Das volkstümliche deutsche Wiegenlied - Eine semiotische Analyse - 2 -
INHALT
1 Einleitung 3
2 Das Wiegenlied als besondere Form des Kinderreims in der Kategorie
des Volksliedes 4
3 Rhythmus, Metrik und Reim 6
4 Analyse 6
4.1 Semiotische Analyse 6
4.1.1 Syntaktische Betrachtung. 7
4.1.2 Semantische Betrachtung 12
4.1.3 Pragmatische Betrachtung 19
4.2 Wiegenlied als Vortrag 23
4.2.1 Syntaktische Betrachtung. 23
4.2.2 Semantische Betrachtung 23
4.2.3 Pragmatische Betrachtung 24
5 Schluss: Die Funktionsvielfalt des Wiegenliedes 25
Abstract : The Traditional German Lullaby: A Semiotic Analysis. 27
Literaturverzeichnis 29
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1EINLEITUNG
Es gibt drei bewährte Mittel, unruhige Säuglinge zu besänftigen: Das Stillen, das Wiegen und das Vorsingen von Wiegenliedern. Mit letzteren beschäftigt sich die vorliegende Arbeit.
Der Rhythmus des Wiegenliedes schafft Geborgenheit, die Geborgenheit verschafft Beruhigung. Das Wiegen in den Armen der Mutter, das rhythmische Tragen auf dem Rücken, die Bewegung der Wiege - dies alles erinnert an die Bewegungen und Körperschwingungen, die das Kind im Mutterleib erfuhr.
Diese Arbeit ist in erster Hinsicht eine semiotische Analyse des volkstümlichen deutschen Wiegenliedes. Die Kunstwiegenlieder habe ich ausgeklammert, da sie von Berufsliteraten - zumeist Männerngeschrieben wurden, so dass diese der ursprünglichen Funktion des Wiegenliedes entbehren. Das Volkswiegenlied ist schließlich ein Situationslied, das spontan entstanden ist und immer wieder variiert wurde.
Wiegenlieder wurden meist auf ihre musikalischen Strukturen hin untersucht. 1 Musikwissenschaftliche Analysen tendieren ohnehin dazu, sprachliche Aspekte zu vernachlässigen. Nun ist das Wiegenlied jedoch dadurch gekennzeichnet, dass die Melodie im Vordergrund steht und der Text nur eine sekundäre Rolle spielt. Gerade deshalb ist eine linguistische Analyse außerordentlich interessant und notwendig. Es gilt herauszufinden, ob die Texte lediglich aus lose aneinandergereihten Wörtern oder sogar Lauten bestehen oder ob es sinnvolle Strukturen gibt
- in syntaktischer, semantischer und pragmatischer Hinsicht. Es gibt unzählige Sammlungen, jedoch nur wenige wissenschaftliche Untersuchungen von Wiegenliedern. Zu den wenigen Wissenschaftlern, die sich mit diesem Phänomen beschäftigen, gehört Emily Gerstner-Hirzel. Sie legte eine Sammlung der Texte mit einer sprachwissenschaftlichen Analyse vor, die jedoch eine ungeordnete Herangehensweise aufzeigt. Auch Ernst Meier untersuchte Wiegenlieder in linguistischer Hinsicht, beschränkte sich dabei jedoch auf die Syntaktik. Diese bildet den ersten
1 z.B. von Vladimir Karbusicky. Vgl: Karbusicky, Vladimir: Kosmos - Mensch - Musik. S. 320ff.
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Teilmeiner semiotischen Analyse. Ich gehe dabei von den kleinsten Einheiten zu den größeren, angefangen bei den Phonemen über Morpheme und Lexeme bis zum Satzbau. Die semantische Analyse befasst sich mit den für das Wiegenlied sehr charakteristischen Interpolationen bzw. Schallwörtern. Des weiteren erfolgt eine Analyse der Topoi und Figuren, die diesem Genre immanent sind. Welche Funktionen Wiegenlieder sowohl aus der Sicht der Mutter wie auch aus der des Kindes erfüllen, damit beschäftige ich mich in der pragmatischen Untersuchung. Innerhalb dieser Betrachtung bildet die Sprechakttheorie einen zweiten Schwerpunkt. Meine Theorie ist, dass Wiegenlieder auch als Sprechakte angesehen werden können. Demzufolge habe ich dieses Genre sprechakttheoretisch analysiert.
