinnerungssequenzen des Grafen Almásy, eben jenes Patienten, an seine Liebesbeziehung mit der verheirateten Engländerin Katharine vor und während des Krieges machen einen Großteil des Films aus. Die Vergangenheit der anderen Figuren, die im Roman auch sehr genau dargestellt wird, insbesondere beim dem jungen Sikh Kip, nimmt Minghella kaum als eigene Sequenzen in sein Drehbuch auf. Zwar läßt er ihre unterschiedlichen Beziehungen nicht außer acht, doch konzentriert er sich hauptsächlich wohl auf die Liebesbeziehungen, wie z.B. auch die zwischen Kip und der Kranken-
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schwester Hana. Die Liebe in Zeiten des Krieges und die verschiedenen Konflikte, die somit zwischen privaten Gefühlen und politisch-öffentlichem Verhalten entstehen scheinen die zentralen Themen seiner Bearbeitung des Romans zu sein.
Der Film beginnt mit einem sehr eindrucksvollen Schnitt: Eine Aquarellzeichnung einer Figur auf bräunlichem Papier -kopiert von Höhlenmalereien, wie man später erfährt- verwandelt sich langsam in den Schatten eines Motorflugzeugs, der über braungelbe Sanddünen gleitet. Ähnlich kunstvolle Schnitte werden noch öfter im weiteren Verlauf des Films auftauchen. Man sieht das Flugzeug über die Wüste schweben und glaubt, eine schlafende Frau darin zu erkennen. Diese ersten geheimnisvollen Bilder leiten eine der beiden bildlichen, filmästhetischen Welten ein, in denen die Handlung abwechselnd spielt. In den Anfangssequenzen werden die Bilder dieser Welten gegeneinander geschnitten: der verbrannte Pilot des Flugzeugs wird von Beduinen gefunden, daneben die Krankenschwester Hana bei ihrer Arbeit. Beide Figuren werden in „Italien- Oktober 1944“ zusammengeführt, der Pilot als Hanas Patient. Hana hat innerhalb kürzester Zeit mehrere Verluste geliebter Menschen erlitten. Sie will sich den Wirren und den Schmerzen des Krieges entziehen. Das vom Krieg zerstörte Italien erscheint als ein Ort mit einfachen Menschen, die ein ruhiges, simples Leben führen, ein Ort, wo die alten Erinnerungen und Geschichten in Bruchstücken überlebt haben. In dieser Welt will Hana zur Ruhe kommen und wieder zu sich finden. Sie entdeckt ein altes, halb zerfallenes Kloster, ein magisch wirkender Ort mit versteckten Schätzen und Geheimnissen, der fern von der grausamen Realität des Krieges, fast außerhalb der Zeit zu liegen scheint. Diese schon fast von grünen Pflanzen durchwachsenen Klosterruinen werden zum einen Schauplatz der Handlung.
Hana sucht sich den verbrannten Piloten, den ehemaligen Wüstenforscher Almásy, der sein Gedächtnis verloren hat, als ihren Patienten und Gefährten aus. Sie nimmt sich vor, ihn so lange zu pflegen, bis er stirbt. Langsam beginnt nun der Patient, sich wieder an seine Vergangenheit zu erinnern, und der Zuschauer wird in Rückblenden eingeführt in die zweite bildlichvisuelle Welt des Films, die Welt der Wüste, die schon zu Beginn zu sehen war: glühend gelber Sand, staubig braune Felsbrocken, trockene Leere so weit das Auge reicht und doch auch voller Geheimnisse. Diese Bilder stehen denen des Klosters in der Toskana gegenüber. Beide visuelle Welten entsprechen den zwei Zeitebenen der Geschichte: Gegenwart und Vergangenheit.
