„Weltentfremdung und Existenzialismus“
Inhaltsverzeichnis
2. „Die Sorge des Hausvaters“ von Franz Kafka
3. „Die Theorie «Odradeks»“ von Max Bense - Seite 3
4. „Die Rätselfigur Odradek“ von Wilhelm Emrich
5. „Eine Kontroverse und eine mögliche Typologie“ von Peter U. Beicken - Seite 5
6. „Philosophische Auslegung“ von Peter U. Beicken - Seite 8
7. „Existenzialismus“ von Marthe Robert - Seite 9
8. Persönliches Fazit - Seite 10
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1. Allgemeines
Es handelt sich bei dieser Arbeit um die Untersuchung der Kafka-Erzählung „Die Sorge des Hausvaters“ mit dem Schwerpunkt „Weltent fremdung“ bzw. Existenzialismus. Ich beginne mit einer kurzen Zusammenfassung des behandelten Textes. Anschließend befasse ich mich mit dem Kapitel „Die Theorie «Odradeks» “ aus Max Benses Buch „Die Theorie Kafkas“. Daraufhin steht der Text „Die Rätselfigur Odradek“ von Wilhelm Emrich zur Diskussion. Aufbauend darauf beschäftige ich mich mit „Eine Kontroverse und eine mögliche Typologie“ und „Philosophische Auslegung“ von Peter U. Beicken. Ferner wird der Text „Existenzialismus“ von Marthe Robert behandelt. Daran anschließend ziehe ich kurz mein persönliches Fazit aus den gelesenen Texten in Bezug zur Erzählung. Anmerken möchte ich noch, dass ich es vorgezogen habe, das Kapitel „Die «Empörung» der Dinge“ von Wilhelm Emrich, welches die Erzählung „Beschreibung eines Kampfes“ untersucht, mit Absicht außen vor lassen, da es meines Erachtens genügt, sich auf „Die Sorge des Hausvaters“ zu beschränken, um sich ein differenziertes Bild über diese Thematik zu machen.
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2. „Die Sorge des Hausvaters“ 1
Es handelt sich bei diesem Text um eine sehr kurze Erzählung von Franz Kafka aus dem Jahre 1917. Sie behandelt im wesentlichen das Wesen Odradek, welches als „flache sternartige Zwirnspule“ 2 beschrieben wird. Doch zuerst äußert sich der Erzähler zum Namen dieses Wesens, der jedoch nicht klar auf einen Ursprung festgelegt werden kann. Entweder aus dem Slawischen oder dem Deutschen kommend, was aber als „unsicher“ 3 beschrieben wird, scheint er außerdem keinen „Sinn“ 4 zu haben. Der größte Teil des Textes beschäftigt sich mit dem Aussehen Odradeks: Wie schön erwähnt, erscheint es dem Erzähler (im letzten Abschnitt erkennbar als der „Hausvater“) als sternartige Zwirnspule, welche mit abgerissenem, altem Zwirn bezogen sein dürfte 5 und beinartige Stäbchen besitzt 6 , mit denen es sich „außerordentlich“ 7 bewegen kann. Des weiteren äußert der Erzähler den Verdacht, Odradek könnte aus verschiedenen Bruchstücken zusammengesetzt, bzw. ein kaputter Gegenstand sein, findet dafür aber keinerlei Anzeichen 8 . Danach wird beschrieben, wie sich Odradek durch das Haus und manchmal auch durch Nachbarhäuser zu bewegen scheint und vor allem, dass man es ansprechen kann 9 . Diese Versuche der Kommunikation scheitern meistens (vgl. Z. 43 ff), wenn Odradek allerdings antwortet, erfährt man von ihm auch nicht mehr, als dessen Namen und dass es einen „unbestimmten Wohnsitz“ 10 habe. Darauf hin lacht Odradek und verschwindet, wobei das Lachen als eines „ohne Lungen“ 11 und „wie das Rascheln in gefallenen Blättern“ 12 beschrieben wird. Im letzten A bschnitt des Textes, gibt sich der Erzähler erstmals als der Hausvater zu erkennen („ich“) und artikuliert seine „Sorge“, die sich auf die Unsterblichkeit „Odradeks“ bezieht und es somit den Hausvater überdauern lässt 13 . Auffällig an der Darstellung Odradeks sind vor allem die Anhäufungen von Unsicherheiten und Vagheiten, die sich in den Begriffen „scheinbar“ und „man wäre versucht zu glauben“ und der Benutzung des Konjunktivs niederschlägt.
