1. Einleitung:
1.1. Die japanische Gesellschaft im 19. Jahrhundert
Japan gilt als Ausnahmefall in der Entwicklung der Industriestaaten. Natürlich ist jede Gesellschaft hinsichtlich ihrer Geschichte und Kultur einmalig, aber kein anderes Land schaffte es, in nur so kurzer Zeit vom Feudalstaat zu einer der führenden Industrienationen der Erde zu werden. Erst 1853 kamen die Japaner durch den Druck der Amerikaner mit der industrialisierten Zivilisation europäischer Tradition in Kontakt, doch schon ca. 120 Jahre später hatten sie die USA in den Bereichen Computertechnik, Automobilbau und Mikrotechnologie von ihrer globalen Führungsposition verdrängt. Über dieses Phänomen sind vor allem in den japanischen Sozialwissenschaften v iele Theorien entwickelt worden. Ein Fakt ist dabei für den Zustand Japans im 19. Jahrhundert immer wieder stark betont worden: Japans über 250jährige internationale Isolation. Ausgehend vom 17. Jahrhundert isolierte sich der japanische Staat unter der Führung des „Tokugawashogunats“ außenpolitisch von allen anderen Staaten und erhielt so über zweieinhalb Jahrhunderte ein stabiles feudales System aufrecht. Für den ausländischen Betrachter des 19.Jahrhunderts schien es so, als sei in Japan die Zeit stehengeblieben.
Die Japaner lehnten außerdem alles „ausländische“ kategorisch ab; sie drängten auch nicht darauf, die moderne Zivilisation kennenzulernen. Diese Einstellung hielt jedoch nicht lange an: als Commodore Perry die Kampfkraft seiner „Schwarzen Schiffe“ demonstrierte, schreckte die japanische Gesellschaft auf. Die Ohnmacht gegen die militärische Macht der USA mit ihrem, durch die Industrialisierung weit entwickelten, Militärapparat ließ ihr kaum eine Wahl. Sie erkannte, daß der japanische Staat ohne eine Anpassung an die moderne Entwicklung zu einem unbedeutenden Spieler in der langsam beginnenden Globalisierung werden würde. Dementsprechend schnell fiel die Entscheidung, das „shogunat“ der Feudalzeit aufzulösen und den Kaiser als gottähnlichen Herrscher zu reaktivieren. Dies führte zusammen mit der Industrialisierung und Militarisierung Japans zu einem Expansionsdrang, der erst nach dem Zweiten Weltkrieg ein Ende fand.
In der vorliegenden Arbeit möchte ich mich, angeregt von der Situation Japans im 19. Jahrhundert, mit der Motivation und der kulturellen Basis der japanischen Gesellschaft befassen, die zu der internationalen Isolation und ihrer langen Aufrechterhaltung führten.
1.2. Gliederung
Um die lange Isolation Japans zu verstehen, ist eine Betrachtung der einzigartigen japanischen Geschichte notwendig. Aus ihr ergeben sich nach meiner Ansicht die kulturellen Faktoren und die zwingenden politischen Entscheidungen, die zur Abschließung des Landes führten. Zentral sind dabei die Herrschaftsmechanismen des „shogunats“ und die kollektivistische Ausrichtung der japanischen Kultur.
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Nachdem ich im folgenden zweiten Teil die Geschichte Japans bis zur „Edo-Zeit“ dargestellt haben werde, geht es im dritten Teil um die Struktur und die politischen Grundsätze des „shogunats“ der „Edo-Zeit“ vom 17. bis zum 19. Jahrhundert, das die Isolation als Teil seiner Politik betrieb. Im vierten Teil werde ich mich mit Faktoren der japanischen Kultur beschäftigen, die die gesellschaftliche Stabilität während der Abschließung durch kollektivistische Elemente förderten. Abschließend ziehe ich ein Fazit, in dem ich resümieren will, daß die Struktur des „Tokugawashogunats“, sowie eine geschichtlich gewachsene Weltinterpretation der Japaner zur Abschließung des Landes und der Aufrechterhaltung dieser für über 250 Jahre führten.
2. Geschichte Japans bis zur „Edo-Zeit“
2.1. Das Altertum und die Clangesellschaft
Die Geschichte Japans beginnt mit der „Jomon Kultur“. In dieser Zeit wurden weder Ackerbau noch Viehzucht betrieben, die Menschen lebten im Kollektiv als Jäger und Sammler. Das Kollektiv war auf die Hilfe aller angewiesen und kannte keine soziale Differenzierung, also eine Arbeits- und Aufgabenteilung zwischen einzelnen Mitgliedern oder ganzen Gruppen. Die tägliche Jagd, der Fischfang und das Bauen von Hütten erforderten gemeinschaftliche Arbeit. Es handelte sich um ein Clan-System, welches durch Blutsverwandschaftsbeziehungen mütterlicherseits beherrscht wurde (Vgl. Inoue 1993).