Minghella gestaltet den Erinnerungsprozeß des Patienten sowohl erzählerisch-dramaturgisch als auch filmisch-visuell auf sehr beeindruckende Weise. Er löst die Struktur des Romans, der die Erinnerungsfragmente zwar in gewisser Weise thematisch in Kapiteln zusammen grup-
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piert, aber völlig durcheinander, eben wie einzelne Puzzleteile präsentiert, auf und bringt die einzelnen Teile in die chronologische Reihenfolge, in der die Geschehnisse verlaufen. Doch verstreut er sie über den ganzen Film, wodurch sich die beiden Erzählebenen immer abwechseln. Der Roman benutzt die verschiedensten Motive und Bilder, um eine Verbindung zu den erinnerten Momenten herzustellen. Minghella baut dieses Prinzip noch weiter aus. Er spinnt ein komplexes Netzwerk aus den verschiedensten visuellen, musikalischen oder verbalen Motiven: Bilder, Gegenstände, Gesten, Gefühle, Blicke, Geräusche, Lieder, Melodien, einzelne Worte oder Sätze, Gedanken, Zitate, Geschichten, etc. Immer wieder tauchen sie auf, variiert oder nicht, und bilden assoziative oder direkte Verbindungen durch den ganzen Film, die oft erst bei wiederholtem Rezipieren des Films erkennbar werden, aber gerade seine rhythmische Struktur bestimmen. Man könnte wohl fast von einem musikalischen Kompositionsprinzip sprechen. Die verschiedenen, oben aufgezählten Dinge sind somit auch die Erinnerungsträger für den Patienten und lassen ihn in Gedanken oder im Traum in seine Vergangenheit hinübergleiten. Das zentrale Objekt ist dabei natürlich Almásys altes Herodot-Buch, das er auch als Notizbuch benutzt hat und in das er andere Dinge eingeklebt hat. Es ist das einzige, was ihm nach dem Flugzeugabsturz übriggeblieben ist und worin die verschiedensten Eindrücke und Erlebnisse versammelt sind. Immer wieder werden die bräunlichen Seiten aufgeblättert, und der Patient taucht in ein in die Welt der Wüste, in sein früheres Leben als Graf Almásy. Minghella hat für die Übergänge zwischen den beiden Zeitebenen zusammen mit seinem ‚Cutter‘ und seinem Kameramann phantasievolle Schnitte gefunden. Der Patient sieht oder hört etwas, was ihn an etwas in der Vergangenheit erinnert. Das eine Motiv wird langsam in das andere hinübergeschnitten. So verwandelt sich Hanas Stimme, die aus Herodot vorliest, in Katharines Stimme, Hanas Schritte im Hof in Trommelgeräusche, eine Sanddüne in eine gewellte Bettdecke, etc.
Während der Patient sich erinnert, tauchen zwei weitere wichtige Figuren in dem Kloster auf: Caravaggio, der morphiumsüchtige, ehemalige Spion, der auf der Suche nach Almásy ist, weil er sich an ihm für seine verstümmelten Hände rächen will, wofür er ihn verantwortlich macht. Und Kip, der junge Sikh und Minensucher, der Hana zweimal vor einer Mine rettet und schließlich eine Liebesbeziehung mit ihr eingeht.
Doch zunächst konzentriert sich der Film noch auf die Liebesgeschichte von Almásy und Katharine. Sie lernen sich vor Beginn des Krieges kennen, als Katharine, frisch vermählt, sich mit ihrem Mann der Wüstenexpedition anschließt, an der auch Almásy beteiligt ist. Minghella schafft es mit den Schauspielern Ralph Fiennes und Kristin Scott Thomas sofort, eine eigenartige, erotische Spannung aufzubauen. Almásy ist ein sehr in sich zurückgezogener Mensch. Er
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Arbeit zitieren:
Andreas Gründel, 2001, Lieben und Lügen. Anthony Minghellas Literaturverfilmungen "Der englische Patient" und "Der talentierte Mr. Ripley", München, GRIN Verlag GmbH
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