2
„… and yet on the other hand unless wariness be used, as good almost kill a man as kill a good book; who kills a man kills a reasonable creature, God’s image; but he who destroys a good book, kills reason itself, kills the image of God, as it were in the eye.”
Milton: Areopagitica
„El barocco abarca todo el devenir de la cultura. … es un estrado de espiritu y una forma de expresion que, manifestandose en Oriente y Occidente, va desde los tiempos prehistoricos hacia un futuro imprevesible.”
Augusto Cardino
“Ich konnts nicht ändern, aber es änderte mich.”
Simplicissimus
3 G L I E D E R U N G
Einleitung 6
I. Theorien zu Oralität und Literalität 9
II. Autor, Werk, Zeit 15 II.1 Zum Begriff „barock" 15 II.2 Biographische Angaben 17 II.3 Andere Werke des Autors 18 II.4 Rezeptionsphasen 20
III. Stationen der Literalisierung: der Beginn 22 III.1 Der Lautenmeister 22 III.1.1 Synästhesie 23 III.1.2 Musik 24
III.1.3 Dialektik des Leibes 24
III.2 Der Erwerb der Techniken 25 III.2.1 Lesen 26
III.2.2 Exkurs: Verortung des Laienlesers 26
IV. Technologisierung des Denkens 27 IV.1 Der Maßstab des Seins 28 IV.1.1 Vergleich 28 IV.1.2 Verbesserung 28 IV.1.3 Angleichung 29 IV.1.4 Verstummen 29
IV.2 Die Brutalität des Wettbewerbs 30 IV.2.1 Künste und Kanonen 30
IV.2.2 Vertierung der Sprache 30
IV.3 Der teutsche Sprach-Held 31
IV.3.1 Exkurs: Zur Entstehung der Sprach-Norm „Teutsch" 32 IV.4 Studium 33 IV.4.1 Verbildung 34 IV.4.2 Kritik der Unbildung 34 IV.2.4 Argumentation 35 IV.5 Magie und Verschwörung 36
IV.5.1 Der verschriftete Volksglaube 36 IV.5.2 Schrift-Stück-Magie 37 IV.5.3 Ratio Status 38 IV.5.4 Rausch 39 IV.5.5 Anästhesie 40 IV.6 Ökonomie unter Druck 40 IV.6.1 Die Profitschreiber 41 IV.6.2 Die Profitschriften 41
V. Das neue Sprachbewusstsein 42 V.1 Sprechen lehrt imitieren 43
V.1.1 Schreiben lehrt plagiieren 43
4
V.1.2 Die stumme Welt des Romans 43 V.1.3 Resonanz 44 V.2 Kritischer Lektor 44 V.3 Identität und Spaltung 46 V.3.1 Suggestibilität 47
V.3.2 Spaltung in Subjekt und Objekt 47
V.3.3 Das Verschwinden des Subjektes 47
V.3.4 Das Verlangen nach Identität 48 V.4 Inkonsequenz als Widerstand 49 V.4.1 Bekenntnisdruck 49
VI. Das Pfingsten des Teutschen Michel 50
VI.1 Tadel der Sprachverderber 51
VI.2 Sprache ist ein Wunder des Hörens 51
VI.3 Exkurs: Umdeutung des Pfingstwunders 52 VI.4 Eintauchen ins Wunder 53
VI.5 Unsichtbarkeitspostulat 53
VII. Genus: Sabina und Hans 54
VIII. Die Büchse der Pandora - Verschriftlichung total 57
VIII.1 Das Bedürfnis des Heiligen Antonius 58
IX. Die Continuatio als Lese-Anweisung 61 IX.1 Hektik der Herstellung 62 IX.2 Satire
IX.3 Vom Finden der Kerne als Ziel allen Lesens 63
IX.3.1 Die Metamorphosen des inneren Ringens 64
IX.3.2 Die Illusion der narrativen Kommunikationssituation 64
IX.3.3 Die Traum-Wirklichkeit 65
IX.3.4 Die Unbeständigkeit des Baldanders 65 IX.3.5 Der betrogene Leser 66
IX.3.6 Die Kontraktionen des Schreibers 66
IX.3.7 Die Reue des Schriftstellers 67 IX.3.8 Metanoia 68
X. Summa Summarum 69 X.1 Wer ist Leser? 69 X.1.1 Wie ist der Leser? 69 X.2 Der Schreiber ist Leser 70
X.2.1 Sprechweise: Formulaische Fiktion 70 X.2.2 Perzeption 71 X.2.3 Werte 71 X.2.4 Wissensvermittlung 71
X.2.5 Magie und Wissenschaft 71 X.2.6 Individuation 72
X.2.7 Abwesenheit des Gesprächspartners 72 X.2.8 Seinsmöglichkeiten 73
X.2.9 Spaltung und Identität 73
5
X.2.10 Suggestibilität 73
X.2.11 Symbolic fallout 73
X.2.12 Anästhesie 73
X.2.13 Anpassung der Wirklichkeit 74
X.2.14 Verschriftlichung 74
X.2.15 Innen und außen 74
X.2.16 Genus 74
X.2.17 Popularisierung des Wissens 74
X.3 Was kann der Leser nicht? 75
X.4 Der Literaturwissenschaftler ist Leser 75
XI. Nachbemerkung 76
Literaturverzeichnis 77
6
EINLEITUNG
Es gibt wohl kaum ein deutlicheres Zeichen für die selbstgewisse Grundeinstellung der zeitgenössischen Erforschung von Literatur und ihrer Geschichte, als die Tatsache, dass diese Geschichte zwar als Epochen- und Gattungsgeschichte eingehend untersucht wurde, dass aber eine Erforschung der der Literatur eigentümlichsten Bedingungen fehlt. Zu diesen Bedingungen zähle ich sowohl die Gegenstände des Gebrauchs, die für die literarische Produktion unablässig sind, als auch jenen mentalen Raum, der durch die von diesen Dingen evozierten Vorstellungen und Arten des Gebrauchs erst hergestellt wird. Die Forschungsergebnisse der Autoren, auf die ich mich im ersten Teil dieser Arbeit beziehe, haben darauf aufmerksam gemacht, in die literaturwissenschaftliche Forschung bisher aber kaum Einlass gefunden. Den Simplicissimus im Spannungsfeld von Oralität und Literalität zu interpretieren, verlangt also, den anfänglichen, nicht allzu zaghaften Versuch zu wagen 1. einen Beitrag zur Bestimmung dieses Verhältnisses in deutschsprachigen Ländern des 17. Jahrhunderts zu leisten, indem wir der Literatur selbst Vorstellungen darüber abzugewinnen suchen, wie sich ein solcher Prozess konkret ausgewirkt hat;
