Linguistische Kommunikations- und Medienforschung
Die Pragmatik des Schweigens bei Hugo von Hofmannshal und ihre
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1. EINLEITUNG. 3
2. FORSCHUNGSSTAND 7
3. SCHWEIGEN ALS LINGUISTISCHES PHÄNOMEN. 10
3.1. SCHWEIGEN ALS ZEICHEN. 10
3.2. SCHWEIGEN SEMIOTISCH. 12
3.3. SCHWEIGEN ALS INDIREKTER SPRECHAKT 14
3.4. KOMMUNIKATIONSSYSTEM DES SCHWEIGENS. 15
3.5. RHETORIK DES SCHWEIGENS. 18
4. SPRACHKRISE IN DER MODERNE 21
4.1. URSACHEN 21
4.2. NEUE WAHRNEHMUNGSWEISE DES ÄSTHETIZISMUS IN FRANKREICH UND
ENGLAND 25
4.3. DEUTSCHLAN:D WAGNER, NIETZSCHE 30
4.4. PHILOSOPHIE ALS SPRACHKRITIK. 32
4.5. MYSTIK/UNSAGBARKEITSTOPOS 36
4.6. DIE ÄSTHETIZISTISCHE BEWEGUNG IN WIEN 40
5. HOFMANNSTHAL. 46
5.1. DAS FRÜHWERK: TEIL UND FRÜHE ABGRENZUNG VOM ÄSTHETIZISMUS. 46
5.2. DIE HINWENDUNG ZUM LEBEN 65
5.2.1. DER BRIEF DES LORD CHANDOS 65
5.2.2. DIE BRIEFE DES ZURÜCKGEKEHRTEN. 75
5.3. DAS SPÄTWERK 82
5.3.1. DER SCHWIERIGE 82
5.3.2. DER TURM 91
5.3.3. DIE VIELFÄLTIGEN FUNKTIONEN DES SCHWEIGENS IM SPÄTWERK 94
6. RESUMÉ. 96
ABSTRACT 101
BIBLIOGRAPHIE. 102
ANHANG 112
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1. EINLEITUNG
Madonna behandelt hier eine Problematik, mit der sich 100 Jahre zuvor bereits Hugo von Hofmannsthal auseinandersetzte. Das Unbewusste erscheint als ein Bereich, in dem Worte nicht notwendig, eventuell überhaupt nicht möglich sind. Die Dichtergeneration um Hofmannsthal flüchtete angesichts der Veränderungen der aufkommenden Moderne in die Kunst, den Traum, das Irrationale. Das Fremde und Unbekannte wirkte zunächst bedrohlich. Auch die Sprache wird als entwertet wahrgenommen. Sie erscheint instrumentalisiert, manipulierbar, beliebig einsetzbar und ihrer einstigen Magie beraubt.
100 Jahre später erscheint die Moderne um ein Vielfaches differenzierter. Die Entwicklung der modernen Gesellschaft, setzte damals ein und wurde bereits von Hofmannsthal und seinen Zeitgenossen kritisch und angstvoll analysiert und betrachtet. Auf die Jahrhundertwende folgte nun die Jahrtausendwende. Der Mensch wird um 1900 zum Medienkonsumenten, um 2000 durch das Internet und neue Fernsehformate zusätzlich zum Medienproduzenten. Auf das Aufkommen der Massenmedien folgt ein Jahrhundert später die vielfältige Ausdifferenzierung. Heute gibt es eine große Fülle an Ausdrucksmöglichkeiten, viele Ressourcen der Informationsbeschaffung und eine Unmenge an Diskursen. Es gilt zu selektieren, sonst droht Reizüberflutung. Die letzte radikale Möglichkeit mag der Rückzug ins Schweigen sein: absolute Verweigerung der Kommunikation, wie im oben angeführten Zitat, gepaart mit einem
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Rückzug ins Unbewusste. Jedoch zeigt die Geschichte des Ästhetizismus, dass ein derartiger Rückzug schon damals nicht möglich war. Hofmannsthal erkannte diese Sackgasse frühzeitig, wendet sich vom Ästhetizismus ab und dem Leben zu. Das Schweigen, ein wichtiges Element seiner Dichtung, verliert an Bedeutung und wird funktional gewendet. Es wird Mittel der Kritik an der Gesellschaft. Inwieweit ist das heute noch möglich in einer Gesellschaft, die an Kommunikation zu ersticken droht? Schweigen scheint latent negativ konnotiert zu sein: Schweigen und Nicht-Handeln gelten oft als duldende Zustimmung, Gewaltopfern wird geraten ihr Schweigen zu brechen, um so ihr Leid zu mindern. Damit wird Schweigen aber Schmerz, Gewalt und Unterdrückung zugeordnet. Ein glücklicher Mensch hat scheinbar keinen Grund zu schweigen, jedenfalls nicht in unserer Gesellschaft, in der Kommunikation eine so große Rolle spielt. Auch das Verschweigen gilt als taktische Klugheit, sowohl um den individuellen Aufstieg in Karriere und Gesellschaft zu erleichtern, als auch in der Wirtschaft, um den Konsum anzukurbeln, sowie in der Politik, um Entscheidungen zu legitimieren. Wie kann man angesichts des Geschehens in der Welt überhaupt noch schweigen? Menschen mit politischem, gesellschaftlichem und kulturellem Bewusstsein suchen die öffentliche Diskussion und Konfrontation. Es muss auf die Probleme der Welt hingewiesen werden, sie wollen diskutiert und gelöst werden. Im Zeitalter der Massenmedien und der Globalisierung tritt ein enormes Maß an Wissen ins Bewusstsein, das einfach nicht negiert werden kann. Schweigen und Verschweigen gilt, besonders in Deutschland nach den Erlebnissen des Nationalsozialismus, als Sichschuldig-machen. Wir wissen heute um die Gefahren der Manipulation mit Sprache und weisen darauf hin, wenn wir es erkennen. Trotzdem gibt es die Tendenz zum Schweigen. Genau genommen schweigt jeder von uns und das ständig. Das heutige Wissen ist in eine Unmenge von Diskursen unterteilt. Die Informationsflut zwingt zur Selektion, d.h. jeder Mensch entwickelt eine Vorliebe für bestimmte Wissensgebiete, in denen man sich spezialisiert. Dies beginnt bereits bei der Wahl der Ausbildung beziehungsweise des Studiums. Niemand kann heute mehr alles wissen. Der Bildungsbürger aus der Generation
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Hofmannsthals ist passé. Das Wissen auf Spezialgebieten zwingt jedoch in zahlreichen anderen Diskursen zum Schweigen. Die Gesellschaft spezialisiert sich in immer ausgeprägtere Subsysteme. Damit werden die Menschen aber auch zum Kommunikationsaustausch gezwungen. Es entstehen Netzwerke und Kooperationen. Wer sich für das Schweigen entscheidet, entzieht sich der Kommunikation und damit dem Fortschritt. Eine asketische Lebensweise führt nicht nur in unserer Gesellschaft schnell zu Entfremdung und Isolation. Schweigen ist nur noch in kurzen Phasen möglich, wird dann aber auch gezielt gesucht. Im Zuge des Wellness-Trends gibt es zahlreiche Oasen der Stille: Meditation, Chillout-Zonen, Traumlandschaften. Schweigen ist heute wie damals ideal, um das Leben zu fliehen und zur Ruhe zu kommen - wenigstens für einen Moment. Ein Totalausstieg ist nicht möglich, denn unsere Gesellschaft basiert mehr denn je auf Kommunikation.
