Seite 2
Inhaltsverzeichnis
1. Kapitel: Versuch einer Standortbestimmung S.3
2. Kapitel: Die Unsichtbare Skulptur. S.5
2.1. Die Plastische Theorie. S.7
2.2. Der Materialbegriff S.12
2.3. Der Christusimpuls S.17
2.4. Die Tiermythen S.20
3. Kapitel: Schlussgedanken S.23
4. Lebenslauf. S.25
5. Literaturverzeichnis S.27
5.1. Literaturverzeichnis Internet-Adressen S.27
6. Abbildungsnachweis S.28
05 06 2002
1. Kapitel: Versuch einer Standortbestimmung
Beuys ist umstritten, vielschichtig, nicht auf Anhieb nachvollziehbar, unbequem und ungeheuer selbstsicher.
„So wie der Mensch nicht da ist, sondern erst entstehen muß, so muß auch die Kunst erst entstehen, denn es gibt sie noch nicht.“ 1
Jedes seiner Werke verlangt eine Erklärung, wirft schier unlösbare Fragen auf, provoziert die Auseinandersetzung und stellt Anforderungen.
„ Wer nicht denken will fliegt raus.“ 2
Es gibt nur sehr wenige Künstler, bei denen Leben und Werk in einem so engen Zusammenhang stehen, nicht parallel laufen oder sich überschneiden, sondern absolut identisch sind. Die Situation, das Ereignis, die Biographie ist das Kunstwerk. Wie nähert sich der Betrachter solch einem Phänomen, ohne in die Mühlen der Interpreten zu geraten, die ihn mit Wahrheitsergüssen überfluten und die Annäherung fast unmöglich machen?
„ Beuys ist tot. Seine Werke sind da, jeder kann hingehen und sehen. Seine Werke sind ein Spiegel, der Auskunft gibt über den, der hineinblickt. Die Auskunft über den Zustand der Kunstkritik ist niederschmetternd. Woran liegt das? Die zitierten Interpreten sind gebildete Leute. ... Ihr Scheitern muß Gründe haben.
Das Gelächter von Beuys
1. Das Erstaunliche und Einzigartige am Werk von Joseph Beuys besteht darin, daß die herkömmlichen Erklärungsmuster versagen. Die Werke von Beuys sind unvergleichbar, sie erinnern an nichts, sie passen in keine Schublade. Der Spezialist, der im Reich der Schubladen zu Hause ist, läßt sich dazu verleiten, sie alle aufzuziehen und das Werk begrifflich hineinzustopfen. Aber es steht über, die Schubladen gehen nicht mehr zu.
2. Beuys hat einmal gesagt:“ Ich trete aus der Kunst aus.“ Was er schuf ist Kunst, will es aber nicht sein. Es ist ein Teil der Kunstgeschichte und hält sich zugleich
1
Siehe 15.04.02:
2 Siehe Stüttgen, in „Zeitstau“ (1988,S.38).
aus ihr heraus. Insofern ist der Kunstexperte der am wenigsten gemeinte Adressat. Gemeint ist jeder, der sehen kann.
3. Die Sprache der Kunstkritiker ist verknöchert, terminologisch überlastet. Die Kunstkritiker sind ängstlich darauf bedacht, sich vor Kollegen keine Blöße zu geben. Eine Blöße gibt sich, wer die Augen aufreißt und sieht, wer das, was er sieht und was es in seinem Kopf bewegt, schildert, in schlichten Worten. 4. Der Sprachverlust der professionellen Interpreten angesichts von Beuys ist kein hinreichendes, aber ein wichtiges Indiz dafür, daß wir es bei Beuys mit wirklicher Kunst zu tun haben.
5. Beuys ist oft heftig attackiert worden. Seine Verteidiger haben sich dadurch in die Ecke drängen lassen. Dort sitzen sie nun, schwenken das Weihrauchfass und dichten hagiographische 3 Texte. Sie übersehen völlig, daß das Werk von Beuys auch seine komischen und kauzigen Seiten hat, daß aus dem Pathos und dem Weltverbesserungsernst manchmal ein Gelächter hochsteigt. Wer es nicht hört, ist komisch.“ 4
“Ich verneige mich vor den Begriffen.“ 5
In der vorliegenden Arbeit über die Unsichtbare Skulptur im Werk von Joseph Beuys, bildet die Plastische Theorie, der Materialbegriff und der Christusimpuls den Schwerpunkt der eigenen Auseinandersetzung. Es wird der Versuch unternommen sich möglichst unbefangen dem Kunstverständnis des Joseph Beuys anzunähern. Dabei ist die Kenntnis anthroposophischer Gedanken zum Thema der Dreigliederung hilfreich, aber keine zwingende Vorbedingung. Das künstlerische Werk von Beuys bietet auf ganz unmittelbare Weise die Möglichkeit, diesen Gedanken zu begegnen, wenn der Rezipient sein eigenes Denken verlebendigt, es als plastischen Prozess begreift.