Da diese Clangesellschaft als Inselgesellschaft isoliert war, machte sie nur langsame Fortschritte im Hinblick auf die Zivilisation. Ende des 3. Jahrhunderts v. Chr. verbreitete sich durch das „Han Reich“ die, im Vergleich mit Japan weit entwickelte, chinesische Kultur bis nach Korea und schließlich bis nach Japan. Durch Einwanderer kam so die „Yayoi Kultur“ auf die japanischen Inseln und mit ihr verschiedenste Neuerungen, wie die Naßfeldwirtschaft, die Technik zur Herstellung von Metallwerkzeugen und eine neue Form der Keramikherstellung. Die „Yayoi Kultur“ gilt als importierte Kultur. Dies führte unter anderem zu einem gleichzeitigen Gebrauch von Eisen- und Bronzegeräten in der japanischen Antike, während für andere, heute hochentwickelte Zivilisationen gilt, daß Metallgeräte in einer zeitlichen Reihenfolge erst aus Kupfer, dann aus Bronze und zuletzt aus Eisen hergestellt wurden. Diese ersetzten die Steinwerkzeuge. In Japan waren aber auch die Steinwerkzeuge nach wie vor in Gebrauch, so daß sich ein Nebeneinander der kulturellen Elemente statt einer chronologischen Reihenfolge ergab (Vgl. Inoue, 1993).
Es ist also zu einer Assimilation der importierten „Yayoi Kultur“ gekommen, die neue Kultur hat die alte nicht verdrängt. Eine Tatsache, die sich in der japanischen Geschichte bis heute wiederholt und als spezielles Charakteristikum der japanischen Kultur gelten kann.
Die mittlerweile seßhaft gewordenen matriachalische Clangesellschaft zeigte jetzt auch erste Ansätze von Arbeitsteilung, die die Anfänge einer Klassengesellschaft waren. Es begann eine Trennung von
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körperlicher Arbeit zur Bewirtschaftung der Felder und geistiger Arbeit zur Organisation der durch die Innovationen größer werdenden Produktivität. Durch die Seßhaftwerdung wurde der Produktionsfaktor Boden als Besitz immer wichtiger. Durch Kriege, die um Land geführt wurden, entstand eine immer größere Ungleichheit zwischen den einzelnen Clans. Die großen Clans unterwarfen die kleineren und versklavten die Unterlegenen. Die Clanstruktur der unterworfenen Clans blieb jedoch erhalten und führte zur Wahrung einer recht großen Eigenständigkeit. Die Besiegten wurden den Siegern durch fiktive Blutsverwandschaft untergeordnet. Ihr Gesicht wurde dabei gewahrt (Vgl. Inoue, 1993).
Durch diese Umstände entwickelten sich allmählich Gebilde, die man als Kleinstaaten bezeichnen kann und die vom Clanführer des dort herrschenden Clans, der zugleich oberster Priester und Clanältester war, beherrscht wurden: „Diese Entwicklung förderte die Ausbeutung von Schichten in den Clans. Der Führer besaß Sklaven, seine wirtschaftliche Macht sicherte ihm seine Herrschaftsstellung, die Verwalter, Kriegsführer und Priester unter ihm formierten sich zur herrschenden Elite, die Mitglieder und die Sklaven des Clans bildeten die beherrschte Unterschicht. Der Clan löste sich jedoch nicht in Familiengruppen auf, sondern behielt seine kollektive Form, die in der Bezeichnung für Führer und Clan begrifflich zum Ausdruck kommt.“ (Inoue, 1993:32). Unter der Oberhoheit des mächtigsten Clans , wuchsen die Kleinstaaten dann zu einer Art Staatsgefüge zusammen (Vgl. Bertelsmann Lexikothek, Band 2, 1990).
Dieses Gefüge wird als „Yamato Reich“ bezeichnet und entstand in der Mitte des 3. Jahrhunderts n.Chr. Die Clanführer bestimmten in ihren jeweiligen Allianzen den Herrscher oder die Herrscherin.
