Essay zur Aufgabenstellung: „Erläutern Sie den Begriff der eudaimonia als höchstes Gut bei Aristoteles.“
Im ersten Buch seiner Nikomachischen Ethik 1 entwirft Aristoteles ein Schema, in welchem das Handeln als aus der Zweiteilung der menschlichen Seele her entstanden und beeinflusst begriffen wird und das darüber hinaus den theoretischen Lebensweg zu dem übergeordneten Ziel, der eudaimonia, aufzeigt. Besprochen wird hier zunächst der theoretische Teil der Erreichung der eudaimonia anhand eben jenes Strukturplanes und danach die inhaltliche Bestimmung dieses Begriffes anhand der näheren Erläuterungen, welche den Hauptteil des ersten Buches ausmachen.
Aristoteles begreift die Seele des Menschen als aus zwei gleichwertigen Teilen bestehend. Diese beiden unterscheiden sich dadurch, dass in dem einen, dem irrationalen Teil, das sogenannte „Ernährungsvermögen“ verankert ist, während sich in dem gegenüberstehenden Teil, dem rationalen und typisch menschlichen, „das Rationale im eigentlichen Sinne“ befindet. Beide Teile haben zusätzlich eine gemeinsame Schnittmenge, welche von ihm „das Begehrungsvermögen - mit einem unfassenden Ausdruck: das Strebevermögen“ 2 genannt wird. 3 Das Irrationale und das Rationale haben also jeweils einen eigenen Bereich und darüber hinaus zusammen eben diesen dritten Teil, auf welchen sie beide gleichsam Einfluss ausüben. Dem „Ernährungsvermögen“ wird die Ursache für Ernährung und Wachstum zugeschrieben, „denn eine solche Wirkkraft der Seele muss man wohl bei allen Organismen voraussetzen, die Nahrung aufnehmen, auch bei Embryos, und ebendieselbe auch bei ausgebildeten Organismen“ 4 . Das „Rationale im eigentlichen Sinne“ meint scheinbar die Vernunft des Menschen, denn sie „gibt nämlich richtige Antriebe und leitet zu wertvollen Zielen“ 5 und ist auch noch in der Lage, das Irrationale in gewissem Sinne zu bestimmen, was man an den Tatsachen des Mahnens und der Zurechtweisung sehen könne. 6 Das von beiden Teilen bestimmte „Strebevermögen“ scheint nun der Ursprung des Handelns und damit der Tugenden zu sein, welche sich aufgrund der Bestimmung von den beiden Teilen und je nach Übergewicht der jeweiligen Beeinflussung in „ethische“ und „diano?tische“ Tugenden unterscheiden lassen. Ethische Tugenden sind von den „Vorzügen