“Denken ist bereits Plastik ... Gedanken wirken in der Welt unter Umständen natürlich viel vehementer als eine Plastik, die sich nur abgeleitet hat und in gewisser Weise sich verstofflicht hat in ein Objekt hinein.“ 6
3 die Erforschung und Beschreibung von Heiligenleben betreffend.
4 „Sänger des höheren Schwachsinns“, aus „Die Zeit“ anlässlich der Beuys-Ausstellung in West-Berlin 1988.
5 Siehe Borstel (1989,S.105).
6 Siehe Rappman, in „Soziale Plastik“ (1984,S.61).
2. Kapitel: Die Unsichtbare Skulptur
Eine unsichtbare Skulptur ist zweifellos ein deutlicher Widerspruch. Verstehen wir diese Aussage als bloßen Witz, als Idiotie oder als Ausgangspunkt, als Stolperstein, an welchem sich Fragen entzünden können?
Der Begriff der Skulptur hat auf den ersten Blick nichts Verwunderliches. Die Kunstgeschichte weist seit Menschengedenken Skulpturen nach. Denken wir beispielsweise an die rätselhaften Gebilde der Osterinseln - riesige aus Monolithen gestaltete Monumentalskulpturen. Menschliche Zeugnisse, deren Bedeutung bis heute weitgehend im Dunkeln liegt. Wer hat sie geschaffen? Warum haben sich Menschen abgemüht, diese Steinkolosse zu errichten?
Ferner können wir beobachten, dass sich der Begriff der Skulptur fortwährend wandelt. Führen wir uns die Werke eines Michelangelo, eines Rodin vor Augen und stellen Arbeiten von Duchamp, Brancusi, Giacometti oder Moore daneben. Die Welt der Abstraktion steht unvermittelt neben den expressiven oder surrealen Stilelementen. Allen gemeinsam ist jedoch die Stofflichkeit, das Material, im Gegensatz zur Musik oder dem Theater.
Was ist aber eine unsichtbare Skulptur?
Unsichtbar ist gerade das Gegenteil, das Nicht-Stoffliche. Unsichtbar sind die Ideen, die Bedeutung, die Intention jener Menschen, welche Skulpturen aus sich herausgesetzt haben. Wir näher uns einer zweiten Polarität: Stoffliches und Geistiges oder Materie und Geist!
Der Urgegensatz, der uns Menschen zutiefst fasziniert und Fragen in uns aufwirft, aus dem sich ganze Weltanschauungen und Ideologien entwickelt haben. Verschiedene Monismen stehen dem Dualismus gegenüber. Andere Zeitgenossen entziehen sich diesen Fragen, indem sie einfach entweder das Stoffliche oder das Geistige ausblenden - negieren. Wenige leben aus dem Spannungsfeld von Materie und Geist. Nebenbei sei nur einmal darauf verwiesen, in welche Auseinandersetzung wir bereits durch kurzes Nachsinnen über den Begriff der unsichtbaren Skulptur eingestiegen sind!
Beuys nähert sich diesem Gegensatz völlig unbefangen; wenn nicht sogar humorvoll. Seine Person ist der Schlüssel zur unsichtbaren Skulptur, er steht gewissermaßen zwischen den Polen und steigert deren Spannung, indem er mit ihnen spielt. Er plastiziert durch sein Denken im Geistigen und setzt mit Händen und Füßen die Ideen aus sich heraus - läßt sie zur Skulptur erstarren.
„Ich denke sowieso mit dem Knie“ 7
7 Siehe Stüttgen, in „Zeitstau“ (1988, S.63).
2.1. Plastische Theorie
Widmen wir uns im nun Folgenden ein wenig dem Vorspiel der Bildhauerei, dem Prozeß des Plastischen. Der Begriff der Plastik verweist auf das Lebendige, Bewegte, sich im Fluss befindliche Prinzip. Der toten Skulptur, der erstmal jeder Sinnzusammenhang fehlt, geht ein Lebendiges, Plastisches voraus. In diesem Sinn hat die Skulptur Vehikelfunktion. Sie bildet den Einstieg zum Plastischen.
