Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Grundlagen der Diskussion 4
2.1 Literatur der Shoah 4
2.2 Gattungstheorie Autobiographik 5
2.2.1 Merkmale des Genres 5
2.2.2 Die Autobiographie in der Shoah-Literatur 6
3. Binjamin Wilkomirskis Autobiographie : Bruchstücke 8
3.1 Inhaltliche Zusammenfassung 8
3.2 Gründe für die Einordnung in das Genre der Autobiographik 9
3.2.1 Namensidentität 9
3.2.2 Stil und Struktur 10
3.3 Sprache und Sprachlosigkeit 10
4. Der Fall Wilkomirski 12
4.1 Genese eines Skandals 12
4.1.1 Vor der Enthüllung 12
4.1.2 Die Enthüllung 13
4.2 Die literarische Qualität der Bruchstücke 14
4.2.1 Wandel in der Beurteilung 14
4.2.2 Mögliche Erklärungen 16
5. Der Roman als Fälschung der Shoah-Literatur und die Konsequenzen 19
5.1 Plagiat oder Fälschung 19
5.2 Tabubruch Shoah-Autobiographie 20
5.3 Die Rolle des Lesers 22
6 Schluss 23
Literaturverzeichnis 26
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1. Einleitung
Die Zeugen sterben aus. In wenigen Jahren wird es keine Überlebenden der Shoah mehr geben, niemanden, der den Nachgeborenen direkt von den Gräuel- taten der Nationalsozialisten berichten kann. Die Tatsache, dass die derzeitigen Zeugen immer jünger werden, ist eine natürliche Begleiterscheinung. Auch die Forschung weiß um die wesentlichen Änderungen, die für eine Auseinander-setzung mit dem Holocaust nach dem Tod der Überlebenden entstehen. Man wird historische Quellen nutzen können, Statistiken, Aktenmaterial – und all jene Dokumente und Berichte, die diejenigen, die der geplanten Endlösung entkamen, hinterlassen haben. Dankbar, so scheint es, wird deshalb jede noch mögliche Zeugenschaft aufgenommen und rezipiert.
Inmitten dieses Klimas des Umdenkens, der Umorientierung sowie der beson-deren Wertschätzung authentischer Berichterstattung über die Shoah fiel die Veröffentlichung von Binjamin Wilkomirskis Buch Bruchstücke. Darin wird geschildert, wie ein circa dreijähriger Junge die Konzentrationslager Majdanek und Auschwitz überlebt und schließlich in der Schweiz von einer Pflegefamilie aufgenommen wird. Sein neues Leben empfindet der Protagonist jedoch schein-bar als noch schlimmer, denn seine Erinnerungen werden verleugnet, er fühlt sich allein und missverstanden. Das Buch erhielt fast durchweg positive Kritiken und der Autor mehrere wichtige Preise, darunter den National Jewish Book Award des Jewish Book Council in New York und den Prix Mémoire de la Shoah der Fondation du judaïsme français in Paris. Als bekannt wurde, dass Wilkomirski nie in einem Konzentrationslager gewesen und das von ihm Geschilderte lediglich ein Produkt seiner Phantasie ist, kam dies einem literarischen Erdbeben gleich. Alles wurde in Frage gestellt: die Authentizität und der Wert der Texte Überlebender allgemein, das Genre der (Kinder-)Autobiographie, der Literatur-betrieb und das Publikum, die dem Autor so willig geglaubt hatten.
In dieser Arbeit soll versucht werden, eine Bilanz im ‚Fall Wilkomirski’ zu ziehen. Die Wogen haben sich inzwischen geglättet, aber wesentliche Fragen, die in Verbindung damit aufkamen, bleiben. Welchen Wert haben literarische Verar-beitungen der Shoah-Überlebenden, und wird dieser durch Fälschungen ver-ringert? Inwieweit bürgt das Genre der Autobiographie für Authentizität, ist Fiktion gänzlich ausgeschlossen? Woran kann es liegen, dass Zweifel an der Authentizität des Buches nie laut geworden sind und sowohl Experten als auch Laien bereit waren, diese trotz diverser ‚Fehler’ und stilistischer Ungereimtheiten zu glauben und teilweise sogar zu
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verteidigen? Und warum ist die Aufregung bei einer Fälschung im Bereich der Shoah- Literatur besonders groß? Diesen Fragen wird im Folgenden nachgegangen. Besonderes Augenmerk soll dabei auch auf die Auseinandersetzung um die literarische Qualität des Werkes gelegt werden.