Die vorliegende Arbeit konzentriert sich auf einen Punkt am Anfang dieses Prozesses der modernen Sprachverwirrung und setzt sich mit dem literarischen Schweigen des österreichischen Dichters Hugo von Hofmannsthal auseinander. Hofmannsthal ist einer der Autoren des Jung-Wien, die um 1900 angesichts zahlreicher gesellschaftlicher Veränderungen das Schweigen zu einem zentralen Element ihrer Dichtung erhoben. Höller betont, dass Sprachlosigkeit „in der späteren österreichischen Literatur durchaus identisch mit einer ohnmächtigen Haltung gegenüber der neuen Zeit und dem geschichtlichen Fortschritt“ (Höller, 40f.) wird. Dies lässt bereits erkennen, dass eine Untersuchung der Bedeutung des Schweigens auch die Person Hofmannsthals und deren Umfeld, also den kulturellen Kontext, beinhalten muss. Es soll im folgenden untersucht werden welche Ursachen für diese Entwicklung heranzuziehen sind, wie sich das Verhältnis zur Sprache verändert, welche Rolle dem Schweigen dabei zugewiesen wird und wie sich dies konkret in der Literatur Hofmannsthals niederschlägt. Dazu muss zunächst geklärt werden, unter welchen Umständen das Schweigen kommunikative Funktionen gewinnt. Dies ist nur in einem pragmatischen Rahmen möglich, innerhalb dessen die außersprachlichen Kontexte analysiert werden, auf die das Schweigen referiert. Nach Klärung dieses
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theoretischen Rahmens gilt es, die historischen Entstehungsbedingungen des Schweigens innerhalb der Literatur und Philosophie aufzuzeigen, das zum ersten Mal in der Romantik eine entscheidende Rolle spielt. Das Schweigen, das hier zunächst als Kunstelement auftaucht, gewinnt dabei eine gesellschaftskritische Funktion, die in der ästhetizistischen Kultur verstärkt zutage tritt. Grundlegend sind dabei die kunstphilosophischen Theorien von Richard Wagner und Friedrich Nietzsche, die der Kunst ihre ursprünglich mythische Funktion zurückgeben wollten. Wagner beabsichtigte in suggestiver Manier das Unsagbare hervorzubringen und beeinflusste die französische symbolistische Bewegung entscheidend, die wiederum auf die Generation Hofmannsthals wirkte. Auch die Philosophen Fritz Mauthner und Ludwig Wittgenstein setzten sich eingehend mit dem Schweigen und, damit zusammenhängend, einer modernen Sprachkritik auseinander, die - wie herausgearbeitet werden soll - mit einer Krise der Wahrnehmung beziehungsweise der Erkenntnis zusammenhängt. Dieses Ineinandergreifen von Philosophie und Literatur bedingt eine Analyse die nicht allein linguistisch und literaturwissenschaftlich vorgeht, sondern vielmehr einen komplexen kulturwissenschaftlichen Ansatz hat, also auch kulturgeschichtliche, gesellschaftliche und sprachphilosophische Aspekte berücksichtigt.
Hofmannsthals Dichtung ist von einem grundsätzlichen, ambivalenten Verhältnis zur Sprache gekennzeichnet. Sprachvertrauen und einem mystischen Glauben an magische Funktionen von Sprache steht ein massiver Vertrauensverlust in die Alltagssprache gegenüber, der die Verwendung alternativer Ausdrucksformen und den Rückzug ins Schweigen bedingt. Es soll gezeigt werden, dass Hofmannsthal dem Schweigen durchaus positive Bedeutungen zuspricht. Dies steht mit der mystischen Lebensauffassung Hofmannsthals in engem Zusammenhang, die letztlich dem Schweigen vor einem ewig erfolglosen sprachlichen Umkreisen des Unsagbaren den Vorzug gibt. Bei der Analyse des Hofmannsthalschen Werks wird dieses in verschiedene Epochen unterschieden. Auf das mystisch geprägte Frühwerk, das beispielhaft an ausgewählten Gedichten sowie der Erzählung Das Märchen der 672. Nacht untersucht werden soll, folgt eine Krise der Erkenntnis. Diese tritt
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nicht plötzlich auf. Vielmehr ist sie latent immer vorhanden, doch erst mit zunehmender Welt- und Lebenserfahrung wird sie kontrollierbar. Der Chandos-Brief sowie die Briefe des Zurückgekehrten zeigen diese Bewusstwerdung und die damit möglich werdende Bewältigung der Krise in konträr angelegter Struktur. Hofmannsthal gelangt schließlich zu einer Dichtung, die ihn vom Irrealen und Unbewussten entfernt. Fortan dominiert das soziale Element: die Menschen und ihre Taten. Dies zeigt sich an der Hinwendung zum Drama, das hier anhand der Turm-Dichtung und der Komödie Der Schwierige analysiert wird. Unter diesen veränderten Bedingungen muss auch die Verwendung und Bedeutung des Schweigens neu analysiert werden. Es lässt sich vermuten, dass dem Schweigen im Spätwerk Hofmannsthals mit der Abkehr von der Mystik ein zentraler pragmatischer Kontext verloren geht. Gleichzeitig dürften in der Hinwendung auf zwischenmenschliche Kommunikation neue Wirkungsbereiche entstehen.
