ABK ÜRZUNGSVERZEICHNIS 4
EINLEITUNG. 5
1. WAS IST MEDIATION? 7
Der Begriff 7
Definitionen. 7
Definition 1: 7
Definition 2: 7
Definition 3: 8
Definition 4: 8
Was ist Politische Mediation? 8
Definition 5, Politische Mediation: 9
Was Mediation nicht ist. 9
Methoden und Leitbilder. 10
Harvard -Konzept. 10
Transformationsansatz 11
Wie entsteht ein Konflikt? 12
Phasen eines Verfahrens. 13
Phase 1, Initiierungsphase: 13
Phase 2, Vorbereitungsphase: 13
Phase 3, Verhandlungen und Konfliktlösungssuche: 14
Phase 4, Umsetzungsphase: 15
2. GESCHICHTE DES VÖLKERRECHTS UND DESSEN FRIEDLICHER
STREITBEILEGUNGSMITTEL 16
Entwicklung und Zweck des Völkerrechts 16
Drei ßigjähriger Krieg und Westfälischer Friede von 1648. 16
Haager Abkommen von 1907 17
Genfer Völkerbund von 1919. 17
UN 18
Instrumente der friedlichen Streitbeilegung. 19
Diplomatische Mittel und Internationale Schiedsgerichtsbarkeit 20
Untersuchung : 20
Verhandlung:.................................................................................................................... 20
Vergleichsverfahren: 21
Vermittlung: 21
„Power Mediation“: 21
Gute Dienste: 21
Vergleich der Guten Dienste und der Vermittlung mit der Mediation: 22
3. VERMITTLUNG IM WESTFÄLISCHEN FRIEDEN VON 1648. 23
Die Geschichte der Vermittlung. 23
Bis 1648. 24
1
1648 bis 1856 24
Pariser Kongress von 1856. 25
Haager Friedensakte von 1907. 26
Nach 1945 26
Westf älischer Friede 26
Neutralit ät der Mittler. 27
Nuntius Chigi 27
Alvise Contarini 27
Bewertung Chigis´ und Contarinis´ Neutralität 28
Instruktionen Chigis 28
Instruktionen Contarinis. 29
W ährend der Verhandlungen 29
Ausgang der Verhandlungen. 30
Bewertung 30
4. NAHOSTKONFLIKT 31
Historische Grundlagen. 31
Anspr üche mit dem beginnenden 20. Jahrhundert 31
Letzter Krieg vor den Verhandlungen in Camp David: Yom-Kippur-Krieg von 1973 32
Legitimation der palästinensischen und israelischen Ansprüche. 33
J üdische Legitimation 33
Arabische Legitimation 33
Ausgangslage vor den Verhandlungen in Camp David 34
Vorbereitungen zu den Verhandlungen. 35
Umgang mit der Presse 36
Das Strategiepapier 36
Grunds ätzliches Ziel vor den Verhandlungen. 37
Sadats und Begins Ausgangsposition. 37
Carters geplante Vorgehensweise 38
Verhandlungen in Camp David 40
5. September 1978: 40
6. September: 40
7. September: 41
8. September: 42
9. September: 42
10. und 11. September: 42
12. September: 43
13., 14., und 15. September. 43
16. September: 44
17. September. 44
Bewertung 45
5. NORDIRLAND - LIEGT DIE WURZEL DES KONFLIKTS IN DEN
ENTSCHEIDUNGSVERFAHREN ? 47
Geschichte des Nordirlandkonflikts 47
2
Wurzeln des Konflikts. 48
Verlauf seit dem 20. Jahrhundert 49
Anglo -irische Konferenz von 1921 49
Irische Verfassung von 1937. 49
„Troubles“ 49
„The Talks“ 50
Fehlende mediative Elemente im Nordirlandkonflikt 51
Wer ist Peter J. Emerson? 52
Grunds ätzlicher Standpunkt Emersons 53
Analyse Parlament in GB. 54
Analyse „Wurzeln des Konflikts“: 54
Analyse „Anglo-irische Konferenz von 1921“: 54
Analyse „Troubles“ 55
Analyse des Belfast Agreements und der Verhandlungen zum Belfast Agreement 55
Vorschlag Emersons: Neue Abstimmungsmethode de-Borda-Zählung 56