2. den Nachweis des Vorhandenseins dieser Thematik zu führen und der Grimmelshausen-Forschungwie auch der Erforschung von Literatur überhaupt - neue Denkimpulse zu geben. Die Geisteswissenschaft hat es im Gegensatz zur Naturwissenschaft und anderen Disziplinen nicht mit "verifizierbaren Fakten" zu tun; sie bleibt hypothetisch, wo die Schlüssigkeit eines Gedankenganges als Beweis allein keine Anerkennung findet. Doch Literaturkritik, "die Literatur selbst insgeheim verabscheut und statt dessen Jagd auf objektive und verifizierbare Kriterien poetischer Exegese macht", behandelt wie Steiner erkannte, Fragen, die der Wirkungsweise von Literatur "hoffnungslos fremd" gegenüberstehen. 1
Mit diesem langen Vorspann ist schon viel gesagt. Ich werde in dieser Arbeit versuchen, eine These schlüssig darzulegen, die ich mittels der Methode wechselseitiger Erhellung und der Amplifikation ausführen will. Diese These lautet: der „Simplicissimus" ist ein Buch, in dem der Werdegang eines jungen Mannes vom literarisierten Laien, zum Sprachverderber geschildert wird. Verfolgt man den Gedanken konsequent, so lässt sich der gesamte Roman als Analogie auf den sog. Prozess der Literalisierung bzw. Verschriftlichung lesen. Der Simplicio stellt darin als allegorische Figur die Sprache dar, die schließlich in ein Schriftstück - eben den Roman - verwandelt wird. Unter dem Begriff „Verschriftlichung" werden hier all jene Aspekte der Schriftgeschichte zusammengefasst, die seit dem späten Mittelalter dazu führten, dass das Leben des Einzelnen und der Gemeinschaften in Europa neu strukturiert wurde. Unter „Laienliteralisierung" verstehe ich den Versuch, Nicht-Gelehrte mit den Prinzipien des Lesens und Schreibens und vor allem Recht-Schreibens bekannt zu machen. Verschriftlichung stellt das ursächliche Moment für diesen Prozess dar. Beide Begriffe schließen sich in dem der "Alphabetisierung" zusammen. Der Begriff impliziert die
1 Steiner, 1984, p.144
7
Ausbreitung von Vorstellungen und Verhaltensweisen, deren Fundament eine Anpassung der Sinnesorgane an die "Logik" der linearen Buchstabenschrift und ihrer Folgetechnologien bildet. Tätigkeiten wie "sehen" oder "hören" wurden im Verlauf dieses Prozesses weitgehend umgedeutet, so dass neue Interpretationsmuster für die Wirklichkeit erforderlich wurden. Belesenheit, Abdruck des Ich, Alphabetisierung des Denkens, Aufteilung der Welt in Sprachgemeinschaften, illiterate und literalisierte Wahrnehmung - das alles sind moderne Begriffe, doch sind die Thematiken, für die sie stehen, dem Roman, den ich hier interpretieren will, so inhärent, wie sie das Thema des Gelehrten im 17. Jahrhundert überhaupt darstellen. Wozu also der Nachweis?
Mit Walzel bin ich der Ansicht, dass der "Stoff" eines der zufälligsten Elemente des Kunstwerkes ist: "...ganz selbstverständlich ist zunächst zwischen dem Schaffen eines Dichters einerseits und seiner Gedankenwelt; den Lebensfragen, die er lösen möchte, und den Formen, in denen seine Kunst sich auslebt, andererseits ein weit engerer Zusammenhang als zwischen seinem Schaffen und dem Stoff, den er wählt." 2 Wer also „Stoffgeschichte" betreibt, wird solange in der Tautologie stecken bleiben, wie er nicht das Besondere, Individuelle des Zeitalters oder des Autoren, dem er seine Aufmerksamkeit zuwendet, erhellen kann. Was ist in diesem Falle das Besondere?
Das 17. Jahrhundert ist die Zeit der wüsten Fouragierer, der Schatzgräber, Magier, Astrologen und Alchimisten. An jeder Ecke meint man dem "ewigen Juden" oder dem Teufel begegnen zu können; wem diese derbe Zurichtung der "natürlichen Geister" nicht behagt, dem begegnen stattdessen Dämonen oder Eumeniden. Es ist schwierig, sich das Alltagsleben in solch einer Zeit vorzustellen - man neigt vielleicht zu sehr dazu, das Bild eines ständigen bunt-bizarren Treibens, eines wirren Jahrmarktes kuriosester Gestalten und Halunken zu entwerfen, aus dem dann endlich befreiend und ordnend die Aufklärung entspross. Doch das, was auf den Leser des 20. Jahrhunderts abstoßend oder befremdend wirkt, wird zum Dauer-Szenario wohl vor allem durch die gebündelte Aufmerksamkeit, die er diesen Erscheinungen zuteil werden lässt. Was den "Simplicissimus" betrifft, hat die Grimmelshausen-Forschung ein herrliches Kompendium geschaffen, aus dem der Leser alles entnehmen kann, was er für ein ernsthaftes Studium des zeitgeschichtlichen Hintergrundes des Romans bedarf. Fast alles. Denn erstaunlicherweise taucht das Thema, das wir hier behandeln wollen, allenfalls als Nebenpunkt oder "Unterströmung" einmal auf. Insofern muss hier zwangsläufig zunächst "Stoffgeschichte" betrieben werden; sollte der Nachweis gelingen, wird aber der "Stoff" allein schon über sich hinausweisen.
