2
1. ABSTRACT 3
2. EINLEITUNG 4
3. DAS WIEN DES FIN DE SIÈCLE ÄSTHETIZISMUS UND DEKADENZ 4
4. DAS GEHEIMNIS IN DER TRAUMNOVELLE 7
5. RESUMÉ 22
LITERATUR 23
3
Arthur Schnitzler. Das Geheimnis in der Traumnovelle.
1. Abstract
This paper will explore the functionality of the secret in Arthur Schnitzlers
Traumnovelle as a means to demonstrate the influence of the unconscious to
the behaviour of the characters. Schnitzler is a representative of fin de siècle Vienna. This era is characterized by an overwhelming feeling of despair due to the sudden rise of modernization. The artists’ reaction was an escape into an aesthetic counter-world. Along with this appears a so-called loss of language, which results in silence. As will be shown, these characteristics
appear in the Traumnovelle. The story is one of dualities focused on reality
and illusion. Schnitzler uses different intertwined elements to illustrate this conflict: mask and disguise, reality and dream, dark and light, play and seriousness, seduction and death, to name a few. This paper will examine the connection of secrecy, disguise, silence and unconsciousness and in how far these elements provoke a new awareness.
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Arthur Schnitzler. Das Geheimnis in der Traumnovelle.
2. Einleitung
In den Werken Arthur Schnitzlers werden die Figuren immer wieder ihrer Masken entlarvt und ihr Verhalten wird als Pose enttarnt. Viele seiner Figuren leben in einer Scheinwelt oder geben sich Illusionen hin. Aber auch dort erfolgt eine Desillusionierung, ein Lüften des Schleiers hinter dem sich diese Figuren der Realität entziehen. Ich möchte im Folgenden die
Problematik dieser Wirklichkeitsflucht anhand der Traumnovelle
untersuchen. Ein Schwerpunkt wird dabei auf der Funktion des Geheimnisses und damit zusammenhängend dem Verdacht und der Maskerade liegen. Das Geheimnisvolle ist bei Schnitzler das Irreale, eine Traum- und Fluchtwelt verbunden mit dem Erotischen, dem Verführerischen, dem Maskierten, der Gefahr, dem Tod. Sprachlich realisiert wird das Geheimnisvolle durch Schweigen, Metaphern, Bilder, Symbole und auch durch die Substitution mit Tanz. Dies verdeutlicht auch die Sprachkrise des damaligen Wiens, denn die Geschichte wird eher durch Stimmungen als durch deskriptive Worte realisiert. Die Sprache wirkt auf stark konnotativer Ebene.
Zunächst werde ich einen Überblick über das Wien des Fin de Siècle geben. Eine Beschreibung des Zustandes der Gesellschaft zu dieser Zeit ist unerlässlich wenn man das Agieren und Verhalten der Personen verstehen will. Daraufhin erfolgt die Analyse der Funktion des Geheimnisses innerhalb
der Traumnovelle. Zudem erfolgt eine Einordnung der Figuren in die Fin de
Siècle-Ära. Charakteristische Züge und Verhaltensweisen sollen herausgearbeitet werden um auf die Attitüde der Menschen dieser Epoche zurückzuverweisen.
3. Das Wien des Fin de Siècle – Ästhetizismus und
Dekadenz
Arthur Schnitzler (1862-1931) lebte im Wien des Fin de Siècle, dessen Künstler sich durch Ästhetizismus und Dekadenz charakterisieren lassen. Beides sind Erscheinungsformen des Impressionismus zu dessen wichtigsten Vertretern in Wien Hugo von Hofmannsthal, Hermann Bahr, Richard Beer- Hoffmann sowie Arthur Schnitzler zählen. Die Fin de Siècle-Autoren
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Arthur Schnitzler. Das Geheimnis in der Traumnovelle.
