0. Einleitung
Die deutschen Forscher Wilhelm Reiss und Alphons Stübel wurden nicht nur als bedeutende Geologen bekannt, sondern vielmehr durch ihre archäologischen Untersuchungen im Gräberfeld von Ancón an der Küste Perus. Diese im Jahre 1875 durchgeführten Ausgrabungen gingen als die ersten großen Grabungen in die Geschichte der peruanischen Archäologie ein. Es konnten weit über 2000 Objekte geborgen werden, die sich heute im Ethnologischen Museum Berlin befinden. Von besonderer Tragweite war die Veröffentlichung des Fundmaterials, da es der südamerikanischen Archäologie neue Impulse gab und vor allem in Europa und Nordamerika erstmals in weiten Kreisen das Interesse der Archäologen auf den peruanischen Raum lenkte. 1
1. Die Sammler
1.1. Wilhelm Reiss
Wilhelm Reiss wurde am 13.6.1838 in Mannheim als Sohn des Großunternehmers und Bürgermeisters von Mannheim geboren. Sein Vater schickte ihn auf die Handelshochschule von Antwerpen, die Wilhelm aber im Alter von 17 Jahren abbrach. 1855 fuhr er aufgrund eines Augenleidens zur Kur nach Italien, wo er sein Interesse an der Gesteinskunde entdeckte. Daraufhin besuchte er die Bergakademie in Freiburg, brach aber auch dort wieder ab und wechselte zu den Naturwissenschaften nach Berlin und später nach Bonn.
1858 begann Wilhelm Reiss an seiner wissenschaftlichen Eignung zu zweifeln. Hinzu kamen gesundheitliche Probleme, wie eine ausgeprägte Hypochondrie und Menschenscheu, die auf sein Augenleiden zurückzuführen sein dürften. Daher entschloss er sich zu einer zweijährigen Pause. Während dieser Zeit begab er sich nach Madeira, wo er sich geologisch betätigte und ein Fossilienlager entdeckte, was für einiges Aufsehen sorgte und ihm erste Anerkennung brachte. Außerdem unternahm er noch vulkanologische Forschungen auf den Azoren und den Kanarischen Inseln.
1 Haas 1986: 7; Allkämper 1994: 84
2
1860 nahm er sein Studium wieder auf und wechselte von Heidelberg nach Karlsruhe, dann nach Giessen und kehrte schließlich wieder nach Heidelberg zurück, wo er 1864 in Geologie, Chemie und Physik promovierte. 1865 lernte er Alphons Stübel kennen, und gemeinsam planten sie eine Exkursion nach Hawaii. 2
1.2. Alphons Stübel
Alphons Stübel wurde am 26. Juli 1835 in Dresden als Sohn des Ratsherren Moritz Stübel geboren. Nach dem frühen Tod seiner Eltern wuchs er seit seinem vierzehnten Lebensjahr bei seinem Onkel in Dresden auf. 1854 begann Stübel das Studium der Naturwissenschaften in Leipzig und promovierte 1860 in Heidelberg in den Fächern Mineralogie, Chemie und Physik. Wie Reiss musste auch Stübel seine Studienzeit aus gesundheitlichen Gründen unterbrechen, um ein südliches Klima aufzusuchen. Er reiste für einige Zeit nach Ägypten, nicht nur zur Erholung, sondern auch zu Studienzwecken. Die Rückreise erfolgte über Neapel und Rom, wo Stübel erstmals mit vulkanischen Erscheinungen in Berührung kam. Diese Reise war die erste von vielen, die noch folgen sollten.