Methode
Meine Analyse wird nach der Methode der wechselseitigen Erhellung und der Amplifikation durchgeführt, das heißt ich werde den Roman unter dem genannten Aspekt interpretieren und in einen zeitgeschichtlichen Zusammenhang stellen. Die Bewegung ist also eine "trialektische". Unter Punkt II wird ein Überblick über die Theorien zur Erforschung von Oralität und Literalität
2 Walzel, 1926, p.21
8
gegeben, damit der Leser die Bandbreite der Problematik nachvollziehen und die Bedeutung der in der Analyse gewonnenen Erkenntnisse verstehen kann.
Im dritten Abschnitt werden ein Überblick über andere Werke des Autors, die Rezeptionsphasen des Simplicissimus, Biographisches und Zeitgeschichtliches den Hintergrund erhellen, vor dem ich das Werk interpretieren will. Erst nachdem wir uns dergestalt gewappnet haben, wenden wir uns der Interpretation zu. In dieser werden die vorab theoretisch dargelegten Aspekte - soweit sie sich im Roman finden lassen - dann mit den Schilderungen Grimmelshausens "synthetisiert", d.h. ihr Vorkommen im Werk dargestellt und interpretiert.
Literatur ist der Bereich, in dem Theorie und Individualität verknüpft werden. Literatur ist Fiktion, die die "Wirklichkeit so zu organisieren vermag, dass diese mitteilbar wird, weshalb sie das von ihr organisierte selbst nicht sein kann". 3 Ich versuche daher nicht, dem Simplicissimus mit Fragen über seinen "Wahrheitsgehalt" zu begegnen. Ich suche die Schnittpunkte, an denen sich objektive Theorie und subjektive Darstellung berühren. Wissenschaftliche Theoriebildung muss zwangsläufig immer vom Einzelnen absehen, erlaubt keine Aussagen über das Individuelle. Literatur dagegen lässt sich zwar wissenschaftlich "behandeln", bleibt von der Aussageweise her aber immer "subjektiv". Es bleibt dem Leser überlassen, den Aussagen inhaltlich zuzustimmen oder sie zu negieren. Mir geht es nur darum, den Stoff der Laienliteralisierung, den ich im Werk erkenne, vor ihm auszubreiten und somit ein bisher vernachlässigtes Motiv, das den Simplicissimus sowohl inhaltlich als auch formal bestimmt, erstmalig aufzuschließen.
Meine Arbeit ist ein "Zwitterwesen", das heißt sie gehört zwei Forschungsbereichen an. Insofern können von den Ergebnissen her Fragen in verschiedene Richtungen weitergeführt werden. Ich verzichte in der Zusammenfassung darauf, alles, was beschrieben wurde, noch einmal "auf den Punkt" zu bringen und versuche stattdessen, Antwort auf jene Frage zu finden, die beide Forschungsbereiche verbindet: Wer ist der Leser des Simplicissimus?
Hinweis zu den Zitaten: Dort wo Textpassagen aus dem "Simplicissimus" zitiert werden, wird dem Leser das Auffinden derselbigen durch die direkte Angabe der Seitenzahl erleichtert. In der Regel wird die im Verzeichnis genannte Ausgabe von 1983 benutzt; nur an zwei Stellen, an denen der genaue Wortlaut von entscheidender Bedeutung ist, erscheinen zwei Seitenangaben in der Klammer: hier wird an zweiter Stelle noch die Ausgabe von 1880 (Nachdruck der E1-Ausgabe) hinzugezogen.
Die Bezeichnung "Simplicissimus" wird gewählt, wo vom Roman, die Bezeichnung "Simplicio", wo vom Ich-Erzähler die Rede ist. In beiden Fällen wird auf die Setzung von Anführungszeichen verzichtet; da der Wortlaut und auch die Verwendung der Pronomen für das Verständnis von Bedeutung sein können, werden die Zitate nicht dem logischen Satzbauplan eingepasst, sondern schlichtweg übernommen.