2.2. Der „tenno-Staat“
Im 5. Jahrhundert n. Chr. wanderten mehrere Großfamilien in Japan ein. Sie waren größtenteils Flüchtlinge aus den mit Auseinandersetzungen überzogenen Gebieten des heutigen China und Korea. Mit ihnen erreichte eine neue Fortschrittswelle die japanischen Inseln. Seidenraupenzucht und neue Agrartechniken setzten sich durch. Mathematik und chinesische Schriftzeichen führen schließlich dazu, daß Japan Ende des 5. Jahrhunderts n. Chr. seine „primitive“ Kultur verläßt. Im Jahr 538 n. Chr. erreicht der Buddhismus die japanischen Inseln, bleibt aber wie vorher der Konfuzianismus ohne große Bedeutung für das Volk. Die Oberschicht setzte sich jedoch intensiv mit den Glaubensgrundsätzen auseinander und nutze sie von nun an zur Stärkung ihrer Herrschaft (Vgl. Bertelsmann Lexikothek, Band 2, 1990).
Durch die Einwanderer erhöhte sich die Produktivität, zusätzlich setzte man wieder neue Techniken ein. Bauern und Handwerker wurden vom Großkönig in sogenannten „bumin-Gruppen“ organisiert. Sie sollten die „mita“, mehrere als „Staatsvermögen“ definierte Agrargebiete in Kollektivarbeit bestellen, um so die wirtschaftliche Basis des Staatshaushaltes zu bestellen.
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„Der Hof errichtete das „bumin-System“ nicht nur für die Bestellung der „mita“, sondern auch zur Sicherung der Produktion handwerklicher Waren und der Dienstleistungen, die er und der Adel benötigten. Der Hof stellte die Einwanderer aus Korea und japanische Handwerker zu speziellen Berufsgruppen zusammen, wies ihnen Land zu, damit sie sich selbst ernähren konnten, ordnete an, daßdie Handwerker für Generationen ihren Beruf beibehalten mußten, und beschlagnahmte alle ihre Produkte als Abgaben.“ (Inoue, 1993:40).
Im Großkönig-Clan, der hier weiterhin als „tenno-Clan“ bezeichnet wird, hatte sich mittlerweile die patrilineare Verwandschaftslinie durchgesetzt. Das Amt des „tenno“ war erblich geworden und legitimierte sich unter Bezug auf die Hierarchie der einzelnen Clan-Gottheiten. Danach stammte der „tenno“ direkt vom Ahngott des „tenno-Clans“, der Sonnengottheit „Amaterasu-omikami“, ab. Diese Gottheit stand an erster Stelle der Hierarchie der Clan-Gottheiten. Der Kult dieser Zeit trug eindeutig animistische Züge. Verehrt wurden Naturerscheinungen und nahrungsspendende sowie fruchtbare Kräfte (Vgl. Bertelsmann Lexikothek, Band 2, 1990).
„Japan ist ein altes Bauernland. Damit der in der Erde gelegene Samen sprießt und zur Ähre reift, bedarf es des Zusammenspiels von menschlicher Arbeit und kosmischen Kräften. Der Mensch findet sich im Zentrum eines dichten Gewebes von Beziehungen, die es durch die richtig vollzogenen Riten in Ordnung zu halten gilt." (Immoos, 1990:22).
In Abgrenzung zum Buddhismus, der Japan durch die Einwanderer nahegebracht wurde, mußte sich der ausgeübte Kult der Clans, die vielfältigen magischen und religiösen Bräuche, eine Bezeichnung geben: „Shinto“, das ist der „Weg der Götter“. Durch die Gegenüberstellung von „Butsudo“, also dem „Weg des Buddha“ und dem „Shinto“ kam es zu kontroversen Meinungen zwischen den der Festlandskultur aufgeschlossenen liberalen Clans und den konservativen Clans. In Folge von Thronstreitigkeiten kam es dann zu Kämpfen, in denen die konservativen Parteien unterlagen. Die Reformer verhalfen dem Kronprinzen „Shotoku“ an die Macht, der mit seinen Reformen das öffentliche Leben veränderte und den japanischen Clanstaat erneuerte. Diese als „Taika-Reform“ bezeichnete Änderung der Form und Struktur des Staatsgebildes, führte zu einem alle Regionen einheitlich umfassenden Verwaltungsapparat nach chinesischem Vorbild. Damit beruhte die Ordnung nicht mehr auf den fiktiven Verwandschaftsbeziehungen der Clans, sondern auf einem gottähnlichem Alleinherrscher, dem „tenno“, dessen Amt durch die Reform absolute Macht und Geltungsansprüche erhielt. Der „tenno“ stand von nun an über dem Gesetz und hatte das Eigentumsrecht an Land und Leuten (Vgl. Inoue, 1993).