de -Borda-Zählung 57
Das Verfahren 57
Bewertung 58
RES ÜMEE. 60
LITERATUR 61
3
Abkürzungsverzeichnis
IRA = Irish Republican Army SVN = Satzung der Vereinten Nationen UN = United Nations (siehe VN) UK = United Kingdom VN = Vereinten Nationen (siehe UN)
4
Einleitung
Die in den USA „wiederentdeckte“ Mediation als Konfliktlösungsverfahren findet Einzug in den verschiedensten Bereichen der Gesellschaft, wie z.B. dem Täter-Opfer-Ausgleich, den Verhandlungen zwischen Anwohnern, Umweltschutzgruppen und Behörden bei dem Bau einer neuen Autobahn (Umweltmediation) oder Nachbarschaftsstreitigkeiten. Aber inwieweit können wir bei der Politischen Mediation von Mediation sprechen? Die Konfliktlösung zwischen Staaten hat sich erst allmählich in Form des Völkerrechts entwickelt und befindet sich gegenwärtig in einem fortgeschrittenen, im Vergleich zum Privatrecht aber sicher noch nicht wünschenswerten Zustand. Die Resolutionen der UN, und damit die ablehnende Haltung fast aller Staaten der Welt zur Politik der USA, haben 2002 eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass es auf internationaler Ebene nicht wie auf nationaler Ebene eine verbindliche richterliche Autorität gibt, die über Recht oder Unrecht entscheidet und damit Konflikten vorbeugt oder sie im Nachhinein löst. Zwar gibt es im Völkerrecht mittlerweile eine Reihe von Methoden und ein generelles Kriegsverbot, um dem letzten Mittel Krieg als Konfliktlösungsmittel aus dem Weg zu gehen, doch besitzen diese Mittel noch nicht genügend Verbindlichkeit („zentrale Durchsetzungsgewalt“). 1 Anders gesprochen: Verstößt ein Individuum gegen innerstaatliches Recht wie vielleicht dem deutschen Strafrecht und kann hierfür belangt werden, sind ihm harte Strafen gewiss. Die Staaten der Erde haben sich dagegen nicht verbindlich einer höheren richterlichen Instanz unterworfen und können sich damit beliebig einer Strafe entziehen oder eine Strafe vielleicht durch den Internationalen Gerichtshof akzeptieren.
Im zweiten Kapitel wird nun auf die Entwicklung des Völkerrechts und dessen Methoden zur Konfliktbewältigung eingegangen werden. Eine spezielle Methode, die sich als neues Paradigma in diesem Jahrhundert neben den klassischen Methoden herauskristallisiert hat, ist die der Politischen Mediation. Um den Begriff und dessen Inhalt zu klären, gehen im ersten Kapitel dem zweiten eine Beschreibung von Mediation und einige Definition voran. Im Vergleich zur Vermittlung und den Guten Diensten in Kapitel 2 (zwei von mehreren Streitbeilegungsmitteln der UN) wird sich herausstellen, dass der im Völkerrecht verwendete Begriff nicht mit der im engeren Sinne, im Laufe der letzten Jahrzehnte durch berufliche Spezialisierung entwickelten Mediation zur Lösung von Konflikten z.B. in Familien oder der Umweltmediation identisch ist. Nach diesem enger definierten Verständnis von Mediation führen ausgebildete Juristen oder anders beruflich geeignete Personen mit Konfliktparteien
1 Kimminich, S. 302.
5
ein in mehreren Stufen zu durchlaufendes Verfahren durch, das nur einige Gemeinsamkeiten mit der völkerrechtlichen Vermittlung hat.
