Die Asymmetrie der neuen Kriege „Ein Krieger tötet keine Gefangenen. Ein Krieger tötet keine Kinder. Ein Krieger vergewaltigt keine Frauen.“ (Ignatieff: S. 197) Diese Affirmationen sprechen die Ehre des Kriegers an, männliche Tugenden öffentlich zur Schau zu stellen. Zu ihnen gehören nicht nur keine Angst und kein Zögern zu kennen, sondern auch ohne Falschheit zu kämpfen. Sich an Schwächeren, wie Frauen oder Kindern, Kranken und Verwundeten zu vergehen oder aus dem Hinterhalt anzugreifen, war unehrenhaft. Dieses Ethos entspricht moralischen Mindeststandards und schließt die Vorstellung vom Krieg als moralischem Schauspiel ein. Sie sind nötig geworden in den neuen asymmetrischen Kriegen unserer Zeit, in denen nicht mehr unterschieden wird zwischen Zivilbevölkerung und Soldaten, sondern Erstere sogar absichtlich zum Ziel von Angriffen wird.
Aber so neu scheinen sie nicht zu sein, denn außer in der europäischen Kriegsgeschichte vom
17. bis Mitte des 20. Jahrhunderts waren sie nirgendwo anders auf der Welt je ganz
verschwunden.
Van Creveld gibt die Stammeskriege als die Urform kriegerischer Auseinandersetzungen an. Sie wurden zum jeweiligen Nutzen der eigenen Gruppe geführt, nicht stellvertretend für einen Staat, weshalb auch zwischen Volk und Heer, also Kombattanten und Nonkombattanten, nicht unterschieden wurde. Jeder war gleichzeitig Krieger, Zivilist, Opfer. Übertragen auf die heutige Zeit lässt sich Stamm durch die Zugehörigkeit zu einer beliebigen ethnischen oder politisch- ideologischen Gruppe ersetzen. Darin sieht van Creveld die Parallele zum heutigen Terrorismus, also einer Form der neuen Kriegsführung. Sind die neuen asymmetrischen Kriege also nicht einfach nur die technisch ausgefeiltere und moderne Variante der ältesten Form des Krieges? Und wie sah symmetrische Kriegführung aus?
Zu Zeiten der europäischen Staatsbildungskriege, die dem Modell der alten Kriege entsprechen, lag das Macht- und Kriegsmonopol beim Staat. Er rekrutierte die Truppen auf die gleiche Art und Weise, bezahlte sie, bildete und rüstete sie aus. Er disziplinierte sie nach bestimmten kriegsrechtlichen Normen und Regeln, durch harte Strafen, Drill und Rituale. Durch die Kasernierung waren sie räumlich vom Rest der Bevölkerung getrennt.
Symmetrie stellte sich durch die Gleichartigkeit der gegnerischen Staaten ein. Die oben beschriebenen Regelungen endeten also nicht an der Grenze des jeweiligen souveränen Territorialstaates. Sie galten für ein ganzes Gebiet, hier Europa, wodurch man auch bei kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den Staaten von der Gleichartigkeit der Truppen, Waffen und der Vorgehensweise ausgehen konnte. Es gab also so etwas wie eine etwaige Kenntnis des Gegners und seiner Möglichkeiten, die auch einen Vertrauenskredit
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bedeutete. Nach Clausewitz gehörten das Kennen und die annährende Berechenbarkeit des Gegners zu den mäßigenden Prinzipien der Gewaltanwendung im Krieg. Auch die Reversibilität einer Kriegsentscheidung und die Tatsache, dass ein eigener, nicht unternommener Schritt auch von der anderen Seite nicht gemacht wird, wirken moderierend auf das Kriegsgeschehen.
Symmetrie im Krieg meint also die Ausgewogenheit der Chance zu töten oder getötet zu werden. S ie ergibt sich aus der ungefähren Gleichartigkeit der Gegner. Beispielhaft hierfür stehen die europäischen Staatsbildungskriege, denn erst die Staatenordnung und Territorialherrschaft haben den Krieg als sozial reguläre Institution möglich gemacht. Asymmetrie hingegen beschreibt die absolute Chancenungleichheit zwischen zwei Gegnern. An dieser Stelle ist der Terrorismus zu nennen, aber auch innerstaatliche Auseinandersetzungen wie Warlordism und Guerillakriege, die meist ethnisch etikettiert, jedoch ökonomisch begründet sind. Sie haben jene Zweck-Mittel-Rationalität der symmetrischen Kriege eingebüßt.