3 Iser, 1976, p.88
9
I. THEORIEN ZUR ERFORSCHUNG VON ORALITÄT UND LITERALITÄT
Im Folgenden soll ein Überblick über die Geschichte der Erforschung von Oralität und Literalität in diesem Jahrhundert gegeben werden. Dargestellt werden Forschungsinhalte, Fragen, spezielle Problematiken, die von den "Pionieren" auf diesem Gebiet thematisiert wurden. MILMAN PARRY stellte in seiner Doktorarbeit über das Homerische Epitheton im Jahre 1926 eine für die Erforschung von Oralität und Literalität Wegbereitende These auf: Parry erkannte, dass der Übergang von einer mündlichen Tradierung zur schriftlichen Überlieferung im archaischen Griechenland einen epistemologischen Bruch darstellte, der es dem modernen, an die Schrift gewöhnten Menschen nahezu unmöglich macht, den "Kontext", innerhalb dessen der illiterate Poet seine Lieder und Phrasen formulierte, nachzuvollziehen. Um die Homerische Dichtkunst genauer beschreiben zu können, führte Parry den Begriff der "formulary diction" ein 4 , womit er eine Sprechweise kennzeichnete, die ganz dem Einfluss des gewählten Metrums unterworfen ist. Worte und Phrasen werden eher nach ihrer Einfügbarkeit in dieses Metrum ausgewählt als nach ihrer Angemessenheit (appropriateness) in Bezug auf den dargestellten Zusammenhang. 5 Der Poet bezieht diese Formeln aus Versen, die er bei anderen Dichtern gehört hat, fügt diese Formeln aber eigenwillig zusammen, so dass sie sich nur aus dem Netz von Relationen, das innerhalb einer bestimmten Dichtung geknüpft wird, verstehen lassen. Parrys Studien wurden von seinem Schüler ALBERT LORD erweitert und vertieft. Lord wies nach, dass der Barde in einer illiteraten Gesellschaft nicht feststehende Phrasen memoriert, sondern lernt, diese zu kreieren. 6 Demnach hat man sich unter einer formulaischen Sprechweise den Gebrauch flexibler "Instrumente" vorzustellen, mit denen der Sänger rapide Verse schmiedet, die sowohl traditionell als auch individuell gefügt sind. "Rapide" bedeutet in diesem Zusammenhang nicht allein "schnell", das Attribut deutet auch auf eine charakteristische Eigenschaft, die das Wort in schriftlosen Gesellschaften hat: es ist Bestandteil einer Rede, die nirgendwo festgehalten wird, es ist flüchtig, nicht fixierbar. Dem modernen Leser vertraute Vorstellungen, in denen Worte "lagerfähig" erscheinen, "abgelegt" oder "gespeichert" werden, können daher in solchen Gesellschaften kaum aufkommen. Nur kurze Zeit nach Parrys skeptisch begutachteter Doktorarbeit, legte ALEKSANDR ROMANOVICH LURIA seine Studien über die Veränderungen "mentaler Räume", die durch die Erlernung von Lese-und Schreibtechniken bewirkt werden, vor. Luria und seine Assistenten bereisten verschiedene abgelegene Landesteile der Sowjet-Union, um kognitive Tests mit schriftunkundigen Personen durchzuführen. Lurias Ergebnisse lassen sich wie folgt skizzieren:
1. Das Denken illiterater Personen ist konkret und spezifisch an eine Situation gebunden. Es wird von sensomotorischen perzeptiven Eindrücken gelenkt und reguliert sich kaum nach begrifflichen Konzepten.
2. Ist eine Person einmal "literalisiert", verändert sich damit radikal die Art und Weise, wie sie
4 Lord, 1965, p.30
5 Parry, 1971, XXV
6 Lord, 1965, p.30
10
Wirklichkeit erlebt und interpretiert. 7
Die Perzeption literalisierter Personen entfernt sich laut Luria von der unmittelbaren Wahrnehmung, Eindrücke werden zu einem System abstrakter linguistischer Kategorien geordnet. Das Denken wird insgesamt abstrakter und theoretischer, neigt zu Klassifizierungen und der Herstellung von Ursache-Wirkungs-Beziehungen. Aber nicht allein das Denken, auch die Sinneswahrnehmung verändert sich; illiterate Personen unterscheiden nicht im selben Maße wie literalisierte Eindrücke, die sie über Ohr, Auge, Tast-, Geruchs- oder Geschmackssinne empfangen haben. Literalisierung betrifft demnach nicht allein "sprachliche Prozesse" oder Denkstrukturen, sie hat Einfluss auf das gesamte Wesen eines Menschen - auf die Individuen ebenso, wie auf die von ihnen gebildeten politischen und sozialen Gemeinschaften.
ERICH HAVELOCK untersuchte diesen Wandel im Denkprozess und in der Wahrnehmung bei den griechischen Vorsokratikern. Der "epistemologische Bruch" kommt laut Havelock bereits in den Schriften der Vorsokratiker zum Tragen, die ein "Extrakt" aus Homer und Hesiod schufen. Dieser "Extrakt" wirkte sich auf die Schaffung neuer Wert-Systeme aus, die ohne die neuen Wortformen kaum denkbar gewesen wären. 8 Hatten Parry und Lord ihre Studien auf eine Analyse der Erzähltechniken von Barden begrenzt, so wies Havelock nach, dass in der auralen Kultur des vorklassischen Griechenlands die Fähigkeit, mnemotechnisch zu komponieren, nicht professionellen Sängern vorbehalten war, sondern alle Personen, die irgendeine Art "höhere Position" einnahmen, über solche Fähigkeiten verfügten. 9 In den vergangenen 25 Jahren sind die kulturgeschichtliche Bedeutung und die gesellschaftlichen Folgen, die Entwicklung und Ausbreitung der Schrift sowie des Buchdrucks hatten, vor allem im angelsächsischen Raum diskutiert worden. Neben Havelock sind hier Goody und Ong zu nennen, die beide der Frage nachgingen, welche Bedeutung die Kulturtechniken "lesen und schreiben" für den nichtprofessionellen Leser haben, in welcher Weise sie sein Bild von der Welt formen. GOODY legte den Schwerpunkt seiner Arbeiten auf den Zusammenhang von Sprechen und Handeln, da die Weitergabe von Wissen in schriftlosen Gesellschaften an die Weitergabe von Handlungsmustern und Verstehenskategorien geknüpft ist. In literalen Gesellschaften tragen Wörter und Aussagen dagegen "Schichten historischer Bedeutung", was bedeutet, dass sowohl Wissen als auch "Seinsmöglichkeiten" angehäuft werden können. Dennoch bleibt nach Goody auch in literalen Gesellschaften "die mündliche Überlieferung von Werten und Einstellungen der wichtigste Modus kultureller Orientierung,...". 10 Damit berührt Goody die Frage des Fortbestandes oral-formulaischer Wahrnehmung in literalen Gesellschaften, ein Problem, das "weder Levy-Bruhl noch irgendein anderer Vertreter einer absoluten Dichotomie zwischen 'primitiven' und zivilisierten' Gesellschaften hat lösen können", da die Schrift „in den modernen Gesellschaften keine Alternative zur mündlichen Überlieferung, sondern eine zusätzliche Möglichkeit“ darstellt. 11 In "Domestication of the savage mind" thematisiert Goody diese
