2
3.1 SCHEIDUNGSBERATUNG IN DEUTSCHLAND 43
3.2 SCHEIDUNGSBERATUNG VERSUS SCHEIDUNGSTHERAPIE 44
3.3 ZUR SYSTEMATISIERUNG DER BERATUNGSKONZEPTE 45
3.4 BERATUNGSKONZEPTE ZUR AMBIVALENZKLÄRUNG, ENTSCHEIDUNGSFINDUNG UND
INFORMATIONSVERMITTLUNG 47
3.4.1 STRUKTURIERTE TRENNUNG DISTANZ DER PARTNER ALS ENTSCHEIDUNGSHILFE 48
3.4.2 AMBIVALENZBERATUNG IN PAARGRUPPEN 49
3.4.3 INFORMATIONEN ÜBER DEN SCHEIDUNGSPROZEß ALS ENTSCHEIDUNGSHILFE 50
3.5 KONZEPTE ZUR REGELUNG DER SCHEIDUNGSFOLGEN 53
3.5.1 BERATUNG AM FAMILIENGERICHT 53
3.5.2 „FRIENDS OF THE COURT“ DIE RECHTLICHE VERTRETUNG DES KINDES VOR GERICHT 55
3.5.3 „DENVER MODELL“ AUßERGERICHTLICHE BEGUTACHTUNG UND ERSTELLUNG EINER
SORGERECHTSEMPFEHLUNG 55
3.5.4 MODELL ZUR BERATUNG VON FAMILIEN IN SORGERECHTSFRAGEN 56
3.5.5 STUTTGARTER MODELL EIN INTERDISZIPLINÄRER ANSATZ ZUR AUßERGERICHTLICHEN
KONFLIKTREGELUNG 58
3.6 BERATUNGSKONZEPTE ZUR BEWÄLTIGUNG DES TRENNUNGS- UND
SCHEIDUNGSERLEBENS 59
3.6.1 GRUPPE FÜR FRAUEN IN TRENNUNG UND SCHEIDUNG 60
3.6.2 KOMMUNIKATIONSTRAINING FÜR GESCHIEDENE 62
3.6.3 NETWORKING 63
3.6.4 MEHRGENERATIONELLE FAMILIENTHERAPIE 64
3.6.5 FAMILY IN TRANSITION PROGRAM GERICHTLICH VERORDNETE BILDUNGSPROGRAMME
BEI FAMILIÄREN VERÄNDERUNGSPROZESSEN 66
3.6.6 KURZZEITINTERVENTIONEN BEI KINDERN AUS SCHEIDUNGSFAMILIEN 68
3.6.7 GRUPPENINTERVENTIONEN FÜR SCHEIDUNGSKINDER IM ÜBERBLICK 69
3.7 EXKURS: KONZEPTE DER TRENNUNGS- UND SCHEIDUNGSBERATUNG IM SPIEGEL DER
PSYCHOLOGIE 76
4 SCHEIDUNGSMEDIATION 78
4.1 ZUR ENTWICKLUNG DER SCHEIDUNGSMEDIATION 78
4.2 KONZEPTE DER TRENNUNGS- UND SCHEIDUNGSMEDIATION 80
4.2.1 KINDER IN DER MEDIATION 84
4.3 MEDIATION IM KONTEXT VON BERATUNG UND THERAPIE 85
4.4 EVALUATION 86
4.5 MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER MEDIATION 89
5 ENTWURF EINES MODELLS EINER UMFASSENDEN TRENNUNGS- UND
SCHEIDUNGSBERATUNG 93
6 LITERATURANGABEN 103
0 Einleitung
Die Zahl der Ehescheidungen in Deutschland ist seit dem Zweiten Weltkrieg kontinuierlich angestiegen. Im Jahr 1996 wurden 175.550 Ehen geschieden, 6.000 Ehen mehr als im Jahr zu-vor.
Die Alltäglichkeit von Scheidung in unserer Gesellschaft demonstriert, daß sie zwischenzeitlich ein legitimer Weg zur Auflösung einer unbefriedigenden Paarbeziehung geworden ist. Die Zahlen sagen jedoch nichts über die Bedeutung des Scheidungsgeschehens für die Betroffenen aus. Die mit der Ehescheidung verbundenen Umwälzungen auf sozialer, ökonomischer und rechtlicher Ebene lassen aber erahnen, daß dieser Prozeß einerseits hohe Anforderungen an die psychische Belastbarkeit der Betroffenen stellt. Andererseits sind mit der Scheidung auch Hoffnungen auf einen positiven Neuanfang verbunden, beinhaltet die durchlebte Krise die Chance zur Persönlichkeitsreifung und -entwicklung. Voraussetzung hierfür ist die Verarbeitung und Bewältigung des Trennungsprozesses. Diesen Anforderungen sind die Betroffenen nicht immer ohne Unterstützung gewachsen.
Hier setzt die Trennungs- und Scheidungsberatung ein, eine Beratung, die speziell auf die Probleme und Bedürfnisse von Scheidungsbetroffenen abgestimmt ist. Sie erleichtert die Verarbeitung des Erlebten, kann die Scheidungsbetroffenen durch den Prozeß der Trennung begleiten und ihnen individuelle Unterstützung bieten.
In dieser Arbeit werden Beratungskonzepte vorgestellt, die sich an Menschen im Scheidungsgeschehen richten. Hierunter fallen Angebote, die eine Entscheidungsfindung bezüglich Fortführung oder Auflösung der Beziehung ermöglichen, Beratung in Zusammenhang mit der juristischen Regelung der Scheidungsfolgen sowie Konzepte, die die psychische Bewältigung des Trennungserlebens unterstützen. Diese Interventionsangebote greifen jeweils einzelne Problemstellungen im Scheidungsprozeß auf. Ziel dieser Arbeit ist es jedoch, zu einem Modell einer umfassenden Trennungs- und Scheidungsberatung zu kommen.
Zu diesem Zweck ist zunächst zu klären, welcher Art die Probleme sind, mit der die Mitglieder der Scheidungsfamilie konfrontiert werden. Dieser Frage wird im Kapitel 1 dieser Arbeit nachgegangen. Da sich die Scheidung für die Familienmitglieder in unterschiedlicher Weise darstellt, wird nach Auswirkungen der Trennung auf Elternteile und Kinder unterschieden. Von besonderem Interesse ist in diesem Rahmen die Ermittlung der Variablen, die sich negativ oder positiv auf die Betroffenen auswirken können.
Die Erkenntnisse der Scheidungsforschung sind die Grundlage für die Formulierung erster An- forderungen an eine umfassende Trennungs- und Scheidungsberatung in Kapitel 2. Die in die-
sem Abschnitt erarbeiteten Implikationen für die Beratungspraxis bilden wiederum das Bewertungsraster für die in Kapitel 3 vorgestellten Konzepte der Trennungs- und Scheidungsberatung. Das Mediationskonzept ist eines der am häufigsten angewandten und aktuellsten Konzepte innerhalb der Trennungs- und Scheidungsberatung. Daher wird es in einem gesonderten Kapitel einer kritischen Betrachtung unterworfen.
Im abschließenden Kapitel 5 fließen die Erkenntnisse der Scheidungsforschung, die daraus abgeleiteten Anforderungen an die Beratungspraxis sowie die Möglichkeiten und Defizite, die sich aus den vorgestellten Beratungskonzepten ergeben, in den Entwurf eines umfassenden Modells der Trennungs- und Scheidungsberatung ein.