Der westfälische Frieden von 1648 wird in Kapitel 3 als Beispiel für die Vermittlungstätigkeit von Mediatoren zwischen den sich entwickelnden Nationalstaaten des 16. und 17. Jahrhunderts beschrieben. Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Entwicklung der Vorstellung von Politischer Mediation in der historischen Fachliteratur und den Eigenschaften, die danach ein Mediator haben sollte.
In Kapitel 4 und 5 folgen Beispiele für politische Vermittlung aus diesem Jahrhundert. 1978 vermittelte der amerikanische Präsident Jimmy Carter zwischen Israel und Ägypten, und im letzten Kapitel werden die Positionen und Vorschläge des Borda-Instituts in Belfast als Nichtregierungsorganisation für den Nordirlandkonflikt beschrieben. Der Unterschied in der Vermittlungstätigkeit zwischen Carter und dem Borda-Institut ist also der, dass im ersten Fall ein Staat (klassische Diplomatie, „Track-one-diplomacy“), und im zweiten Fall eine Nichtregierungsorganisation (Vermittlung auf zivilgesellschaftlicher Ebene, „Track-twodiplomacy“) vermittelt. 2
2 Vgl. http://www.politeia.at/POLITEIA/silviartikel1.htm.
6
1. Was ist Mediation?
Was ist Mediation? In diesem Kapitel werden unter anderem die Grundlagen erklärt, wie ein Konflikt entsteht, welche Eigenschaften ein Mediator in einem Verfahren hat, welche Phasen ein Mediationsverfahren besitzt und was in diesen Phasen die wesentlichen Leitbilder zur Lösung eines Konflikts sind.
Der Begriff
Das Wort selbst stammt aus dem Lateinischen und bedeutet zunächst nicht viel mehr als Vermittlung durch einen Dritten. 3 Wie sich die Vorstellung von Vermittlung seit dem Mittelalter verändert hat, wird in Kapitel 2 beschrieben. Erste Vermittlungen finden sich schon zwischen den antiken Stadtstaaten und in den verschiedensten Kulturkreisen wie z.B. in Japan, Afrika oder China. Die Annahme, Mediation sei erst in den USA „erfunden“ worden, ist streng genommen falsch.
Definitionen
Definition 1: 4
„Von Mediation spricht man, wenn
Definition 2: 5
„Vermittlung ist ein systemischer, zeitlich begrenzter, stufig strukturierter, zukunftsorientierter Prozeß mit
dem Ziel, Kommunikation und Kooperation zwischen den Konfliktparteien zu fördern, vorhandene
Ressourcen zu fördern, die Ausbildung von Alternativen und Optionen zu maximieren und eine
Vereinbarung zwischen den Parteien auf der Grundlage ihrer subjektiven Interessenlage zu erreichen,
die von beiden Seiten als fair akzeptiert werden kann.
Mit Hilfe eines unparteiischen und neutralen Vermittlers erarbeiten die Eltern selbst eigenverantwortete
und einvernehmliche Regelungen ihrer aktuellen Konflikte unter Beachtung ihrer subjektiven Bedürfnisse
und Interessen. Sie schaffen damit die Grundlage, zukünftige Streitigkeiten ebenfalls selbstständig und
einvernehmlich zu regeln.“
Hier liegt also eine Betonung auf dem Ziel, Eltern und Kinder bei zukünftigen Streitigkeiten dazu zu befähigen, ohne fremde Hilfe Lösungen zu finden.
3 Vgl. Fuchs, Hehn, S. 10.
4 .A.a.O., S. 11.
5 Proksch, S. 20.
7
Definition 3: 6
„Mediation ist ein freiwilliger, von gesetzlichen und rechtlichen Zugeständnissen unabhängiger Prozess,
in dem die beteiligten Personen oder Gruppen übereinkommen, unter dem Beistand eines in der Sache
neutralen und allparteilichen Dritten ihre Konfliktpunkte offen zu legen, zu strukturieren und ihre
gegensätzlichen Standpunkte auszutauschen.“
Mediation liegt also auch außerhalb gültigen Rechts. Ein Richter würde sicher auf Grundlage seiner Methoden ein anderes Ergebnis herbeiführen als ein Mediator.