1 Kafka, Franz:„Ein Landarzt und andere Drucke zu Lebzeiten“; 1994; Frankfurt am Main; hrg. Hans-Gerd Koch; S. 222 - 223
2 Ebd. Z. 10 f
3 Ebd: Z. 5
4 Vgl. ebd. Z. 7
5 Vgl. ebd. Z. 11 ff
6 Vgl. ebd. Z. 16
7 Vgl. ebd. Z. 28 f
8 Vgl. ebd. Z. 21 ff
9 Vgl. ebd. Z. 30 ff
10 Ebd. Z. 39 f
11 Ebd. Z. 41
12 Ebd. Z. 42
13 Vgl. ebd. Z. 46 - 54
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3. „Die Theorie «Odradeks»“ von Max Bense 14
Max Bense versucht i n seiner Untersuchung der Erzählung einen Bezug zur Existenzphilosophie Heideggers herzustellen. Dabei konzentriert er sich nahezu ausschließlich auf den Satz: „Das Ganze erscheint zwar sinnlos, aber in seiner Art abgeschlossen 15 .“ Schon an diesem Punkt verlässt er den Text, an den er sich anfangs noch deutlicher anlehnt. So beginnt er, analog zur Erzählung, seine Theorie mit dem Namen Odradeks, belässt es aber bei der aus dem Originaltext entnommenen Feststellung, das der Name sinnlos sei, und folgert daraus weiter, dass man von dem Namen des Wesens nicht auf „die Art und Weise des Gebildes“ 16 schließen kann. Er widmet sich der „Zusammensetzung 17 “ Odradeks. Er stellt heraus, dass dieses Wesen zunächst als „scheinbar [...] toter Gegenstand“ 18 bestimmt wird, dann aber mittels Bewegung und Sprache „als eine Art Lebewesen 19 “ beschrieben wird. Dies reicht ihm als Grundlage seiner Theorie aus. An dieser Stelle zitiert er den oben genannten Satz und stürzt sich danach sofort auf Husserl und Heidegger und in einen Vergle ich mit der Käfergestalt aus Kafkas „Die Verwandlung“. Zu „Die Sorge des Hausvaters“ kehrt er nicht wieder zurück. Bense verneint stattdessen, dass „das Gebilde [Odradek] realiter gegeben ist 20 “ und zieht zum Vergleich diverse andere „eigentümliche 21 “ Tiere oder Geschöpfe aus Kafkas Werk, z. B. dessen „Gregor Samsa“ [der Käfer aus „Die Verwandlung“], heran um aus der einen Figur Odradek eine auf das Werk Kafkas universell anwendbare Aussage ableiten zu können. Dieser Vergleich zielt darauf ab, den angeführten Figuren eine „Seinssituation 22 “ im Sinne der Husserlschen „Idee einer reinen Phänomenologie“ zuzuordnen. Dieser hat nämlich festgestellt, dass „zur Konstituierung eines Bewusstseins [...] nicht notwendig Realität im Sinne von realer Welt 23 “ nötig sei, was Bense in Odradek bestätigt sieht. Darauf hin befasst er sich näher mit der Zusammensetzung Odradeks. Hier stellt er fest, dass das Wesen zunächst aus alltäglichen Gebrauchsgegenständen wie z. B. Zwirn besteht, gewissermaßen „zusammengesetzt 24 “
14 Bense, Max: „Die Theorie Kafkas“; Köln, Berlin; 1952; S. 63 - 67
15 Kafka, Franz:„Ein Landarzt und andere Drucke zu Lebzeiten“; 1994; Frankfurt am Main; hrg. Hans-Gerd Koch; S. 222 - 223; Zeile 26 f
16 Bense, Max: „Die Theorie Kafkas“; Köln, Berlin; 1952; S. 63 - 67; S. 63
17 Ebd. S. 64
18 Ebd. S. 64
19 Ebd. S. 64
20 Ebd. S. 64
21 Ebd. S. 64
22 Ebd. S. 64
23 Ebd. S. 64
