Inhaltsverzeichnis:
1. Einführung. 3
2. Literaturtheoretischer und entstehungsgeschichtlicher Hintergrund zur Erzählung
„Der geteilte Himmel“ von Christa Wolf. 4
2.1. Der Sozialistische Realismus. 4
2.2. Voraussetzungen und Merkmale sozialistisch- realistischer Literatur. 5
2.3. Der Bitterfelder Weg. 7
3. Inhaltsangabe. 8
4. „Der geteilte Himmel“ von Christa Wolf - noch den Forderungen der
literaturpolitischen Vorgaben entsprechend? 9
4.1 Die Struktur der Erzählung. 9
4.2 Die inhaltliche Ausgestaltung. 11
4.3 Agierende Personen in ihren Funktionen. 12
4.3.1 Rita Seidels Wegbegleiter 12
4.4 Ausgewählte Motive und Symbole in der Erzählung - noch den
literaturpolitischen Vorgaben entsprechend? 15
4. Zusammenfassung. 18
5. Literaturverzeichnis. 19
2
1. Einführung
Die Erzählung „Der geteilte Himmel“ erschien im Jahre 1963 und brachte der bis dahin noch sehr unbekannten Autorin Christa Wolf ihren nationalen und internationalen Durchbruch als Prosaschriftstellerin.
„Der geteilte Himmel“ ist wie viele Werke von Christa Wolf als die Verarbeitung bestimmter eigener biographischer Situationen zu betrachten. In der Zeit von 1959 bis 1962 lebte die Schriftstellerin mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in der Industriestadt Halle und arbeitete dort beim Mitteldeutschen Verlag als freie Lektorin. Gemäß den literaturpolitischen Forderungen des Bitterfelder Weges ging sie in das Waggonwerk Ammendorf, wurde dort Mitglied in einer Brigade, übernahm dann schließlich die Leitung eines Zirkels schreibender Arbeiter und nahm dann 1959 an der Autorenkonferenz in Bitterfeld teil. Warum gerade „Der geteilte Himmel“ in Ost und West großes Aufsehen erregte, und ob diese Erzählung als typischer Beitrag zur Literatur des Bitterfelder Weges 1 zu verstehen ist, gilt es zu untersuchen. In dem ersten Teil habe ich mich mit den literaturtheoretischen und entstehungsgeschichtlichen Hintergründen der Erzählung befasst, um dann später die Erzählung genau erörtern zu können. Hierzu habe ich mich zunächst einer kurzen Darstellung des Sozialistischen Realismus und der literaturpolitischen Bewegung des Bitterfelder Weges bedient. Im zweiten Abschnitt habe ich mich dann mit der konkreten Untersuchung des Werks hinsichtlich des strukturellen Aufbaus der Erzählung, der vorkommenden Personen mit deren Charakteristika und ihren Funktionen innerhalb der Erzählung befasst, die dann mit einem Überblick über mögliche Aussagen von Motiven und Symbolen abschließt.