7 D’Angelo, 1979, p.154 ff
8 Havelock, 1986
9 Havelock, 1963, p.93
10 Goody, 1986, p. 108
11 ebd., p. 122
11
„Dichotomisierung" als fundamentales Erkenntnisproblem der Erforschung von Oralität und Literalität. Goody stellt in dieser Studie die Instrumente, mit deren Hilfe über den Gegensatz zwischen "primitiven" und "zivilisierten" Gesellschaften geforscht wurde in den Mittelpunkt der Diskussion und untersucht, welche Auswirkungen der Gebrauch bestimmter "Matrixen" wie z.B. tabellarischer Listen, auf die Entwicklung des literalisierten Denkens hatte. Im Mindesten, so lässt sich folgern, waren es diese Instrumente, die ganz entscheidenden Anteil an der Herausbildung der Vorstellung von der Existenz solcher Dichotomien hatten. Daher schlägt er eine Forschung vor, die mehr von einem "Ineinander" verschiedener Denk- und Wahrnehmungsweisen ausgeht, als von einem Nacheinander oder von konträren Gegensatzpaaren. Als Beispiel führt er das Gegensatzpaar Magie/Wissenschaft an. Wissenschaft, so Goody, muss Magie nicht zwangsläufig verdrängen. Wissenschaft kann - extrem formuliert - Magie mit anderen, distanzierteren Mitteln sein. Magie wird von ihm hier definiert als "set of procedures for changing the world, 'symbolically' or not." 12 Weniger Skepsis gegenüber der Dichotomie zeigte der Psychologe WALTER ONG, der es sich zum Ziel setzte, die "sozialen und intellektuellen Konsequenzen der Schriftlichkeit (literacy) aus der Differenz zu den Implikationen der Mündlichkeit (orality) zu bestimmen.“ 13 Ong definiert das Alphabet als eine Technik, die gestärkt durch den Buchdruck das Denken al jener, die im Einzugsbereich dieser Technik leben, neu strukturiert hat. Da Goody und Ong zu ähnlichen oder einander ergänzenden Merkmalsbeschreibungen des Charakteristischen oral-formulaischer bzw. literalisierter Denkweisen gelangt sind, werden ihre Ergebnisse in der folgenden Auflistung unter Verzicht auf besondere Nennung, aber mit allen Vorbehalten, die Goody formulierte, zusammengefasst: Laut den genannten Autoren lassen sich orales/liberalisiertes Denken demnach wie folgt kontrastieren: oral-formulaisch literalisiert additiv subordinativ redundant ökonomisch konservativ innovativ anthropomorph begrifflich sinnlich-konkret abstrakt einfühlend distanzierend situationsbezogen kategorial personal sachlich narrativ kausalisierend mythisch historisch aggregativ analytisch nachahmend linear kämpferisch/preisend distanziert homöostatisch akkumulativ
12 Goody, 1977, p. 149
13 Ong, 1987, p. 9
12
Auch Ong geht davon aus, dass sich Reste oral-formulaischen Denkens noch heute in literalisierten Gesellschaften finden lassen, betont aber die Notwendigkeit, den Prozess der Literalisierung fortzuführen, den er als Entwicklung von Bewusstsein (consciousness) und Psyche skizziert. Im Verlaufe der Herausbildung dieser bei den Größen menschlichen Geistes und Gemütes wurde der Mensch als Lesender und Schreibender Teil eines Netzes der Textualität, deren grundlegendes Merkmal Abwesenheit der Gesprächspartner ist.
In Abwesenheit des "Du", so Ong, wird die beschriebene Seite zu dem Instrument, das zur Selbstwahrnehmung und Bewusstwerdung durch Interpretation und Identifikation führt. Das Ich- oder Selbst-Bewusstsein des literalisierten Lesers ist völlig an die Schrift gebunden: "Without writing and printing the interiorization of consciousness that marks modern man could not have taken place.” 14 Nicht allein der Inhalt des Geschriebenen hat an dieser Verinnerlichung teil, auch die verwendete Technik bildet sich dem Leser als Erfahrung, die seine Selbstwahrnehmung bestimmt, ein. Der Leser oder Schreiber wendet diese Technik auf sich selbst an:
“Technologies dealing with the word all lend themselves to deep interiorization, including computer technologies, we appropriate them into ourselves. It is virtually impossible for thoroughly literate persons to imagine a word as pure sound totally divorced from its mechanical representation in letters.” 15
Gerade der „sound" ist es demnach, der orale und literale Gesellschaften voneinander scheidet. Im Gegensatz zur schriftlichen Mitteilung wendet sich das erklingende Wort immer an ein "Du", das anwesend ist. „Sound is more real or existential than other sense objects, despite the fact that it is also more evanescent, sound itself is related to present actuality rather than to past or future. It must emanate from a source here and now discernibly active, with the result that involvement with sound is involvement with the present, with here-and-now existence and activity." 16 In der mit der Literalisierung verbundenen Verschiebung der Sinnes-Dominanz vom Ohr zum Auge vermutet Ong entsprechend eine extreme Neu-Orientierung, die alle menschlichen Beziehungen zur physischen Welt, zum Nächsten, sowie die Vorstellung vom Selbst, verändert hat. HAROLD INNIS war der erste, der darauf hinwies, dass die Formen einer bestimmten Medien-Technik einen Wandlungsprozess schon implizieren. Nach Innis hatte der Buchdruck Auswirkungen sowohl auf die Religionskriege des 16. und 17.Jahrhunderts als auch auf die "Revolutionen und neuen Ausbrüche der Barbarei im 20. Jahrhundert, da er "die Konsolidierung der Landessprachen" und das "Aufkommen des Nationalismus" beschleunigte. 17 Auf Innis bezieht sich MARSHALL MCLUHAN, der die "Wirk- Ursächlichkeitzwischen der phonetischen Schrift und dem Aufkommen neuer Wahrnehmungsweisen“ erforschte. 18 McLuhan kam zu dem Schluss, dass die Einführung einer neuen Technik in einer Kultur das "gegenseitige Verhältnis unserer Sinne verschiebt“ - vorausgesetzt, die Technik gibt einem unserer
14 ebd., p. 181
15 ebd., p. 187
16 Ong, 1967, p. 111
17 zit. nach: McLuhan, 1968, p. 71
18 McLuhan, 1969, p. 53
13
Sinne ein neues Gewicht oder neuen Auftrieb. „Das Wechselspiel zwischen unseren Sinnen findet dauernd statt, außer im Zustand der Anästhesie. Aber jeder Sinn kann, falls er bis zur höchsten Intensität gesteigert wird, sich auf die anderen Sinne betäubend auswirken." 19
Literalisierung, darin sind sich alle Autoren einig, zieht den Wechsel der Sinnes-Dominanz vom Ohr zum Auge nach sich. Die veränderte Sinnes-Wahrnehmung wirkt sich aus, auf alles, was wahrgenommen werden kann. Die Umgebung des Menschen wird analog der Wirklichkeit, die das neue Medium erfordert, eigens geschaffene Wirklichkeit.