Nach Abschluss seines Studiums bereiste er in den Jahren zwischen 1862 und 1865 Schottland, die Orkney- und Shetland-Inseln, Madeira, die Kapverdischen Inseln, Portugal, die Kanarischen Inseln, Marokko und das spanische Festland. Der Insel Madeira schenkte er die meiste Aufmerksamkeit. Hier hielt er sich fast zwei Jahre auf, führte umfangreiche vulkanische Untersuchungen durch und erstellte eine beachtliche Reliefkarte der Insel. 1865 kehrte Stübel nach Deutschland zurück und begann sich der Aufarbeitung des von seinen Reisen mitgebrachten Materials zuzuwenden. Noch im selben Jahr lernten Reiss und Stübel sich kennen und schmiedeten Pläne einer großen Exkursion nach Hawaii, um dort Vulkane zu erforschen. Zunächst reisten sie jedoch, wie viele andere Geologen auch, zum Vulkanausbruch nach Santo rin. Sie beobachteten dieses Ereignis und veröffentlichten ihre Ergebnisse in mehreren Schriften. Hier nun setzte die über dreißig Jahre lang währende intensive Zusammenarbeit der beiden ein. 3
2 Stüttgen 1994: 11-13; Haas 1986: 53
3 Stüttgen 1994: 13; Haas 1986: 60
3
2. Reiss und Stübel in Südamerika
Nach der ersten gemeinsamen Arbeit auf Santorin in Griechenland machten sich Reiss und Stübel 1868 auf den Weg nach Hawaii um dort die Vulkane zu erforschen. Auf Stübels Wunsch hin sollte die Reiseroute über die südamerikanischen Anden führen, die vor allem durch die Schilderungen Alexander von Humboldts in den Vordergrund des Interesses gerückt waren. Für die Erforschung der Vulkane in Kolumbien und Ecuador wurden drei bis vier Monate eingeplant. Daher schickten sie ihr Gepäck schon nach San Francisco vor. Wie ihr großes Vorbild Humboldt kamen sie dann auch nach Kolumbien und waren beide sofort dermaßen fasziniert, dass der ursprüngliche Plan, nach Hawaii zu reisen, mehr und mehr verschoben wurde. Vier Jahre lang bestiegen und untersuchten Reiss und Stübel zahlreiche Vulkane, führte n umfangreiche Messungen durch und zeichneten Karten. 4 Für die Panoramabilder beschäftigten sie eigens einen Maler, der die Farbenpracht der Landschaften in Ölgemälden festhielt. Stübel war kein Aufwand zu groß. So ließ er ganze Gebirgshänge roden, um seinem Maler eine optimale, freie Sicht auf das Landschaftspanorama zu gewähren. Leider scheinen sämtliche Ölgemälde, bis auf drei, die sich heute im Reiss-Museum in Mannheim befinden, verloren gegangen zu sein. 5
Schon bald aber waren die beiden Forscher uneins mit ihrem bis dato großen Vorbild Humboldt und ließen ihrem Unmut in ihren Briefen an die Verwandten in Deutschland freien Lauf: „Humboldts Beschreibungen der hiesigen Gegenden und Verhältnisse sind so abgeschmackt, falsch und ekelhaft, dass man sie immer wieder liest, um sich zu überzeugen, ob der berühmte Mann das auch wirklich geschrieben hat“. 6 Fortan hatten die Spezialisten der Vulkanologie Reiss und Stübel mit dem Universalisten Humboldt gebrochen. Trotzdem sahen sich die beiden, genau wie Humboldt, als Wissenschaftler dazu verpflichtet, neben ihrem eigentlichen Spezialgebiet andere Forschungen anzustellen. So führten sie dann auch astronomische und meteorologische Messungen durch und legten zoologische, ethnographische und archäologische Sammlungen an. 7
4 Stüttgen 1994: 13-14; Haas 1986: 61
5 Spurensuche 1994: 7
6 Stüttgen 1994: 14; zitiert nach: Stübel, Brief vom 31.8.1870
7 Stüttgen 1994: 14
4
Aufgrund wesentlicher Meinungsverschiedenheiten über die Art und Weise in Südamerika zu reisen, trennten sich die beiden Forscher. Sie trafen sich nun nur noch von Zeit zu Zeit um ihre Beobachtungen auszutauschen. 8 1875 jedoch, nach vier Jahren in Kolumbien und Ecuador, fuhren sie schließlich gemeinsam weiter nach Lima, Peru. Von hieraus wollten sie eigentlich weiter in die peruanischen Anden, was jedoch durch die damalige politische Lage zu gefährlich war, und so gingen die zwei chronisch kranken Forscher ins Kurörtchen Ancón nahe Lima. Hier konnten sie nicht nur eine Pause einlegen, sondern auch ihrer zweiten Leidenschaft neben der Vulkanologie frönen, der Archäologie; denn kurz zuvor wurde ein Gräberfeld in Ancón entdeckt, in dem nun Reiss und Stübel ihre Grabungen durchführten.