2. FORSCHUNGSSTAND
Eine umfassende Untersuchung des Schweigens im Werke Hugo von Hofmannsthals gibt es bislang nicht. Dagegen sind die wissenschaftlichen Arbeiten die sich mit der Sprachproblematik, der Sprachkrise oder dem Sprachvertrauen Hugo von Hofmannsthals beschäftigen zahlreich. 1 Die bislang einzige Arbeit die sich etwas allgemeiner mit dem Schweigen bei Hofmannsthal auseinandersetzt ist der Aufsatz Die Sprache des Schweigens bei Hofmannsthal von Ernst Osterkamp. Eine Analyse des Schweigens sollte sich ihm zufolge auf das Frühwerk konzentrieren, da das Schweigen als „künstlerische Ausdrucksform“ (Osterkamp, 114) nach dem Chandos-Brief zurücktrete. Osterkamp deutet bereits den Zusammenhang des Schweigens mit der Mystik an, denn Hofmannsthal stehe zwischen der Intensität des Lebens, das sich ihm schweigend offenbart und der Erkenntnis, dass Sprache diese Augenblickserkenntnisse nicht adäquat auszudrücken vermag, also ihrerseits ein Schweigen provoziert. Osterkamp betont die Funktion des
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Chandos-Briefes als Schlüsseltext, da das Schweigen hinter vollendeter Sprachbeherrschung versteckt sei und erst so seine kommunikative Funktion gewinne, auf die Krise einer ganzen Generation aufmerksam zu machen. Er weist zudem auf die mit dem Brief erfolgte Abkehr Hofmannsthals vom als zwecklos erkannten Ausdrucksversuch des Unsagbaren hin. In den Werken nach dem Chandos-Brief verliert das Schweigen in Hofmannsthals Dichtung Osterkamp zufolge an Dominanz, eine These die im folgenden näher zu untersuchen sein wird. Es ist richtig, dass Gebärde, Musik und Tanz als aussagekräftigere Ausdrucksformen angewandt werden wo zuvor nur ein sprachloses Erkennen einsetzte. Doch in der Umorientierung auf Rede als sozialem Element steht Hofmannsthal weiter unentschieden zwischen dem Vertrauen in Sprache und akutem Sprachzweifel. Die wenigen weiteren Arbeiten, die sich explizit mit dem Schweigen bei Hofmannsthal beschäftigen, beschränken sich auf den Chandos-Brief. Christian L. Hart-Nibbrig definiert in Die Rhetorik des Schweigens Schweigen als den Schatten literarischer Rede. Die Worte verweisen demzufolge immer auf ein Nicht-Gesagtes, das Rückschlüsse auf die jeweiligen kulturellen Kodes und Tabus ermöglicht. Damit gewinne das Schweigen öffentlichen Charakter und wird zur aufklärerischen, kritisierenden und entlarvenden Mitteilungsform. Auch das Schweigen Chandos’ dient der Mitteilung. Es wird, in dem Moment wo die Sprache versagt, rhetorisch verwendet um auf die Ursachen und den Zustand einer Sprachkrise hinzuweisen.
Andreas Härter definiert die Rede Chandos’ in Der Anstand des Schweigens zunächst als Rollenrede, die nur dazu diene, die Sprachlosigkeit zu verstecken. Da jedes Reden auf Konventionen basiert, womit individuelles Sprechen unmöglich wird, ziehe sich Chandos in ein melancholisches Schweigen zurück. Hinzu komme die Erkenntnis, dass die spontanen Augenblickserlebnisse sprachlich nicht zu fassen sind. Die Sprache würde das empfundene Gefühl der Ganzheit notwendig zergliedern, so dass hier letztlich von einem Anstand des Schweigens bei Chandos gesprochen werden kann. Auch Busch/Schmidt-Bergmann bezeichnen den Brief in Der Gestus des Verstummens - Hugo von
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Hofmannsthals Chandos-Brief als Schlüsseltext, der die skeptische Haltung der Wiener Ästheten der Sprache gegenüber dokumentiert. Sie stellen das Schweigen in den sprach- und erkenntnisphilosophischen Kontext von Fritz Mauthner und Ernst Mach. Auf das Zusammenspiel von Erkenntniskrise und einem Vertrauensverlust in die Sprache weist auch Franz Kuna in The Expense of Silence. Sincerity and Strategy in Hofmannsthal’s Chandos Letter hin. Er verweist dabei auf Wittgenstein. Die Bedeutung des Schweigens wurde bislang nicht deutlich genug analysiert. Dem nähern sich die Arbeiten zur Bedeutung der außersprachlichen Mittel bei Hofmannsthal bereits konkreter an. Martin Schäfer untersucht in Die Kunst der außersprachlichen sogenannten „mimischen“ Mittel in Spätwerk Hofmannsthals die Funktion und Bedeutung von Mimik, Gestik und Bühnenbild. Sprache gilt dabei lediglich als ein Ausdrucksmittel unter anderen Formen der Darstellung, denen letztlich mehr Bedeutung zukommt, da sich das Eigentliche nur im Bildhaften zeigt. Auch Wolfram Mauser weist in Bild und Gebärde in der Sprache Hofmannsthals auf die enorme Bedeutung der Gebärde im Werk Hofmannsthals hin, in der sich das Wesen eines Menschen erst vollständig enthüllen kann. Die Gebärde ist als außersprachliches Stilelement dem bildhaften Sprechen überlegen, das im Hofmannsthalschen Werk beständig mit der Begriffssprache kontrastiert. Schließlich untersucht Lothar Wittmann in Sprachthematik und dramatische Form im Werke Hofmannsthals die metakommunikativen Aspekte der beständigen Sprachkritik und Redenot der Figuren. Die Arbeit ist in der Hinsicht sehr interessant als sie die dichterische Entwicklung Hofmannsthals hinsichtlich seiner Auffassung und Darstellung der Funktion und Kraft von Sprache angesichts verschiedener Zustände der Welt darstellt.