1 Vgl.: Hilzinger, Sonja: Christa Wolf. Stuttgart, S. 16
3
2. Literaturtheoretischer und entstehungsgeschichtlicher Hintergrund zur Erzählung
2.1. Der sozialistische Realismus
Schon unmittelbar nach der Gründung der DDR wurde von der SED die Forderung gestellt, dass „[...] das gesamte Kulturschaffen auf den Grundlagen des Marxismus- Leninismus zu beruhen habe.“ 2 Im Rahmen einer Rezension zu einer Brecht- Inszenierung schreibt das Parteiorgan Neues Deutschland von einer zwingenden ideologischen Ausrichtung der Literatur, da es meint, dass „[...] die besten Mittel unfruchtbar werden, wenn es der Kunst an ideologischer Klarheit fehle.“ 3
Die ideologische Ausrichtung der DDR-Kulturpolitik im Allgemeinen, sowie die Doktrin des Sozialistischen Realismus, welche die Gegenwartsliteratur der DDR stark beeinflusst hat und insbesondere in den Anfangsjahren der DDR zeittypische Erzählformen hervorgebracht hat, sind als ein Versuch der systematischen Beeinflussung der Literatur von ihrer Entstehung bis hin zur Veröffentlichung bzw. Nichtveröffentlichung anzusehen. Auf diesem Weg sollte die von der Staatsmacht geforderte ideologische Klarheit in Kunst und Literatur erreicht werden. Ganz besonders in den frühen Jahren wurden Kunst, Musik und Literatur von der SED ideologisch geformt und als antiwestliches Propagandamittel eingesetzt. Dies lässt sich sehr gut an einigen Stellen der bereits zitierten Brecht- Rezension beschreiben. „Ein hochbegabter Dramatiker und ein talentierter Komponist, deren fortschrittliche Absicht außer Zweifel steht, haben sich in einem Experiment verirrt, das aus ideologischen Gründen misslingen musste und misslungen ist.“ 4
So wie von ihrem ursprünglichen Anspruch Literatur und Realität bzw. Fiktion miteinander verbunden sind, sollten künftig auch Literatur und Politik untrennbar sein. Formalismus oder Kitsch in literarischen Ausdrucksformen wurden von der SED abwertend als „[...] zwangsläufige Verrohung des Geschmacks und Ausdruck der Dekadenz des bürgerlichen Bewusstseins in der kapitalistischen Welt [...] 5 angesehen, während dem Sozialistischen Realismus die Aufgabe zugeschrieben wurde, „[...] die Menschen zu wahren Demokraten zu erziehen und ihre humanistische Bestrebung [...] zu fördern.“ 6 Durch diese Polarisierung
2 Sevin, Dieter: Christa Wolf. Der geteilte Himmel. Nachdenken über Christa T. München 1982, S.12
3 Schubbe, Elimar (Hrsg.): Dokumente zur Kunst-, Literatur- und Kulturpolitik der SED. Stuttgart 1972, S. 45
4 Ebd., S. 186/187
5 Ebd., S. 44
6 Ebd., S. 44
4
sollte der DDR ein antiwestliches Profil auch im kulturellen Bereich verliehen werden. Diese politischen Vorgaben für Kulturschaffende und die damit verbundene Zensur wirkten sich sehr einschränkend auf das literarische Schreiben aus, was dazu führte, dass sich viele Schriftsteller in ihrer dichterischen Freiheit zunehmend eingeengt fühlten und vor die Wahl gestellt wurden, entweder systemkonforme, den ideologischen Vorgaben entsprechende Literatur zu verfassen, oder nichts mehr zu schreiben. Besonders deutlich bringt das Czeslaw Milosz zum Ausdruck. „ Ich kann nicht so schreiben wie ich möchte. Der Strom meiner eigenen Gedanken hat so viele Nebenflüsse, dass es mir kaum gelingt, den einen davon abzudämmen, ehe nicht ein zweiter, dritter oder vierter über seine Ufer tritt. Kaum bin ich halb mit einem Satz fertig, so unterwerfe ich ihn schon der marxistischen Kritik. Ich stelle mir vor, was X oder Y darüber sagen werden, und schon habe ich den Schluss verändert.“ 7 2.2 Voraussetzungen und Merkmale sozialistisch- realistischer Literatur Der Schriftsteller Günter Rüther sieht die Grundprinzipien des Sozialistischen Realismus durch folgende Elemente definiert: „[...] die wahrheitsgetreue Darstellung der Realität, das Prinzip der sozialistischen Parteilichkeit, die Forderung nach Volksverbundenheit und Volkstümlichkeit.“ 8 Unter Einbezug von den Ausführungen von Sevin ist jedoch anzumerken, dass diese um weitere Punkte zu ergänzen sind, wie die nachfolgende Übersicht zeigen soll. Die wesentlichen Merkmale sozial- realistischer Literatur lassen sich wie folgt zusammenfassen:
1. ideologisch determinierter Ideengehalt und sozialistischer Optimismus 2. wahrheitsgetreue Darstellung der Realität 3. Prinzip der marxistisch- leninistischen Parteilichkeit 4. Forderung nach Volkstümlichkeit und Volksverbundenheit 5. Beachtung der erzieherischen Dimension
6. positiver Held der Arbeit als Hauptfigur des literarischen Werks und Prototyp des befreiten Arbeiters 9
Inhaltlich steht die Darstellung des Klassenkampfes mit Blick auf die bessere kommunistische Zukunft im Mittelpunkt der sozialistisch- realistischen Literatur.