Trotz der primär linguistischen Untersuchung werde ich auch auf den musikalischen Aufbau der Wiegenlieder eingehen. Ich kann diesen Bereich jedoch nur streifen, da dies keine musikwissenschaftliche Analyse ist. Zudem würde dies sowohl den inhaltlichen Rahmen als auch den Umfang dieser Hausarbeit übersteigen. Da die musikalischen Charakteristika des Wiegenliedes diese Gattung jedoch erst konstituieren, kann und will ich diesen Bereich nicht unerwähnt lassen.
2 DAS WIEGENLIED ALS BESONDERE FORM DES KINDERREIMS IN DER KATEGORIE DES VOLKSLIEDES
Der Begriff des Volksliedes wurde 1773 von Johann Gottfried von Herder geprägt, wenngleich dessen Existenz in verschiedensten Kulturkreisen schon seit Jahrtausenden belegt ist. Herder definiert sie als „die bedeutendsten Grundgesänge einer Nation, in denen sich ethnische Eigenheiten der Menschen in Phantasie und Leidenschaft verkünden.“ 2 Volkslieder sind Dokumente gesellschaftlicher und moralischer Werteinstellungen. Das Volkslied unterscheidet sich von anderen Poesieformen durch sein Alter und seine Langlebigkeit, die zunächst
2 Vgl. Schweikle, Günther u. Irmgard (Hgg.): Metzler-Literatur-Lexikon: Begriffe und Definitionen. S. 492.
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mündlicheÜberlieferung 3 und die daraus resultierende Veränderlichkeit des Textes, die Anonymität des Autors, der spontane Gebrauch innerhalb bestimmter Situationen sowie durch die Gebundenheit an spezifische Gruppen und Gemeinschaften. Charakteristische Merkmale des Volksliedes sind die Mischung von Stilelementen, eine bruchstückhafte Ereigniswiedergabe, die Vernachlässigung von Logik und Informationsgenauigkeit, Anspielungscharakter sowie die Existenz formelhafter Elemente in Text und Melodie, die als Grundbausteine fungieren. Der lose und uneinheitliche Aufbau wird durch die Vermittlung einer stimmungsmäßigen Einheit kompensiert. Die Gruppierung der Volkslieder erfolgt nach textlich-inhaltlichen Aspekten: Volksballaden, politische Lieder, Brauchtumslieder, Liebeslieder, Scherz- und Spottlieder, Arbeitslieder, Kinderlieder etc.
Unter dem Einfluss der Sammlung des Wunderhorns erlebte die Kinderliedforschung im 19. Jahrhundert ihren Höhepunkt. Volkskinderlieder entstehen in der Regel spontan aus einem bestimmten Anlass heraus. Hauptcharakteristikum des Kinderliedes ist die Dominanz der Form bei gleichzeitiger Vernachlässigung des inhaltlichen Sinns. Unter denen nicht von sondern für Kinder geschaffenen Liedern nimmt das Wiegenlied den größten Platz ein. Es steht vielen anderen Kinderliedgattungen nahe, so dem Abendgebet, dem Kose-, Trost- und Zuchtreim, dem Kniereiter- und Schaukellied, dem Abzählreim etc. Durch diese zahlreichen Verwandtschaftsbeziehungen ist ein Austausch von Elementen und Funktionen erfolgt. Das deutsche Wiegenlied hatte seine Blüte im 14. und 15. Jahrhundert. Die enge Verbindung zum Weihnachtslied liegt im Spätmittelalter begründet. Das kirchliche Kindelwiegen zu Weihnachten ließ das Weihnachtslied Wiegenliedzüge annehmen. Von diesen Krippengesängen ließ sich das Volk wiederum zu neuen Wiegenliedern inspirieren. Seit dem 16. Jahrhundert hat dann auch die Kunstdichtung zu einer Vermehrung an Wiegenliedern beigetragen. Wenngleich Kunst- und Volkswiegenlied bisweilen sehr große Unterschiede aufweisen, haben sie sich doch immer gegenseitig
3 Die schriftliche Überlieferung von Volksliedern begann im Spätmittelalter in handschriftlichen und später auch gedruckten Liederbüchern.