zeichnen sich durch eine innere Verunsicherung aus, die in den enormen sozialen und gesellschaftlichen Veränderungen wurzelt. Wien befand sich zu dieser Zeit in einem gesellschaftlichen Umbruch, denn die Habsburger Monarchie zerfiel ebenso wie der Adel, der vom entstehenden Großbürgertum verdrängt wurde. Hinzu kommt die fortschreitende Industrialisierung und Modernisierung, die auch das Wort zur Massenware macht und damit die Sprachkrise erst verursacht. Die Menschen sehen sich unzähligen Neuerungen ausgesetzt, die erst einmal verarbeitet werden müssen. Die impressionistischen Künstler reagieren darauf mit einer Realitätsflucht hinein in eine Scheinwelt. Diese Flucht in Illusionen wird von Schnitzler immer wieder herausgearbeitet und als solche enttarnt. Eine ganz entscheidende Konsequenz dieser Verunsicherung ist der Verlust von Identität, die neue Suche nach dem Selbst. Daraus resultiert auch die intensive Auseinandersetzung mit Thematiken wie Tod, Krankheit und Flucht. Die Flucht führt dazu, dass Innen- und Außenwelt nicht mehr zu unterscheiden sind. Die eigenen Empfindungen lassen sich kaum noch von den Dingen unterscheiden. In diesem Moment des gesellschaftlichen Umbruchs greifen die Wiener Künstler auf die englischen und französischen Vorbilder des Ästhetizismus zurück. 1 Sie idealisieren die Kunst zu einer Gegenwelt, die ihnen eine Fluchtmöglichkeit vor der Realität bietet. Die auf Nietzsches Kritik am anthropozentrischen Denken basierende Kunstauffassung ersetzt die ganzheitliche Kunstkonzeption durch eine rein ästhetische der gewollten Künstlichkeit. Charakteristika des Ästhetizismus sind die Auffassung vom Leben als Spiel 2 , das Tragen einer Maske, die Gestaltung des Lebens als Kunstwerk, Flucht in Traumwelten, Verweigerung gegenüber und Verachtung für das Alltägliche, Melancholie, Agonie, Langeweile, Distanz. Der gesellschaftliche und industrielle Fortschritt wird als barbarisch und degenerativ beurteilt, die Orientierung auf das konsequent Künstliche dagegen als progressiv. Der Ästhetizismus ist damit geprägt von der paradoxen Auffassung von Authentizität als Schein und Kunst als Lebensersatz. Die Flucht in eine scheinbar geordnete Welt. Die Kunstwerke wirken authentisch aufgrund ihrer ästhetischen Form, ebenso wie das Ich nur durch Pose und sprachliche Verstellung Bedeutung hat. Erst diese Entwicklung führt zu Phänomenen wie dem Dandy, eine Extremform des
Baudelaire als einer der Ur-Dandies sowie die englischen Präraffaeliten.
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Arthur Schnitzler. Das Geheimnis in der Traumnovelle.
Ästheten. Der Dandy perfektioniert das Leben als Kunstform, in der ihm alles zur Pose wird. Allein die Form ist wichtig, der Inhalt ist bedeutungslos. Die Wiener Autoren durchleiden zudem eine Sprachkrise, da es ihnen nicht länger möglich war mit Hilfe der Sprache Existentialität auszudrücken. 3 Im Extremfall führte dies zur Verstummung des Künstlers, wie in Hugo von
Hofmannsthals Brief des Lord Chandos. 4 Was bewusst wird, verfällt in
Banalität. Lediglich ein objektiver Sprachgebrauch ist noch möglich. Aber der Verweisungscharakter der Zeichen auf Außersprachliches scheint verloren. Die Wörter sind leere Zeichen, unangemessen um menschliche Erfahrungen auszudrücken. Als Reaktion auf das Unsagbare erfolgt eine Konzentration auf Sprache als „langue“. 5 Diese Existentialitätskrise, ausgedrückt durch Sprachkrise und Ich-Verlust, führt zu einer intensiven Auseinandersetzung mit der Todesthemathik. 6 Schnitzler zeichnet sich dadurch aus, dass er in seinen Werken Stimmungen aufbaut, die auf ästhetische Weise das vermitteln, was die Sprache nicht mehr ausdrücken kann. Sprache dient nicht länger der Kommunikation, da die Worte ihres semantischen Gehaltes entkleidet sind. Sprache und Dichtung sind inhaltslos und nur noch Form. Schnitzler verharrt jedoch nicht in dieser auf Nietzsche basierenden Sprachskepsis. Trotz der Unzulänglichkeit der Sprache, bleibt ihm diese doch das wichtigste menschliche Kommunikationsmittel.
Das Werk Schnitzlers ist von Dualismen geprägt: Tod und Leben, Spiel und Ernst, Traum und Wirklichkeit, Illusion und Desillusion, Verdacht und Enttarnung, Ich und Außenwelt, Wahrheit und Lüge, Maskierung und Demaskierung. Hinter dem Alltäglichen scheint sich etwas Geheimnisvolles, Anderes zu verbergen – die Illusionen in die sich die Menschen flüchten. Diese Illusionen werden von Schnitzler jedoch als solche enttarnt, um hinter die Oberfläche der Figuren zu gelangen. 7 Die Figuren seiner Werke finden
3 Vgl. Abels, 143. „Die Entwicklung einer Sprachphilosophie, ausgehend von „der sprachkritischen Einsicht, daß das Denken nichts sei als Sprache, Sprache aber ein ungeeignetes Werkzeug, die Wirklichkeit zu begreifen oder die sogenannten letzten Fragen in beruhigender, in befriedigender Weise zu beantworten“, rekurrierte weitgehend auf Nietzsches Kritik der Sprache.“ 4 Erschienen 1902 in der Zeitung „Der Tag“.
