2 Totentanz bei Hugo von Hofmannsthal
Zum Leben gibt es zwei Wege: der eine ist der gewöhnliche,
direkte und brave, der andere ist schlimm, er führt über den
Tod und das ist der geniale.
(Hans Castorp in „Der Zauberberg“)
Totentanz bei Hugo von Hofmannsthal 3
Abstract. 4
1. Einleitung 5
2. Das Phänomen Totentanz 6
3. Das Wiederaufgreifen des Totentanz-Motivs im 19. und 20. Jahrhundert11
4. Totentanz bei Hofmannsthal 12
4.1. Tanz und Tod im Fin de Siècle. 12
4.2. Tod und Totentanz bei Hofmannsthal 14
Der Tor und der Tod. Eine kleine Totentanzkomödie. 14
Jedermann. 20
Resum é 26
Literatur 28
4 Totentanz bei Hugo von Hofmannsthal
Abstract
This paper is concerned with the Dance of Death, a phenomenon originated in the Middle Ages. Dances of Death are paintings, literary and musical works that represent the presence of death and his certainty. They have the social function of equalising the society because in the face of death everybody is of the same worth. There are a few characteristics that constitute the Dances of Death. Meanwhile, there is an array of variations that occur in this art form. Since Dances of Death were intertwined with the morals of the Christian church, they kind of disappeared in the centuries that follow the enlightenment. Then, in the 19 th century they were re-explored. This art form was put into new contexts and experienced variations. One époque that was intensively occupied with death is the melancholy Fin de Siècle. Vienna was one of its centres and Hugo von Hofmannsthal is one of the most famous artists within that era. This paper focuses on the following aspects: As a requirement for further understanding, the scepticism of the artists towards language. Hofmannsthal is known as the writer who grew silent. Consequently, dance was used as one of the substitutes of words in order to still being able to express oneself. The intense concern with death then results in picking up the motive of the Dance of Death. This paper will illustrate the variation, which this art form has experienced in the work of Hugo von Hofmannsthal.
5 Totentanz bei Hugo von Hofmannsthal
1. Einleitung
Die folgende Betrachtung der mittelalterlichen Totentänze ist auf den deutschsprachigen Raum beschränkt. 1 Diese Eingrenzung erscheint aufgrund eines derartig komplexen Sujets, wie es der Totentanz darstellt, gerechtfertigt. Aber auch aufgrund der darauf folgenden Analyse des Totentanzes bei Hugo von Hofmannsthal, der ja als in Wien wirkender Schriftsteller dem deutschen Sprachraum angehört.
Diese Arbeit gibt zunächst einen Überblick über die Entstehung der mittelalterlichen Totentänze, wobei kurz auf die Vorläufer und anschließend auf die Rolle der Kirche eingegangen wird. Die typischen Merkmale der Totentänze sollen dargestellt werden und wie diese sich im Zuge der Reformation und Aufklärung verändert haben. Einhergehend mit der Veränderung der Selbstwahrnehmung des Menschen - nämlich des Sich-Selbst-Bewusstwerden im Zuge der Aufklärung - verändert sich auch die Einstellung zum Tod. Die Totentänze selbst geraten zunächst in Vergessenheit. Das Motiv wird jedoch im 19. und 20. Jahrhundert, im Zuge der Kriegsereignisse und der Industrialisierung, erneut aufgegriffen. Besonders bei den Künstlern im Wien des Fin de Siècle lässt sich eine intensive Auseinandersetzung mit der Todesthematik feststellen. Arthur Schnitzler zeichnet in seinen Werken Realitätsflucht und Traumwelten, beeinflusst auch durch Sigmund Freuds wissenschaftliche Erkenntnisse. Ich werde in dieser Arbeit besonders auf zwei Werke von Hugo von Hofmannsthal eingehen: Die Dramen Der Tor und der Tod sowie Jedermann. Hofmannsthal beschäftigt sich in vielen seiner Werke mit der Todesthematik. In diesen beiden wird gezielt das Totentanz-Motiv aufgegriffen. Inwiefern Hofmannsthal dabei klassische Elemente einbaut und inwieweit er das Totentanz-Motiv variiert und in zeitgenössische Bezüge setzt, soll Gegenstand dieser Arbeit sein. Vor der Analyse der oben genannten Werke erfolgt noch eine kurze Darstellung über
1 Totentänze waren in Europa weit verbreitet, u.a. in Frankreich als „Danse Macabre“ und in
Spanien als „Danza Muerte“. Aus England stammt die „Everyman“ Legende und in Italien
entstand das berühmte Gemälde „trionfo della morte“.