Definition 4: 7
„Es handelt sich um ein freiwilliges, außergerichtliches Konfliktbearbeitungsverfahren, das komplementär
neben die installierten Formen der Konfliktaustragung, namentlich das gerichtliche Verfahren, tritt. Im
„Streit um den Konsens“ werden die Konfliktpartner durch einen inhaltlich nicht entscheidungsbefugten
Dritten, den Mediator/die Mediatorin, unterstützt. Der Mediator ist vor allem für das Verfahren
verantwortlich, dem ein hoher Rang zugemessen wird. Es ist gegliedert und darauf ausgerichtet, die
Beteiligten zu inhaltlichen Entscheidungen zu befähigen, die von ihnen unmittelbar nach dem Grad ihrer
Beteiligung verantwortet werden. Mit Hilfe der Struktur des Prozesses werden die Beteiligten in ihrer
Kompetenz bestärkt, ihre unterschiedlichen Interessen zukunftsbezogen zu erarbeiten und einen
Konsens über den konstruktiven Umgang mit ihnen zu finden. Kernaufgabe der Mediation ist es, die
Zukunftsinteressen hinter den jeweils von den Beteiligten vertretenen Positionen aufzuschlüsseln. Die
Interessen sollen sich so weit als möglich in der abschließenden Vereinbarung wiederfinden. Hierbei soll
der eine nicht auf Kosten des anderen gewinnen. Gesucht werden vielmehr ressourcenorientierte,
wertschöpfende Lösungen. Konfligierende Interessen brauchen einen Ausgleich.“
Diese Beschreibung erschien mir am genauesten, weil beschrieben wird, wie zwischen den Parteien vermittelt wird.
Was ist Politische Mediation?
Wie unterscheidet sich nun Politische Mediation von den ersten 4 Definitionen? Zunächst umfasst sie alle Vermittlungstätigkeiten wie z.B. die Guten Dienste und die Vermittlung im Völkerrecht (siehe Kapitel 2) zwischen Staaten, die zur Lösung von Konflikten beitragen, und kann in den internationalen Beziehungen auf eine lange Tradition zurückblicken. 8 Zusätzlich liegt aber auch in folgenden Fällen nach einer Definition von Silvia-Misak Politische Mediation vor:
6 Sellnow, S. 100.
7 Mähler, Gisela und Hans-Georg, S. 200.
8 Vgl. http://www.politeia.at/POLITEIA/silviartikel1.htm.
8
Definition 5, Politische Mediation: 9
„Wir sprechen daher von Politischer Mediation, wenn in einem Konflikt gesellschaftspolitische Interessen
berührt sind und Akteure aus dem politischen System als Auftraggeber und/oder Konfliktparteien am
Mediationsverfahren beteiligt sind.“
„Politische Mediation [...][ist] Konfliktregelung im sogenannten „öffentlichen“ Bereich, die über die
Regelung von Konfliktinhalten der Umweltmediation hinausgeht[...].“
Nach dieser Definition umfasst also Politische Mediation Konflikte auch innerhalb von Staaten. In beiden Fällen, im öffentlichen Bereich, über die Umweltmediation hinausgehend, und den Guten Diensten und der Vermittlung im internationalen Völkerrecht, ist nicht die Mediation gemeint, die in einem engstufigen Verfahren einen Konflikt zu lösen versucht, kann aber Elemente der Mediation im engeren Sinne beinhalten. Sie umfasst stattdessen alle möglichen Formen der Vermittlung, ob parteiisch oder unparteiisch, mit unterschiedlichen Prinzipien und damit z.B. die Guten Dienste oder die Vermittlung, wie sie in der UN-Charta als friedliche Streitbeilegungsmittel festgehalten sind.