7 Milosz, Czeslaw: Verführtes Denken. Darmstadt, Neuwied 1974, S.27
8 Rüther, Günter: Greif zur Feder, Kumpel. Schriftsteller, Literatur und Politik in der DDR 1949-1990. Düsseldorf 1992, S.53
9 Vgl.: Schubbe, Elimar (Hrsg.): Dokumente zur Kunst-, Literatur- und Kulturpolitik der SED. Stuttgart 1972, S. 212
5
Zur Erfüllung der Forderung nach einer möglichst wahrheitsgetreuen Abbildung der Realität ist die getreue Wiedergabe des Details, typischer Charaktere und typischer Umstände erforderlich. Doch gerade diese Voraussetzungen sind unter dem Einfluss des Sozialistischen Realismus und auch unter den Marxisten stets umstritten gewesen, da sich dahinter die Widerspiegelung der real existierenden gesellschaftlichen Verhältnisse verbirgt. Die Parteilichkeit des literarischen Werks steht in engem Kontext mit dem ideologisch determinierten Inhalt und zeigt sich in der Auswahl des Themas und der aufgezeigten Konflikte, in der Darstellung der Realität in ihrer revolutionären Entwicklung, im sozialistischen Menschenbild, in den dargestellten Charakteren und deren Bewertung, in der Aufdeckung gesellschaftlicher Konflikte und möglicher Lösungsvorschläge und letztlich in den angewandten Gestaltungsmethoden. 10 Als ein weiteres Grundprinzip der sozialistisch- realistischen Literatur ist die Volksverbundenheit und die Volkstümlichkeit zu nennen. Diese äußern sich im Wesentlichen in der Verständlichkeit der Erzählung für ein doch sehr breites Lesepublikum und seien wie folgt zusammengefasst: sprachliche Einfachheit und verständliche literarische Konstruktion, Übersichtlichkeit hinsichtlich der Erzählebenen und Personenkonstellation, sowie Nachvollziehbarkeit der Ereignisse. 11 Es ist dabei besonders hervorzuheben, dass sich Volksverbundenheit eines literarischen Werks früher „[...] in der Opposition gegen die herrschende Klasse, gegen ihren Staat, ihre Moral und Ideologie [...] ausdrückte, während „[...] sie sich im sozialistischen Realismus in ihrer Verbundenheit und Übereinstimmung mit der herrschenden Klasse und dem Arbeiter- und Bauernstaat der SED [...]“ 12 zeigte. Nach sozialistischer Auffassung soll Literatur für jeden intellektuell zugänglich sein. Wohl eines der Hauptkennzeichen dieser sozialistischrealistischen Werke ist der „Held der Arbeit“ als Zentralfigur, die als Träger der revolutionären gesellschaftlichen Entwicklung durch seine positiven Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen deutlich auffällt. Der „Held der Arbeit“ übt so ganz im Sinne der geforderten ideologischen Klarheit eine Vorbildfunktion aus und bietet dem Leser die Möglichkeit der Identifikation, ist somit auch eine Anregung zur Nachahmung. Auf diesem Weg erhält die Zentralfigur eine didaktische Funktion.
10 Vgl.: Rüther, Günther : Greif zur Feder, Kumpel. Schriftsteller, Literatur und Politik in der DDR 1949 - 1990. Düsseldorf 1992, S. 49 ff.
11 Vgl.: Blumensath, Heinz und Christel Uebach: Einführung in die Literaturgeschichte der DDR - Unterrichtsmodell für ein halbjährigen Kurs im Fach Deutsch der reformierten Oberstufe (Auszüge). In: Landesinstitut für schulpädagogische Bildung NRW (Hrsg.): Literatur der DDR II. Düsseldorf 1977, S.98
12 Rüther, Günter: Greif zur Feder, Kumpel. Schriftsteller, Literatur und Politik in der DDR 1949-1990. Düsseldorf 1992, S. 52
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Arbeit zitieren:
Kathrin Lückmann, 2002, „Der geteilte Himmel“ von Christa Wolf in Bezug zum sozialistischen Realismus und Bitterfelder Weg, München, GRIN Verlag GmbH
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