SCHWEIGEN - MACHT - DANDY III
ABSTRACT ................................................................................................... IV EINLEITUNG .................................................................................................. V SCHWEIGEN ALS LINGUISTISCHES PHÄNOMEN.................................................. VI SCHWEIGEN UND MACHT.............................................................................. VII DANDYSMUS .............................................................................................. VIII SCHWEIGEN UND MACHT BEIM DANDY ............................................................. X DIE FRAGE NACH WEIBLICHEN DANDYS.......................................................... XII „DAS GLÜCK IM VERBRECHEN“ ................................................................. XIV „DIE SPHINX OHNE GEHEIMNIS“ .............................................................. XVIII RESÜMÉE ................................................................................................... XX LITERATURVERZEICHNIS ............................................................................. XXII
SCHWEIGEN - MACHT - DANDY IV
ABSTRACT
It is commonly known that silence can be used as a means of power. Culturally this has always been the case between men and women. Women are either obliged to be silent because men told them to be submissive, or silence is used as punishment within relationships. In this paper I will examine how the cultural phenomenon of the dandy uses silence in order to gain power over people. The dandy is well known to be a silent person. His silence confuses people and provokes feelings of fear and insecurity. These feelings can be taken advantage of in order to direct people into a certain direction. It is a perfect means of manipulation. Speech act theory is the theory of how people act with words and how they influence others. I will analyse whether this theory can be transferred to silence, as well.
The lecture was occupied with the topic of female silence. Hence, I will take a look at two short stories both of which had been written by so-called écrivain-dandies, Oscar Wilde and Barbey d’Aurevilly. These stories feature women as main characters who certainly are dandys themselves. This is quite an uncommon thing because dandys are supposed to be men. I will show what makes these women dandy and how they use silence and thereby receive power.
SCHWEIGEN - MACHT - DANDY V
EINLEITUNG
Der Dandy ist in erster Linie ein schweigsamer Mensch. Dies ruft bei vielen seiner Mitmenschen extreme Verwirrung hervor - besonders in der Salon- und Klubkultur, in der der Dandy erscheint. Gerade in Redekulturen wirkt Schweigen verdächtig und geheimnisvoll. Im Gegenzug ist der Effekt um so größer, wenn der Dandy spricht. Denn auch dann geht es um die Wirkung, die Verblüffung. Kurz, der Dandy ist ein Kunstwerk. Im folgenden soll dargestellt werden, was seine Charakteristika sind. Ein erster Schwerpunkt liegt auf dem Sprach- bzw. Schweigegebrauch des Dandys. Dieser erfüllt einen Zweck und dient dem Erlangen von Macht über andere Menschen. Interessant ist in diesem Rahmen auch die Frage danach, ob sich die Sprechakttheorie auf das Schweigen übertragen lässt. Im zweiten Teil dieser Arbeit werde ich die Ergebnisse des ersten Teils an zwei literarischen Werken festmachen, deren Protagonisten und Autoren Dandys sind bzw. waren. Zum ersten die Kurzgeschichte Das Glück im Verbrechen von J. A. Barbey d’Aurevilly, einem Verehrer Brummels, der das Dandytum lebte und darüber schrieb. Das Glück im Verbrechen ist eine von sechs Kurzgeschichten, die zusammen als Die Teuflischen herausgegeben wurden. All diese Geschichten handeln von Frauen, die dandyhafte Züge tragen und auf ihre Weise unmoralisch, also teuflisch handeln. Zum zweiten Die Sphinx ohne Geheimnis von Oscar Wilde - in der es ebenfalls um eine Frau dandyhaften Charakters geht. Bei der Analyse dieser beiden Kurzgeschichten werde ich der Frage nach der Existenz weiblicher Dandys nachgehen.
SCHWEIGEN - MACHT - DANDY VI
SCHWEIGEN ALS LINGUISTISCHES PHÄNOMEN
Schweigen wurde in der Linguistik lange Zeit lediglich als Abwesenheit von Sprache definiert. Damit wurde ihm im Grunde jegliche Eigenständigkeit abgesprochen. Dass Schweigen Bedeutung tragen kann - und dies meist auch tut - wird spätestens dann deutlich, wenn man sich eines der Axiome Watzlawicks vor Augen führt: „Man kann nicht nicht kommunizieren.“ 1 Schweigen, Gesten und andere nichtsprachliche Ausdrucksformen tragen Bedeutung - umso mehr, wenn sie nicht mit einer sprachlichen Äußerung kombiniert werden.