Was also fehlt ist eine umfassende Untersuchung der Bedeutung des Schweigens im Werk Hofmannsthals. In der vorliegenden Arbeit sollen durch die Analyse verschiedener repräsentativer Werke Hofmannsthals Wege und Richtungen für ein derartiges Unternehmen aufgezeigt werden. Eine erschöpfende Erforschung ist an dieser Stelle aufgrund der notwendigen Einschränkung leider nicht möglich. Komplett wegfallen
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muss hier eine Analyse der Operndichtungen Hofmannsthals, die dem Schweigen in den Bereichen Musik und Tanz eine ganz eigene Bedeutung geben.
3. SCHWEIGEN ALS LINGUISTISCHES PHÄNOMEN
3.1. SCHWEIGEN ALS ZEICHEN
Schweigen ist ein Phänomen, das von der Linguistik lange ignoriert wurde, da es lediglich als Abwesenheit von Sprache definiert war. Kulturell trägt es seit Jahrtausenden Bedeutung, sei es als Verhaltensnorm innerhalb religiöser Rituale, in Geheimbünden, während öffentlicher Veranstaltungen, in Bibliotheken oder zur Markierung gesellschaftlicher Tabus (beispielsweise Tod, Sex oder Krankheit). In vielen Märchen wird dem Schweigen eine magische Funktion zugewiesen. Die Verbindung magischer Handlungen mit dem Schweigen zeigt sich besonders bei Naturvölkern. Schweigend werden Kräfte gesammelt, die schließlich zu übermenschlichen Fähigkeiten verhelfen. Viele Zauberhandlungen können nur schweigend ausgeführt werden. Hier liegen auch die Ursprünge mystischer Traditionen. Zahlreiche Sprichwörter bewerten das Schweigen höher als das Sprechen. Geschwiegen wird aus vielen Gründen: aus Angst, vor Verachtung, wegen Ungeselligkeit, aus Unwissenheit, vor Schrecken und Schock, zum Nachdenken, zur Geheimhaltung, zur Verhüllung, aufgrund von oder zum Zwecke der Isolation, als Ausdruck von Zusammengehörigkeit, aus Liebe, aufgrund von Verletztsein, während einer Offenbarung, zur Zustimmung ebenso wie zur Ablehnung, aus Ehrfurcht, aus Trauer, aufgrund eines Tabus, vor Schmerz, vor Wut, vor Zorn, aus Eifersucht, vor Neid, aufgrund eines Traumas, auf der Suche nach Aufmerksamkeit oder auch aufgrund eines Vertrauensverlustes in die Sprache. Schweigen ist aufgrund seiner Vieldeutigkeit und Unbestimmtheit ein multifunktionales und metakommunikatives Zeichen der Sprache. Es kann positiv und negativ gedeutet werden, ein Nicht-Sprechen-Dürfen
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ebenso wie ein Nicht-Sprechen-Wollen ausdrücken. In jeder Kultur und jeder Epoche hat Schweigen bestimmte Funktionen, die es zum Zeichenträger und somit zu einem Kommunikationselement machen. Zunächst muss Schweigen von Stille unterschieden werden. Stille bedeutet konkret die Abwesenheit von Geräuschen und stellt damit eine physikalische Größe dar. Es kann jedoch etwas gesagt werden, ohne dass es zu hören ist. Schweigen bedeutet zunächst die Abwesenheit von Sprache. Die beiden Begriffe bilden jedoch kein Gegensatzpaar, Schweigen ist vielmehr ein Teil der Sprache. Die antiken Denker Plotin und Ps.-Dionysius Areopagita betonen, dass Sprache selbst erst aus dem Schweigen entstehe. Ihnen gilt das mystische ineffabile, das Unsagbare, als Grund aller Rede (vgl. Wohlfahrt/Kreuzer, 1484f.). Einige Wissenschaftler vertreten wiederum die entgegengesetzte Meinung, die Schweigen als Gegenteil von Sprache ausweist. So argumentiert Ganguly in seinem Aufsatz Culture, Communication and Silence: „[S]ilence is the limit of our world of description or language“ (Ganguly, 200) und ein „limit can never be part of the world of which it is a limit“ (ebd.). Auch Wittgenstein betrachtet Sprache und Schweigen als konträr, denn „[w]orüber man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen“ (Wittgenstein: 1963, 115). Die paradoxe Zusammengehörigkeit der scheinbar konträren Phänomene bringt Schmitz-Emans treffend zum Ausdruck: „Das Schweigen muß mit Rede kontrastieren, damit diese etwas besagt: keine Rede ohne Schweigen. Aber auch kein Schweigen ohne Rede.“ (Röttgers/Schmitz-Emans, 11) Schweigen bringt durch die Abwesenheit von akustisch fassbaren Zeichen zwar Stille hervor, doch birgt sie die Möglichkeit des nonverbalen Ausdrucks in sich, ist also beredt und bedeutet demzufolge noch nicht das Ende einer Kommunikation. Unter Umständen verweist es erst auf verborgene Kommunikationsebenen. Schweigen ist damit ein kommunikatives Zeichen. Schweigen ohne kommunikative Funktion ist dagegen Stummheit und damit auch Stille.