1 Die Familie im Prozeß von Trennung und Scheidung
Das einleitende Kapitel befaßt sich mit den psychischen Auswirkungen des Trennungs- und Scheidungsgeschehens auf die einzelnen Familienmitglieder. Hierzu werden vorrangig Studien aus den USA und Deutschland herangezogen. Der Schwerpunkt der vergleichenden Darstellung dieser Erhebungen liegt auf der Frage nach Faktoren, die eine positive bzw. negative Entwicklung der Scheidungsfamilie bedingen. Die Ermittlung dieser Schutz- und Risikofaktoren bildet die Grundlage für die Bewertung von Konzepten der Trennungs- und Scheidungsberatung.
1.1 Zum Stand der Scheidungsforschung
Bis in die 80er Jahre hinein war die Scheidungsforschung in Deutschland von einer defizitären Sichtweise geprägt. Die Scheidung eines Elternpaares wurde als Abbruch des natürlichen Familienzyklus, als pathologische Entwicklung der Kernfamilie betrachtet (Textor, 1991; Fthenakis, 1995a). Das Forschungsinteresse im Sinne des sogenannten „Desorganisationsmodells“ richtete sich auf die Analyse der Bedingungsfaktoren und auf die Auswirkungen der Scheidung auf die einzelnen Familienmitglieder. Insbesondere die Verhaltensauffälligkeiten von Kindern wurden als zwangsläufige Konsequenz der elterlichen Scheidung betrachtet (Napp-Peters, 1992). Mit der zunehmenden Alltäglichkeit von Scheidungen und durch Untersuchungen zu allgemeinen familialen Übergängen wandelte sich - bereits in den 70er Jahren in den USA, eine Dekade später auch in Deutschland - die Forschungsperspektive (vgl. Sander, 1988; Textor, 1991; Fthenakis et al. 1992). Aus einem systemisch orientierten Blickwinkel stellt Scheidung sich nicht mehr als ein einmaliges traumatisches Erlebnis dar, sondern als ein Prozeß, der bereits lange vor der Trennung einsetzt und sich bis weit über die Scheidung hinaus erstrecken kann. Die Ursachen für Anpassungsprobleme der Scheidungsfamilie werden in Bezug zu den inner- wie außerfamiliären Systemen gesetzt. Darüber hinaus wird zwischen Auswirkungen der familialen Prozesse vor der Trennung, Schwierigkeiten der akuten Trennungssituation sowie ungünstigen Einflüssen der Nachscheidungssituation unterschieden.
Die Mehrzahl der Untersuchungen zur Scheidungsfamilie konzentriert sich jedoch auf die Zeit nach der Trennung. Hier lassen sich zwei Vorstellungen von der Entwicklung der Nachschei-
dungsfamilie unterscheiden:
Das seit den 80er Jahren favorisierte Entwicklungsmodell für die Nachscheidungsfamilie ist das sogenannte „Reorganisationsmodell“. Fthenakis (1982) versteht hierunter, daß die familialen Übergänge im Trennungsprozeß zwar eine grundlegende Umorganisation der Beziehungen in- nerhalb der Familie und zu außerfamilialen Systemen erfordern, die Familie aber erhalten bleibt
und ihre Beziehungen nach der Trennung reorganisiert. Hintergrund dieser Vorstellung bildet die Annahme, daß die Familie sich nicht über äußere Faktoren (wie gemeinsames Wohnen und Wirtschaften) konstituiert, sondern über psychologische Kriterien (wie Zusammengehörigkeits-und Solidaritätsgefühl).
Zwischenzeitlich wird dieses Modell angefochten: Balloff (1996) kritisiert, daß das Reorganisationsmodell sein Interesse ausschließlich auf die Mitglieder der ehemaligen Kernfamilie richtet und die Pluralität der nachfolgenden Familienkonstellationen vernachlässigt. In seinem Entwurf eines „Neuorganisationsmodells“ vertritt Balloff die Auffassung, daß sich die Familie bei der Scheidung zunächst auflöst. Die der Scheidung folgende Neuorganisation der familiären Beziehungen umfaßt nicht nur die Mitglieder der Scheidungsfamilie, sondern auch das Potential anderer Familienkonstellationen (wie Ein-Elternteil- und Fortsetzungsfamilien).
Sowohl das Reorganisations- als auch das Neuorganisationsmodell können in ihrer Vorstellung von der Entwicklung der Scheidungsfamilie nicht absolut gesetzt werden. So wenig davon ausgegangen werden kann, daß die Mitglieder einer Scheidungsfamilie ihre Beziehungen zwangsläufig reorganisieren, so unzutreffend ist es auch, von einer generellen „Auflösung“ der Familie zu sprechen. Beide Modelle spiegeln einen Ausschnitt aus der Vielzahl von Entwicklungsmöglichkeiten der Nachscheidungsfamilie.
Die kontroversen Vorstellungen verdeutlichen jedoch ein grundsätzliches Problem der Schei-dungsforschung: Scheidungsfamilien sind keine homogene Gruppe, deren Konstellation, Probleme, Bedürfnisse und Entwicklung anhand eindimensionaler Forschungsansätze beschrieben und geklärt werden kann. Die Heterogenität von Scheidungsfamilien erfordert eine Annäherung über ein breitgefächertes Spektrum von Untersuchungsmethoden, Hypothesen und Forschungsdesigns.
1.2 Die systemische Sichtweise der Familie
In der vorliegenden Arbeit wird die Familie aus einer systemischen Perspektive betrachtet. Der Vorteil des systemischen Ansatzes für die Betrachtung der Scheidungsfamilie wurde bereits in Kapitel 1.1 deutlich: Systeme lösen sich nicht auf, sondern sie verändern sich über die Zeit. Von einem kontinuierlichen Wandel (vgl. Fthenakis, 1986) wird gesprochen, wenn sich einzelne Variablen innerhalb des Systems verändern (z.B. das Alter der Familienmitglieder). Ein Wandel, der das System selbst verändert, wird als diskontinuierlicher Wandel bezeichnet (z.B. die Geburt eines Kindes). Bei der Trennung eines Elternpaares handelt es sich um einen solchen
diskontinuierlichen Wandel. Er zieht Entwicklungsaufgaben nach sich, um das veränderte Familiensystem den neuen Bedingungen anzupassen (vgl. Schneewind, 1987). In Anlehnung an Bronfenbrenner (1981) wird das Familiensystem als Mikrosystem verstanden das in Wechselwirkung mit umgebenden Systemen steht. In Anwendung auf die Scheidungsfamilie bedeutet dies, daß die Interaktionen der Familie im Trennungsprozeß u.a. beeinflußt werden von der Haltung der Freunde und Verwandten zur Scheidung (= Exosystem), den Gegebenheiten der Arbeitswelt und der Intervention der an der Scheidung beteiligten Instutionen und Dienste (= Mesosystem) sowie gesamtgesellschaftlichen Einflüssen (= Makrosystem), z.B. der Gesetzgebung zur Scheidung.
Innerhalb des Familiensystems lassen sich weitere Systemebenen differenzieren, die Beziehung zwischen den Elternteilen, den Geschwistern und die Elternteil-Kind-Beziehung. Die Interaktion innerhalb dieser Subsysteme ist wiederum von den anderen Mitgliedern des Systems mitbestimmt, auch wenn diese nicht anwesend sind. Die Vorstellung von der wechselseitigen Beeinflussung der Systeme und Subsysteme, als „zirkuläre Kausalität“ bezeichnet (vgl. Schneewind, 1987) ist ein zentrales Merkmal systemischer Ansätze.
Eine weitere zentrale Vorstellung ist die der „Ganzheitlichkeit“ der Familie (vgl. Schneewind, 1987). Die Betrachtung der Familie als eine Einheit impliziert u.a. eine Verlagerung von intrapsychischen auf interpsychische Aspekte; Probleme eines Familienmitglieds werden nicht nur als individuelles, sondern auch als in der Familie begründetes Problem gesehen. So sind beispielsweise die Verhaltensauffälligkeiten von Kindern bei der elterlichen Trennung auch in Zusammenhang mit dem Befinden und den Verhaltensweisen der Elternteile zu sehen. Eine Intervention zugunsten der Kinder muß daher auch die Arbeit mit den Eltern einschließen oder zumindest die gegenseitige Beeinflussung von Elternteilen und Kindern berücksichtigen.