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beeinflusst.Das Volkswiegenlied zeichnet sich durch einen beruhigenden Rhythmus und scheinbar sinnlose Lautmalereien aus.
3 RHYTHMUS, METRIK UND REIM
Die formale Gestaltung des Wiegenliedes ist simpel. Es herrschen einfachste Versmaße vor, Hebungen und Senkungen wechseln willkürlich. Lediglich die Leitzeile weist einen typischen Bau auf, da sie den Kraftaufwand widerspiegelt, der notwendig ist, um die Wiege in Bewegung zu setzen. Dies kann auf verschiedene Weise erfolgen: Einerseits mit Senkungsausfall: x x x x (x) wie in Slap, Kinning, slap, andererseits ohne Senkungsausfall: x x x x x (x) wie in Suse, leewe suse oder auch die dreisilbige Länge x x x (x) wie in Ruur, rier, rann. Auffällig ist, dass ein Strophenauftakt kaum vorkommt. Allen folgenden Zeilen fehlt ein fester Rhythmus. Dieses rhythmische Durcheinander erstaunt angesichts der rhythmischen Schaukelbewegung der Wiege. Erklären lässt sich diese Unstimmigkeit dadurch, dass das Wiegen und Stillen Tätigkeiten sind, die Mutter und Kind sehr eng aneinander binden. Einige Wissenschaftler 4 halten dies sogar für eine Rückversetzung in die pränatale Situation, so dass die Mutter das Kind beim Wiegen wie in der Schwangerschaft im Leib erlebt. Schließlich sind alle Eindrücke und Empfindungen in dieser Zeit ebenso arhythmetrisch.
Die Reime sind zumeist paarig. Andere Reimarten treten kaum auf. Es gibt viele reine Reime, aber auch Assonanzen treten häufig auf. Der Kadenzwechsel trägt zur metrischen Auflockerung bei.
4. ANALYSE
4.1 SEMIOTISCHE ANALYSE
Die Semiotik untersucht die Eigenschaften und Gesetzmäßigkeiten von Zeichensystemen. Eine semiotische Analyse erfolgt auf drei Ebenen: Der
4 So z.B. Karbusicky, Vladimir: Kosmos - Mensch - Musik. Strukturalistische Anthropologie des Musikalischen. S. 329.
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syntaktischen,der semantischen und der pragmatischen. Die Syntaktik ist traditionell der Teilbereich der Linguistik, der die Anordnung und Beziehung von Zeichen untersucht. Die Semantik befasst sich mit der Beschreibung und Analyse der wörtlichen Bedeutung von Ausdrücken. Die Pragmatik untersucht die kommunikativen Absichten, auf die ein Sprecher zielt.
In ihrer modernen Form wurde die Semiotik von Charles S. Peirce begründet. Peirce betont den funktionalen und relationalen Charakter des Zeichens. Er schuf den Terminus des semiotischen Dreiecks, das auf den Dreierbezug zwischen Objekt, Zeichen und dem Interpreten verweist. Ein Zeichen referiert demzufolge nicht von selbst auf etwas 5 , sondern benötigt dafür einen Interpreten. Dadurch entsteht eine unendliche Anzahl an möglichen Interpretationen. Das Zeichen wird von Peirce in drei Klassen unterteilt: Ikon, Index und Symbol. Ikonische Zeichen stehen in unmittelbarer Beziehung zum Objekt, indem sie dieses abbildhaft imitieren. Indexikalische Zeichen weisen eine kausale Beziehung zum Objekt auf und fungieren dabei als Anzeichen. Bei symbolischen Zeichen beruht die Beziehung zum Bezeichneten schließlich auf Konvention.