IVAN ILLICH hat diese These modifiziert: seiner Ansicht nach deutet der seit dem 12. Jahrhundert sich ausbreitende Gebrauch des Alphabets zur Aufzeichnung von Idiomen darauf hin, "dass ein schon in einer Gesellschaft vorhandenes, sehr geeignetes komplexes, künstliches Hilfsmittel erst in dem historischen Augenblick zu einem Werkzeug zur Ausführung einer Aufgabe gemacht wird, wenn diese symbolische Bedeutung erlangt.“ 20
Die Untersuchungen GIESECKES unterstreichen diese These Illichs. Giesecke weist am Beispiel Fachprosa nach, dass dem Prozess der Literalisierung ein umfassender Symbolisierungsvorgang vorausgegangen sein muss, in dessen Verlauf zahlreiche bis dahin nicht-verbalisierte Erfahrungen „verschriftet" und infolgedessen kategorisiert und geordnet wurden. 21 Giesecke stellt fest, dass 1. die Laienwelt keinen Einfluss auf die Gestaltung dieses Prozesses hatte, die nicht-professionellen Leser sich gezwungen sahen, ihre Erfahrungen einem verschriftbaren Mittelwert anzugleichen, der diese nicht zuletzt in eine vollkommen veränderte Raum- und Zeitvorstellung überführte; 2. das Bedürfnis nach "Literalisierung“ im selben Maße wuchs, wie der Prozess der Verschriftlichung sich vollzog, so dass die Technik, die zur Erfüllung dieses Bedürfnisses eingesetzt wurde, mit derselben Berechtigung als Technik angesehen werden kann, die ein solches Bedürfnis erst weckte und steigerte. Die Vorstellung, dass "das sprachliche Denken vom Handeln getrennt werden kann, dass es wirkungslos ist und auf das Innere eines Menschen beschränkt", hat der Psychologe CAROTHERS als Vorstellung, die allein in literalisierten Gesellschaften aufkommen kann, geschildert. 22 Selbst in solchen Gesellschaften, in denen die Verschriftlichung erheblichen Anteil an der Alltagswahrnehmung hat, die Dominanz des Ohres aber nicht verdrängen konnte, kommt dem Einzelnen noch eine Verantwortung für seine Gedanken zu. Nur dort, wo sich ein vollkommener Sinneswandel vollzogen hat, fühlt sich der literalisierte Mensch vor dieser Art der Gedanken-Veräußerung geschützt, zahlt dafür aber den Preis einer grundsätzlichen Stimmung der Schizophrenie. "Die durch den Buchdruck aufgerissene Kluft zwischen Verstand und Gefühl ist das Trauma, an dem Europa seit Machiavelli leidet", fasste McLuhan die Problematik zusammen und benannte das Ergebnis dieser Kluft als "komische Heuchelei". 23 McLuhan wies darüber hinaus auf die Bedeutung des "symbolic fallout", den jede Technik hat, hin. Er bezeichnet damit die Auswirkungen, die eine Technik als Metaphernspender der Selbstwahrnehmung
19 ebd., p. 37
20 Illich, 1991, p.75
21 Giesecke, 1980
22 Carothers, zitiert nach McLuhan, 1968, p.31
23 McLuhan, 1969, p.232
14
zeigt. Auch ILLICH und SANDERS gingen in ihrer Studie "ABC - the alphabetization of the popular mind" auf diesen Aspekt ein, wiesen darauf hin, dass literalisiertes Denken auch jene Personen erfasst, die diese Techniken selbst nie erlernen: "... one can avoid picking up a pen, but one cannot avoid being described, identified, certified, and handled - like a text. Even in reaching out to become one's own 'self', one reaches out for a text." 24
In einer literalisierten Gesellschaft ist das Buch die entscheidende Metapher, mit deren Hilfe das Selbst und sein Ort begreifbar werden; der Prozess der Laienliteralisierung stellte insgesamt eine neue Art von Raum her, in dem soziale Realität rekonstruiert wird: "a new kind of network of fundamental assumptions about all that can be seen or known.“ 25
Diese Gewissheiten aber haben sich seit dem Mittelalter durch überwiegend andere Mittel verbreitet als durch die Unterrichtung im Lesen und Schreiben, die Bildung eines Menschen ist daher unabhängig von seiner persönlichen Schreibfertigkeit; der mentale Raum, der durch das von der Schrift belehrte Denken hergestellt wird, ist nicht derselbe, wie der, aus dem sich die Äußerungen des oral-formulaischen Menschen in die Sprache verflüchtigen. 26
McLuhan und Ong erwähnen in ihren Studien geschlechtsspezifische Unterschiede, in den Auswirkungen der Literalisierung auf Denken und Wahrnehmung. Ong weist darauf hin, dass der aktive Anteil, den Frauen am Prozess der Literalisierung hatten, bisher kaum erfasst, bzw. in der Regel wohl unterschätzt worden sei. Frauen würden sich des Mediums Schrift aber auf weniger "distanzierte" Weise bedienen als Männer, da sie selten eine vergleichbare rhetorische Schulung durchlaufen hätten. 27 McLuhan gewichtet die Thematik anders: für ihn ist der Buchdruck der Prototyp industrieller Produktion, in deren Arbeitsprozesse Männer bis zu Beginn dieses Jahrhunderts stärker eingebunden waren als Frauen, so dass Letztere durch dessen Gesetze weniger erfasst und entsprechend weniger "homogenisiert" wurden. 28 Goody weist nicht explizit auf geschlechtsspezifische Unterschiede hin, thematisiert aber am Beispiel "Kochrezepte" wie sich spezifisch weibliche Situationen der Weitergabe von Wissen durch die Literalisierung veränderten. 29
