Inhaltsverzeichnis
I Einleitung 3
II Wissenschaftler und ihre Persönlichkeit 4
Dr Seward 4
Van Helsing 6
III Geisteshaltungen und Untersuchungsmethoden 8
Das Phänomen Renfield 8
Die Swales-Episode 11
Das Konzept der open mind’ 12
Der Schlachtplan im Kampf gegen Dracula 15
IV Schlussgedanken 17
Literaturangaben 19
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I Einleitung
Horror- oder Fantasyliteratur scheinen trotz ihrer großen Popularität, was die Literaturwissenschaftler oft vielleicht abschreckt, ein großes Interesse bei den Theoretikern geweckt zu haben. Besonders mit Bram Stokers Paradigma eines Vampirromans, seinem einzigen großen Erfolg, haben sich sehr viele Interpreten auseinandergesetzt. Dies liegt sicherlich auch an seiner unglaublichen Themenvielfalt. In die Horrorgeschichte sind die unterschiedlichsten Motive und Inhalte eingewoben.
Nach den fünfziger Jahren gab es eine Unmenge an Sekundärliteratur, die sich psychoanalytisch mit dem Roman beschäftigte und auch versuchte, seine reichhaltige Symbolik zu entschlüsseln, wobei dort wohl die abenteuerlichsten Interpretationen zustande kamen. Es scheint, dass sich erst in jüngerer Zeit mehr und mehr Literaturwissenschaftler mit dem Diskurs um Wissenschaft im Roman beschäftigt haben. Diese sind weitestgehend wohl als historische, mentalitäts- oder wissenschaftsgeschichtliche Herangehensweisen einzuordnen. Auch ich will mich im folgenden mit dem Motiv der Wissenschaften und mit den beiden Wis-senschaftler-Porträts im Roman auseinandersetzen. Beide Figuren spielen eine große Rolle: Der junge Dr.Seward tritt als Figur mit dem vermutlich größten Anteil an dem Gemisch aus verschiedenen, sich abwechselnden Ich-Erzähler-Positionen in den Vordergrund. Der ältere Professor Van Helsing, Sewards ehemaliger Lehrer, nimmt die Rolle desjenigen ein, ohne dessen Hilfe und Wissen die ‚Ausrottung’ Draculas sicherlich kaum möglich gewesen wäre. Er befähigt erst die anderen zum Kampf gegen den Vampir. Außerdem entsteht an den beiden Figuren Stokers „comment upon the science of his day“. 1 Sie suchen in ihrer unsicheren Zeit des Umschwungs und der Veränderung nach einer passenden Art, Wissenschaft zu betreiben. Man erkennt im Roman deutlich „how deeply conflicted the liberal subject had come by that date”. 2 Die Figuren stehen im Konflikt zwischen altem und neuem. Sie suchen in dieser Unsicherheit nach Halt, so eben auch in der Wissenschaft.
Ich will bei meiner Untersuchung dieses Wissenschaftsproblems darauf verzichten, mich mit historischen Bezügen zu zeitgeschichtlichen Phänomenen und Diskussionen außerhalb des Romans zu beschäftigen, und mich auf die Konnotationen des Wissenschaftsmotivs und die psychologischen Strukturen der Wissenschaftler-Figuren innerhalb des Textes konzentrieren. Dazu werde ich zuerst die beiden Figuren und ihre Charaktere untersuchen, weil mir dies als
1 Greenway, John L.: Seward’s Folly: Dracula as a Critique of ‘Normal Science’. In: The critical response to Bram Stoker. Hg.v. Carol Senf. Westport: 1993, S. 73. (Künftig zitiert: Greenway: Seward’s Folly.)
2 Glover, David: Bram Stoker and the Crisis of the Liberal Subject. In: New Literary History 23 (1992), S. 984. (Künftig zitiert: Bram Stoker and the Crisis… .)
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Basis ihrer unterschiedlichen Denkweisen sehr wichtig erscheint. In einem zweiten Hauptteil will ich dann auf eben diese Geisteshaltungen und die damit zusammenhängenden Arbeitsmethoden genauer eingehen.
II Wissenschaftler und ihre Persönlichkeit
Dr. Seward
Was die Darstellung der Figuren angeht, so sind die häufigen Fremdcharakterisierungen einer Figur durch eine andere für den ganzen Roman auffallend. Besonders interessant ist es, dass gerade die beiden Wissenschaftler schon vor ihrem eigentlichen Erscheinen bzw. bevor sie selbst zu Wort kommen erst einmal aus der Sicht einer anderen Person beschrieben werden. Es scheint, dass Stoker in bezug auf diese beiden Figuren eine distanziertere Betrachtung etablieren will.