1.3 Der Scheidungszyklus
Die komplexen Abläufe des Scheidungsgeschehens werden in der Literatur zumeist anhand eines dreistufigen Phasenmodells beschrieben. In Anlehnung an das juristische Verfahren wird das Trennungs- und Scheidungsgeschehen in folgende Phasen gegliedert:
• die Ambivalenz- oder Entscheidungsphase
• die Trennungs- und Scheidungsphase
• die Nachscheidungsphase (vgl. Textor,1991; Witte et al. 1992)
In der Ambivalenzphase wird typischerweise die Verschlechterung der Ehebeziehung beschrie- ben, der schleichende Entfremdungsprozeß zwischen den Partnern sowie die intrapersonalen
Konflikte (vgl. Textor, 1991; Reich, 1994; Faris, 1995). Die Partner sind in ihren Trennungsüberlegungen noch unentschlossen, wägen das Für und Wider ab, um eine Entscheidung fällen zu können. Die Paarbeziehung kann in dieser Zeit von offenen Konflikten und Aggressionen geprägt sein, aber auch Rückzug und Distanzierung vom Partner sind häufige Interaktionsmuster (Textor, 1991). Die Kinder sind bereits in dieser Phase in das Geschehen involviert. Häufig werden sie in die Konflikte ihrer Eltern einbezogen, als Bundesgenosse oder Sündenbock mißbraucht. Parallel hierzu läßt sich jedoch eine emotionale Vernachlässigung der Kinder beobachten, da die Eltern sehr stark auf ihre eigenen Probleme konzentriert sind (Reich, 1994). Der Beginn der Ambivalenzphase ist selten genau zu bestimmen. Textor (1991) geht davon aus, daß die Ambivalenzphase einsetzt, wenn Prozesse, die zur Trennung führen, mit einer gewissen Konstanz auftreten. Der Entfremdungsprozeß kann sich über Monate oder Jahre hinziehen. Entschließt sich mindestens einer der Partner zur Trennung, beginnt die Trennungs- und Scheidungsphase.
In dieser Zeit erleben die Betroffenen die gravierendsten Umwälzungen innerhalb des Scheidungsprozesses. Die materielle Auflösung der ehemals gemeinsamen Lebensbereiche wird vollzogen (Faris, 1995). Ein Elternteil zieht aus, und häufig muß auch die verbleibende Familie die Wohnung wechseln. Soziale Beziehungen werden gekappt, der sorgeberechtigte Elternteil ist trotz Kindererziehung nicht selten zur Arbeitsaufnahme gezwungen. Das emotionale Klima zwischen den ehemaligen Partnern verändert sich, wird angespannter und entschlossener (Reich, 1994). Die Konflikte entzünden sich vor allem bei der Regelung der Scheidungsfolgen wie Unterhalt, Sorge- und Umgangsrecht.
Zumeist haben die Eltern in dieser Phase keine Aufmerksamkeit für die Probleme ihrer Kinder. Sofern sie überhaupt wahrgenommen werden, werden sie häufig verleugnet oder bagatellisiert, um sich nicht noch mit Schuldgefühlen belasten zu müssen (Reich, 1994). Mit dem Vollzug der juristischen Scheidung endet die Trennungs- und Scheidungsphase und die Nachscheidungsphase beginnt. In der auf die Scheidung folgenden Zeit müssen die Betroffenen lernen, sich in ihrem neuen Alltag zu etablieren und die Trennung endgültig zu verarbeiten. Die wichtigste Aufgabe hierbei ist die „psychische Scheidung“ vom Partner. Vielen ehemaligen Paaren gelingt es nur schwer, eine emotionale Trennung vom Partner vorzunehmen. Ein Indiz hierfür können langfristige juristische Auseinanderstzungen sein, in denen ungelöste Paarkonflikte deutlich werden (Faris, 1995).
Erst wenn es gelungen ist, die psychische Scheidung vom Partner zu vollziehen, kann vom Ende der Nachscheidungsphase gesprochen werden. Die Dauer dieses Anpassungsprozesses ist ab- hängig von der spezifischen Ausgangssituation der Familie bzw. ihrer einzelnen Mitglieder und
daher zeitlich nicht genau einzugrenzen. Reich (1994) vertritt die Auffassung, daß dieser Prozeß bei vielen Personen niemals ganz abgeschlossen sein wird.
Die Darstellung des Trennungs- und Scheidungsprozesses über das hier vorgestellte Modell bietet die Möglichkeit, das überaus komplexe Geschehen deutlich zu strukturieren und typische Problemstellungen der Familienmitglieder in den einzelne Phasen herauszuarbeiten. Unbestritten bleibt jedoch auch, daß dieses Phasenmodell nur eine idealtypische Beschreibung des Scheidungsverlaufs geben kann, da
• die einzelnen Phasen nicht klar zu trennen sind
• die einzelnen Familienmitglieder sich u.U. zum gleichen Zeitpunkt in unterschiedlichen Phasen befinden
• die Phasen nicht alle durchlaufen werden müssen
• die für eine Phase beschriebenen idealtypischen Reaktionen nur allgemeine Tendenzen beschreiben (vgl. Textor, 1991)
Das Phasenmodell strukturiert den Trennungs- und Scheidungsprozeß in zeitlicher Dimension. Als Strukturierungsprinzip für die verschiedenen Entwicklungen der einzelnen Subsysteme ist es m.E. ungeeignet, da nicht zwangsläufig ein kausaler Zusammenhang zwischen Trennungsphasen und Entwicklungen herzustellen ist. Um eine vorzeitige Diagnose der Probleme in den einzelnen Phasen zu vermeiden, werde ich mich in der Darstellung von kindlichen und elterlichen Reaktionen im Trennungsprozeß nicht auf das vorgestellte Phasenmodell beziehen. Meine Gliederung orientiert sich zwar an der Chronologie des Trennungsprozesses, betont aber weniger die Gemeinsamkeiten von Scheidungsfamilien (wie im Phasenmodell) als ihre Unterschiede im Hinblick auf etwaige Probleme und deren Ursachen.
1.4 Reaktionen der Kinder
Studien, die sich mit den Auswirkungen von Trennung und Scheidung beschäftigen, kommen übereinstimmend zu dem Ergebnis, daß Kinder aus Scheidungsfamilien durchschnittlich mehr emotionale Probleme haben und häufiger verhaltensauffällig sind, als Kinder, die mit beiden biologischen Eltern aufwachsen.
Es besteht aber auch allgemeiner Konsens darüber, daß die Scheidung der Eltern nicht zwangsläufig zu Verhaltensstörungen führen muß. Die Auswirkungen des Trennungsprozesses hängen u.a. vom Alter und Geschlecht der Kinder, vom elterlichen Konfliktverhalten, der nachehelichen
Eltern-Kind-Beziehung sowie dem Vorhandensein sozialer Unterstützungssysteme ab (vgl. Napp-Peters, 1985; Sander, 1988).
1.4.1 Zu den Untersuchungen
Bevor im folgenden eine Auswahl von Untersuchungsergebnissen vorgestellt wird, soll an dieser Stelle auf einige Mängel der Studien aufmerksam gemacht werden. In der Mehrzahl leiten sich die Ergebnisse zu den Auswirkungen der Scheidung auf die Kinder aus Untersuchungen in den USA ab. Da Rechtslage und kultureller Hintergrund sich von deutschen Verhältnissen unterscheiden, können die Ergebnisse nicht zwangsläufig auf unsere Gesellschaft übertragen werden (Sander, 1988; Offe, 1992).