1 Aristoteles: „ Nikomachische Ethik“; Stuttgart; 2003; Reclam;
2 Ebd.; S. 32.
3 Vgl. Ebd.; S. 30 f. und Fußnote Nr. 79; S. 309.
4 Ebd.; S. 30.
5 Ebd.; S. 31.
6 Ebd.; S. 32.
des Charakters“ geprägt, während mit diano?tischen Tugenden die „Vorzüge des Verstandes“ gemeint sind. 7
Diese Tugenden, vor allem die ethischen, sind es, denen Aristoteles den größten Anteil der Nikomachischen Ethik und die meiste Ausarbeitung zukommen lässt, indem er üb er weite Strecken des Buches einen Tugendkatalog beschreibt und erläutert. Dabei entwickelt er ein „Prinzip der richtigen Mitte“, welches die Tugenden als eine Zwischenstufe zwischen zwei entgegengesetzten Extrema definiert, wobei nicht der exakte Mittelpunkt gemeint ist, sondern eine Art von „inhaltlicher Mitte“, welche die positiven Merkmale dieser beiden Extrema beinhaltet, jedoch nicht deren negative Seiten. Diese Mitte zu finden und umzusetzen scheint die Kernaufgabe in dieser Tugendethik zu sein. Dies ist es, was Aristoteles mit dem Begriff der „Gewöhnung“ meint, der sich ausschließlich auf die ethischen Tugendenden bezieht. 8
In dem Schema dienen die Tugenden und deren weitere Vervollkommnung dazu, den Weg zur eudaimonia zu beschreiben. Sie sind Teile der verschiedenen Lebenswege, die Aristoteles ausmacht und welche alle in bezug auf die Erreichung des Ziels gleichwertig sind. Die Lebensformen unterscheiden sich in „drei Hauptformen: erstens [...] [ das Leben des Genusses], zweitens das Leben im Dienste des Staates, drittens das Leben als Hingabe an die Philosophie.“ 9 Sie alle sind Ausdruck der Seele des Menschen, wobei die Entscheidung für oder gegen einen dieser Wege einzig an dem jeweilig stärkeren bzw. schwächeren Einfluss eines der beiden Seelenteile, sprich: dem Wesen 10 des Menschen, festzumachen ist. Dieser Tatbestand wird unter dem Begriff der spezifischen „Leistung“ des Menschen zusammengefasst.
Das Ziel aller dieser Lebenswege, wie überhaupt das Ziel eines jeden Menschenlebens heißt nun bei Aristoteles eudaimonia. Als Abschluss zur formalen Bestimmung dieses Begriffes gehört die Frage nach dem Grund für diese Setzung als Lebensziel. Dieser lässt sich schon im ersten Satz der Nikomachischen Ethik finden:
„Jedes praktische Können und jede wissenschaftliche Untersuchung, ebenso wie alles Handeln und Wählen strebt nach einem Gut, wie allgemein angenommen wird.“ 11
7 Ebd.; S. 32 f.
8 Vgl. Ebd.; S. 34.
9 Ebd.; S. 9 [Hervorhebungen hinzugefügt].
10 In der Literatur auch oft „ergon“ genannt.
11 Ebd.; S. 5 [Hervorhebung hinzugefügt].
Darauf folgt dann eine Unterscheidung in Güter, die man nur als Mittel zur Erreichung eines übergeordneten Ziels anstrebt und Güter, die man um ihrer selbst willen wählt. Beispiel für ersteres ist Geld, da man dieses benutzt, um sich irgendwelche Wünsche zu erfüllen o. ä.. Beispiel für ein Gut, welches man um seiner selbst willen wählt ist das Glück. Da das Leben als ein Tätigsein der Seele gesehen wird, ist es klar, dass auch diese Handlungen nach einem Gut streben müssen und zwar nach dem höchsten Gut, welches man um seiner selbst willen wählt. Dieses Glück, welches oben schon als Beispiel fungierte, ist es, was Aristoteles als Lebensziel eines jeden Menschen sieht, somit bildet es einen gewichtigen Bestandteil des Begriffes eudaimonia.
Soweit die formale Bestimmung dieses Begriffes. Zusammengefasst heißt eudaimonia somit soviel wie Lebensziel des Menschen, erreichbar durch das „Tätigsein der Seele gemäß dem rationalen Element“ 12 , was tugendhaftes Handeln meint.
Im folgenden soll es nun darum gehen, darzustellen, was dieses oberste Gut, die eudaimonia eigentlich genau ist. Die Beantwortung dieser Frage soll mit dieser zusammenfassenden Aussage beginnen:
„Das oberste dem Menschen erreichbare Gut stellt sich dar als ein Tätigsein der Seele im Sinne der ihr wesenhaften Tüchtigkeit.“ 13
Damit ist zunächst einmal dem strukturellen Schema nichts bedeutsames hinzugefügt. Wichtig ist allerdings, dass dieses oberste Gut oder das Glück aus einer Tätigkeit heraus entspringt, also aktiv angestrebt werden muss. Dies ist jedoch noch nicht ausreichend, um diesen Begriff vollständig zu fassen. Wichtig ist die Hinzufügung, dass es sich bei der eudaimonia um das „gute Leben und gutes Handeln“ im Allgemeinen handelt, was wiederum z. B. unter anderem Gesundheit und ethische Trefflichkeit mit einschließt. In unserem Sprachgebrauch ist in der Wendung „das Glück“ implizit der Zufall enthalten, was bei der eudaimonia allerdings ausdrücklich ausgeschlossen ist. Daher lässt man diesen Begriff unübersetzt stehen, damit es nicht zu Fehldeutungen kommt.