Somit lernt man Dr. Seward, der ja sonst selbst als wichtiger Ich-Erzähler des Geschehens auftritt, eben zuerst aus einer Beschreibung Lucys in einem Brief an Mina kennen (S. 71ff.). 3 Er erscheint hier als ein sehr gefasster, nüchterner Mensch, der alles mit einem sehr rationalwissenschaftlichen Blick betrachtet. Lucy erwähnt den beruflichen Erfolg in seinem jungen Alter (S. 71) und geht kurz auch auf seine markante äußere Erscheinung ein (S. 73). Im Grunde genommen ist das das typische Bild eines Wissenschaftlers, dem die Rationalität auch zum privaten Lebensprinzip geworden ist und der deshalb auch „absolutely imperturbable“ (S. 71) wirkt. Dass er jedoch so unerschütterlich gar nicht ist, zeigt sich schon auf den folgenden Seiten: Er hat sich, da ihm als ‚Kopfmensch’ jegliche Spontaneität wohl abhanden gekommen ist, durch „schooling himself“ (S. 73) den Heiratsantrag zurechtgelegt und versucht nun sehr selbstbeherrscht zu erscheinen. Doch die Fassade ist brüchig. Lucy erkennt sofort die innere Unruhe unter der strengen Form seines ‚Wissenschaftler-Habitus’. In dem nun folgenden ersten Tagebucheintrag Sewards (S. 78) scheint sich dieser Eindruck dann durch seine eigenen Äußerungen zu bestätigen. Er hat zwar Lucys Ablehnung sehr höflich und mit selbstlosem Gestus hingenommen (S. 74), doch seine ersten eigenen Sätze zeigen eben, wie stark er doch emotional beeinflussbar ist. Selbstdisziplin scheint ihm ein Mittel gegen seine Gefühlslage, weswegen er sich in die wissenschaftliche Arbeit stürzt. Doch scheint dies kein wirklicher Zwang zu sein, d.h. er hat die Selbstdisziplin wohl schon verinnerlicht.
3 Die Zitate und Seitenangaben richten sich nach: Stoker, Bram: Dracula. London: Penguin, 1994.
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Denn die rationale Durchdringung der Welt ist scheinbar zu seiner höchsten, wenn auch zwanghaften Leidenschaft geworden. Wenn er von Lucy mit den gleichen Worten spricht, mit denen er sein wissenschaftliches Interesse an seinem Patient Renfield formuliert („... that I afford him a curious psychological study,...“, S. 72 und „... one who has afforded me a study of much interest.“, S. 78), so nimmt diese Leidenschaft pervertierte Züge an. Er kann scheinbar nicht mehr zwischen Arbeit und Alltagswelt unterscheiden und muss alle Dinge aus wissenschaftlich-analytischer Sicht betrachten. Die Beschäftigung mit seinem Patient ist somit nun eine Möglichkeit, seinen emotionalen Schmerz zu verdrängen. Sein verbissener Ehrgeiz, eine Machtposition über die Rätsel der Seele zu erlangen, wird besonders in der fast ‚brutalen’ Formulierung „making myself master“ (S. 78) deutlich. Hier bliebe zu überlegen, inwieweit er die Macht über psychologische Phänomene allgemein anstrebt, um seine eigene Seele und ihre Verwirrungen zu beherrschen.
Jedenfalls sehnt sich Seward danach, die letzten Geheimnisse der Menschheit, die des menschlichen Geistes zu lüften (S. 90) und die totale Aufklärung zu fördern. Diese Sehnsucht verbindet sich mit zwei weiteren Aspekten; einerseits mit beruflichem Ehrgeiz, denn Seward will mit neuen Erkenntnissen und Begriffen („zoophagous“, S. 90) Berühmtheit und somit persönlichen Ruhm erlangen, andererseits mit einer Art philosophischen Suche nach dem Grund hinter allem, nach einem ‚Sinn des Lebens’. In oft etwas sentimental wirkenden Passagen macht sich Seward Gedanken über das Schicksal des Menschen. Ich will zur Erläuterung einige Beispiele nennen: Er verzweifelt an dem vielleicht auch etwas selbstmitleidigem Gefühl („... my own desolate heart to endure it all.“, S. 142), unter einem allmächtigen „doom“ (S. 72 und S. 76) zu stehen, das die Menschen bestimmt und ihren Handlungsspielraum einschränkt. Wo seine Vernunft versagt, rettet er sich also in eine Art Schicksalsglauben. Dieser steigert sich in den extremsten Momenten in Form eines „sick of the world“-Gefühls (S. 191) zu Todessehnsucht (S. 191). Er macht sich Gedanken über den Durchhaltewillen und die Hoffnung der menschlichen Natur (S. 383), meint aber auch das täuschende Prinzip der Hoffnung zu erkennen (S. 401). Er schwankt zwischen einem großen Glauben an die Kraft des Menschen und einem tiefen Pessimismus des Lebens. In seiner Orientierungslosigkeit sehnt er sich nach einem ihn leitenden Sinnprinzip, wie Renfield es zu besitzen scheint („ If I only could have as strong a cause as my poor mad friend...“, S. 90f.).