Zudem muß bei der Interpretation der Erhebungen das gewählte Forschungsdesign beachtet werden: Ein großer Teil der Untersuchungen (v.a. aus den 70er und 80er Jahren) sind sogenannte „Querschnittstudien“. Hierbei werden Kinder aus Scheidungsfamilien mit solchen aus „vollständigen“ Familien verglichen. Diese Erhebungen orientieren sich an der bereits vorgestellten „Defizithypothese“ des Scheidungsgeschehens. Zwangsläufig kommen solche Studien zu dem Ergebnis, daß Kinder geschiedener Eltern belasteter sind als solche der Vergleichsgruppe. Darüber hinaus werden bei solchen Forschungen nicht die familiären Unterschiede erhoben, die bereits vor der Scheidung bestehen und die erhebliche Auswirkungen auf das Wohlbefinden der Kinder haben können (vgl. Hofmann-Hausner & Bastine, 1995).
Der letztgenannte Kritikpunkt gilt auch für Längsschnittstudien, die die Familie ab dem Zeitpunkt der Scheidung wissenschaftlich begleiten. Im Gegensatz zu der vorgenannten Untersuchungsgruppe liegt diesen Forschungen die Hypothese zugrunde, daß Trennung und Scheidung ein natürlicher Prozeß der familialen Entwicklung ist (vgl. Kap. 1.1). Daher liegt das Forschungsinteresse der Längsschnittstudien nicht nur auf den (negativen) Folgen des Scheidungsgeschehens, sondern insbesondere auf den Schutz- und Risikofaktoren. Die aussagekräftigsten Informationen über die tatsächlichen Auswirkungen des Scheidungsgeschehens auf die betroffenen Kinder können von prospektiven Längsschnittstudien erwartet werden (Hofmann-Hausner & Bastine, 1995). In dieser Untersuchungsgruppe werden Familien beispielsweise schon vom Zeitpunkt der Heirat bis über die Scheidung hinaus in regelmäßigen Follow-ups untersucht. Auf diese Weise können Stressoren, die das Wohlbefinden der Kinder bereits lange vor der Trennung beeinflußten, isoliert und von den Auswirkungen der akuten Trennung und den Problemen der Nachscheidungsfamilie unterschieden werden. Bisher existieren jedoch nur sehr wenige solcher Studien (und nur solche aus den USA), da sie äußerst kos- ten- und zeitaufwendig sind.
Über das gewählte Forschungsdesign hinaus (und die entsprechenden impliziten Hypothesen), sind es auch methodische Mängel die eine Auswertung der Ergebnisse erschweren: Beispielsweise handelt es sich häufig um kleine, nicht repräsentative Stichproben, bei denen die Kriterien für die Zusammensetzung unklar sind (Offe, 1992). Zu kritisieren ist u.a. auch, daß zum Teil nicht zwischen Kindern alleinerziehender und wiederverheirateter Elternteile unterschieden wird, obwohl der Typ der Nachscheidungsfamilie für die weitere Entwicklung der Kinder relevant ist (Riehl-Emde, 1992).
Amato & Keith (1991a) kamen aufgrund ihrer Meta-Analyse von 92 Studien zu der Ansicht, daß die methodologischen Mängel der Erhebungen wesentlich dazu beitragen, die negativen Scheidungsfolgen für die Kinder zu überschätzen. Nach ihrer Untersuchung nehmen die negativen Auswirkungen der Scheidung auf die Kinder in dem Maße ab, wie der methodologische Standard steigt; die Effektstärke ist dann nur noch gering.
Überdies zeigte ihre Analyse auch, daß die Konsequenzen des Scheidungsgeschehens für die Kinder in engem Zusammenhang mit dem zeitgeschichtlichen Kontext stehen. Im Verlauf der 50er bis 80er Jahre nahmen die ungünstigen Auswirkungen der Scheidung in den analysierten Untersuchungen deutlich ab.
Amato & Keith schließen daraus, daß durch die gesellschaftliche Akzeptanz der Scheidung die Bewältigung für die Betroffenen leichter geworden ist. Weiterhin ist anzunehmen, daß sich im Verlauf dieser Entwicklung auch die Sichtweise der ForscherInnen und ihre impliziten Hypothesen zugunsten einer positiveren Sichtweise des Trennungs- und Scheidungsgeschehens verändert haben.
1.4.2 Erklärungsmodelle
Die Untersuchungen zu den Folgen der Ehescheidung für die Kinder unterliegen jeweils verschiedenen Erklärungsansätzen, die sich aus dem zeitlich-kulturellen Hintergrund der ForscherInnen und ihrer individuellen Sichtweise der Scheidung ergeben. Amato & Keith (1991a) haben in der bereits zitierten Meta-Analyse drei häufig verwendete Erklärungsmodelle herausgearbeitet:
• Untersuchungen, die den Strukturaspekt betonen, deuten das Scheidungsgeschehen als die Überführung der Familie in einen strukturellen Zustand der Unvollständigkeit. Das Defizit an sozialisatorischen Funktionen wirkt sich negativ auf die weitere Entwicklung der Kinder aus.
• Erklärungsansätze, die den ökonomischen Aspekt in den Vordergrund rücken, unterstellen, daß der ökonomische Abstieg und die damit verbundene abrupte Veränderung des Lebensstils die Kinder besonders beeinträchtigt. Der Einkommensverlust führt u.a. zu einem schlechteren Ernährungs- und Gesundheitszustand der Kinder, worunter auch die schulische Leistungsfähigkeit leidet. Das ungünstige soziale Milieu trägt zur weiteren Stigmatisierung von Scheidungskindern bei.
• Der Konflikt- oder Beziehungsaspekt betont die Relevanz der Beziehungen innerhalb der Familie für die weitere Entwicklung des Scheidungskindes. Ein anhaltend hohes Konfliktniveau zwischen den Eltern wirkt sich demnach schädlicher aus als die Scheidung selbst.
In der Auflistung der Erklärungsmodelle spiegelt sich die eingangs skizzierte Entwicklung der Scheidungsforschung wider:
Der Strukturaspekt ist noch der defizitären Sichtweise von Scheidung verhaftet, die Scheidung als Abbruch des natürlichen Familienmodells versteht.
Auch der ökonomische Aspekt lenkt den Blick auf Defizite der Scheidungsfamilie. Die negativen Auswirkungen der Scheidung liegen jedoch nicht in der Familienstruktur, sondern werden in gesamtgesellschaftlichen Zusammenhängen vermutet.
Beiden Erklärungsansätzen ist gemeinsam, daß sie prospektiv arbeiten, also das Ereignis der Scheidung und die veränderte Lebenssituation als Auslöser eventuell folgender Anpassungsschwierigkeiten sehen.
Der Konflikt- oder Beziehungsaspekt hingegen bezieht sowohl die familiale Entwicklung vor als auch nach der Trennung in seine Betrachtung mit ein. Die möglichen Folgen der Scheidung sind von der Qualität der Beziehungen zwischen den Familienmitgliedern abhängig. Dieser Forschungsansatz kommt allerdings erst in neueren Untersuchungen zum Tragen.
1.4.3 Kurzfristige Reaktionen
Die Reaktionen der Kinder auf den Trennungs- und Scheidungsprozeß werden unter anderem nach Alter und sozial-kognitivem Entwicklungsstand unterschieden (im Überblick Riehl-Emde, 1992; Fthenakis, 1995a).
Die geringsten Reaktionen werden bei Säuglingen und Kleinstkindern bis zu zwei Jahren erwar- tet. Textor (1991) führt als Begründung an, daß sie die Abwesenheit des Vaters kaum bemerken.
Mögliche Reaktionen ergeben sich nach seiner Auffassung aus der psychischen Belastung der Mutter, die sich ungünstig auf ihre Fürsorge für die Kinder auswirkt. Entsprechende Defizite können sich dann in Nachtangst, retardierter Entwicklung sowie vermindertem Interesse an der äußeren Umgebung und sozialen Kontakten ausdrücken (Fthenakis, 1995a).