Das bedeutete auch, daß die Clanführer formal ihr Besitzrecht an Land zugunsten des „tennos“ aufgeben mußten. Es muß hier aber klargestellt werden, daß es sich bei der „tenno“ -Instanz zwar um den formalen Besitzer an Land und Leuten handelte, daß er aber „... kein Land [besaß], weil Land und Volk sein Eigentum waren. Der tenno war in diesem Sinne sozusagen das einigende Symbol der
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besitzenden Klasse, er konnte, da er alles beherrschte nicht Eigentümer eines Teils sein.“ (Inoue, 1993:76).
Der „tenno“ setzte die Clanführer als Verwalter ein, an ihren Aufgaben änderte sich nicht viel, aber ihr Status war nicht mehr der von regionalen Herrschern sondern von Untergebenen. Damit war die Zwischeninstanz zwischen den Herrschenden und den Beherrschten eliminiert. Der absolutistisch orientierte Staat griff jetzt direkt auf das Volk und seine neue gesellschaftliche Einheit, den Haushalt, zu. Alle Haushalte wurden mit Steuern belastet. Zum Haushalt gehörten die Familienmitglieder, die Hauseigenen und die Sklaven. 594 n. Chr. Erhob „Shotoku“ den Buddhismus zur Staatsreligion und lies Tempel und Klöster bauen. Er verbreitete die „17-Artikel“, eine konfuzianisch-buddhistische Ideologie, die die Stellung des Herrschers, der Beamten und des niederen Volkes rechtfertigten, sowie eine kollektivistische Grundidee und die Betonung von Vertrauen und Verpflichtung vertraten, die Jahrhunderte später im Stand der „bushi“ eine nie gekannte Renaissance erlebte. Hier einige Auszüge aus den „17-Artikeln“:
„[...]Die Harmonie, die halte man für wert. Das Vermeiden von Widerstand, das mache man zum Grundsatz. Die Menschen neigen Eigeninteressen zu, und es gibt nur wenige, die Einsicht besitzen.[...]Vertrauen ist die Grundlage gegenseitiger Verpflichtung. Vertrauen ruht in jeglicher Sache. [...] Besteht Vertrauen zwischen Regierenden und Regierten, was sollte dann nicht erreicht werden können. [...]Entscheidungen dürfen nicht von einem einzelnen getroffen werden. Gemeinsame Erörterungen müssen folgen.“ (Bertelsmann Lexikothek, Band 2, 1990:111). Die hohen Abgaben an den Staat belasteten vor allem Bauern und Fischer, so daß diese sich in weit entfernte unerschlossene Landgebiete flüchteten. Große Teile der Bevölkerung lebten unter dem Existenzminimum. Im Unterschied zum Clanstaat mit seinen „bumin-Gruppen“ waren die Abgaben gesetzlich festgelegt. Das bedeutete für die wohlhabenderen Menschen, daß sie in guten Zeiten Überschüsse produzierten und diese in neues Land investieren konnten. Der „tenno-Staat“ legitimierte den Grund und Boden, auf dem die jeweilige Familie und ihr Haushalt wohnten, und den sie zu bewirtschaften hatten, als „ewigen Besitz“, und damit als Eigentum.
Trotz der Stabilisierung durch die „Taika-Reformen“ begannen Ereignisse wie Thronstreitigkeiten im „tenno-Clan“, die Zunahme nicht zu kontrollierenden Großgrundbesitzes und das Erstarken der buddhistischen Klöster, mit ihren eigens ausgebildeten Kriegermönchen, den absolutistischen Staat auszuhöhlen. Durch die festgelegten Abgaben nahmen die Spannungen in der Gesellschaft zu. Reichere Familien, zumeist auch Großfamilien unterwarfen wegen ihres höheren Potentials (mehr Arbeitskräfte, mehr Land, höhere Produktion) in der agraisch bestimmten Gesellschaft die Kleinfamilien. Immer mehr Bauern entflohen den hohen Abgaben des Staates und stellten sich unter die Herrschaft der immer mächtiger werdenden Großfamilien und ihrer wachsenden Landgüter, die als „shoen“ bezeichnet wurden. Die Abgaben an die Großfamilien lagen zumeist unter den festgelegten des Staates.
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Arbeit zitieren:
André Kloska, 2004, Die japanische Gesellschaft im 19. Jahrhundert - Motive und kulturelle Basis für die Isolation, München, GRIN Verlag GmbH
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