Nach einigen Monaten in Ancón konnten sie schließlich in Nordperu die Anden überqueren und gelangten über den Amazonas und entlang der brasilianischen Küste nach Rio de Janeiro. Hier, nach acht Reisejahren, beschließt Reiss, erschöpft von den Strapazen und immer wiederkehrenden Krankheiten, nach Deutschland zurückzukehren. Stübel dagegen reist, von seinem Ehrgeiz getrieben, noch über Uruguay und Argentinien nach Chile und dann weiter nach Bolivien, wo er einige Zeit in Tiahuanaco mit Forschungen verbrachte. Dort endete nun auch Stübels Forschungsreise. Seine Heimreise führte ihn über Peru und Panama nach San Francisco, wo er noch das gemeinsame Gepäck abholte, bevor auch er nach fast zehn Jahren nach Deutschland zurückkehr te. Weder Reiss noch Stübel haben letztendlich das eigentliche Ziel Hawaii erreicht. 9
3. Nach der Südamerika-Reise
Wilhelm Reiss traf im April 1876 wieder in Deutschland ein. Kurz darauf erkrankte er schwer an Malaria und einer Augenentzündung. Nach seiner Genesung siedelte er noch im selben Jahr von Heidelberg nach Berlin über, wo er bis 1892 blieb und sich der Aufarbeitung des mitgebrachten Materials widmete. 10 Zwischen 1879 und 1888 bekleidete Reiss verschiedene Ämter in den Vorständen der „Gesellscha ft für Erdkunde“ in Berlin, der „Gesellschaft für Anthropologie,
8 Haas 1986: 54
9 Stüttgen 1994: 14ff.; Spurensuche 1994: 7-9
10 Haas 1986: 57
5
Ethnologie und Urgeschichte“ und des „Internationalen Amerikanisten-Kongresses“ in Berlin. 11
Da Reiss das Berliner Klima gesundheitlich immer wieder zu schaffen machte und ihm die vielen Verpflichtungen dort missfielen, hielt er sich oft in südlichen Ländern auf, bis er schließlich 1892 das Schloss Könitz in Thüringen kaufte und sich dorthin zurückzog. Hier wollte er sich ausschließlich der Aufarbeitung seines mitgebrachten Materials widmen. In den letzten Jahren lebte Reiss sehr zurückgezogen. Seine schon früher spürbare Nervenschwäche, wie auch seine Hypochondrie und starke Menschenscheu äußerten sich nun im Alter verstärkt. Seine Schaffenskraft ließ merklich nach. Zur vollständigen Bearbeitung der zusammengetragenen Materialien hätte er noch Jahrzehnte länger leben müssen. Letztendlich kapitulierte er vor der Unmenge des unter großer Mühe gesammelten Materials, das er angesichts der Unzulänglichkeit der eigenen Kräfte nicht mehr bewältigen konnte. Am 29. September 1908 starb er auf Schloss Könitz beim Dohlenschießen. Man fand ihn tot im Garten neben seiner abgeschossenen Flinte. Alphons Stübel, der sich nach seiner Rückkehr 1877 in Dresden niedergelassen hatte, brach immer wieder zu neuen Reisen auf, um seine vulkanologischen Forschungen fortzusetzen. Er arbeitete mit Eifer an einer neuen Vulkantheorie, die Reiss allerdings heftig kritisierte. Neben diesen wissenschaftlichen Differenzen führten auch persönliche Meinungsverschiedenheiten bei den gemeinsamen Publikationen dazu, dass es zu einem endgültigen Bruch der Freundschaft kam. Nach 1898 gab es keinerlei Kontakt mehr zwischen den beiden, und es sollten auch keine gemeinsamen Publikationen mehr erscheinen. 12
Stübel war in den letzten zehn Jahren seines Lebens von der Idee besessen, ein Museum für seine umfangreiche Südamerika-Sammlung zu errichten. Seine Karten, Ölbilder, Fotos, Panoramen und Gesteinsproben fanden schließlich im Museum für Völkerkunde in Leipzig einen Platz. Im 70. Lebensjahr starb Alphons Stübel nach langer Krankheit am 10. November 1904 und erhielt eine Feuerbestattung. Seine Urne wurde noch bis Ende der siebziger Jahre im Leipziger Institut für Länderkunde zusammen mit seinem Nachlass aufbewahrt, bis man sich schließlich dazu entschloss, Stübels Urne im Familiengrab beizusetzen und ihm seine letzte Ruhe zu gönnen. 13
11 Stüttgen 1994: 19
12 Haas 1986: 58; Stüttgen 1994: 20
13 Stüttgen 1994: 20
6
Arbeit zitieren:
Ulrike Caspari, 2004, Erste archäologische Grabungen: Wilhelm Reiss und Alphons Stübel - Ancón, Peru, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Die Europäische Aktiengesellschaft (Societas Europaea - SE)
Jura - Europarecht, Völkerrecht, Internationales Privatrecht
Hausarbeit, 29 Seiten
Zur Integration von Public Relations in unternehmerische Frühinformati...
Medien / Kommunikation - Public Relations, Werbung, Marketing
Magisterarbeit, 117 Seiten
Untersuchungen zur Nachfolgedesignation und Herrschaftslegitimation rö...
Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike
Magisterarbeit, 119 Seiten
Ulrike Caspari hat den Text Erste archäologische Grabungen: Wilhelm Reiss und Alphons Stübel - Ancón, Peru veröffentlicht
Ulrike Caspari hat einen neuen Text hochgeladen
Ciuliamta Akluit/Things of Our Ancestors: Yup'ik Elders Explore the Ja...
Ethnologisches Museum Berlin
Yup'ik Elders at the Ethnologisches Museum Berlin: Fieldwork Turned on...
Ann Fienup-Riordan, Marie Meade, Sonja Luhrmann
Brücke-Museum Berlin: Malerei und Plastik
Sammlung der Karl und Emy Schm...
Magdalena M. Moeller
0 Kommentare