Einleitung
In der vorliegenden Arbeit werden Auszüge aus Texten Freuds zum Thema Krieg und Kultur zusammengefasst. Dabei habe ich den Schwerpunkt nicht auf die Erklärungen der Fachbegriffe und des Vokabulars der Psychoanalyse gelegt, sondern auf die gesamtgesellschaftliche Perspektive Freuds. Die Bedeutung der Kultur als ein Bindemittel der Gesellschaft, welches scheinbar unverzichtbar ist und doch den Menschen unter zunehmenden Druck setzt, ihn von seiner ursrpünglichen Natur entfremdet und ihn dadurch verunsichert.
Freud gibt mit seinen Texten Denkanstöße, die gerade bei der heutigen Entwicklung der westlichen Kultur sehr wertvoll sind. Psychische Krankheiten nehmen zu, Imageberater sorgen für irgendein Bild einer Person, aber selten für das, was sie wirklich ist, Krankheiten wie Magersucht breiten sich unter den Jugendlichen aus. All das muß aus dem Druck einer immer strengeren Kultur resultieren, die mit Identifizierungen in den Medien und in der Mode arbeitet, welche gerade bei nach Orientierung suchenden Jugendlichen eine große Anziehung ausüben. Das „Verbiegen“ für den Schein nach Außen, das Vortäuschen von bestimmten Eigenschaften und Merkmalen, die nicht dem wahren Wesen jedes Einzelnen entsprechen, ist damit zur Tagesordnung geworden, und so verlangt vor allem die Jugndkultur mehr als von dem Heranwachsenden als bloße Triebentsagung; sie zwingt ihn zur Anpassung an konstruierte Muster.
Sigmund Freud beschreibt gerade im „Unbehagen in der Kultur“ von 1930 wie die Kultur dem Individuum Triebversagungen auferlegt um Kulturleistungen zu generieren, die sich als zivilisiert bezeichnen lassen wollen. Damit ist bei ihm in erster Linie die Unterdrückung von offener Aggression gemeint. Aus historischer Sicht werden die Texte Freuds verständlicher, wenn man die Situation Europas nachzeichnet. Nach dem Hundertjährigen Frieden im 19. Jahrhundert, stürzten sich die Nationalstaaten mit extremer Begeisterung in den Ersten Weltkrieg. Und das nach einem Jahrhundert Zusammenarbeit, Austausch und Toleranz. Freud widmete sich diesem Thema 1915 mit dem Text „Zeitgemäßes über Krieg und Tod“, in dem er eine Veränderung unseres Verhältnisses zum Tod diagnostizerte und versuchte, auf die Frage der Menschen wie es zu einem derart menschenverachtendem Krieg kommen konnte, eine Antwort zu finden. Interessant ist dabei seine Ansicht, daß ein Ereignis wie Krieg sämtliche durch die Kultur antrainierten Verhaltensweisen verblassen, und den Urtrieb in seiner vollen Stärke freisetzt.
Der Briefwechsel mit Albert Einstein am Ende der Arbeit zeigt das Bemühen der Wissenschaft, eine Lösung zur dauernden Kriegsverhinderung zwischen Staaten dieser Erde zu finden. Einstein würde vielleicht die Atombombe als eine zumindest Weltkriege verhindernde Lösung sehen, sie ist aber letzten Endes auch nur eine der vielen von der Kultur selbst hervorgebrachten Mechnaismen, bei deren Wegfall die Reste unserer Urtriebe wieder in ihre alte Form verfallen könnten.
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Zeitgemäßes über Krieg und Tod
I. Die Enttäuschung des Krieges
In dem 1915 verfassten Text will Sigmund Freud das Phänomen der allgemeinen Enttäuschung der Menschen des europäischen Kontinents von sich selbst und ihrer Hochkultur erklären. Diese Enttäuschung wurde durch die grausame Fratze des Ersten Weltkrieges herrvorgerufen, in dem vorher sich gegenseitig schätzende Kulturmenschen aller Nationen zu barbarischen Kämpfern für die egozentrischen Machtinteressen ihres eigenen Volkes entwickelten. Dabei greifen sowohl die Nationalstaaten als auch die Individuen selber zu allen Mitteln, um ihr Ziel erreichen zu können.