2. Grundlagen der Diskussion
2.1 Literatur der Shoah
Seit 1945 werden immer wieder Stimmen laut, die eine mögliche literarische Bearbeitung der Shoah in Frage stellen. Zweifler werden jedoch stets eines Besseren belehrt.
„Wenn die Diskussion um die Erinnerung an den Zivilisationsbruch immer von dem Zweifel begleitet ist, ob das Unfassbare, das sich jedem Verständnis letztlich entzieht, überhaupt dargestellt werden könne, so hat sich doch gezeigt, dass literarische Texte als Zeugnisse von Überlebenden, aber auch als „dokumentarische“ und fiktionale Annäherungen an das Geschehen einen wichtigen Stellenwert gewonnen haben.“ 1
Der Erfolg sowohl autobiographischer als auch fiktionaler Texte wie Kertész’ Roman eines Schicksallosen oder Klemperers Tagebücher zeigt, dass es offenbar sogar einen großen Bedarf an derartigen Ver- und Bearbeitungen gibt. Allerdings geraten vor allem fiktionale Texte häufiger in die Kritik. Auffällig ist, wie sehr sie polarisieren, denn „[by] the very nature of the topic, Holocaust writing is often judged as either overwhelmingly moving or disappointingly ineffective; there is hardly any middle ground of response“ 2 . Während man sich in der frühen Nachkriegszeit deshalb und aus Respekt vor den Überlebenden vor allem auf das “Sammeln von Zeugnissen und [den] Versuch, durch Auswahl und Komposition der Teile ‘den Zusammenhang der Geschichte’ vorzustellen” 3 , beschränkte, zei-gen aktuelle Romane wie Schlinks Der Vorleser, dass eine fiktionale Darstellung der Ereignisse inzwischen offenbar weitgehend akzeptiert ist. Allein das Polari-sierende scheint geblieben.
1 Hofmann, Michael: Literaturgeschichte der Shoah. Münster 2003, S. 9.
2 Cargas, Harry James: The Holocaust in Fiction. In: Holocaust Literature. A Handbook of Critical, Historical and Literary Writings. Hg. v. Saul S. Friedman. Westport 1993, S. 533. 3 Scheunemann, Dietrich: „Fiktion – auch aus dokumentarischem Material“. Von Konstruktionen der Geschichte in Literatur und Film seit den sechziger Jahren. In: Geschichte als Literatur. Formen und Grenzen der Repräsentation von Vergangenheit. Hg. v. Hartmut Eggert et al.,. Stuttgart 1990, S. 299.
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2.2 Gattungstheorie Autobiographik
2.2.1 Merkmale des Genres
Ganz allgemein bedeutet Autobiographie eine „Beschreibung des Lebens eines Einzelnen durch diesen selbst“ 4 . Das Genre ist folglich höchst subjektiv und stellt eine sehr begrenzte Perspektive, nämlich die eines einzelnen, dar. Autobio-graphien sind als Gattung vergleichsweise spät entstanden. Immerhin bedürfen sie eines sich für darstellungswert haltenden Subjektes, eines Menschen, „der sich somit darin gefällt, sein eigenes Bild zu malen“ 5 . Ein solches zunehmendes Interesse an der eigenen Person trat erstmals zur Zeit der Aufklärung auf und wurde seitdem stetig ausgebaut. Auch geographisch scheint die Gattung nur begrenzt vorzukommen.