Politische Vermittlung wird gerne als Politische Mediation bezeichnet, weil historische Quellen häufig englischen oder lateinischen Ursprungs sind. Im Lateinischen und im Englischen bedeutet das Wort „mediation“ schlicht Vermittlung. Es wird also festgehalten:
Inhaltlich ist die Mediation als Konfliktlösungsverfahren klar von der Politischen Mediation zu unterscheiden.
Mediation im engeren Sinne unterscheidet sich von der politischen Mediation durch sein strukturiertes Verfahren und die Anwendung zweier grundsätzlicher Prinzipien, die im folgenden noch erklärt werden.
Was Mediation nicht ist
Mediation ist von Moderation, Schlichtung oder z.B. einer gerichtlichen Entscheidung zu differenzieren. Die Streitparteien finden in diesen Fällen nicht selbstständig zu einer Lösung, oder der Dritte ist im Falle der Moderation selbst nicht für das Ergebnis verantwortlich und übernimmt deswegen auch keine Verantwortung für den erfolgreichen Verlauf der Verhandlung oder die Verwendung und Einhaltung bestimmter Methoden. 10
9 http://www.politeia.at/POLITEIA/silviartikel1.htm.
10 Vgl. Fuchs, Hehn, S. 11.
9
Methoden und Leitbilder
Welcher Methoden und Leitbilder man sich bedient, wird im folgenden erklärt.
Harvard-Konzept
Das Harvard-Konzept ist eines von zwei thematischen Leitbildern in der Mediation. Ziel nach diesem Konzept ist ein sachgerechtes Ergebnis, das nicht auf Kosten einer Partei geht, wie z.B. bei einer Gerichtsentscheidung, sondern am Ende beide zufrieden stellt. Um so eine „win-win“ Situation herzustellen, sind zunächst gute Beziehungen zwischen den Streitenden nötig, so dass sie sich gegenseitig in dem Punkt vertrauen, nicht benachteiligt zu werden. Diese guten Beziehungen sind häufig Hauptursache für einen Streit oder müssen zumindest wieder hergestellt werden. Weiter notwendig ist der gute Wille aller, eine Lösung zu finden, die alle zufriedenstellt. 11 Die vier Grundprinzipien, um dies zu erreichen, sind wie folgt: Prinzip 1, Trennung von Personen und Problemen: 12
Die Verhandlungspartner betrachten die Interessen des jeweils anderen unabhängig von eigenen
Wertvorstellungen, persönlichen Abneigungen oder der eigenen Stellung zum anderen als gleichwertig.
Beide sollen sich also auf Augenhöhe befinden und sich gegenseitig als Mensch respektieren. Von
Relevanz sind nur Argumente! Eigene Profilierungssucht, Missverständnisse und Vorurteile sind fehl am
Platz.
Prinzip 2, Positionen von Interessen trennen (Kern der Mediation): 13
Man versucht, die tatsächlichen Interessen von vorgeschobenen Positionen zu trennen. Ein Beispiel:
Eine Flughafengesellschaft hat aus wirtschaftlichen Gründen großes Interesse daran, ihre Landebahn zu
verlängern. Die Anwohner sind dagegen und möchten die Verlängerung verhindern. Ihre Position ist also
„Nein“, ihr Interesse dagegen weniger Lärm. In dem Konzept wird also nicht nur nach dem „Was willst
Du?“ (Keine Landebahn versus Landebahn) gefragt, sondern auch nach dem „Warum willst Du sie, oder
willst Du sie nicht?“, also welche Interessen sich hinter einer Position verbergen. Die Überlegung hinter
dem Verfahren, Positionen und Interessen zu trennen, ist die, dass sich Lösungen viel einfacher und
wahrscheinlicher finden lassen, auf die man ohne die Kenntnis der Interessen des anderen nicht
gekommen wäre. In dem gewählten Beispiel hätte die Flughafengesellschaft z.B. vorschlagen können,
schallisolierende Fenster zu finanzieren.