Was hat sich also geändert an den Kriegen die unsere Zeit beherrschen? Das Ausmaß der Gewalt ist schrecklich. Kriegs-, Völker- oder Menschenrecht scheinen ihre Bedeutung verloren zu haben, wenn paramilitärische Gruppen oder Warlords mit ihren privaten Armeen ganze Landstriche verwüsten und die ansässige Bevölkerung massakrieren, vergewaltigen oder vertreiben. Wie kommt es zu dem Kräfteungleichgewicht?
Die strukturellen Voraussetzungen der neuen Kriege sind politischer, wirtschaftlicher und sozialer Art. Das Neue an ihnen sind also die Akteure und die Form der Gewaltanwendung. Des Weiteren haben sich die Ziele von geopolitisch zu ökonomisch verschoben. Persönliche Bereicherung und Machtstreben haben also oberste Priorität, auch wenn sich bestimmte Gruppen, oft in Afrika, als Befreiungsbewegungen gegen die Ausbeutung ihres jeweiligen Landes von außen ausgeben.
Aus politischer Sicht treten die neuen Kriege vor allem dort in Erscheinung, wo eine Zentralgewalt nur schwach oder gar nicht ausgebildet ist, wie z.B. in Afghanistan. Dazu zählen besonders Staaten an den Bruchstellen ehemaliger Imperien, autokratische, postkoloniale, despotische und korrupte, kleptokratische Regime, beispielsweise in Nigeria. Innerstaatlichen Auseinandersetzungen in diesen Ländern wurden lange für Staatsbildungskriege gehalten. Statt aber zu einer neuen Friedensordnung zu führen und die Macht des Staates zu festigen, gehen sie mit der Fragmentierung und Dezentralisierung eines Staates einher. Viele von ihnen haben niemals über tatsächliche Souveränität verfügt. Souveränität meint hier die unbestrittene physische Kontrolle eines durch Grenzen definierten
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Territoriums, eine im ganzen Land präsente Verwaltung und die Treue der Bürger zu einer Staatsidee (vgl. Mary Kaldor). Die mangelnde Staatspräsenz und sein Kontrollverlust bewirken auch ein Sinken des Steuereinkommens. In Verbindung mit Clanwirtschaft, Korruption und den hohen Kosten für ein stehendes Heer und moderne Waffentechnik kann der Staat sein Kriegs- und Machtmonopol nicht aufrechterhalten. Warlords, oppositionelle Gruppierungen und andere Banden übernehmen daher gewaltsam ganze Landstriche. Aber die Bevölkerung wird nicht nur von Bürgerkriegsmilizen oder Warlords ausgepresst, sondern auch von den Herrschenden des Landes selbst, die in Kooperation mit ausländischen Konzernen vorhandene Rohstoffe und Bodenschätze zur persönlichen Bereicherung ausbeuten und an der Verbesserung der Lebensverhältnisse der breiten Masse kein Interesse haben. Diesen sogenannten „failed states“ mangelt es auf politischer Ebene also besonders an korruptionsresistenten Eliten und tragfähigeren Strukturen.
Wirtschaftliche gesehen sind sie die großen Verlierer der Globalisierung. In vielen dieser Länder herrscht noch Agrarwirtschaft vor, deren Produktion durch Regelungen des Weltmarktes, in Folge von Verheerungen des Landes oder Misswirtschaft und Raubbau der herrschenden Klasse, zusammengebrochen ist. Oft beschränkt sich die Wirtschaft noch auf wenige Waren, die sich auch in Zusammenarbeit mit der international organisierten Kriminalität als wertvoll erweisen, wie z.B. Drogen in Kolumbien. Der Mangel an Ersatzteilen, Roh- oder Treibstoffen bringt über kurz oder lang die Industrie zum Erliegen und im schlimmsten Fall kommt es nicht nur zur Inflation, sondern die Währung wird durch Tauschhandel oder eine andere Währung ersetzt. (vgl. Kaldor S.162) Die Arbeitslosigkeit in solchen Regionen ist hoch und betrifft vor allem J ugendliche, die das Hauptrekrutierungspotential für Warlords darstellen. Die enorme Arbeitslosigkeit ist eine der Dynamiken, die die Ausbreitung der neuen Kriege am meisten befördern.