Hatte GEORGE STEINER 1988 das Ende des "bookishness" verkündet 30 , so sieht FLUSSER die moderne Gesellschaft bereits auf dem Weg in die Rearchaisierung auf verändertem Niveau, da Ziffern und Bilder-Denken den "Umweg" über das sprachliche Zeichen meiden. Schreiben hat laut Flusser den unersetzbaren Vorteil, Analogie für zahlreiche andere Tätigkeiten zu sein und ist im Gegensatz zum neuen Bilderdenken eine antimagische, ordnende Geste, die lineares, eindimensionales Denken begünstigt, das erst die rechte Distanz zum beobachteten oder dargestellten Gegenstand ermöglicht. 31
24 Illich/Sanders, 1988, p. X
25 Illich, 1990, p.159
26 Illich/Sanders, 1988, p.71
27 Ong, 1987, p. 112
28 McLuhan, 1968
29 Goody, 1977
30 Steiner, 1988
31 Flusser, 1987, p. 10
15
II. AUTOR, WERK, ZEIT
II.1 Zum Begriff "barock"
Schon bei der Übernahme der Bezeichnung Barock, für die wir uns hier entschieden haben, um einen Zeitraum von 120 Jahren (1600-1720) zu charakterisieren, begeben wir uns auf unsicheres Terrain. Der Begriff war unter Literaturwissenschaftlern lange Zeit umstritten, Gegenstände des Streites waren: 1. grundsätzlicher Art und gipfelten in der Frage, ob man einen Begriff der Kunstgeschichte auf die Literatur übertragen dürfe;
2. die Frage, ob es gemeinsame Stilmittel gebe, die zu einer Typisierung berechtigen. Weitere Schwierigkeiten mit der Benennung tauchten auf, wo der Begriff als literaturwissenschaftlicher Terminus von der deutschen Literatur auf andere Nationalliteraturen ausgeweitet werden sollte. Als Hilfsmittel trat sodann der Begriff "Manierismus" hinzu. „Manierismus" bezeichnet laut Spahr den Stil, "Barock" die Epoche. 32 Wesentlichstes Merkmal des Stils, mit dem wir es zu tun haben, ist die "Allgemeinheit des Formgefühls". 33
Dieses Formgefühl ist - was die Dichtung betrifft - in Deutschland eng an die Vorstellungen von der Eigentümlichkeit der deutschen Sprache in Klang und Struktur gebunden. Fritz Strich hat betont darauf hingewiesen, der neue Stil sei "in seinem Wesen nationaler gewesen, als man ihm zugestehen" wolle und das "Moment der Entlehnung, dessen Bedeutung in der deutschen Literaturwissenschaft immer maßlos überschätzt werde", komme hier "viel weniger in Betracht als eben die Tatsache, daß der Deutsche Geist vom Ausland empfing, was ihm seit eh und je als Eigentum und Eigentümlichkeit gehörte". 34 Mit diesem Urteil wies sich Strich zumindest als Nachbildner barocken Glaubens an die Überlegenheit des Deutschen aus. „Barock", dieser Begriff bezeichnet vor allem eine Einkapselung, in deutsche Sprache, deutsche Literatur, deutsche Poeterey. Dem Alamodewesen der höfischen Gesellschaft stellt sich mit Beginn des Dreißigjährigen Krieges ein verstärkter Kampf gegen die "Neuerungssucht" entgegen. Sprachgesellschaften, wie die 1617 gegründete "Fruchtbringende Gesellschaft", bemühen sich um die Pflege deutscher Gesinnung und deutscher Sprache.
Die deutsche Barockpoetik zwar knüpft an die den Europäern gemeinsame humanistisch-rhetorische Tradition an, „doch die gesamt-europäische Haltung der deutschen Humanisten wird im 17. Jahrhundert durch eine national sprachliche Gesinnung ersetzt." 35 Im unbeholfenen Versuch, es den anderen Europäern gleichzutun, übt man sich in erster Linie im Übersetzen und Plagieren „ausländischer" Literatur; und so empfing manch deutscher Geist tatsächlich vom Ausland, was ihm bis eh und je als Eigentümlichkeit nachgesagt werden wird: die Möglichkeit, als "Zernichter" 36 zu schaffen, das, was man
32 zit. nach Barner, 1975, p.9. Meine Schwierigkeit besteht hier in dem Umstand, dass ich versuche, in aller Kürze das
Typische einer „Epoche“ zu skizzieren, die ich insgesamt als eher „schief“ denn „perlig“ bezeichnen würde, ich daher den
echten Perlen wie z.B. Gryphius oder Greiffenberg hier keine ausreichende Anerkennung zollen kann.
33 Wölfflin, 1975, p.14
34 Strich, 1975, p.33
35 „Da wir nicht Schöpfer werden konnten, um Gott gleich zu seyn, wurden wir Zernichter; wir schufen rückwärts, da wir
nicht vorwärts schaffen konnten.“ Moritz, zit. nach Rathmann, 1991, p.7
36 Cysarz, 1975, p.77
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liebt, dem man sich anzugleichen versucht, zu zerstören, indem man es in den Dienst einer kulturpädagogischen Aufgabe stellt.