Ist Schweigen als kommunikatives Zeichen definiert, so lässt es sich semiotisch analysieren. Nach Saussure besteht ein Zeichen aus zwei Seiten, dem signifiant, der Zeichenform, und dem signifié, der Bedeutung
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(vgl. Trabant, 41). Schweigen ist akustisch nicht fassbar und nicht in Einzelteile zerlegbar, es muss somit als Leerstelle definiert werden. Innerhalb von Texten kann Schweigen visuell durch Auslassungspunkte, Ellipsen oder dramaturgische Anweisungen kenntlich gemacht werden, so dass ihm in Einzelfällen ein signifiant zukommt. Im Drama erscheint es damit auf einer zweiten Kommunikationsebene und wird visuell fassbar. Aus der schwierigen Fassbarkeit des Schweigens resultiert seine Bedeutungsvielfalt. Eindeutige Bedeutungszuweisungen sind kaum möglich. Zur Interpretation eines Schweigens muss daher notwendigerweise der Kontext hinzugezogen werden. In Hinblick auf die Existenz sogenannter Schweigekulturen wie z.B. Finnland 2 beinhaltet dies auch den kulturellen Kontext, d.h. Wissen über Kommunikationsrituale und sprachliche Interaktionsmuster der spezifischen Kultur.
3.2. SCHWEIGEN SEMIOTISCH
Nach Morris lassen sich in der Semiotik drei Teilbereiche unterscheiden: Syntaktik, Semantik und Pragmatik (vgl. Trabant, 69). Eine semiotische Untersuchung des Schweigens kann auf jeder dieser Ebenen erfolgen. Die Syntaktik untersucht die Verknüpfung und Verknüpfbarkeit von Zeichen. Das Schweigen erscheint hier als konstituierendes Element der Rede, da erst die Leerstellen zwischen den Wörtern einen rhythmischen Redefluss und Verständnis ermöglichen (die sogenannte „boundarymarking“ Funktion, vgl. Ulsamer, 123). Zwischen den Wörtern und Sätzen stehen verschieden lange Schweigephasen, die die Rede strukturieren. In Gesprächen fungiert syntaktisches Schweigen auch als Indikator eines Sprecherwechsels (turn), einer Pause (gap) oder zur Beendigung eines Gesprächs und dient damit der Gliederung der Rede. 3 Schweigen strukturiert die Rede jedoch nicht nur, sondern unterbricht oder beendet sie auch häufig in Form von Ellipsen beziehungsweise Aposiopesen. Im
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Gegensatz zur leicht rekonstruierbaren Ellipse verschweigen letztere gerade das Wichtigste.
Auf semantischer Ebene muss untersucht werden, welche Bedeutung das Schweigen trägt. Dies entspricht der klassischen Referenzfunktion im Sinne Saussures, meint also das Verhältnis von signifié und signifiant. Gemeint ist einerseits kulturell kodiertes Schweigen im Sinne von Präsuppositionen, Implikaturen und Stereotypen. In diesen Fällen sind die Kommunikationspartner potentiell in der Lage, das Schweigen richtig zu deuten. Andererseits kann die Bedeutung des Schweigens aufgrund seines nonverbalen Charakters nicht immer eindeutig bestimmt werden. In diesem Fall muss das Gemeinte aus dem Nicht-Gesagten metakommunikativ oder intuitiv erschlossen werden. In jedem Fall gilt, wie Krammer betont, dass die Bedeutung des Schweigens erst dadurch entsteht, dass es einen bestehenden Diskurs unterbricht und die unterbrochenen Signifikate neu verknüpft (vgl. Krammer, 41). Innerhalb einer pragmatischen Analyse muss untersucht werden, inwieweit mit Schweigen Handlungen ausgeführt werden, was der Schweigende mit seinem Schweigen bewirken will. Pragmatische Systeme sind für eine Untersuchung des Schweigens am besten geeignet, da Schweigen - wenn man es als signifikantes Zeichen definiert - kommunikativen Wert hat. Innerhalb einer Kommunikationssituation bedeutet Schweigen also immer Handeln:
„Silence is a purely pragmatic subject. It is meaningless apart from its interpretation which is found in people and from action among people. In order to understand or to activate its interpersonal value it needs people’s ability to contextualize this kind of negative information (dead space) during conversations (within the preceding and following sequences of conversation). Only conversational partners can decide on the particular meaning of silence in a situated discourse.” (zitiert nach Ulsamer, 41)
Hier liegt der Schwerpunkt auf Schweigen innerhalb von Gesprächen, mündlicher Kommunikation also. Literarische Texte stellen aber auch eine Form der Kommunikation dar, indem der Autor einen Leser imaginiert und anspricht. Ein plötzlich auftretendes Schweigen, ob in Gesprächen oder in Texten, lenkt den Verdacht auf etwas Ungesagtes, das auf einer verborgenen Kommunikationsebene angeordnet ist. So wird ein derartiges Schweigen zu einer pragmatischen Handlungsaufforderung
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bzw. -anreizung, die Kommunikation fortzusetzen. Ulsamer betont den „beinahe schon obligatorischen pragmatischen Rahmen“ (Ulsamer, 238), den eine Analyse des Schweigens erfordert. Auch Luhmann und Fuchs weisen darauf hin, dass Schweigen eben nicht „außerhalb der Gesellschaft faktisch vollzogen wird“ (Luhmann/Fuchs, 16), sondern in ihr und damit Teil des Kommunikationssystems und Element gesellschaftlichen Handelns ist.
Hier sei auf die grundlegende Aussage Watzlawicks verwiesen, dass man nicht nicht kommunizieren kann:
„Handeln oder Nichthandeln, Worte oder Schweigen haben alle Mitteilungscharakter: Sie beeinflussen andere, und diese anderen können ihrerseits nicht nicht auf diese Kommunikationen reagieren und kommunizieren damit selbst.“ (Watzlawick/Beavin/Jackson, 51) Nach Watzlawick lässt sich jede kommunikative Handlung auf einen Inhalts- und Beziehungsaspekt hin untersuchen. Offensichtlich hat das Schweigen keinen visuell oder akustisch fassbaren Inhalt, es wird scheinbar nichts ausgesagt. Trotzdem bedeutet es etwas und dies wird auf der Beziehungsebene wirksam. Der Sender schweigt aus einem bestimmten Grund, den der Empfänger herauszufinden sucht. Somit ist Schweigen auf der Seite des Senders Symptom des Gemeinten für das Nicht-Gesagte, auf der des Empfängers Signal im Sinne eines pragmatischen Handlungsanreizes.
