INHALT
EINLEITUNG 1
1 LEBEN UND WERK 1
1.1 DER JUNGE TOCQUEVILLE UND DIE KRISE 1
1.2 ÜBER DIE DEMOKRATIE IN AMERIKA 3
1.3 DIE ZEIT NACH AMERIKA 4
2 GLEICHHEIT 5
2.1 DER UNAUFHALTSAME VORMARSCH DER GLEICHHEIT 5
2.2 GLEICHHEIT IM SEELISCH-GEISTIGEN HABITUS 6
2.3 LEIDENSCHAFT FÜR DIE GLEICHHEIT 7
3 FREIHEIT 8
3.1 SPANNUNGSVERHÄLTNIS VON GLEICHHEIT UND FREIHEIT 8
3.2 DIE GEFÄHRDUNG DER FREIHEIT 9
3.3 FREIHEIT ALS LEBENSWEISE 10
TOCQUEVILLES AKTUALITÄT / SCHLUSSBETRACHTUNG 11
LITERATUR
II
EINLEITUNG
„Die Ideengeschichte ist die Spiegelung der Essenz des Geschehens in Geistern.“ 1 Für das Werk Tocquevilles trifft dieser Satz von Friedrich Meinecke in besonderer Weise zu. In der Tradition der Politikwissenschaft als Krisenwissenschaft fragt Tocqueville nach den Gründen der Krise der europäischen Gesellschaften nach der Französischen Revolut ion und sucht nach einer neuen politischen Ordnung. Er betrachtet dabei nicht nur das Geschehen in seiner Heimat Frankreich, sondern bereist das demokratische Amerika, um aus dem Vergleich beider Gesellschaften Antworten auf seine Fragen zu erhalten. Doch worin besteht nun seine „neue politische Wissenschaft“, welche sind deren Ziele und auf welchen Prämissen fußt sie? Warum ist es lohnenswert, dem ersten Theoretiker der modernen Demokratie nunmehr 170 Jahre nach Erscheinen seines großen Werkes „De la Démocratie en Amérique“ noch sein Interesse zu schenken?
Die vorliegende Arbeit möchte diese Fragestellungen beantworten. Sie betrachtet zunächst Leben und Werk des „Theoretikers des Liberalismus“, um danach detailliert auf die Aspekte der Gleichheit und Freiheit und deren Spannungsverhältnis zueinander einzugehen. Den Analysen wird hauptsächlich die schon erwähnte Amerikastudie des Franzosen zu Grunde gelegt; zitiert wird die französische Gesamtausgabe, herausgegeben von Jakob-Peter Mayer 2 .
1 | LEBEN UND WERK
Bei kaum einem politischen Denker ist das wissenschaftliche Werk so eng mit der Biografie verknüpft wie bei Tocqueville. 3 Das folgende Kapitel behandelt demnach die wichtigsten Lebensabschnitte und sein Hauptwerk unter besonderer Berücksichtigung der historischen Zusammenhänge. 4 1.1 | DER JUNGE TOCQUEVILLE UND DIE KRISE
Alexis-Charles-Henri Clérel de Tocqueville wird am 29. Juli 1805 als Nachkomme einer alten normannischen Adelsfamilie in Paris geboren.
1 Meinecke, Friedrich: Die Idee der Staatsräson in der neueren Geschichte, München / Wien 1976, S. 24.
2 Alexis de Tocqueville: Œuvres, papiers et correspondances d’Alexis de Tocqueville. Édition définitive
publiée sous la direction de J.-P. Mayer, Paris 1951ff, im Folgenden zitiert: Œuvres (M).
3 Vgl. Göhler, Gerhard / Klein, Ansgar: Politische Theorien des 19. Jahrhunderts, in: Lieber, Hans-
Joachim (Hrsg.): Politische Theorien von der Antike bis zur Gegenwart, 2., durchgesehene Auflage,
Bonn 1993, S. 259-656, S. 435.
4 Daten und Ereignisse im Leben Tocquevilles sind vorwiegend der Biografie von André Jardin, Alexis
de Tocqueville. 1805-1859, Paris 1984, sowie dem Titel: Mayer, Jakob-Peter: Alexis de Tocqueville.
Analytiker des Massenzeitalters, 3., veränderte und erweiterte Aufl., München 1972, entnommen.
1
Zum Zeitpunkt der Juli- Revolution in Frankreich im Jahre 1830, die die Herrschaft der Bourbonen beendet und mit Louis-Philippe einen Repräsentanten des wirtschaftlich erfolgreichen Bürgertums an die Macht bringt, ist er Hilfsrichter am Gerichtshof von Versailles. Er fühlt sich durch seine Herkunft einerseits den alten traditionalen politischen Kräften des gestürzten Regimes verbunden, andererseits sieht er ihre Ablösung durch das Bürgerkönigtum, dem er sich durch Eid verpflichten muss, als unvermeidlich und endgültig an. 5 Betrachtet man die Situation im revolutionsgeschüttelten Frankreich der damaligen Zeit, ist diese zwiespältige politische Haltung kaum verwunderlich. Seit 1789 erlebte das Land Revolution, Jakobinerterror, Revolutionskriege, Kaiserzeit, die Napoleonischen Siege, die anschließenden Niederlagen, die Restauration sowie die Juli-Revolution. 6 Die scheinbare Ruhe, die nun eintritt, ist nichts anderes als die Ruhe eines erschöpften Landes. 7 Tocqueville beobachtet, dass die religiösen Menschen die Freiheit bekämpfen, Freiheitsliebende wiederum Gegner der Religion sind. Vernünftige und tugendhafte Leute rühmen die Sklaverei und stellen sich gegen jede Art von Fortschritt, während tugend- und sittenlose Materialisten sich für die Vorkämpfer moderner Zivilisation und demokratischer Freiheit halten. 8 Die die Zeit prägende Unordnung ist allumfassend und macht auch vor der Moral nicht halt. Nutzen und Vorteil sind die neuen Kategorien der sozialen Organisation der Gesellschaft. Die neuen Machthaber des „juste milieu“ haben, so der Politikwissenschaftler Michael Hereth, aus Frankreich eine riesige Aktiengesellschaft gemacht, deren Führungsschicht ihre Aktivität weitgehend auf Gewinnstreben beschränkt. 9 Tugenden wie Ehre, Verantwortlichkeit, Recht und Vaterlandsliebe sind in Vergessenheit geraten. Die Bürger sind verunsichert und ziehen sich mehr und mehr aus dem politischen Leben zurück.