„Des weiteren sieht es nicht so aus, als sei die Autobiographie jemals außerhalb unseres Kulturkreises aufgetreten; man könnte behaupten, dass sie ein spezielles Anliegen des abendländischen Menschen ausdrückt“ 6
Ein wesentliches Merkmal der Autobiographie ist, dass sie die Geschichte von ihrem Ende aus erzählt. Zum Zeitpunkt des Schreibens kann der Erzähler nur auf bisher Geschehenes zurückgreifen. Dabei muss er zwangsläufig versuchen, sein Leben in eine bestimmte Chronologie zu bringen. Dies erfordert zum einen die Struktur eines Textes, in der lose Erinnerungen in einen – wenn auch lockeren – Zusammenhang gebracht werden müssen, um sie sprachlich darstellen zu können. Nötig wird dies aber auch durch das Ziel dieser Selbstdarstellung, denn dem Verfasser geht es darum, „die verstreuten Elemente seines persönlichen Lebens zu sammeln und sie in einer Gesamtskizze geordnet darzustellen“ 7 . Dies geschieht folglich nicht nur für den Leser, sondern auch für den Autor selbst, der sein Leben damit rückblickend als chronologisch geordnet erscheinen lässt und so den Eindruck erweckt, als hätte es stets nur ein Ziel gehabt: den Zeitpunkt des Schreibens.
Sowohl für den Verfasser als auch für den Leser einer Autobiographie ist das, was Lejeune den ‚autobiographischen Pakt’ nennt, von besonders großer Bedeu-tung. „Für Autobiographie […] bedarf es der nachweisbaren Identität zwischen Autor, Erzähler und Figur.“ 8 4 Müller, Klaus-Detlef: Autobiographie und Roman. Studien zur literarischen Autobiographie der Goethezeit. Tübingen 1976, S. 54.
5 Gusdorf, Georges: Voraussetzungen und Grenzen der Autobiographie. In: Die Autobiographie. Zu Form und Geschichte einer literarischen Gattung. Hg. v. Günter Niggl. Darmstadt 1989, S. 122. 6 Ebenda.
7 Ebenda, S. 130.
8 Lejeune, Philippe: Der autobiographische Pakt. In: Die Autobiographie. Zu Form und Geschichte einer literarischen Gattung. Hg. v. Günter Niggl. Darmstadt 1989, S. 217.
5
Für den Leser muss also entweder im Text selbst oder in den Paratexten deutlich gemacht werden, dass der Autor mit dem Protagonisten identisch ist. Dies beein-flusst nachweislich dessen Rezeptionsverhalten 9 . Da Lejeune davon ausgeht, dass lediglich der Öffentlichkeit bereits bekannte Personen eine Autobiographie verfassen, hängt die Authentizität einer solchen bei ihm vor allem am Eigen-namen, also an einer ‚wirklichen Person’.
„Mit diesem Begriff […] bezeichne ich eine Person, deren Existenz durch den Personenstand bezeugt und verifizierbar ist. Gewiß, der Leser wird nicht nachforschen, und er braucht nicht unbedingt zu wissen, wer diese Person ist: Aber ihre Existenz ist nicht zu bezweifeln.“ 10
An anderer Stelle betont Lejeune noch einmal die Verifizierbarkeit des Genres. „Im Gegensatz zu allen Formen der Fiktion sind die Biographie und die Autobiographie referentielle Texte: genau wie die wissenschaftliche oder historische Rede geben sie vor, eine Information über eine außerhalb des Textes liegende ‚Realität’ zu geben und sich somit einer Prüfung der Verifizierbarkeit zu unterziehen.“ 11
Es muss also nach Lejeune möglich sein, eine Autobiographie auf ihre Authen-tizität zu überprüfen, wenngleich er zugibt, dass dies kaum getan wird. Grund dafür wäre der autobiographische/referentielle Pakt, der vom Leser vorausgesetzt wird und eine Überprüfung theoretisch unnötig macht, denn die dem Verfasser unterstellte Aussage lautet dann „Ich schwöre, dass ich die Wahrheit sage, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit.“ 12
2.2.2 Die Autobiographie in der Shoah-Literatur
Fast zwangsläufig musste die Autobiographie ein wichtiger Bestandteil der Literatur der Shoah werden, denn „die Überlebenden der Lager wollten – oft erst nach einer bezeichnend langen Phase des Schweigens – Zeugnis ablegen von dem, was geschehen ist“ 13 . Zwar wurde (und wird noch immer) stets diskutiert, ob es überhaupt geeignete und adäquate Darstellungsmittel für das ‚Unfassbare’ geben kann. Fest steht jedoch, dass den Überlebenden ein Vorrecht bei der literarischen Verarbeitung eingeräumt wurde und wird.