Wird das Schweigen als Zeichen aufgefasst, so muss es semiotisch analysiert werden können. Semiotik als Lehre von den Zeichen gliedert sich in Syntaktik, Semantik und Pragmatik. Syntaktisch gesehen ist das Schweigen zunächst eine Leerstelle. Wendet man den Zeichenbegriff Saussures an, muss das Schweigen ein signifié (Zeichenträger, Zeichenoberfläche) und ein signifiant (das, worauf das Zeichen verweist) aufweisen. Da keine Lautfolge geäußert wird ist der Zeichenträger beim Schweigen weder seh- noch hörbar und dadurch scheinbar nicht existent. 2 Damit ist der Verweis dieses Zeichens nur schwer zu identifizieren und stark kontextabhängig. Semantisch betrachtet macht dies das Schweigen zu einem so vieldeutigen und missverständlichen Zeichen. Da es kulturell nicht eindeutig codiert ist, ist der Rückschluss auf seinen semantischen Inhalt so schwierig.
Pragmatik muss als Lehre vom Zeichengebrauch bzw. Sprachhandeln untersuchen, welche Reaktionen das Schweigen beim Empfänger hervorruft und mit welcher Intention es gebraucht wird. Hier muss auch die Sprechakttheorie 3 angeführt werden, die auf das Schweigen übertragbar ist. Ein Sprechakt besteht aus vier Teilakten. Die Lokution (Äußerung von Lauten) und die Perlokution (Aussage über die Welt) entfallen beim
1 Watzlawick et al., S. 51.
2 Scheinbar, weil es eine Zeichenoberfläche geben muss, sonst wäre es kein Zeichen. Demzufolge werde ich die Zeichenoberfläche im folgenden als _immateriell_ bezeichnen.
3 Die Sprechakttheorie wurde 1955 von John L. Austin eingeführt. Sein Schüler John R. Searle erweiterte sie.
SCHWEIGEN - MACHT - DANDY VII
Schweigen, da es keine hörbare Äußerung gibt. Jedoch hat das Schweigen illokutive und perlokutive Funktionen. Die Illokution ist die oben angesprochene Intention der schweigenden Person, die Perlokution die gewünschte Reaktion des Empfängers.
SCHWEIGEN UND MACHT
In Schweigekulturen ist Schweigen wenig als Machtmittel geeignet, da es akzeptiert ist und in der Regel nicht intentional gebraucht wird. Es ist in syntaktischer Hinsicht Teil der Rede. Tritt das Schweigen jedoch in einer Situation auf, in der es eine Person A als unangenehm empfindet und Person B das Schweigen ungestört akzeptiert, so gerät letztere - gewollt oder ungewollt - in eine Machtposition. Denn das Schweigen ruft in A Verwirrung, Angst, Panik oder Verzweiflung hervor. A sucht einen Grund für das Schweigen von B. Hier kommt das Problem der immateriellen Zeichenoberfläche zum Tragen, denn A kann nicht erkennen, worauf das Schweigen verweist oder was es bedeutet. Die Folge ist, dass A Verdacht schöpft und vermutet, dass hinter dem Schweigen ein Geheimnis steckt. 4 Dieses Phänomen wird am Dandy noch dargestellt werden. Dass Schweigen Macht verleiht ist bereits seit Jahrtausenden in der Religion erkennbar. Der Dialog mit Gott ist in vielen Religionen nur durch Schweigen zu erreichen. Das ideale Beispiel sind Gläubige, zu denen Gott gesprochen hat und die dadurch wiederum selbst Macht verliehen bekommen. Denn Gott schweigt in jeder Religion, dies ist seine Machtbasis. Bricht Gott aber sein Schweigen einem seiner Anhänger gegenüber, so ist dieser ein Auserwählter. Gerade das verdeutlicht die immense Machtposition Gottes.
Es gibt noch zahlreiche weitere Belege für den Zusammenhang von Schweigen und Macht, wie z.B. Schweigen gegenüber Untertanen oder in einer Beziehung. Dies soll aber zur Illustration des Themas reichen.
4 Der Begriff des medienontologischen Verdachts von Boris Groys, demzufolge hinter jeder Zeichenoberfläche etwas Geheimes/Verborgenes vermutet wird, lässt sich auch auf das Schweigen anwenden.
Arbeit zitieren:
Dipl.-Kulturwissenschaftlerin Melanie Grundmann, 2003, Schweigen - Macht - Dandy, München, GRIN Verlag GmbH
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