5 Vgl. Wittgensteins berühmter Satz: „Die Bedeutung des Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache.“ Damit erfolgt eine Konzentration auf die Konformität mit den Regeln der Sprache, was Einfluss auf die Sprechakttheorie und die Pragmatik hatte.
6 Hugo von Hofmannsthal greift in seinen Dramen Der Tor und der Tod, Jedermann u.a. das Motiv des Totentanzes auf und setzt es in einen zeitgenössischen Kontext. Auch im Werk Arthur Schnitzlers ist der Dualismus Tod – Leben präsent.
7 „...es ist immer wieder derselbe Griff, mit dem Schnitzler seinen Menschen die Maske abnimmt. Noch hinter der prächtigsten Verkleidung erspäht er die seelische Armut, die sie verhüllen soll, noch hinter den wortreichsten Ausreden läßt er die stumme Verzweiflung
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Arthur Schnitzler. Das Geheimnis in der Traumnovelle.
sich am Ende häufig desillusioniert. Man kann diese werkimmanente Desillusionierung auch als Kritik an der gekünstelten Wiener Bohème, am l’art pour l’art und am Ästhetizismus betrachten. Schnitzler nimmt den Poseuren und Dandies ihre Masken ab und entlarvt den Schein, hinter dem die Unsicherheit den neuen gesellschaftlichen Entwicklungen gegenüber versteckt ist.
4. Das Geheimnis in der Traumnovelle
Die Traumnovelle 8 thematisiert die gedankliche, im Traum stattfindende
Untreue Albertines sowie die Versuchung ihres Mannes Fridolin, der einer totentanzartigen Geheimgesellschaft beiwohnt. Das Geheimnis steht hier in Zusammenhang mit Maskierung, Totentanz, Traum, Erotik und Tod. Der Titel weist bereits auf die Traumthematik hin, die im Werk Schnitzlers immer wieder aufgegriffen wird. Im Traum offenbaren sich geheime, oft unbewusste Wünsche und Regungen. Schlaf und Traum verleihen dem Gesicht maskenhafte Züge, auch tote Gesichter erscheinen wie Masken. Eine Maske verhüllt das gewohnte Gesicht und zeigt gleichzeitig ein anderes. Dabei kann es auch wieder enthüllen, indem sonst verborgene Aspekte der Persönlichkeit gezeigt werden.
Mehrere Maskenfeste finden innerhalb der Traumnovelle statt. Bereits am
Anfang der Novelle wird von einem Maskenball des Vorabends gesprochen, den Fridolin und Albertine jedoch als ein „enttäuschend banales Maskenspiel“ 9 empfunden haben. Dies ist ein erstes Anzeichen für die Auffassung vom Maskenspiel als geheimnisvoll, erotisch, traumhaft und aufregend – wie das, an dem Fridolin später teilnehmen wird. Dieser erste Maskenball ist jedoch noch zu tief im Alltag verankert und wirkt vielleicht gerade deshalb so unspektakulär, weil Fridolin und Albertine zusammen hingehen. Doch er bildet den Auftakt für die folgenden Ereignisse, die die beiden jeweils allein erleben. Bereits die beiden Dominos, die Fridolin ansprechen erscheinen als geheimnisvoll, da sie Details seiner Jugendzeit kennen. Und als der Ball am folgenden Abend reflektiert wird, ist er vom
aufblitzen, die sie hervortreibt, hinter allem Spiel lauert der Ernst, inmitten des Lebens: das
Tödliche.“ Blume, 66.
8 Erstmals erschienen 1925/26 in der Zeitschrift Die Dame, 53. Jahrgang, 6. bis 12. Heft, Berlin. Erste Buchausgabe: S. Fischer Verlag, Berlin 1926 (= Textvorlage).
9 Traumnovelle (T), 8.
Quote paper:
Dipl.-Kulturwissenschaftlerin Melanie Grundmann, 2003, Arthur Schnitzler - Das Geheimnis in der Traumnovelle, Munich, GRIN Publishing GmbH
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