Für die Autobiographien des Holocaust ergeben sich jedoch mehrere Probleme. Zum einen ist das autobiographische Schreiben insofern schwierig, als „eine 9 Dies kann hier zunächst nur als These festgehalten werden, auf die im Folgenden Bezug genommen werden soll.
10 Lejeune: Der autobiographische Pakt, S. 226f.
11 Ebenda, S. 244.
12 Ebenda, S. 244f.
13 Hofmann: Literaturgeschichte der Shoah, S. 56.
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grundlegende Dimension der Lagererfahrung gerade die Auslöschung der Individualität
der Gefangenen war“ 14 . Das Verfassen einer Autobiographie aber verlangt nach einem
extremen Bewusstsein für die eigene Person. Hinzu kommt, dass die Rolle der
Verfasser dieser Autobiographien eine sehr viel kompliziertere ist als die anderer
autobiographischer Schreiber.
„Es ist das Dilemma, im Schreiben über die Shoah zwischen Totengedenken und aufklärerischem Schreiben wählen zu müssen oder hin- und herzupendeln, zwischen der Anmaßung des (Über-)Lebenden, für die Toten seine Stimme zu erheben zu können und der Attitüde des Aufklärers, die Toten der Shoah zu pädagogischem Lehrmaterial zu funktionalisieren.“ 15
Weiter ist ein wesentlicher Unterschied, dass die Autoren der Öffentlichkeit nur sehr
selten vor der Veröffentlichung bekannt sind. Damit widersprechen sie Lejeunes
Theorie, der Eigenname sei wesentlichster Bestandteil einer Autobio- graphie.
„Aus zweierlei Gründen entfällt die Namensidentität als entscheidendes Merkmal für die Autobiographik zur Shoah. Zum einen sind die Autoren dieser Zeugnisse häufig Laien, d.h. sie sind nicht als öffentliche Figuren bekannt und haben keine weiteren Texte publiziert, welche als möglicher Referenzpunkt den gleichen Autorennamen tragen. Der weit wichtigere Grund […] besteht jedoch darin, dass die Verfolgung, das Leben im Versteck oder das Annehmen falscher Identitäten, die Flucht oder Migration in einen neuen Sprachraum häufig mit einem mehrfachen Namenswechsel einherging.“ 16
Trotz, oder vielleicht gerade wegen dieser Besonderheiten bleibt der autobio-graphische
Pakt zwischen Autor und Leser auch bei der autobiographischen Literatur der Shoah
bestehen. Der Leser setzt die Identität zwischen Autor, Erzähler und Protagonist voraus
und liest das Werk als authentisches Zeugnis über den Holocaust. Dabei spielt, wie bei
anderen Texten auch, das Vorwissen des Lesers eine wesentliche Rolle. Damit werden
vermeintliche Informations- lücken gefüllt und Interpretationen legitimiert. In Bezug
auf die Literatur der Shoah gilt besonders, dass diese Erfahrungen „einen psychischen
Fundus
[darstellen], der in gewisser Weise allen zugänglich ist.“ 17 .
14 Lejeune: Der autobiographische Pakt, S. 58.
15 Bannasch, Bettina: F für Fälschung, K für Kitsch oder L für Literatur? Zu Binjamin Wilkomirskis
‚autobiographischem’ Roman Bruchstücke. In: Überleben schreiben. Zur Autobiographik der Shoah. Hg. v. Manuela Günter. Würzburg 2002, S. 193.
16 Lezzi, Eva: Zerstörte Kindheit. Literarische Autobiographien zur Shoah. Köln 2001, S. 143.
17 Liebs, Elke: Mundus vult decipi. Der multiple Kampf um die Erinnerung . Wilkomirski versus Zvi
Kolitz u.a. In: Das Wilkomirski-Syndrom. Eingebildete Erinnerungen oder Von der Sehnsucht, Opfer zu sein. Hg. v. Irene Diekmann und Julius Schoeps. Zürich 2002, S. 302.
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Anke Hetzel, 2004, Binjamin Wilkomirskis Fälschung, Munich, GRIN Publishing GmbH
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