Kinder im Vorschulalter reagieren, so die allgemeine Einschätzung, am heftigsten (im Überblick Textor, 1991; Riehl-Emde, 1992; Fthenakis, 1995a). Sie haben besonders große Angst, im Stich gelassen zu werden, und ziehen aus dem Verschwinden eines Elternteils den Schluß, daß dies der andere auch tun könnte (Riehl-Emde, 1992). Aufgrund ihres egozentrischen Weltbildes vermuten sie die Ursachen für die elterliche Trennung in ihrem Verhalten und entwickeln leicht Schuldgefühle. Die möglichen Reaktionen umfassen u.a. aggressives Verhalten, Traurigkeit und vermindertes Selbstwertgefühl (Fthenakis, 1995a).
Offe (1992) gibt zu bedenken, daß die Begründungsmuster für diese Reaktionen vor allem theoretischen Überlegungen entspringen, jedoch kaum systematische Untersuchungen existieren. Im allgemeinen wird angenommen, daß die Trennung der Eltern in „sensiblen Phasen“ der Entwicklung (wie beispielsweise in der ödipalen Phase zwischen dem 3. und 5. Lebensjahr) bzw. in einem Alter, in dem die Kinder noch auf die Fürsorge der Eltern angewiesen sind, sich besonders nachteilig auswirkt.
Die Angst, vom sorgeberechtigten Elternteil verlassen zu werden, steht auch bei Kindern bis ca. 10 Jahren im Mittelpunkt (Riehl-Emde, 1992). Mit der Fähigkeit zur Rollenübernahme können sie jedoch ein besseres Verständnis für die Motive der Eltern entwickeln, und die Schuldgefühle treten zurück (Jaede, 1993).
Das Spektrum der kindlichen Reaktionen in diesem Alter umfaßt anhaltende Traurigkeit, emotionalen Rückzug, Depressionen, Wut auf den Elternteil, der die Scheidung verursacht hat, sowie das Absinken der Schulleistungen (Fthenakis, 1995a).
Kinder zwischen 10 und 13 Jahren verfügen bereits über eine ausgeprägte Fähigkeit zur Selbstreflexion. So gelingt es ihnen zunehmend besser, sich von den Beziehungsproblemen ihrer Eltern zu distanzieren und aktiv an der Bewältigung ihrer eigenen Schwierigkeiten zu arbeiten (Jaede, 1993). Dennoch fühlen sie sich von dem drohenden Verlust ihres Bezugsrahmens verunsichert, was u.a. dazu führt, daß sie sich leicht als Verbündete eines Elternteils mißbrauchen lassen (Riehl-Emde, 1992). Die hohe Verantwortung, die ihnen oft seitens der Eltern aufgebürdet wird, führt zu „Pseudoreife“ und zur Flucht in psychosomatische Krankeitsbilder wie Bauch- und Kopfschmerzen (Textor, 1991; Jaede, 1993; Fthenakis, 1995a). Weiterhin leidet
u.U. ihre Beziehung zu Gleichaltrigen, weil sie sich mit „normalen“ Familien vergleichen und sich für ihre Situation schämen (Jaede, 1993; Fthenakis, 1995a). Kinder dieses Alters befürchten auch, die Fehler ihrer Eltern in späteren Beziehungen zu wiederholen (vgl. Wallerstein & Blakeslee, 1989). Die allgemein zu beobachtenden Reaktionen der Kinder sind Ungehorsam, schlechte Schulleistungen, Müdigkeit, innere Leere und Aggressionen (Fthenakis, 1995a).
Jugendliche im Alter von 13 bis 18 Jahren zeigen oft zunächst heftige Reaktionen wie Zorn und Trauer, können aber nach kurzer Zeit eine realistische Einschätzung der familialen Prozesse vornehmen (Fthenakis, 1995a). Sie entwickeln Zukunftsvorstellungen außerhalb der Kernfamilie und leisten konstruktive Beiträge zur Bewältigung der Situation (Jaede, 1993). Für eine andere Gruppe steht vor allem das Gefühl, verlassen und betrogen worden zu sein, im Vorder-grund. Sie reagieren mit einer abrupten Ablösung vom Elternhaus oder mit dem Ignorieren der Eltern (Riehl-Emde, 1992; Fthenakis, 1995a). Zudem fühlen sich viele Jugendliche im Hinblick auf die konkrete Ausgestaltung partnerschaftlicher Beziehungen verunsichert (Fthenakis, 1995a).
Diese kurze Übersicht soll verdeutlichen, daß die Trennung der Eltern für Kinder jeden Alters einen Einschnitt in ihrer Lebenssituation bedeutet. Die u.a. von Kalter & Rembar (1981) formulierte These, daß jüngere Kinder besonders unter dem Trennungsgeschehen leiden, konnte in in ihrer Ausschließlichkeit von anderen Untersuchungen nicht bestätigt werden. Zwischenzeitlich geht die Forschung davon aus, daß auch Kinder im Vorschulalter über spezifische Bewältigungsstrategien verfügen, mit denen sie die neue Situation meistern können (Fthenakis, 1995a).
1.4.4 Langfristige Auswirkungen
Nach allgemeiner Auffassung gelingt es der Mehrheit der Kinder, den elterlichen Trennungsprozeß ohne dauerhafte Entwicklungsstörungen zu durchlaufen. Bei etwa einem Drittel der Kinder werden jedoch mittel- oder langfristige Probleme in der Entwicklung angenommen (Napp-Peters, 1988; Fthenakis, 1995a).
Neben den schon im vorangegangenen Abschnitt erwähnten Reaktionen (wie Aggressionen, Depressionen, vermindertes Selbstwertgefühl und schlechte Schulleistungen) wird auch das erhöhte Risiko psychischer Erkrankung zu den langfristigen Auswirkungen der Scheidung ge-
zählt. 1 Nach Kalter & Rembar (1981) ist dieses Risiko bei Scheidungskindern bis zu viermal höher als bei Kindern, deren Eltern nicht geschieden sind.
Weiterhin werden Auswirkungen auf die Vorstellungen von Partnerschaft und deren konkrete Ausgestaltung angenommen: Wallerstein & Kelly (1980) berichten, daß die meisten Kinder und Jugendlichen 5 Jahre nach der elterlichen Scheidung befürchteten, keine positive Partnerbeziehung aufbauen zu können. Dies traf vor allem auf die mittlere Altersklasse zu, und dort in überwiegendem Maß (zu zwei Dritteln) auf die Mädchen. Darüber hinaus stellten Wallerstein & Kelly auch Geschlechtsunterschiede bei der konkreten Ausgestaltung der Partnerschaft fest: Während die Mädchen aktiv und schnell sexuelle Beziehungen suchten, zeigten sich die Jungen in dieser Hinsicht zurückhaltend und emotional gehemmt.