24 Ebd. S. 64
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erscheint. Dies deutet er als eine Zusammensetzung aus „Zeug 25 “ mit einer „losen Beziehung zur menschlichen Welt 26 “. Den Begriff „Zeug“ hat Heidegger als Bestimmung von Gegenständen, wie z. B. Werkzeug, Strickzeug, Spielzeug, Flugzeug, u.s.w. geprägt. Es handelt sich also um Gegenstände ohne Leben, die einen einfach zu erfassenden Sinn haben, der von jedem sofort interpretiert werden kann. Ebenfalls von Heidegger geprägt ist der gegensätzliche Begriff „Ding“ 27 , der etwas vom Menschen unabhängiges bezeichnet. Zu diesem „Ding“ wird Odradek laut Bense auch, sobald der Leser erfährt, dass es sich sowohl bewegen, als auch reden kann. Erneut zitiert er hier den „eminent ontologischen Satz 28 “, „Das Ganze erscheint zwar sinnlos, aber in seiner Art abgeschlossen 29 “. Auch die im Text erklärte Tatsache, dass Odradek, obwohl er scheinbar aus einzelnen Gegenständen, also „Zeug“ besteht, aber trotzdem keinerlei Bruchstellen oder ähnliches aufweist, lässt Bense auf ein „Ding“ schließen. Es wird durch diese Abgeschlossenheit, die nichts mit den vermeintlichen Einzelteilen zu tun hat, zum eigenständigen, vom Menschen unabhängiges „Ding“, welches jedoch kein Lebewesen ist. Daraus folgert er, dass Odradek ein „aus Zeug zusammengesetztes Ding 30 “ sei, welches sowohl „eine Persiflage des Daseins 31 “ als auch „eine Persiflage jener abgeschlossenen Welt des Zeugs 32 “ darstelle. Begründet wird dies mit der paradoxen Anlage Odradeks. Scheinbar findet Bense hier wieder eine Parallele zur Gregor Samsa, der an einer Stelle von dem Dienstmädchen als „Zeug“ tituliert wird. Diese Passage führt er zur Bekräftigung seiner Theorie über Odradek an. Da dieser aus „Zeug“ bestehe, heißt es weiter, gehöre es zunächst dieser abgeschlossenen Welt des Zeugs an, durch die Dingwerdung mittels Bewegung und Sprache, gehöre es aber genau so zu der „Dingwelt“, der Welt des „Daseins“, der „menschlichen Welt“. Also ist Odradek eine Verbindung bzw. ein Bestandteil beider Welten, ist aber keiner dieser Welten eindeutig zugehörig, sondern „als pures Rudiment sinnlos 33 “ dahintreibend, weshalb es gewissermaßen beiden Welten „entfremdet 34 “ und auch deshalb in beiden Welten nicht vollständig zugänglich, greifbar, oder deutbar ist. Darin sieht
25 Ebd. S. 65
26 Ebd. S. 65
27 Ebd. S. 65
28 Ebd. S. 65
29 Kafka, Franz:„Ein Landarzt und andere Drucke zu Lebzeiten“; 1994; Frankfurt am Main; hrg. Hans-Gerd Koch; S. 222 - 223; Zeile 26 f
30 Bense, Max: „Die Theorie Kafkas“; Köln, Berlin; 1952; S. 63 - 67; S. 65
31 Ebd. S. 65
32 Ebd. S. 65
33 Ebd. S. 65
34 Ebd. S. 66
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Quote paper:
Jan Köpping, 2003, Weltentfremdung und Existenzialismus bei Kafka - Untersucht an "Die Sorge des Hausvaters", Munich, GRIN Publishing GmbH
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