6 Totentanz bei Hugo von Hofmannsthal
die Sprachkrise der Fin de Siècle-Autoren und die substituierende Funktion des Tanzes, wenn die Sprache versagt.
2. Das Phänomen Totentanz
2 Der Totentanz ist aus der mittelalterlichen Bußpredigt entstanden. Der
vermutlich wichtigste Einflussfaktor war die tradierte Vorstellung, dass die Seelen der Toten nachts auf dem Friedhof tanzen. Das makabre Bild des lachenden und tanzenden Todes findet sich im französischen Terminus danse macabre verkörpert. Der Begriff basiert auf dem ebenso betitelten Buch, das der Pariser Verleger Guyot Marchant 1485 veröffentlichte. Darin sind die Totentanz-Wandmalereien des Pariser Friedhofs Aux Innocents abgedruckt. 3 Im deutschen ist der Begriff Makabertanz ein geläufiges Synonym für den Totentanz. Der Tanz-Topos 4 spiegelt sich auf vielfache Weise wieder: Der tanzende Tod, die tanzenden Toten, der Tanz vom Tod mit den Toten, der Tanz des Todes mit den Lebenden, der Tod als Reigenführer, der Tod als Spielmann mit Geige - überhaupt das Auftauchen von Instrumenten und Musik im Totentanz 5 , das Motiv vom Tod und der Tänzerin etc. Todbringende Tänze sind in der Kulturgeschichte seit der Antike bekannt wie z.B. der Tanz der Salome. Charakteristisch für den Totentanz ist einerseits der Ablauf als Reigen, Paar- oder Gruppentanz, die Ständereihe - also der Tanz des Todes mit den einzelnen Ständevertretern, die repräsentativ für die jeweilige Gruppe auftauchen. Dabei wird zwischen geistlichen und weltlichen Ständen streng getrennt. Hier zeigt sich die Kernaussage des mittelalterlichen Totentanzes: „Alle müssen sterben“, d.h. im Tod sind alle gleich. Der Totentanz hatte damit eine stabilisierende Funktion innerhalb der Ständegesellschaft. Einerseits als religiöse und moralisierende Mahnung an die Reichen, aber auch zum Trost für die Armen. Der Reigen erfolgt von rechts nach links, da der mittelalterliche Glauben den Tanz der Engel als Zeichen der Vollkommenheit nach rechts
2 Der Predigerorden der Dominikaner hat den ersten Totentanz in Auftrag gegeben, den
Lateinischen Bilderbogen von 1350.
3 Entstanden 1424, 1529 zerstört.
4 Ohnehin kam es im Mittelalter zu einer Tanzwut, die jedoch von der Kirche als verdächtig,
sündhaft und teuflisch stigmatisiert wurde.
5 Einige Instrumente tragen dem Volksglauben nach diabolischen Charakter, wie z.B. das
Typanum, eine Handtrommel oder die Tibia, eine Flöte.
7 Totentanz bei Hugo von Hofmannsthal
gerichtet sah, den irdischen Reigen dagegen als Symbol des Todes nach links. 6 Die Form des Reigens dürfte sich aus dem Aberglauben entwickelt haben, dass man bei mystischen Handlungen nicht auf dem gleichen Weg zurückkommen darf wie man kam. Die Stände sind von den oberen zu den unteren gereiht, in der Regel beginnend beim Papst bis zum Bettler. Statt der Ständereihe erscheint auch die Altersfolge von alt nach jung, vom Greis zum Kind, die den Kreislauf des Lebens symbolisiert. Unmittelbare Vorläufer des Totentanzes sind Die Legende von den drei Lebenden und den drei Toten, Die Legende von den dankbaren und den helfenden Toten, das Everyman-Spiel, die Ars Moriendi sowie die Vado Mori- Gedichte. DieLegende von den drei Lebenden und den drei Toten entstammt dem arabischen Raum. Drei Edelmänner reiten zur Jagd und begegnen auf einem Friedhof drei Toten, die sich in unterschiedlichen Verwesungsstadien befinden. Die Legende betont die Vergänglichkeit des Lebens: „Was Ihr seid, das waren wir, was wir sind, das werdet Ihr sein“, sprechen die Toten die Edelmänner an. Jedoch erfolgt hier weder ein Tanz, noch werden die Lebenden in den Tod gezogen. Die Legende von den dankbaren und den helfenden Toten scheint dem Tod den Schrecken zu nehmen. Ein flüchtender Mann rettet sich vor seinen Verfolgern auf einen Friedhof, wo ihn die Toten beschützen. Der Tod erscheint damit weniger als Bedrohung, vielmehr als Rettung. Everyman ist ein anonymes englisches Schauspiel aus dem 15. Jahrhundert, das die plötzliche Begegnung eines reichen Mannes mit dem Tod darstellt. Von allen Freunden, Schönheit, Reichtum und Macht verlassen steht er allein mit seinen guten Werken vor dem Gottesrichter. Die Ars Moriendi (Kunst des guten Sterbens) betrachtet den Tod als Erlösung und als letzte bewusste Handlung des Menschen. Es handelt sich dabei um elf Holzschnitte, ursprünglich von Heinrich von Melk gestaltet, die als Bilderserie gefertigt wurden. Diese zeigen dem Betrachter die richtige Verhaltensweise dem Tod - personifiziert als Teufel - gegenüber, der sich beim Sterben der Seele bemächtigen wollen wird, um eben dies zu verhindern.