„Meine Objekte müssen als Anregung zur Umsetzung der Idee des Plastischen verstanden werden. Sie wollen Gedanken darüber provozieren, was Plastik sein kann und wie das Konzept der Plastik auf die unsichtbaren Substanzen ausgedehnt werden kann: Gedankenformen - wie wir unsere Gedankenfolgen bilden. Sprachformen - wie wir unsere Gedanken in Worte bilden. Soziale Plastik - wie wir die Welt, in der wir leben, formen und gestalten: Plastik ist ein evolutionärer Prozeß, jeder Mensch ist ein Künstler. Deswegen ist, was ich plastisch gestalte, nicht festgelegt und vollendet. Die Prozesse setzen sich fort: chemische Reaktionen, Gärungsprozesse, Farbverwandlungen, Fäulnis, Austrocknung. Alles wandelt sich.“ 8
Die Analyse dieses Begriffes - nicht die Auseinandersetzung mit traditionellen Formen der Bildhauerei - führte Beuys zu weitereichenden Erkenntnissen, die er in seiner Gesamtheit als plastische Theorie oder Energieplan bezeichnet. Auch aus der Beschäftigung mit Rudolf Steiner und dessen 1923 publizierter Vortragsreihe „Über die Bienen“ entwickelt Beuys seine spezifische plastische Theorie. Denn durch die Darstellung der Biene und die Verwendung von Wachs wird direkt auf einen von Steiner präzisierten evolutionären plastischen Prozeß hingewiesen, der im übertragenen Sinne eine Wandlung des fettähnlichen Stoffes Wachs in ein kristallines System von Waben auf die Polarität von organischen und kristallinen Prinzipien, von Leben und Tod bezieht. 9
Der Energieplan führt unmittelbar in den Bereich der unsichtbaren Skulptur hinein -und wieder aus ihm heraus. Energie ist schon im physikalischen Sinn an der Grenze zwischen Sichtbaren und Unsichtbarem angesiedelt: etwas Unsichtbares, das sich ins Sichtbare drängt. In der klassischen Physik versteht man unter Energie Arbeitsfähigkeit bzw. gespeicherte Arbeit eines Körpers oder eines Feldes, etwas, was sinnlich nicht unmittelbar wahrgenommen werden, aber durch seine Wirkungen im Sinnlichen erfahren werden kann. In der modernen Physik, in der sich der klassische Materiebegriff und damit der Materie-Geist-Dualismus aufzulösen beginnt, wird Energie in immer stärkerem Maße als das weltkonstituierende, weltbewegende,
8 Siehe Harlan (1986, S.13).
9 Siehe Adriani (1986,S.46).
Arbeit zitieren:
Kay Leutner, 2002, Die Unsichtbare Skulptur bei Joseph Beuys, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Auguste Rodin - Paolo und Francesca - Der Kuss
Kunst - Bildhauerei, Skulptur, Plastik
Seminararbeit, 20 Seiten
Die soziale Plastik - Kunst und Gesellschaft bei Joseph Beuys
Soziologie - Medien, Kunst, Musik
Seminararbeit, 20 Seiten
Rodin und der Torso: Fragmentierung des Körpers
Kunst - Bildhauerei, Skulptur, Plastik
Hausarbeit (Hauptseminar), 28 Seiten
„Ob wir nicht doch vielleicht Schuld sind?“ - Von der Schuldfrage in F...
Hausarbeit, 18 Seiten
Iphigenies Entwicklung auf Tauris
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 17 Seiten
Zu "Don Carlos" von Friedrich Schiller
Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen
Hausarbeit, 9 Seiten
Jürgen Habermas' Konzeptionen der Moderne - Ein Rückblick auf zwei...
Kulturwissenschaften - Allgemeines und Begriffe
Seminararbeit, 10 Seiten
Die Großstadtdarstellung in Erich Kästners „Fabian“ und in Alfred Döbl...
Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft
Hausarbeit (Hauptseminar), 18 Seiten
Die Humanität als Leitidee in Goethes Schauspiel "Iphigenie auf T...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 11 Seiten
"Immer am Trapez, immer Tochter der Luft" - Zur Bedeutung de...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 25 Seiten
Constantin Brancusi - die endlose (unendliche) Säule
Kunst - Bildhauerei, Skulptur, Plastik
Seminararbeit, 22 Seiten
Zu: Jürgen Habermas - "Technik als Ideologie"
Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen
Hausarbeit, 22 Seiten
Ausgewählte Nebenfiguren in Theodor Fontanes Effi Briest
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 47 Seiten
Rilke und Rodin - Eine intensive Freundschaft auf dem Weg in die Moder...
Eine Analyse und Interpretatio...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 26 Seiten
"Zum Klassizismus von Goethes Iphigenie." Ein literaturkriti...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 20 Seiten
Die Stellung der Frau - Sozialkitische Konsequenzen der Eheromane Font...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 25 Seiten
(Selbst)inszenierung im Vergleich: Cindy Sherman und Nan Goldin
Hausarbeit, 23 Seiten
Kay Leutner's Text Die Unsichtbare Skulptur bei Joseph Beuys ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Kay Leutner hat den Text Die Unsichtbare Skulptur bei Joseph Beuys veröffentlicht
Kay Leutner hat einen neuen Text hochgeladen
Joseph Beuys: Drawings After the Codices Madrid of Leonardo Da Vinci
Martin Kemp, Joseph Beuys, Lynne Cooke
Joseph Beuys in America: Energy Plan for the Western Man
Joseph Beuys, Kim Levin, Carin Kuoni
Franz Marc / Joseph Beuys: Im Einklang mit der Natur
Katalog Franz Marc Museum, Koc...
Joseph Beuys, Franz Marc
0 Kommentare