3.3. SCHWEIGEN ALS INDIREKTER SPRECHAKT
Die Pragmatik wurde entscheidend von der Sprechakttheorie beeinflusst, die von Austin und Searle entwickelt wurde. 4 Da dem Schweigen die äußere Form fehlt, muss es als indirekter Sprechakt definiert werden. Als solcher hat es zwar keine äußerlichen Eigenschaften, aber dennoch propositionalen Gehalt im Sinne eines Bezuges zur Außenwelt, der aus dem Nicht-Gesagten erschlossen werden muss. Zudem trägt ein Sprechakt des Schweigens illokutive und perlokutive Funktionen. Die Illokution bedingt den Handlungswert des Schweigens, d.h. die
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Schweigen primär phatisch. Eine weitere Funktion ist die metasprachliche, die den Kode betrifft. Metasprachliche Kommunikation ist Kommunikation über Kommunikation, also erläuternd. Schweigen kann durchaus metasprachliche Funktionen haben. So kann es bedeuten, dass jemand nicht über ein bestimmtes Thema sprechen will. In jedem Fall bezieht sich Schweigen in seiner metasprachlichen Funktion immer auf die Kommunikationssituation, also Inhalt und Art der Kommunikation sowie auf das Verhältnis der Kommunikationspartner, also den Beziehungsaspekt. Schweigen ist immer implizite Metakommunikation. Explizite Metakommunikation erfolgte dagegen verbal in Form von Korrekturen, Kommentaren, Fragen etc. Die letzte der sechs sprachlichen Funktionen orientiert sich an der Nachricht; es ist die poetische Funktion. Sie lenkt die Aufmerksamkeit des Rezipienten auf die sprachliche Beschaffenheit einer Nachricht. Das Schweigen ist nun sprachlich nicht fassbar, nichtsdestotrotz kann man es erkennen. Die poetische Funktion verweist auf die Rhetorik des Schweigens. Sie existiert seit Urzeiten in der Mystik. Der Mystiker sucht die Einheit mit Gott, doch der Versuch diese Erfahrung in Worte zu fassen scheitert an der Unzulänglichkeit der Sprache. Dem entspringt letztlich der Unsagbarkeitstopos: Gott ist unaussprechlich. Die Mystiker entwickelten schließlich eine eigene Sprache, die extrem bilderreich ist und einen eigenen Wortschatz hervorgebracht hat, der dem Verweis auf das ineffabile dient. Dazu gehören Metaphern, Bilder, Vergleiche, Symbole, Ellipsen, Hyperbeln, Antithesen, Paradoxa, Oxymora, Neologismen, Wiederholungen, Steigerungen, Reihungen etc. Auf die Mystiker geht auch die Entstehung der Suffixe -keit, -heit, -ung, -tio, -tas zum Ausdruck abstrakter Vorgänge und Erkenntnisse sowie der Präfixe un-, über-, ab- und ent- zum Verweis auf die sprachliche Unzulänglichkeit zurück. Schweigen und Verschweigen des nicht-sagbaren göttlichen Erlebnisses ist in dieser Ur-Form die poetische Funktion des Schweigens. In der Neuzeit setzte dann eine Sprachkrise ein, die eine moderne Rhetorik des Schweigens hervorbrachte.
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3.5. RHETORIK DES SCHWEIGENS
Die literarische Rhetorik des Schweigens hat sich mit der im ausgehenden 18. Jahrhundert zunehmenden Sprachskepsis entwickelt. Die Semantik des Wortes 'Schweigen' ist, der dualistischen Weltauffassung der Romantik entsprechend, ambivalent. Positiv konnotiert ist es Ausdruck stiller Beobachtung von Kunst und Natur, sowie Zeichen ruhiger Innerlichkeit. In ihm offenbart sich das stumme Wesen der Dinge, so dass aus dem Schweigen das „subtile Gespräch zwischen Natur, Mensch und Musik erwächst“ (Spatschek, 23). Andererseits kann das Schweigen in Form von Stummheit auch auf den Tod verweisen, der wiederum selbst positiv und negativ antizipiert werden kann. Erklärtes Ziel der Romantiker ist es, das unsagbare Weltgeheimnis, welches ahnungsvoll empfunden wird, darzustellen. Dabei gilt es die Einheit von Sprache und Schweigen zu wahren, das Schweigen also nicht durch Worte in Stummheit umschlagen zu lassen, sondern es in den Worten aufrechtzuerhalten. Dementsprechend zielt die romantische Literatur darauf, möglichst viel ungesagt und angedeutet zu lassen, so dass das Wort im Schweigen seine volle Wirkung entfaltet und auf das Unsagbare hinter den Worten verweist. Damit ist zugleich die romantische Parallelwelt etabliert, in der das Weltgeheimnis wirkt und von wo aus es sich für Momente offenbart. Die Etablierung einer zweiten Wirklichkeit lässt ein Ungenügen an der Realität vermuten. Und tatsächlich empfanden bereits die Romantiker ein Versagen der Sprache im zwischenmenschlichen Bereich (vgl. Spatschek, 108f.). Die gravierenden sprachlichen Zweifel der Generation Hofmannsthals haben hier ihre Wurzeln: Entfremdung von der Welt, Diskrepanz zwischen Ausdruck und Empfinden sowie Maskerade und konventionales Sprachgebaren als Verschleierung der Stummheit.