Effekte der elterlichen Scheidung auf die spätere Paarbeziehung werden auch durch die Untersuchung von Amato & Keith (1991b) bestätigt, jedoch in weit geringerem Umfang als bei Wallerstein & Kelly. Amato & Keith kamen anhand ihrer Meta-Analyse von 37 Untersuchungen an Erwachsenen, die als Kind die Scheidung ihrer Eltern erlebt hatten, zu dem Ergebnis, daß sich dieses Ereignis als geringere Lebensqualität im Erwachsenenalter niederschlug. Hiervon war auch die Paarbeziehung betroffen. Im einzelnen unterscheiden sie:
• weniger familiale Zufriedenheit (geringere Ehequalität, höhere Scheidungsrate)
• geringeres psychisches Wohlbefinden (mehr Depressivität, geringere Lebenszufriedenheit)
• niedrigerer sozio-ökonomischer Status (Schulabschluß, Einkommen, Beruf)
• höhere Morbidität (körperliche Erkrankungen)
Die Effektstärken waren jedoch in allen Fällen gering, insbesondere bei aktuelleren Untersuchungen. Dies weist auf den gesellschaftlichen Wandel der letzten Dekaden hin, vor dessen Hintergrund sich die Bewältigung des Trennungserlebnisses zunehmend leichter gestaltete. Amato & Keith (1991b) stellten überdies geschlechtsspezifische Unterschiede in den Langzeitauswirkungen der Scheidung fest:
• für Jungen aus geschiedenen Ehen erhöht sich im Erwachsenenalter die Wahrscheinlichkeit des Alleinerziehens mehr als für Mädchen
• für Mädchen mit geschiedenen Eltern ist es wahrscheinlicher, ein niedrigeres Ausbildungsniveau zu erreichen als für Jungen
• für Frauen, die als Kind die Scheidung der Eltern erlebten, ist es wahrscheinlicher, daß ihre Ehe geschieden wird als für Männer
1 Darunter wird verstanden, daß ein Kind mit geschiedenen Eltern im Zeitraum von 5 Jahren nach der Scheidung einem Psychologen oder Psychiater vorgestellt wird.
Die Scheidung der Eltern wirkt sich demnach für den Lebensentwurf der Frauen ungünstiger aus als für den der Männer. Es ist zu vermuten, daß die Auswirkungen der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung und die sozio-ökonomische Benachteiligung von Frauen (bzw. alleinerziehenden Müttern) in Verbindung mit den Rollenerwartungen, die an ein Mädchen herangetragen werden, die Entwicklung der Mädchen aus Scheidungsfamilien besonders beeinträchtigen kann.
Zusammenfassend ist festzuhalten, daß der Trennungs- und Scheidungsprozeß auch langfristige Auswirkungen auf die Kinder haben kann, die zum Teil bis ins Erwachsenenalter hineinreichen. Mittelfristig kann sich dies in Verhaltensauffälligkeiten und der Beeinträchtigung des psychischen Wohlbefindens äußern. Langfristig können die allgemeine Lebenszufriedenheit, das körperliche und seelische Wohlbefinden, beruflicher und ökonomischer Erfolg sowie die spätere Partnerbeziehung davon betroffen sein.
Die Meta-Analyse von Amato & Keith (1991b) weist aber darauf hin, daß die Ergebnisse der Studien aus früheren Dekaden nicht bedenkenlos auf heutige Verhältnisse übertragen werden können. Zwischenzeitlich hat sich die Akzeptanz gegenüber der Scheidung als legitimer Ausstieg aus einer unbefriedigenden Paarbeziehung erhöht, was die Bewältigung des Scheidungsgeschehens bzw. die Anpassung an die neue familiale Situation erleichtert.
Bislang wurde nur über die negativen Folgen des Scheidungsgeschehens gesprochen. An dieser Stelle sei noch erwähnt, daß die Trennung der Eltern und die neue Familienform auch positive Aspekte für die Kinder beinhalten können. Leider liegen hierzu kaum systematische Untersuchungen vor. In der Selbsthilfeliteratur für Alleinerziehende finden sich jedoch einige Hinweise auf die Chancen, die den Kindern durch die Trennung der Eltern bzw. dem Zusammenleben mit einem alleinerziehenden Elternteil erwachsen können.
Häsing & Gutschmidt (1992) gehen davon aus, daß Kinder, die die Trennung ihrer Eltern verarbeitet haben, ein größeres Maß an seelischer Reife entwickeln. Das Zusammenleben mit einem alleinerziehenden Elternteil fördert die Selbständigkeit (was aber auch mit der Gefahr von Über-forderung verbunden ist) und die Entwicklung flexibler Geschlechtsrollenvorstellungen.
1.4.5 Geschlechtsspezifische Reaktionen
Der überwiegende Teil der Untersuchungen zu den Scheidungsfolgen für Kinder kommt zu dem Schluß, daß Jungen kurzfristig von der Scheidung stärker betroffen sind als Mädchen (im Über- blick: Offe, 1992; Jaede, 1993; Fthenakis, 1995a). Sie zeigen offensichtlichere Reaktionen,
neigen zu heftigem Ausagieren, Aggressionen, Wutausbrüchen, Ungehorsam und Delinquenz, also externalisierenden Verhaltensweisen (vgl. Wallerstein & Blakeslee, 1989). Die Reaktionen der Mädchen sind zum überwiegenden Teil internalisierend: Sie tendieren zu Rückzug, Ängsten, Depressionen und Überangepaßtheit (Wallerstein & Blakeslee, 1989; Riehl-Emde, 1992).
Die externalisierenden Verhaltensweisen der Jungen lassen nicht unbedingt den Schluß zu, daß sie unter der Trennung mehr leiden als die Mädchen. Vielmehr wird das internalisierende Verhalten der Mädchen leichter übersehen (Sander, 1988).
Dies zeigt sich auch in den Untersuchungsdesigns: Zaslow (1988, 1989) gelangte nach der Se-kundäranalyse von 27 Studien zu der Auffassung, daß Jungen nur unbedeutend mehr von der Trennung ihrer Eltern betroffen sind als Mädchen. Die starken geschlechtstypischen Abweichungen der Studien erklärt sie u.a. anhand der untersuchten Merkmale, die sich stärker auf die Jungen als auf die Mädchen beziehen. So werden beispielsweise eher Variablen untersucht, die ausagierendes Verhalten, nicht aber solche, die internalisierendes Verhalten erfassen. Zaslows wesentliche These ist jedoch, daß vor allem der Typ der Nachscheidungsfamilie die geschlechtsspezifischen Unterschiede erklärt. Aus den ihr vorliegenden Untersuchungen isolierte sie vier Typen von Nachscheidungsfamilien:
a) Kind lebt mit unverheirateter Mutter
b) Kind lebt mit unverheiratetem Vater
c) Kind lebt mit wiederverheirateter Mutter
d) Keine genauen Angaben über den Typ der Nachscheidungsfamilie 2 Zaslows Analyse ergab, daß Söhne unverheirateter Mütter stärker unter den Auswirkungen der Scheidung zu leiden hatten als Töchter in dieser Konstellation. Im Fall, daß das Kind beim unverheirateten Vater lebte, hatten die Mädchen mit stärkeren negativen Konsequenzen zu kämpfen als die Jungen. Auch bei den Kindern, die mit wiederverheirateter Mutter lebten, waren die Mädchen stärker betroffen. In der Gruppe mit unspezifiziertem Typ der Nachscheidungsfamilie ließ sich keine eindeutige Tendenz feststellen.
In Zaslows Analyse waren die Jungen nur dann stärker von den Scheidungsfolgen betroffen, wenn sie mit der Mutter zusammenlebten. Die Mädchen hatten dann unter negativen Auswirkungen zu leiden, wenn sie mit dem unverheirateten Vater oder der wiederverheirateten Mutter, also mit einem Stiefvater, zusammenlebten.
2 Zu dem Typ der Nachscheidungsfamilie mit wiederverheiratetem Vater lag Zaslow keine Untersuchung vor.
Diese Ergebnisse lassen die allgemein postulierte These von der stärkeren Beeinträchtigung der Jungen in einem anderen Licht erscheinen: Sowohl Mädchen als auch Jungen sind von den Folgen der Scheidung weniger betroffen, wenn sie mit einem gleichgeschlechtlichen Elternteil zusammenleben. Für die Jungen scheint es auch von Vorteil zu sein, wenn die Mutter erneut heiratet. Da Jungen aber meistens mit ihrer unverheirateten Mutter zusammenleben, sind sie nicht stärker, aber statistisch häufiger von den negativen Folgen der Scheidung betroffen.