Zum guten Leben gibt es dagegen sehr unterschiedliche Ansichten. Aristoteles geht hierbei zunächst wie so häufig zunächst nach hermeneutischen Gesichtspunkten vor und untersucht,
12 Ebd.; S. 17.
13 Ebd.; S. 17.
was „die Menge“ als das „Wesen des Glücks“ 14 betrachtet. Die unterschiedlichen Ansichten, die dabei zu Tage treten, erklärt er damit, dass jeder Mensch sein eigenes Wesen in die Vorstellung vom guten Leben mit einfließen lässt. Somit erklärt sich der Ursprung der drei unterschiedlichen Lebensformen. Diese jedoch sind völlig gleichwertig zur Erreichung der eudaimonia, selbst wenn Aristoteles in mehreren Textstellen seinen Favoriten durchscheinen lässt. Daher ist die eudaimonia nicht unbedingt als konkretes Ziel zu verstehen, so wie etwa die Erreichung von mehreren Teilaspekten, die zusammengenommen dann das Lebensziel vervollständigen, sondern als etwas abstrakteren Begriff, der allgemein ausdrücken soll, dass es eine Art von übergeordnetem Lebensziel gibt, welches sich nicht in Bestandteile zerlegen lässt. „Wir glauben, dass das Glück [eudaimonia] [...] erstrebenswerter ist, als alle anderen Güter zusammen, also nicht auf einer Linie mit den anderen gereiht ist.“ 15 Trotzdem kann man einen Menschen durchaus schon zu Lebzeiten als glücklich bezeichnen und nicht erst nach seinem Tode, was ein häufig gemachter Trugschluss ist. Stattdessen gibt es eine „Beständigkeit des Glücks“, die anhält, solange man nach den oben aufgestellten Kriterien handelt, aber quasi abrupt endet, sobald der Mensch aufhört, dem Wesen seiner Seele gemäß ethisch zu handeln. In diesem Zusammenhang ist es außerdem noch wichtig zu sehen, dass die Beständigkeit der eudaimonia nur am Rande von äußeren Gütern abhängt und auch von Schicksalsschlägen irgendeiner Art nicht vollständig zunichte gemacht werden kann. Äußere Güter sind nicht sehr viel mehr als „Werkzeuge“ oder „Hilfsmittel“ 16 , die beliebig austauschbar und auch erneuerbar sind. Wichtig ist das Tätigsein der Seele und die damit verbundene Grundgesinnung des Menschen. „Wir denken, dass der wirklich tüchtige und besonnene Mann jedwede Wendung des Lebens in vornehmer Haltung trägt und aus dem jeweils Gegebenen das denkbar Beste gestaltet.“ 17
Als letzter inhaltlicher Aspekt der eudaimonia muss noch erwähnt werden, dass es sich nicht um einen konkreten Zustand handelt, den man einmal erreicht und dann inne hat, sondern vielmehr, dass es sich um einen Begriff des ständigen Werdens handelt.
Somit begreift man eudaimonia wie bereits erwähnt besser als eine Art Sammelbegriff, der viele Teilaspekte und Ansichten des Glücks bzw. des guten Lebens umschließt, ohne dabei nur die Summe seiner Teile zu sein.
14 Vgl. Ebd.; S. 8.
15 Ebd.; S. 16.
16 Vgl. Ebd.; S. 23.
17 Ebd.; S. 26.
Arbeit zitieren:
Jan Köpping, 2004, Drei Begriffe des Guten in der Ethik, München, GRIN Verlag GmbH
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