Die romantischen Künstler sahen die Musik aufgrund ihres emotionalen Charakters als die höchste aller Künste an. Von allen Künsten steht sie dem Unsagbaren am nächsten. E.T.A. Hoffmann, Wackenroder, Tieck, Novalis - sie alle äußern sich poetisch über Musik und ihre Wirkung. Musik gilt als die dominierende ästhetische Idee dieser Epoche. Dabei
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wird nicht hinterfragt, warum Musik eine derart erlösende Wirkung auf den Menschen hat. Im Gegenteil: Sie wird mystifiziert und erscheint als rettende Gegenwelt. 6 Eine derartige Hochschätzung von Musik ist noch im Wien des Fin de Siècle zu beobachten (vgl. Nußbaumer, 2). Die dualistische Weltauffassung von der als bedrohlich empfundenen Wirklichkeit, die der erlösenden Kunstwelt entgegengesetzt ist, wirkt bis ins 20. Jahrhundert auf die Kunst ein. Die Romantiker wollten die Trennung zwischen Ich und Welt, Subjekt und Objekt aufheben, indem sie beide in einem zeit- und raumunabhängigen Punkt vereinigen. Damit wird der endlichen Realität eine Unendlichkeit entgegengesetzt, die jedoch immer nur in einem Moment der Ekstase erlebt werden kann. Die Vergänglichkeit solcher Glücksmomente führt letztlich zu Melancholie und Todesstimmung. Die romantische Melancholie ist „isolierendes Verstummen vor der Sprachfülle des Seins, in die der Mensch doch einstimmen möchte“ (Spatschek, 31). Der melancholische Mensch verstummt demzufolge angesichts der Unaussprechlichkeit des stummen Wesens der Dinge. Es wird zu zeigen sein, dass dieses Motiv eine zentrale Rolle im Frühwerk Hofmannsthals einnimmt. Die Gegensätze von Traum und Wirklichkeit, Realität und Irrealität werden auch von den Wiener Ästheten zu zentralen Elementen der Kunst erhoben. Ebenso die mystifizierte romantische Wahrnehmung der Zeit als Konzentration auf einen Augenblick der Ekstase. Dahinter stehen die nach der Romantik verstärkt auftretenden Empfindungen der Isolation und sozialen Entfremdung angesichts radikaler Traditionsbrüche im Zuge der Modernisierung.
Das Unaussprechliche, das in der Natur erkannt und in der Musik durchaus adäquat ausgedrückt werden kann, muss in der Dichtung jedoch gesagt oder in irgendeiner anderen Form kommuniziert werden. Dies erfolgt durch unbestimmte, mystische Wortwahl, Metaphern, Gleichnisse, Chiffren, Klang- und Farbreize, Verschleierung der Formen sowie Ansiedlung der poetischen Begebenheiten in traumhaften, irrealen
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Sphären. Dieses Bestreben muss letztlich aufgrund der paradoxen Beziehung von Sprechen und Schweigen in eine Sprachkrise führen. Schließlich führt das Scheitern am Sagen des Unsagbaren zu Verrätselung. Wo keine klare Aussage gemacht werden kann, wird ein Geheimnis suggeriert.
Schopenhauer resignierte angesichts dieser Unsagbarkeit von Welterfahrung. In Die Welt als Wille und Vorstellung (1818) konstatiert er den desolaten Zustand der Welt. 7 Der Wille gilt ihm als primärer Antrieb des Menschen, der in seiner Rastlosigkeit beständig nach Neuem sucht und dabei stets das Gleiche wiederholt. Es gibt nur wenige Möglichkeiten, sich von diesem Willensdruck zu befreien beziehungsweise ihn zu mildern: Kunst, Mitleid und Resignation. Innerhalb der Künste gilt ihm die Musik als höchste Kunst, da sie Erlösung und einen Zustand reiner Kontemplation ermöglicht. Den Moment der Kontemplation bezeichnet Schopenhauer als Ursprung aller Kunst, denn in ihm erfolgt die Erkenntnis der Ideen. Die Ideen teilen sich dem Menschen einzig durch ihr Sein mit, sie sind also unsagbar und werden nur in solch erlösenden Augenblicken kommuniziert. Wie später zu zeigen sein wird, sucht auch Hofmannsthal derartige Augenblicke, in denen sich für ihn die Einheit der Welt offenbart. Für Schopenhauer bleibt letztlich jedoch nur der resignierte Rückzug in die Askese, da diese Momente in der Kunst immer wieder vergehen. In der Askese wird jedoch ein dauerhafter Zustand der Entlastung vom Willensdruck erreicht. Das Mitleid gilt Schopenhauer als eine weitere Form der Negation des Willens. Hier erfolgt eine vollkommene Identifikation mit den Anderen, dessen Wohl angestrebt wird. Letztlich führt dieser Prozess zur Entselbstung und zur Identität mit der ganzen Welt. Dieser Prozess ist auch im Chandos-Brief Hofmannsthals thematisiert. Auch das Motiv des Mitleids taucht immer wieder in der Hofmannsthalschen Dichtung auf. Als dritte Form der Negation des Willens führt Schopenhauer die Resignation an. Hier erlangt der Mensch seine Freiheit dadurch, dass er Nein sagt zu dem selbstzerstörerischen rastlosen Vorwärtstreiben des
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Willens. Die destruktive Kraft des Willens, die Schopenhauer erkannt zu haben glaubte, kulminiert in der Annahme, dass jeglicher gesellschaftliche Fortschritt im Grunde einen Verfall darstellt. Damit formulierte Schopenhauer den modernen Décadence-Gedanken in der Philosophie, der auch die Wiener Autoren des Fin de Siècle entscheidend prägte.
Die romantischen Künstler flüchteten angesichts einer sich verändernden, bedrohlichen Welt in eine Kunstwelt. Den Rückzug aus der Welt, die Hingabe an Höheres gab es schon immer. Sei es in der Vorstellung eines Goldenen Zeitalters, wie sie sich in zahlreichen Mythen ausprägt oder in Form von Religionen, in denen die Menschen auf Gott vertrauend Zuflucht suchen - immer ist der Mensch auf der Suche nach Höherem, nach Schutz und Trost. Dieses Höhere, das sich nun nach der Säkularisierung in der Kunst offenbart, ist zwar wahrnehmbar, aber unsagbar. Damit entwickelt sich eine Rhetorik des Schweigens in der modernen Literatur. Fortan muss das Gemeinte aus dem Nicht-Gesagten erschlossen werden. Das Schweigen verweist also auf einen Bereich, der der Sprache entzogen ist, dadurch aber hervorgebracht wird. Das Verständnis dieser Literatur ergibt sich nicht mehr einfach aus der Lektüre, sondern erst aus einer pragmatischen und semantischen Interpretation des Gesagten und Verschwiegenen. Das Schweigen wird in der Dichtung zunehmend thematisiert. Dennoch verstummt die Poesie nie, vielmehr nutzt sie das Schweigen als eines der letzten verlässlichen Ausdrucksmittel.