1.4.6 Risikofaktoren
In den vorausgegangenen Abschnitten wurden potentielle Reaktionen der Kinder auf die elterliche Trennung dargestellt. Die Auftretenswahrscheinlichkeit, Art und Intensität der Reaktionen variiert jedoch sehr stark. Die Scheidungsforschung hat sich intensiv mit der Frage beschäftigt, welche Faktoren einen ungünstigen Einfluß auf die Scheidungskinder haben, sie in der Verarbeitung des Trennungsgeschehens, der Anpassung an die neue Lebensssituation und in ihrer altersgemäßen Entwicklung behindern.
Stolberg et al. (1987) nehmen an, daß die vom Kind wahrgenommenen lebensverändernden Ereignisse (Umzug, Schulwechsel, Verlust von Freunden) der größte Risikofaktor für die psychische Angepaßtheit der Kinder in der akuten Trennungsphase sind. Die Brüche in der gewohnten Lebenssituation führen zu hoher Verunsicherung, die durch den Verlust sozialer Bezugspersonen weiter verschärft wird. Die Untersuchungen von Kalter et al. (1989) bestätigen diese Hypothesen, gewichten sie jedoch nicht so stark wie Stolberg. Andere Autoren vertreten die Auffassung, daß die Ursache für die Beeinträchtigung der Kinder vorwiegend auf der Ebene von sorgeberechtigtem Elternteil und Kind zu suchen ist: Der sorgeberechtigte Elternteil ist in der überwiegenden Zahl der Fälle die Mutter. 3 Die Betreuung und Erziehung der Kinder bietet der Mutter einerseits Kontinuität und emotionale Unterstützung, andererseits beinhaltet die Situation auch die Gefahr der Überforderung. Hetherington, Cox & Cox (1982) sowie Napp-Peters (1988) berichten, daß die Interaktion zwischen Mutter und Kind vor allem in der Trennungsphase leidet, was zu erheblicher Beeinträchtigung der Kinder führt. Solche ungünstigen Interaktionsmuster können sich beispielsweise in Rollenzuweisungen wie Vermittler, Informant oder Sündenbock ausdrücken, sie können aber auch in ein überbehütendes oder klammerndes Erziehungsverhalten münden, mit dem der Partnerverlust kompensiert wird (Langenmayr, 1987). 4
3 Nach Auskunft des Statistischen Bundesamtes sind es z.Zt. ca. 80% der Kinder, die nach der Trennung bei ihren Müttern leben.
4 Von dem letztgenannten Interaktionsmuster sind insbesondere Jungen bei ihren alleinerziehenden Müttern betrof- fen. Ein weiterer Hinweis darauf, weshalb Jungen in dieser Konstellation besondere Schwierigkeiten haben.
Häufiger scheint es jedoch zu einer temporären Vernachlässigung der Kinder zu kommen, wofür einerseits die Erwerbstätigkeit des sorgeberechtigten Elternteils mit verantwortlich sein kann, zum andern aber auch die Verstrickung in die eigene Trennungsproblematik (Textor, 1991). Die emotionale Vernachlässigung wird anhand kleinerer Studien illustriert: Hetherington, Cox & Cox (1982) untersuchten 36 Jungen und 36 Mädchen aus Scheidungsfamilien sowie aus „Vollfamilien“. In der Trennungsphase führten die getrenntlebenden Mütter weniger Gespräche mit ihren Kindern und zeigten weniger Zuwendung als die verheirateten Mütter der Vergleichsgruppe. Mitchell (1985) stellte bei ihrer Befragung von 71 Eltern und ihren Kindern fest, daß die Gefühlsreaktionen der Kinder auf die Trennung häufig von den Eltern nicht registriert werden. Zwei Drittel der befragten Kinder gaben an, unter der Trennung ihrer Eltern zu leiden, aber nur ein Drittel der Eltern bemerkte dies.
Im allgemeinen wird jedoch angenommen, daß die Befindlichkeitsstörungen der Kinder in dem Maße abnehmen wie sich der Elternteil restabilisiert und daß dieser Risikofaktor nur kurzfristige Auswirkungen auf die Kinder hat (Napp-Peters, 1988; Riehl-Emde, 1992).
Schwerwiegender sind hingegen die Einflüsse, die sich langfristig auf das psychische Befinden der Kinder auswirken können:
Napp-Peters (1988) betont vor allem die Relevanz des sozioökonomischen Status der Nachscheidungsfamilie. Anhand ihrer Untersuchung (von 150 Scheidungsfamilien mit 269 Kindern) kommt sie zu dem Schluß, daß langfristige Probleme der Kinder (z.B. Aggression, Depression) überdurchschnittlich häufig auftreten, wenn das sozioökonomische Niveau der Nachscheidungsfamilie besonders niedrig ist. Sie nimmt an, daß die Einschränkung in allen Lebensbereichen, insbesondere bei Freizeitaktivitäten, ein Gefühl der Ohnmacht bei dem alleinerziehenden Elternteil hervorruft, das sich auf die Kinder überträgt und diese entmutigt. Langfristige Beeinträchtigungen verzeichnete sie auch bei Kindern, die keinen Kontakt zum getrenntlebenden Elternteil hatten. Fthenakis (1995a) vetritt die Meinung, daß der Verlust dieses Elternteils der größte Risikofaktor für das langfristige Wohlbefinden der Kinder darstellt. Diese These ist jedoch sehr umstritten (vgl. Riehl-Emde, 1992; Stein-Hilbers, 1996). Es scheint hier vor allem von Bedeutung zu sein, wie sich die Beziehung zum abwesenden Elternteil vor der Trennung gestaltete und wie sie anschließend wahrgenommen wird (Schmidt-Denter et al. 1995). Eine unbefriedigende Beziehung ist demnach für die Kinder schädlicher als wenn sie keinen Kontakt zum Elternteil haben.
Exkurs: Zur Debatte um das gemeinsame Sorgerecht
In diesem Zusammenhang soll hier auch die aktuelle Frage nach der Sorgerechtsform angeschnitten werden: In Erwartung des 1997 verabschiedeten Gesetzes, das ab 01.07.1998 das gemeinsame Sorgerecht zum Regelfall macht, ist die Diskussion um die günstigste Form der elterlichen Sorge neu entbrannt (im Überblick Offe, 1992; Stein-Hilbers, 1996). Befürworter des gemeinsamen Sorgerechts führen an, daß bei alleiniger elterlicher Sorge der abwesende Elternteil von der Mitverantwortung für sein Kind ausgeschlossen sei, eine Sieger-und Besiegtenmentalität sowie ein Gefühl des Nicht-Mehr-Zuständig-Seins gefördert werde. Ebendies sei mitverantwortlich für die hohe Zahl der väterlichen Kontaktabbrüche (vgl. Stein-Hilbers, 1996).
Eine gemeinsame Sorge hingegen fördere die Kooperation zwischen den Elternteilen, vermindere kindbezogene Konflikte und die Verstrickung der Kinder in elterliche Auseinandersetzungen. Darüber hinaus wird die Notwendigkeit der Beziehung zu beiden Elternteilen betont und die Entlastung des alleinerziehenden Elternteils angeführt, die letztendlich auch dem Kind zugute komme (Offe, 1992).
Die Vetreter des alleinigen Sorgerechts führen an, daß die Kontakthäufigkeit die emotionale Distanzierung des Kindes vom Trennungsgeschehen erschwere (Offe, 1992), diese Sorgerechts-form überdies ein hohes Maß an Absprache und Kommunikationsfähigkeit voraussetze und die elterliche Sorge ungerecht verteilt sei. Während die Frauen die sozialen, beruflichen und ökonomischen Konsequenzen tragen müßten, werde den „Wochenend- und Freizeitvätern“ das gleiche Mitbestimmungsrecht zugestanden (Stein-Hilbers, 1996).