Prinzip 3, Entwicklung möglichst vieler Lösungsmöglichkeiten: 14
Nachdem Positionen und Interessen voneinander getrennt worden sind, suchen die Parteien gemeinsam
nach Lösungen. Um möglichst viele davon zu finden, wird die Lösungsbeurteilung strikt von der
Lösungssuche getrennt. Es wird zunächst lediglich danach gefragt, was man sich alles vorstellen könnte.
Auf diesem Weg werden schwer zu erkennende, aber vielleicht gute Lösungen nicht voreilig verworfen.
11 Vgl. Fuchs, Hehn, S. 23.
12 Vgl. ebd.
13 Vgl. Fuchs, Hehn, S. 24.
14 Vgl. ebd.
10
Nach der Suche werden die Möglichkeiten dann gemeinsam erörtert. Aus unterschiedlichen
Perspektiven ergeben sich manchmal ganz neue Wege, oder Vorschläge lassen sich kombinieren, was
dem Einzelnen nicht aufgefallen wäre.
Prinzip 4, Entscheidung basiert auf nachprüfbaren Kriterien: 15
Die Entscheidung beider Parteien basiert auf objektiven Kriterien. Das heißt, beide entscheiden nach
vorher gemeinsam festgelegten Kriterien wie Marktwert oder moralischen Ansprüchen, und nicht nach
Einzelinteressen. Ziel ist es, dass nicht derjenige „gewinnt“, der am ausdauerndsten seine Position
vorträgt, sondern die, die am gemeinschaftlichsten nach einer Lösung gesucht haben. Statt „bipolarer
Forderungen“ wie „Ich zahle keinen Unterhalt contra „Zahl mir 1000 Euro Unterhalt“ wird nach dem
16 Am Kriterium „Finanzielle Unabhängigkeit“ oder „Ein gutes Leben führen“ verhandelt und entschieden.
Ende wird bei einem positiven Ausgang von allen eine Lösung mitgetragen, die die aufgestellten
Kriterien und nicht persönliche Einzelinteressen am besten erfüllt.
Transformationsansatz
Der Transformationsansatz als zweites thematisches Leitbild stellt nicht das Problem selbst und dessen Lösung in den Vordergrund, sondern die vom Problem betroffenen Personen. Ziel ist „[d]ie Befähigung, Konflikte selbst und eigenverantwortlich zu lösen und die gegenseitige Anerkennung der Konfliktpartner zu erreichen“. 17 Es geht also nicht um eine Trennung von Positionen und Interessen, sondern um eine Ausblendung von persönlichen, subjektiven Abneigungen, Ängsten, Sorgen, Neidgefühlen, Prestigedenken oder sonstigen Einstellungen, die die Beziehung der Konfliktparteien stört. 18 Strack schreibt dazu folgendes: Prinzip 5, Transformationsansatz: 19
Ein Streit hat seinen Ursprung häufig in „Missverständnisse[n], Fehlinformationen, Gedankenlosigkeit,
Wut, Verletzungen, Oberflächlichkeiten oder schlicht [in ]Unkenntnis und Sorglosigkeit in Hinsicht auf
menschliche Beziehungen [...]“. „Die menschliche Psyche ist leider so gestaltet, dass der Griff in die
Trickkiste der Subjektivität, der Selbsttäuschung, Beschuldigungen, Rechtfertigungen und Selbstsucht
nicht immer als solcher erkannt wird und daher in einen Teufelskreis führt“, in dem „ehemals intakte
Beziehungen bisweilen in atemberaubender Zeit weitgehend oder gänzlich zerstört werden“. Ein bereits
fortgeschrittener Konflikt könne „zur Zufriedenheit aller gelöst werden, wenn bei den Konfliktgegnern ein
Bewusstsein für die eigene Subjektivität und die negativen, mindestens aber unkalkulierbaren
Konsequenzen des Konflikts vorhanden ist und aus Einsicht der Wunsch[...]“ nach Einigung vorhanden
ist. „Aus diesem Grunde gehören in der Mediation die Motive, die persönlichen Gefühle und vor allem die
zunächst verdeckten Interessen der Konfliktbeteiligten in das Zentrum der Arbeit, während der
eigentliche Gegenstand des Konfliktes auf einen nachgeordneten Rang verwiesen wird.“
Die Bedeutung der beiden thematischen Leitbilder für ein Mediationsverfahren ist sicher unterschiedlich und abhängig von der Sachlichkeit des Streits. Sind vor allen Dingen