Renfield scheint überhaupt an sich einige parallele Eigenschaften zu Dr. Seward aufzuweisen, so ist er z.B. auch sehr höflich und zurückhaltend und sehr genau in seiner ‚Arbeit’. Auch Seward selbst schlägt schon sehr früh eine Verbindung von seinen wissenschaftlichen Beobachtungen an Renfield zu philosophischen Gedanken und somit auch zu seiner eigenen Per-
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son („How many of us begin a new record with each day of our lives?“, S. 90). Er erkennt schon hier zumindest unbewusst die Gemeinsamkeiten zu seinem Patienten. Später entsteht mehr und mehr die Angst, selbst verrückt zu sein, was sich Seward damit zu erklären versucht, dass sein Leben unter lauter Irren auf ihn selbst Einfluss genommen haben könnte (S. 164). Sewards eigene geistige Gesundheit scheint zunehmend in Frage gestellt. So könnte man auch den häufigen Gebrauch von Schlafmittel, das er gegen seine innere Unruhe nimmt, was man -mit einem modernen Begriff gesagt- fast schon als ‚Drogenproblem’ interpretieren könnte (S. 125), unter diesem Aspekt sehen.
Wie ich darzustellen versucht habe, verschwimmen für Dr. Seward im Verlauf der ersten Hälfte des Romans zunehmend die Grenzen zwischen Wissenschaft und Privatem. In seinen Aufzeichnungen verbinden sich wissenschaftliche Beobachtungen mit persönlichen Gedanken. Wo dies seine Beziehung zu Lucy betrifft, scheint er unter dieser Verwirrung, die die Vermischung dieser beiden Bereiche hervorruft, sehr zu leiden. Er kann die nüchterne Erscheinung, die Lucy zu Anfang beschreibt, nicht aufrechterhalten, da seine privaten Gefühle seiner Vernunft ‚in die Quere kommen’. Parallel dazu scheint auch die Auflösung der Grenzen zwischen Rationalität und Unheimlichem bzw. Okkultem oder Unerklärbaren zu verlaufen. Welche Geisteshaltung Seward bei diesem Problem ‚an den Tag legt’, möchte ich im zweiten Teil der Arbeit untersuchen. An dieser Stelle sei nur vorweggenommen, dass er auch bei dieser Problematik in seiner Rolle als Vertreter der konsequenten Rationalität ins Schwanken gerät.
Es ist sehr interessant, zu beobachten wie dann in der zweiten Hälfte des Romans, die die Jagd nach Dracula erzählt, sich auch Dr. Sewards Funktion als Erzähler ändert. Erscheint das Tagebuch zu Beginn noch als ‚Therapiemittel’ zur Seelenberuhigung („... this diary has quieted me,...“, S. 127), so sind später immer weniger eigene Gefühle und Eindrücke in den Bericht der Handlung eingewoben. Seward nimmt sich, nachdem seine innere Entwicklung so intensiv geschildert wurde, persönlich immer mehr zurück und nimmt zunehmend die Rolle eines genauen, aber nüchternen und kühlen Beobachters ein, was ja auch zu seinem Beruf des Arztes passt.
Van Helsing
Auf Van Helsing möchte ich hauptsächlich im Vergleich zu Dr. Seward eingehen, weil die Unterschiede ihrer Persönlichkeiten in Bezug zu ihren Geisteshaltungen und wissenschaftlichen Ansätzen stehen. Auch Van Helsing wird zuerst fremdcharakterisiert -aus der Sicht von
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Arbeit zitieren:
Andreas Gründel, 2001, Auf der Suche nach der 'open mind'. Wissenschaft und Wissenschaftler in Bram Stokers "Dracula", München, GRIN Verlag GmbH
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