Den hier vorgestellten Argumenten möchte ich noch einige Überlegungen anfügen: Wie Stein-Hilbers (1996) bereits erwähnt, setzt das gemeinsame Sorgerecht eine nacheheliche Beziehung voraus, in der Kooperation möglich ist. Ist die Beziehung noch durch ungelöste Paarkonflikte belastet, besteht die Gefahr, daß Kinder zum Spielball der elterlichen Auseinandersetzungen werden. Konflikte, die sich über das Kind ergeben, werden weiter verlängert und die Partner erhalten keine Gelegenheit, sich emotional voneinander zu distanziern. Die notwendige Kooperation zwischen den Elternteilen kann meines Erachtens nicht durch die richterliche Verordnung einer gemeinsamen Sorge gefördert werden. Die Bereitschaft hierzu ist entweder bereits vor der Trennung vorhanden oder muß durch gezielte beratende Maßnahmen gefördert werden.
Auch die Mitverantwortung des abwesenden Elternteils und die Gestaltung des Kontakts zum Kind ist nicht unbedingt abhängig von der Sorgerechtsform zu sehen. Um diese Aspekte zu fördern, ist dem umgangsberechtigten Elternteil die Plausibilität der Sorgerechtsentscheidung (v.a. im Hinblick auf das Wohlbefinden der Kinder) zu vermitteln und die Bedeutung seiner
nachehelichen Elternverantwortung zu verdeutlichen. Diesem elterlichen Selbstverständnis kämen auch Umgangsregelungen entgegen, die flexibler als im allgemeinen üblich, einen regelmäßigen Kontakt zum Kind ermöglichen. Auf diese Weise wäre auch eine Entlastung des alleinerziehenden Elternteils möglich, die wiederum der Beziehung von sorgeberechtigtem Elternteil und Kind zugute käme. Jedoch sollte die Kontakthäufigkeit individuell so bemessen sein, daß Eltern und Kinder die Möglichkeit geboten wird, die Trennung zu verarbeiten. Zusammenfassend gesagt, halte ich ein gemeinsames Sorgerecht für ein durchaus erstrebenswertes Ziel. Die Entscheidung sollte jedoch von der spezifischen psychosozialen Lage der Familie, u.a. vom Konfliktniveau der Elternteile sowie von der Beziehung zwischen dem Kind und dem potentiell nicht-sorgeberechtigten Elternteil, abhängig gemacht werden.
Neben der Beziehung zum getrenntlebenden Elternteil wird als weiterer Risikofaktor der Typ der Nachscheidungsfamilie genannt. Die Bedeutung der nachehelichen Familienkonstellation wurde bereits in der Diskussion um die geschlechtsspezifischen Auswirkungen deutlich. In den Untersuchungen von Hetherington et al. (1985) zeigten Mädchen auch zwei Jahre nach der Wiederheirat ausgeprägt externalisierende oder internalisierende Verhaltensweisen, während sich die Jungen zu diesem Zeitpunkt nicht mehr von einer Vergleichsgruppe von Kindern aus nicht geschiedenen Ehen unterschieden. Die Anwesenheit eines Stiefvaters wirkt sich demnach für Mädchen eher ungünstig aus, während sie für die Anpassung der Jungen von Vorteil sein kann. Die Analyse von Zaslow (1988, 1989) weist darauf hin, daß die psychische Anpassung der Mädchen günstiger verläuft, wenn sie bei der alleinerziehenden Mutter aufwachsen. Darüberhinaus stellt Hetherington (1991) fest, daß sich das Risiko der psychischen Erkrankung bei Kindern wiederverheirateter Elternteile deutlich höher liegt als bei Kindern von Alleinerziehenden. Während 20% -25% der Kinder aus geschiedenen Ehen auf professionelle Hilfe zurückgreifen, sind es bei Kindern wiederverheirateter Elternteile schon 40%. Als größter Risikofaktor für die psychische Anpassung des Kindes im Trennungsprozeß wird, vor allem in aktuellen Untersuchungen, das elterliche Konfliktniveau genannt. Hier stehen insbesondere die elterlichen Auseinandersetzungen im Vordergrund, die mit verbaler oder physischer Gewalt verbunden sind. Konstruktiv ausgetragene Konflikte werden dagegen positiv bewertet, da sie die Kooperation zwischen den Eltern fördern und ein positives Modell für die Kinder darstellen (Niesel, 1995).
Der Zusammenhang zwischen interparentalen Konflikten und kindlichem Wohlbefinden wird auf mehreren Ebenen vermutet (vgl. Hofmann-Hausner & Bastine, 1995):
a) elterliche Konflikte wirken als Stressor für das Kind (z.B. fühlen sich jüngere Kinder für die Streitigkeiten ihrer Eltern verantwortlich)
b) die Kinder lernen am Modell ihrer Eltern, daß aggressives Verhalten ein Mittel zur Konfliktlösung ist
c) unzufriedene Paare weisen ein inkonsistentes Erziehungsverhalten und geringere emotionale Verfügbarkeit auf
d) die Konkurrenz der Eltern führt zu Loyalitätskonflikten oder zu Eltern-Kind-Koalitionen Camara & Resnick (1989) stellten fest, daß ein aggressiver Konfliktaustragungsstil der Eltern in hohem Maß mit Verhaltensauffälligkeiten bei den Kindern korrelierte. Die gleichen Auswirkungen konnten sie auch bei Kindern beobachten, die mit beiden biologischen Eltern aufwuchsen und derartige Konflikte erlebten. Cherlin & Furstenberg (1991) berichten sogar, daß Kinder, deren Eltern nicht geschieden waren, aber häufig Konflikte hatten, stärkere Verhaltensauffälligkeiten aufwiesen als Kinder geschiedener Eltern.
In der Bedeutsamkeit des elterlichen Konfliktniveaus für das kindliche Wohlbefinden sind sich die Scheidungsforscher einig. Unterschiedlicher Auffassung sind sie hingegen, ob es die Konflikte vor der Trennung, die der Trennungssituation oder die nachehelichen Konflikte sind, die sich langfristig auf die Kinder auswirken. Myers vermutete schon 1972, daß sich die einer Scheidung vorausgehenden Konflikte nachhaltiger auf die Kinder auswirken als die Scheidung selbst. Diese Auffassung vertreten auch Block, Block und Gjerde (1986): Sie erhoben über 11 Jahre die kognitive Entwicklung und die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern. Dabei stellten sie fest, daß Kinder, deren Eltern ein hohes Konfliktniveau hatten, bereits bis zu 11 Jahren vor der Trennung Verhaltensauffälligkeiten zeigten. Camara & Resnick (1989) vertreten hingegen die Meinung, daß es nicht die elterlichen Konflikte vor der Trennung sind, die eine psychische Anpassung verhindern, sondern die Auseinandersetzungen in Zusammenhang mit der Trennung.
Im Überblick zeigt sich, daß es eine Vielzahl von Risikofaktoren für das Wohlbefinden der Kinder im Trennungsprozeß gibt. Die Gewichtung der Einflußgrößen differiert je nach Sichtweise des Scheidungsgeschehens und Güte der Untersuchung. Die Betonung der lebensverändernden Ereignisse oder des sozioökonomischen Status der Scheidungsfamilie als maßgeblicher Risikofaktor scheint etwas eindimensional und orientiert sich offensichtlich an der defizitären Scheidungsperspektive. Fruchtbarer scheint hingegen die Analyse des Beziehungsgeflechts in der Scheidungs- bzw. Nachscheidungsfamilie. Hierunter fallen die Qualität der Beziehung zu beiden Elternteilen, die Beziehungen in den nachehelichen Partnerschaften als auch das Kon- fliktpotential der Elternteile. Es mangelt an Untersuchungen, die sowohl die familiären Ent-
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