4. SPRACHKRISE IN DER MODERNE
4.1. URSACHEN
Die menschliche Gesellschaft basiert auf Kommunikation. Wenn jemand verstummt, hat das einen Grund. Besonders interessant wird es, wenn eine ganze literarische Generation das Schweigen über die Sprache stellt. 8 Das Schweigen gewinnt in der Moderne neue Bedeutungsaspekte, was damit zusammenhängt, dass sich die Gesellschaft zu einem immer
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komplexer werdenden System entwickelt, in dem die politischen und wirtschaftlichen Mächte an Dominanz gewinnen. Das Welterleben ist charakterisiert durch neue, bislang unbekannte Wahrnehmungsweisen und Empfindungen, die ausgedrückt werden wollen. Da Sprache jedoch auf Konventionen basiert, fehlen die Ausdrucksmöglichkeiten für dieses neue Erleben. Besonders die Literaten gerieten damit in einen metaphysischen Zweifel (vgl. Müller, 226). Dies bedingt einen gesellschaftlichen Paradigmenwechsel innerhalb dessen Sprache kritisch reflektiert wurde. Das beeinflusste das Verhältnis der Individuen untereinander, das zur Natur, zur Umwelt, zum technischen Fortschritt und damit auch die Sprache und das Denken. Die Ursachen der Sprachkrise in der Moderne sind vielfältig. Einen entscheidenden Einfluss muss der Entstehung moderner Lebenswelten im Zuge der Industrialisierung zugesprochen werden. Die ökonomischen und wissenschaftlichen Fortschritte bedingen einen ungeheuren Zuwachs an Wissen und eine Veränderung und Beschleunigung der Kommunikationsprozesse und -strukturen (vgl. Schiffer, 4). Die Wissenschaft wird zu einem Diskurs, der tradierte kulturelle, gesellschaftliche und ökonomische Praktiken und Kenntnisse strukturiert, schriftlich fixiert und schließlich ökonomisch verwertbar macht. Damit einher geht die Spaltung der Welt in immer kleinere Subkulturen, die unterschiedliche Kommunikationssysteme entwickeln. Das Individuum wird Teil der Masse. Abseits der tradierten Sprachstrukturen entwickelt sich ein neues Verhältnis zum Dasein. Das stetig ansteigende Wissen über die Welt führt zu immer mehr willkürlicher Benennung und damit gerät der Mensch in die Gefahr der Orientierungslosigkeit. Die gesteigerte Semiologisierung der Gesellschaft und der Welt an sich führt dazu, dass die Welt vielmehr sprachlich vermittelt als wirklich erlebt wird. Im Zuge der journalistischen Entwicklung wurde das Wort zur Massenware. Die Definition eines Begriffes ist scharf, doch im Gebrauch wird er abgenutzt und instrumentalisiert. Hinzu kam das Entsetzen über das Ende des Berufsschriftstellertums, da nun jeder beliebig über Sprache verfügen kann. Die sprachkritische Erkenntnis der Arbitrarität von Zeichen verdeutlicht die Willkürlichkeit der Sprach- und
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Welterfassung. Dies führte in der Konsequenz zu einem semantischen Zweifel (Müller, 235f.), da die Kommunikationsprozesse ebenso wie die Bedeutungen der Wörter konventionell erstarrt und abgegriffen erscheinen. Die Dichter sahen sich in einer aussichtslosen Lage, da sie sich in ihrer Sprache nicht länger auszudrücken vermochten. Es blieben nur zwei Möglichkeiten: Kritik an der Sprache oder Rückzug ins Schweigen. Hinzu kommt, dass mit dem Zweifel an der Sprache auch die Identität des Selbst in Frage gestellt war, da persönliche Empfindungen und Erfahrungen nicht mehr artikuliert werden konnten. Demzufolge war die zeitgenössische Philosophie in erster Linie Sprachkritik und führte letztendlich zur sogenannten Pragmatischen Wende. Infolge dieser Entwicklung gelangten die Künstler in eine hermetische Situation. Der Verfall bestehender Strukturen und die Neuordnung der modernen Gesellschaft führten dazu, dass sich der Einzelne fortan als Element der Masse sieht. Dies impliziert eine Entfremdung des Individuums sowohl seiner selbst als auch von der Gesellschaft. Dieser Prozess führte in die Verinnerlichung, ein hermetisches Abschirmen des Selbst gegen ein als bedrohlich empfundenes Außen. Solch eine hermetische Kommunikationssituation bedingt Schweigen. Innerhalb der Künste bedeutet Hermetismus eine absolute Vermeidung von Mimesis, was ein hohes Maß gesellschaftlicher Aggressivität impliziert, da alles Herkömmliche negiert und ignoriert wird. Zudem führt es zur Verwendung exzentrischer Motive, die häufig intermediale Zitate enthalten und als Chiffren ein Geheimnis zu verbergen scheinen. Ziel ist die Etablierung einer neuen Wirklichkeit mit Hilfe einer neuen Sprache. Wie der Mensch angesichts des Verfalls der Moderne einem Gefühl der Ohnmacht verfällt, so verfällt die Dichtung in ein Schweigen, insofern sie nicht auf eine konkrete Aussage zielt. Die ästhetische Literatur will Gefühle evozieren in einer sich zunehmend materialisierenden Welt. Abwehr gegen die Integration in die Masse bietet nur die Erhaltung der Individualität. Individualität im Sinne von Einzigartigkeit lässt sich aber nicht kommunizieren. 9 Jeder Versuch, Einzigartigkeit im gegebenen
Arbeit zitieren:
Dipl.-Kulturwissenschaftlerin Melanie Grundmann, 2004, Die Pragmatik des Schweigens bei Hugo von Hofmansthal und ihre kulturelle Genese, München, GRIN Verlag GmbH
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