Die Epoche des deutschen Barock zeichnet sich durch die Gleichzeitigkeit von Verwüstung und Schaffensdrang aus; ihr Stil durch die nach Heftigkeit und Schwere verlangende Symbolik. Das Wort als Zeichen wird gewogen und für zu leicht befunden; es verlangt nach Steigerung, Reizung und Überreizung und bleibt doch dort wo es zur Dichtung zusammengeschmiedet wird, allzu oft im Gewöhnlichen stecken, kontrakarikiert seinen eigenen Anspruch. Frischgemut aber ohne Methode soll der Verflüchtigung des gesprochenen Wortes durch seine stetige Ausspreizung in der Schrift Einhalt geboten werden, wo es von einem Symbol zum Abbild einer nur dürftig summierten Natur verkümmert. Die Natur, die in allen Dingen spricht, spricht Deutsch - und so ist es höchste Aufgabe des deutschen Poeten, diese Sprache in Worten und Rhythmen der Vergänglichkeit und dem Wandel zu entreißen, sie im ewig neu zu Erfindenden haftbar zu machen. Der deutsche Barock ist vor allem von „scharfsinniger, erklügelter, spitzfindiger, erbosselter, geschmäcklerisch" zusammengetragener Metaphorik. 37 Die Hatz nach der Norm geht einher mit der Hatz nach dem Neuen und der Ermüdung ob so viel rätselhaft anmutender Sprachgewalt.
Im Stil auf die Variation, das Spiel, die Circumlocutio und Summation ausgerichtet, ist es die „Rede" mehr denn die dargestellte „Sache", die Buchners Forderung nach "immer neuer Gestalt" Rechnung trägt. „Hie wird nicht allein der himmel in seinen umbständigen und zufälligen Sachen/sondern die Umbstände werden durch Gleichnisse und anderweite Ausführung auch mehr erkläret". 38 Der umständlichen Sprache des Himmels entstammen die irdischen Zeichen, sprachliche Zeichen, die auf die barocke Frage „quid est mundus" eine eigentümliche Antwort zu geben wissen: die Welt ist ein Gedanken-Buch kosmischer Beziehungen, die sich dem Dichter ebenso wie dem Naturforscher in ihrer mikrokosmischen Buchstabierbarkeit offenbaren; sich nach horizontalen und vertikalen Linien zu einem Netz von Beziehungen konstruieren lassen, das als Triumph des Dichters über die sich dem Subjekt widersetzende Wirklichkeit, dessen Schöpferkraft garantiert.
In der Wirklichkeit eines Harsdörffer werden Hirten zu Dichtern, die ihre "geschafenen" Bücher nach der Wolle „durchkämmen“ aus der sich Geschichten spinnen lassen, Geschichten von Mägden „wie Post-Papyri subtil und zart im lieben". 39 Doch trotz seiner Ausrichtung an Schriftstücken ist der Barockdichter nicht im selben Maße Augenleser wie der Leser des 20.Jahrhunderts. Der „Wohllaut und das Urtheil der Ohren" bestimmen, ob man „kurtz oder lange/ gereimte oder ungereimte Verse setzen soll" 40 ; diese Setzung allerdings wird dem, was der Maler tut, gleichgestellt, kennt kein höheres Lob als die Bestätigung, der Dichter habe alles so schön abgebildet, wie sonst ein Maler. Insofern lässt sich gerade hier der kunstgeschichtliche Begriff auf die Literaturwissenschaft übertragen - vorausgesetzt, wir bleiben uns der Tatsache bewusst, dass dieses Wechselverhältnis von Dichtung und bildnerischer Kunst
37 Szyrocki, 1968, p.29
38 Buchner, zit. nach Syzrocki, 1968, p.30
39 Harsdörffer, ebd., p.30
40 Ziegler, ebd., p.54
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zu den Eigentümlichkeiten des Barock zu zählen ist, die beide Künste in nie gekannter Einmütigkeit in der Emblematik vereint.
II.2 Biographische Angaben
Über den Lebenslauf Grimmelshausens vor seiner Offenburger Zeit ist wenig bekannt; mit Ausnahme der in Klammern gesetzten Hinweise, habe ich alle Angaben dem Katalog des Westfälischen Landesmuseums entnommen. 41
1621 vermutetes Geburtsjahr Grimmelshausens (keine genaue Angabe) 1627/28 eventuell Schulbesuch in der Gelnhauser Volksschule 1633/34 (keine Angabe im Roman; im "Teutschen Michel" erwähnt Grimmelshausen seinen Schulmeister)
1635 Grimmelshausen wird in das kroatische Lager nach Hersfeld und noch im selben
1639 Offenburg. Schreiber der Regimentskanzlei, Aufnahme in den Regimentsstab. 1648 Regimentssekretär, Teilnahme an Feldzügen in Bayern. (der Simplicio hat nur an einer einzigen Schlacht teilgenommen) 1649 Hochzeit mit Katharina Hennigerin; zuvor konvertierte Grimmelshausen zum
1660 Quittierung der Schaffnerdienste. 1662 Schaffner und Burgvogt auf der Ullenburg bei Gainsbach 1655
1667 1676 Todesjahr 41 Simplicius Simplicissimus, 1976, p.69 ff
Arbeit zitieren:
Sabine Walther-Vuskans, 1995, Grimmelshausens Simplicissimus Teutsch im Spannungsfeld von Oralität und Literalität, München, GRIN Verlag GmbH
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Problematisierende Hinsicht.
Hallo,
ich bin Student an der uni in düsseldorf und ich suche ein Antwort auf die folgende Frage:
Wie vollzieht sich die Tradierung von Oralität in Literalität? Wie verändern die Autoren die mündliche Überliefereung durch die Verarbeitung in eine literarische Form? Welche sprachgestalterischen Mittel werden verwendet? Hat diese "Übersetzung" sprachliche Veränderung zur Folge? Wenn ja, welche?
Es wäre sehr nett von Ihnen wenn Sie mich helfen könnten
Vielen Herzlichen Dank
Sotirios Tsogkas
am Monday, November 22, 2004-