Als erstes beschreibt Freud die Sichtweise der Europäer, die sich selbst und ihre Zivilisation als die technisch-kulturellen Führer des Menschengechlechts sehen und Kriege nur noch zwischen Gegensätzen wie primitiven und zivilisierten Gesellschaften oder zwischen verschiedenen Rassen für zwangsweise notwendig betrachten. Man ging jedoch nicht davon aus, daß sich Völker eines über die Jahrhunderte verwachsenen Kontinents wie Europa in eine Krieg stürzen würden, der die Gegensätze der verschiedenen Völker und ihrer Kulturen wiederbelebt und sie zum Feinbild macht. Diese Großinduviduen, wie Freud die Völker bezeichnet, hatten über einen längeren Zeitraum hinweg soziale Normen, genauer sittliche Normen, in Form einer gemeinsamen Kulturgemeinschaft ausgebildet.Um an ihr teilnehmen zu können, forderte die Gemeinschaft vom Einzelnen eine bestimmte Lebensführung,. Kern dieser Lebenführung ist der Verzicht auf Triebbefrie digung , also eine starke Selbstbeschränkung, die dazu führt, daß die egoistischen Triebe des Einzelnen ingesellschaftlich für gut befundenen - Kanäle gelenkt werden.
In den Staaten Europas kam man so zu dem Schluß, daß die kulturell geschulten Individuen immer mehr „Verständnis für ihre Gemeinsamkeiten“ als auch „Toleranz für ihre Verschiedenheiten“ bekommen und die Angst vor der Fremdheit abnehmen würde (Freud 1915, S.326). In der Tat gab es dafür Anzeichen wie die Migration vieler Europäer in ein anderes europäisches Land als ihr Heimatland oder dem Studium von Dichtern und Philosophen ohne Rücksicht auf ihr Herkunftsland. Viele Menschen bauten ihre Sichtweise auf verschiedensten europäischen Kulturelementen auf. Diese Zeit des 100 jährigen Friedens vor dem Ersten Weltkrieg beinhaltet eine Periode des Genußes der europäischen Kultur, man kann sogar sagen es ist eine Art von narzistischem Selbstgenuß. Dementsprechend gingen die Völker Europas auch davon aus, daß, falls es trotz der relativen Kultureinheit einmal zu größeren Konflikten kommen würde, diese als „ritterlichen Waffengang“ mit Respekt vor der Zivilbevölkerung, den Verwundeten und dem Allgemeingut stattfinden würde, und
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eben nicht als Krieg mit allen Mitteln - und vor allem nicht mit dieser Art des Hasses von sich nahestehenden Völkern. Dabei weist Freud nicht nur auf die Enttäuschung vom einzelnen Individum hin, sondern auch auf die Enttäuschung von den Staaten, die sich hemmungslos aller Mittel bedienen um ihre Ziele zu erreichen, während sie von ihren Bürgern moralisches Verhalten fordern. Der Staat der das Monopol auf die Anwendung von Unrecht hat, bedient sich gerade im Krieg der List, der Lüge, des Betruges und der Gewalt. All dies sind Handlungen, die in der europäischen Kultur- und Wertegemeinschaft verpönt sind. Während also der Einzelne auf die Befriedigung seiner Triebe zugunsten der Allgemeinheit verzichten soll, nimmt sich der Staat das Recht heraus jederzeit mit allen Mitteln seine Ziele umzusetzen.
Zweierlei hat also die Enttäuschung hervorgerufen: einmal „ die gerringe Sittlichkeit der Staaten nach außen“ die sich nach innen „als die Wächter der sittlichen Normen gebären“ und ein anderes Mal „die Brutalität im Benehmen der Einzelnen, denen man als Teilnehmer an der höchsten menschlic hen Kultur ähnliches nicht zugetraut hat.“ (Freud 1915, S.331).
Freud geht auf den zweiten Grund genauer ein; er beginnt mit einer Analyse, die als erstes ein Menschenbild zeichnet, das als ein kontinuierlicher Entwicklungsprozeß aufgefaßt werden kann. Der Mensch verfügt über Neigungen, die Freud als Triebe bezeichnet. Diese sind weder gut noch böse, sondern sie wandern in verschiedene Richtungen während der Entwicklung, können aber niemals beseitigt werden. Ob diese Triebenergie nun gut oder böse ist, klassifiziert letzten Endes die Gesellschaft in der das Individuum lebt, das kann natürlich je nach Kultur ganz unterschiedlich sein. Der Mensch läßt sich also weder als absolut böse noch als absolut gut bezeichnen, außerdem resultieren Einstellungen wie der Altruismus im Erwachsenenalter häufig aus dem Egoismus im Kindesalter, was Freud als Reaktionsbildungen bezeichnet. Solche Reaktionsbildungen sind das Ergebnis einer Umbildung der Triebenergie, die von einer Fixiertheit auf ein bestimmtes Ziel oder Objekt auf ein anderes, nämlich das genau Entgegengesetzte, verschoben wird. Diese Umbildung der Triebenergie wird durch zwei Faktoren hervorgerufen: erstens den inneren Faktor, nämlich das Liebesbedürfnis des Menschen oder die Erotik, welche er als einen Vorteil für sich selbst zu schätzen lernt, zweitens durch den äußeren Faktor, nämlich die Erziehung, die jedem Mitglied einer Kultur Triebverzicht abverlangt. Während der menschlichen Entwicklung findet eine Internalisierung des äußeren Zwanges statt, der in inneren Zwang transformiert wird. Freud vetritt ebenfalls die These, daß „aller innerer Zwang ursprünglich in der Menschheitsgeschichte nur äußerer Zwang war.