15 Vgl. Fuchs, Hehn, S. 24.
16 Ripke, S. 86.
17 Fuchs, Hehn, S. 25.
18 Vgl. Fuchs/Hehn, S. 26.
19 Strack, S. 185.
11
zwischenmenschliche Divergenzen (wie vielleicht eher in Scheidungsverfahren oder der Schulmediation) Auslöser des Konflikts, ist dem Transformationsansatz sicher ein wenig mehr Bedeutung beizumessen. Nur mit dem einen oder dem anderen Leitbild wird ein Mediator in einem Verfahren aber sicher nicht auskommen können. Beide sind eng miteinander verknüpft, weil sich Positionen und Interessen erst mit dem notwendigen Vertrauen ineinander gemeinsam trennen lassen, und Lösungen gemeinsam gesucht werden können.
An welchen Stellen der transformatorische Ansatz ansetzt, lässt sich besser verstehen, wenn man die Entstehung eines Konflikts auf persönlicher Ebene begreift.
Wie entsteht ein Konflikt?
Wie ein Konflikt entsteht, lässt sich zumindest auf zwischenmenschlicher Ebene in 9 Phasen beobachten. Die Einteilung lässt meiner Meinung nach mit einer veränderten Perspektive in bestimmten Fällen (wie den Beispielen Nahost- und Nordirlandkonflikt) auch auf Streitigkeiten zwischen Staaten übertragen.
Neun Stufen der Eskalation: 20
„1. Meinungsverschiedenheiten führen zu Spannungen und Verstimmungen, aber beide Parteien sind
sicher, die atmosphärische Störung mit Argumenten beseitigen zu können.
2. Überheblichkeit und Arroganz prägen die Verhaltensweisen der Konfliktparteien. Jetzt geht es vor
allem um die Frage „Welches ist der bessere Standpunkt?“ (Entweder-Oder-Dilemma).
3. Diskussionen erscheinen plötzlich sinnlos, nonverbale Signale und unbeherrschte Ausbrüche belasten
das Klima immer häufiger.
4. „Du oder ich“ heißt die Devise. Ein strahlendes Selbstbild steht einem negativen Feindbild gegenüber.
Beide Konfliktparteien werben nun um Verbündete von außen.
5. Öffentliche Diskriminierungen der Gegner und persönliche Angriffe unter die Gürtellinie sind an der
Tagesordnung. Die Kontrahenten haben den Glauben verloren, den Konflikt allein lösen zu können.
6. Gegenseitige Drohungen und zunehmendes Misstrauen erschweren die Kontrolle über den Konflikt.
7. Ziel der Kontrahenten ist es nun, die Existenz des Gegners zu erschüttern. Beide Parteien sind sich
bewusst, daß es nichts mehr zu gewinnen gibt.
8. Jetzt geht es nur noch darum, Macht- und Existenzgrundlage des Gegners völlig zu vernichten.
9. Die Genugtuung, im eigenen Untergang den Feind mit in den Abgrund zu reißen, bleibt als einziger
Trost.“
Spätestens in Phase 4 wird fremde Hilfe nötig, weil eine sachliche Betrachtung der Dinge nicht mehr möglich ist. Was die Parteien in dieser Phase an den Verhandlungstisch bringt, ist zunächst allein das Interesse an einer Schadensbegrenzung. „Die Lage ist so festgefahren,
20 Sobull, S. 32.
12
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Mathias Keller, 2004, Wenn Nationalstaaten sich streiten - Politische Mediation als ein Mittel der Konfliktlösung auf internationaler und nationaler Ebene, München, GRIN Verlag GmbH
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