6 Auch in den Darstellungen des Weltgerichts, das ebenfalls zu den ikonographischen und
thematischen Einflussfaktoren der Totentänze zählt, ziehen die Erlösten nach rechts in die
Ewigkeit, die Verdammten nach links ins Ewige Feuer.
8 Totentanz bei Hugo von Hofmannsthal
Die Bildsprache wurde gewählt, da der Großteil der Bevölkerung weder lesen noch schreiben konnte.
Das Vado Mori ist ein Dialog zwischen den Lebenden und den Toten, in dem die einzelnen Ständevertreter darüber klagen, dass sie sterben müssen. Es handelt sich dabei um lateinische Doppelverse, beginnend jeweils mit „vado mori“ (Ich mache mich auf, zu sterben). Im Vado Mori gibt es weder einen personifizierten Tod noch einen Tanz. Die Kombination von Bild und Text in den mittelalterlichen Totentänzen verweist auf eine Beeinflussung durch die oben genannten Formen.
Die Entstehung der Totentänze muss wohl auf den mittelalterlichen Umgang mit der Todesthematik zurückgeführt werden. Die Kirche hatte noch eine starke gesellschaftliche Position inne und dementsprechend einen intensiven Einfluss auf den Glauben und das Handeln der Menschen. Gepredigt wird eine asketische, gottesfromme Lebensweise, damit die Seele nach dem Tod ins Himmelsreich, nicht in die Hölle, den ewigen Tod, geht. Das ganze Leben war damit auf die Zeit nach dem Tod konzentriert - ein frommes Dasein im Diesseits führt erst zu einem glücklichen Leben im Jenseits. Der Tod steht damit in erster Linie im Rahmen des kirchlichen Dogmas und geht mit einer enormen Einflussnahme auf die Menschen und ihr Leben einher. Weitere wichtige Einflussfaktoren waren die zahlreichen Kriege, Hungersnöte, die Pest 7 und andere Katastrophen, die eine Allgegenwärtigkeit des Todes mit sich brachten. Zunächst als Volksgut tradiert, hat die Kirche die Totentänze recht schnell für ihre Zwecke instrumentalisiert. Sie stand dem mystischen Aberglauben, dass dem Tod durch gesprochene, gesungene oder getanzte Abwehrzauber Einhalt geboten werden kann, skeptisch gegenüber. Diese Zaubersprüche wurden auf Fastnachts-, Kirchhofs- und Kirchentänzen ausgesprochen, ein Phänomen der mittelalterlichen Tanzwut. Die Kirche befürchtete eine Abkehr der Menschen hin zu Geheimbünden und Sekten, erkannte aber auch das große Potential der als unkeusch und teuflisch angesehenen Tänze auf den Friedhöfen hinsichtlich ihres Wirkens auf die
7 Früher wurde die Pest als Hauptursache für die Entstehung der Totentänze angesehen. Dies
scheint jedoch kaum glaubhaft, da die Hochzeit der Totentänze im 16. Jahrhundert endet,
wohingegen die Pest bis ins 18. Jahrhundert hinein wütete. Zudem fehlen in den Totentänzen
Hinweise auf die Pest. Vgl. auch Zentralinstitut und Museum für Sepulkralkultur (ZMS), S.
22.
Arbeit zitieren:
Dipl.-Kulturwissenschaftlerin Melanie Grundmann, 2003, Darstellung des Totentanz-Motivs Hugo von Hofmannsthals an Beispielen: "Der Tor und der Tod" und "Jedermann", München, GRIN Verlag GmbH
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