Tribale oder Clanstrukturen sind in den Opferländern der neuen Kriege, z.B. im subsaharischen Afrika, noch stark verbreitet und untergraben den Einflussbereich des Staates. Der Großteil dieser Länder ist ethnisch und religiös nicht homogen, was in innerstaatlichen Konflikten, z.B. Bürgerkriegen, von den jeweiligen Parteien zur Schaffung bestimmter Gruppenidentitäten genutzt wird und ethnische Säuberungen oder einen Genozid an den „anderen“ rechtfertigen soll. Die Gesellschaften sind noch stark an Traditionen gebunden. Sie bringen aus ideologischen, wirtschaftlichen oder religiösen Gründen viele Kinder hervor. Wenn auch kein Kausalzusammenhang besteht, lässt es sie scheinbar trotzdem leichter in den Krieg ziehen, da Kinder aufgrund ihrer Vielzahl ein nicht so hohes Gut darstellen. Im Gegensatz zu westlichen Gesellschaften, in denen mit der Industrialisierung auch die Anzahl
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der Kinder gesunken ist, scheinen sie dadurch weniger verletzbar zu sein. Sie können sich Heroismus also „leisten“.
Auf dieser Basis aus schwacher Staatlichkeit, dem Nebeneinander von Armut und unermesslichem Reichtum wie Bodenschätzen, mittels Gewalt und einer Politik der Identität konnten sich die Akteure der neuen Kriege entwickeln. Krieg lohnt sich also wieder, nachdem er rund 300 Jahre Staatsangelegenheit war. Denn mit dem Westfälischen Frieden von 1648 wurden die modernen souveränen Territorialstaaten geboren und mit ihnen die auf Symmetrie ausgelegte Kriege, deren Grundlage ein professionalisiertes und diszipliniertes Heer war. Es begann die Ära des uniformierten Soldaten, der in einem meist geopolitisch motiviertem Krieg für den Staat und seine Nation kämpfte. Die Uniform diente als Symbol der Gleichartigkeit und entsprach damit der ethisierten Symmetrie. Sie half bei der Erkennung der Feinde als Angriffsziel und trennte Kombattanten von Nonkombattanten.
Die Soldaten glichen sich staatsübergreifend in der Form ihrer Bewaffnung, Rekrutierung und der Art ihrer Ausbildung. Diese Gleichartigkeit und ihre gegenseitige Anerkennung bezogen sich auch auf den Fall von Gefangennahmen, Verwundungen oder Tod. Per Kriegs- und Völkerrecht musste ihnen in der Gefangenschaft Respekt entgegengebracht werden, was Folter und willkürliche Hinrichtungen ausschloss. Verwundete, egal von welcher Seite, wurden versorgt und genossen, ebenso wie das medizinische Personal Neutralität, d.h. sie waren gleichwertig. Auf dem Schlachtfeld Gefallene durften nicht geschändet oder geplündert werden, wie es zuvor durch den Heerestross üblich gewesen war.
Das alles klingt sehr nach einem „humanen“ Krieg, doch schon Clausewitz stellte fest, dass es einen solchen nicht gibt. Denn wenn auch zeitlich und lokal begrenzt, so ist die Gewalt im Krieg, namentlich in der Entscheidungsschlacht, „rücksichtslos“ und ohne „Schonung des Blutes“. (Clausewitz: S.192) Das Einflussgebiet dieser Regeln, die eng an das Soldatenethos gebunden waren, jedoch auch wirkten, weil man Bestrafungen wegen Kriegsverbrechen zu befürchten hatte, endeten aber an den Grenzen Europas, dem Wirkungsbereiches des Westfälischen Systems. 1904, also während der 300 Jahre symmetrischer Kriegführung in Europa verübten die gleichen „zivilisierten“ deutschen Soldaten in der Kolonie Deutsch- Südwestafrika, heute Namibia, einen Genozid an den Herero.
Was früher die Kolonialkriege als eine besonders grausame Form des Krieges in einem eigentlich symmetrischen Kriegszeitalter kennzeichnete, scheint heute unter den neuen Akteuren normal zu sein. An ihnen beteiligen sich sowohl noch staatliche, als auch paramilitärische oder private Truppen.
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Claudia Meiling, 2004, Die Asymmetrie der neuen Kriege, Munich, GRIN Publishing GmbH
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