“ (Freud 1915, S.333). Die Wirkung der Erziehung in Kombination mit der menschlichen Erotik führt dazu, daß die egoistischen menschlichen Triebregungen in altruistische umgewandelt werden. Zusätzlich werde gesellschaftliche Anreizsysteme etabliert, die den Menschen und seine Triebenergie kanalisieren sollen. Diese Anreizsysteme bestehen aus „Liebesprämien“ und eine Konditionierung im Sinne von Lob und Strafe. Freud wirft hier den Gedanken auf, daß das Resultat des gesellschaftlichen Anreizsystems und die Reaktionsbildungen durch Erotik und Erziehung zum gleichen Ergebnis führen, nämlich einen Kulturmenschen hervorbringen. Allerdings bleibt der
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Unterschied bestehen, daß dem „guten“ Handeln eines Menschen aus aüßeren Anreizen heraus ein Ende gesetzt ist, sobald die Anreize wegfallen, während die Intention des „wahren“ Kulturmenschen durch Reaktionsbildungen tief in seiner Psyche verankert ist und auch nach Wegfall des Anreisystems bestehen bleibt.
Die Menschen neigen also ingesamt dazu den Kulturmenschen zu überschätzen, und sie sind schockiert wenn sich sein wahres Gesicht zeigt, sobald das Anreizsystem degeneriert. Der Mensch durchschreitet dann eine Regression auf eine frühere Entwicklungsstufe seiner psycho-sexuellen Entwicklung, und wird „schwachsinnig“. Die Entwicklung des Menschen, die nach Freud in mehreren Phasen abläuft und bestimmte Etappenziele erreichen muß, behält jeden Kern der Entwicklungsstufen bei. Frühere Phasen werden nicht durch nachfolgende ersetzt, sondern ergänzt. In bestimmten kritischen Situationen, zu denen der Krieg ohne weiteres zählt, können Triebumbildungen wieder rückgängig gemacht werden; eben so läßt sich die barbarische Grausamkeit der Kulturmenschen erklären. Auch die Zugänglichkeit zu logisch-rationalen Argumenten ist in dieser Situation unmöglich, da sich ein emotionaler Widerstand aufbaut, der zu einer Hierachisierung von Affekt und Intellekt führt.
II. Unser Verhältnis zum Tode
Sigmund Freud spricht in diesem Text vom Verhältnis des heutigen Kulturmenschen zum Tod. Dieses Verhältnis betrachtet er als ein Phänomen, welches, neben der Enttäuschung vom Kulturmenschen durch den Krieg, zum Unbehagen der Menschen zur Zeit des Ersten Weltkrieges beitrug, beziehungsweise bis heute beiträgt.
Das Verhältnis des Menschen zum Tod ist im allgemeinen paradox. Auf der einen Seite registriert er den Tod anderer Dinge, also die Endlichkeit der Existenz, und damit auch die Endlichkeit seiner selbst, auf der anderen Seite kann der eigene Tod als Vorstellung nicht akzeptiert werden, denn „ [im] Unbewußten sei jeder von uns von seiner Unsterblichkeit überzeugt.“ (Freud 1915, S. 341). Die Behandlung des Themas Tod ist vor allem für den modernen Kulturmenschen mehr als schwierig; die Kultur und dessen tief verankerter Grundsatz des Tötungsverbotes versagen dem Menschen unter starken Schuldgefühlen die Akzeptanz von Todeswünschen gegenüber anderen Menschen. Beim Eintreten eines Todesfalles wird die Todestatsache herabgespielt und deren natürliches Eintreten als Zufall umgedeutet, der durch Unfall, Krankheit, Infektionen, usw. aus heiterem Himmel eintritt. Der Tote selbst gilt nach seinem Dahinscheiden als von allen Sünden befreit, es wäre anrüchig ihm Schlechtes hinterherzusagen oder sich an seinem Tod sogar zu erfreuen. Am intensivsten ist das Verhältnis eines Menschen zu einem Verstorbenen, der diesem nahestand oder eine Bezugsperson war. Hier werden mit dem Ende der Existenz der Person selbst auch eigene Erwartungen und Wünsche liquidiert. Daher besteht heute ständig die Sorge darum, wer eine Bezugsperson, die durch bestimmte
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Arbeit zitieren:
André Kloska, 2003, Freuds Texte über den Krieg, München, GRIN Verlag GmbH
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