4.1.1 SYNTAKTISCHE BETRACHTUNG
Auf phonetischer Ebene lässt sich feststellen, dass mehr Konsonanten als Vokale auftauchen. Allein bei dem Typus 6 Schlaf Kindchen schlaf kommen auf jeden Vokal zwei oder mehr Konsonanten. 7 Lieder wirken im allgemeinen harmonischer, wenn die Anzahl der Vokale die der Konsonanten übertrifft. Die volkstümlichen Wiegenlieder wurden jedoch nicht von Lyrikern geschrieben, sondern sind im Volk entstanden, das derartigen stilistischen Elementen kaum Beachtung schenkte. Stimmhafte Konsonanten wie b, d, g, w, s und j treten häufiger auf als stimmlose wie
5 Die Auffassung, dass ein Zeichen etwas ist, das für etwas anderes steht, geht auf Aristoteles zurück. Diese sogenannte Stellvertreterfunktion ist jedoch unzureichend, da es eine Unzahl an Zeichen gibt, deren Verweis auf das Bezeichnete erst durch einen Interpreten hergestellt werden kann.
6 Im Laufe der Entwicklung kam es zur Herausbildung spezifischer Typusformen, wie z.B. die Schlaf Kindchen schlaf-Reime, die Lämmerreime und die Buko von Halberstadt- Reime.Diese Elemente sind Grundbausteine vieler Wiegenlieder, so dass es unzählige Variationen dieser Typusformen gibt.
7 Meier, Ernst: Stil- und Klangstudien zum Wiegenlied. S. 14.
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p , t , k und s, diedie Sprechmelodie unterbrechen. Genäselte Konsonanten wie m, n und l lassen Lieder weicher und harmonischer klingen, besonders wenn sie zwischen zwei Vokalen stehen und sich nicht mit anderen Konsonanten verbinden wie in Lämmerlein und Himmel.
Was die morphologische Ebene betrifft, so weisen Lieder im allgemeinen mehr Pausen auf, je mehr einsilbige Wörter auftreten. In diesen Pausen bricht die Sprechmelodie abrupt ab, so dass die Klangharmonie gestört ist. Mehrsilbige Wörter verringern die Anzahl der Pausen und führen zu einer glatten und fließenden Sprache. Bei den volkstümlichen Wiegenliedern überwiegen einsilbige Wörter. Die daraus resultierende ungleichmäßige Melodie wird jedoch durch zahlreiche Komposita und die Art ihrer Zusammensetzung ausgeglichen, wie z.B. Kindchen, Äuglein oder Suse. Nomen, Verben sowie Begleiter (Artikel, Pronomen) sind die Wortarten, die im Wiegenlied am häufigsten auftauchen. Partikel treten zum Großteil in der Form von Schallwörtern und deiktischen Ausdrücken auf. Selten sind Adjektive zu finden, was wiederum auf die simple Struktur der Wiegenlieder verweist, die auf dekorative Ausdrücke und stilistische Feinheiten weitgehend verzichten.
Bei der Wortwahl überwiegen zudem Konkreta wie Wiege, Kind und Lämmchen. Abstrakta wie z. B. Unglück treten kaum auf. Es gibt drei Lexemverbände, die immer wieder in Wiegenliedern auftauchen. Der erste Lexemverband umfasst das Wort Wiege in allen Variationen (wiegen, gewogen, etc.), der zweite das Wort Schlaf (inklusive Abwandlungen wie schlafen, schläfst, schlaf, etc.) und schließlich der Lexemverband des Wortes Kind (Kinder, Kindchen, Kindlein, etc.) Komposita treten im Wiegenlied häufig auf. Einerseits als Zusammensetzung zweier freier, lexikalischer Morpheme wie Dicksack. Dieses Phänomen findet sich in der Regel am Ende eines Verses. Noch häufiger treten jedoch Diminutive auf, also die Kopplung eines freien, lexikalischen Morphems mit einem gebunden, grammatischen wie z. B. Kindchen. Diminutive sind meist Substantive, die mit einem Suffix verbunden werden. Die Bedeutung des Wortstammes wird dabei verringert, so dass der Diminutiv auch als Verniedlichungs- bzw.
Arbeit zitieren:
Dipl.-Kulturwissenschaftlerin Melanie Grundmann, 2001, Das volkstümliche deutsche Wiegenlied. Eine semiotische Analyse, München, GRIN Verlag GmbH
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