„Penserai-je que le Créateur a fait l’homme pour le laisser se débattre sans fin au milieu des misères intellectuelles qui nous entourent?“ 10 , fragt Tocqueville zynisch, die Ant-wort muss ‚ne in’ lauten. Er sieht sich veranlasst, nach einer neuen nachrevolutionären Ordnung der französischen Republik zu suchen, einer Ordnung, die weniger auf Institutionen begründet als vielmehr in Denken, Handeln und Gewohnheiten der Bürger fest verankert ist. Aus verschiedenen Dokumenten geht hervor, dass Tocqueville seine Idee der politischen
5 Vgl. Feldhoff, Jürgen: Die Politik der egalitären Gesellschaft. Zur soziologischen Demokratie-Analyse
bei Alexis de Tocqueville, Köln / Opladen 1968, S. 9.
6 Vgl. Breier, Karl-Heinz: Alexis de Tocqueville (1805-1859), in: Heidenreich, Bernd (Hrsg.): Politische
Theorien des 19. Jahrhunderts, 2., völlig neu bearbeitete Auflage, Berlin 2002, S. 265-287, S. 265.
7 Vgl. Hereth, Michael: Tocqueville zur Einführung, 2., verb. Aufl., Hamburg 2001, S. 21.
8 Vgl. Œuvres (M) I, 1, S. 10.
9 Vgl. Hereth, Michael: Alexis de Tocqueville. Die Gefährdung der Freiheit in der Demokratie, Stuttgart
1979, S. 19.
10 Œuvres (M) I, 1, S. 10f.
2
Freiheit zumindest ansatzweise schon entwickelt hat, bevor er nach Amerika geht. 11 So begreift er die Freiheit als gemeinsames Gut, das dem Denken und Handeln der Menschen die Richtung vorgeben, wie er es formuliert: die „Geister von den kleinlichen Gedanken abziehen“ 12 kann. Der Freiheitsbegriff Tocquevilles wird im Verlauf der Arbeit noch genauer betrachtet.
Aufgrund der Krisenerfahrung im eigenen Land und dem daraus resultierenden Antrieb, eine neue Ordnung zu finden, begibt sich Tocqueville in die Vereinigten Staaten, in ein Land, in dem er eine bereits verwirklichte demokratische Gesellschaft und eine auf Dauer etablierte und funktionierende Demokratie studieren kann.
Zu seinen Intentionen schreibt er: „Ce n’est donc pas seulement pour satisfaire une curiosité, d’ailleurs légitime, que j’ai examiné l’Amérique; j’ai voulu y trouver des enseignements dont nous puissions profiter.“ 13
1.2 | ÜBER DIE DEMOKRATIE IN AMERIKA
Alexis de Tocqueville und sein Freund Gustave de Beaumont brechen im April 1831 nach Amerika auf und werden sich dort bis zum Februar des nächsten Jahres aufhalten. 14 Offiziell dient die Reise, die im Auftrag der französischen Regierung geführt wird, der Untersuchung der fortschrittlichen amerikanischen Einrichtungen des Strafvollzugs. 15 Tatsächlich beabsic htigt Tocqueville, sie zur Grundlage einer Gesamtdarstellung des sozialen und politischen Systems der Neuen Welt zu nutzen. So kommt es, dass die beiden Freunde beobachten und lesen, unzählige Gespräche mit Vertretern aus allen Bevölkerungskreisen führen und in die verschiedensten Regionen Amerikas reisen. Sie erleben eine Gesellschaft in einer Phase eines wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Wandels hin zu einer Fundamentaldemokratisierung. 16
Nach Tocquevilles Rückkehr und einem weiteren Jahr konzentrierter Arbeit, im Januar 1835, erscheinen die beiden ersten Bände seines Hauptwerkes „De la Démocratie en Amérique“; der Schlussband wird fünf Jahre später veröffentlicht werden. Sein Buch ist ein außergewöhnlicher Verkaufserfolg und erntet Lob und Anerkennung der wissenschaftlichen und literarischen Fachwelt. Gleichsam über Nacht gelangte Tocqueville damit an den Ruhm eines
11 Vgl. Œuvres (M) V, 1, S. 93f.
12 Œuvres (M) XVI, S. 266f.
13 Œuvres (M) I, 1, S. 11.
14 Vgl. Jardin, André: Alexis de Tocqueville. 1805-1859, Paris 1984, S. 99.
15 Vgl. Breier: Alexis de Tocqueville (1805-1859), S. 266.
16 Vgl. Feldhoff: Die Politik der egalitären Gesellschaft, S. 9.
3
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2004, Alexis de Tocqueville - Gleichheit und Freiheit, München, GRIN Verlag GmbH
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