----------------------------------------------------------------------------------------------------------------- Fragestellungin der Klausur:
• Theorie des Genusses als elementare Form ästhetischer Erfahrung im Gegensatz zum herkömmlichen Genuss
• Kritik an Adorno
Aus einer älteren Klausur:
• Theorie des Genusses für die Konstruktion der ästhetischen Erfahrung Unterschied von Genuss und ästhetischem Genuss
Wie wird ästhetischer Genuss bei der Analyse von Spleen II berücksichtigt?
----------------------------------------------------------------------------------------------------------------- AusformulierteKlausur:
Die grundlegende Annahme Jauß bei seiner Beschreibung des ästhetischen Genusses ist der Selbstgenuss im Fremdgenuss. Wie Jauß dies in seiner Theorie der ästhetischen Praxis in Bezug auf die ästhetische Erfahrung näher ausführt, ist im Folgenden Thema meiner Darstellung. Des weiteren ist die Erläuterung des ästhetisch genießenden Verhaltens, das sowohl Freisetzung von und für etwas ist, anhand der ästhetischen Grundfunktionen der Poiesis, Aisthesis und Katharsis mein Anliegen.
Als erster Anknüpfungspunkt dient die Antwort auf die Frage, wie sich ästhetischer Genuss als elementare Form ästhetischer Erfahrung vom einfachen Genuss unterscheide und wie Jauß diese Unterscheidung in seiner Rezeptionsästhetik verankert.
Der einfache Genuss ist demnach die sinnlich unmittelbare Hingabe des Ichs an ein Objekt. Dies wiederum beschreibt einen Zustand des Genusses in Isolation und ohne Bezug zu seiner Umwelt, d.h. das Ich geht quasi im Genuss auf, ohne sich in Relation zum Objekt setzen zu wollen. Ästhetisches Genießen jedoch, so Jauß, setze eine Art Wechselspiel zwischen Subjekt und Objekt voraus, z.B. zwischen dem Leser und der gelesen Literatur. Daraus folgt, dass sich ästhetisches Genießen am fern gestellten Gegenstand nicht, wie z.B. Adorno postuliert, am interesselosen Wohlgefallen mit der Bestimmung der ästhetischen Distanz allein festmacht. Für Jauß wird der fern gestellte Gegenstand bzw. der aus dem Alltag des Betrachters herausgenommene Gegenstand, vielmehr gerade nicht interesselos betrachtet, sondern vom genießenden Betrachter als imaginäres Objekt von diesem produziert.
Die eingangs erwähnte Freisetzung von und für etwas ist in diesem Zusammenhang mit der Loslösung des Betrachters aus den Interessen und Verstrickungen seiner Alltagswelt zu erklären. Außerdem findet die ästhetische Erfahrung in der Imagination ihre Basis, d.h. durch
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den Selbstgenuss im Fremdgenuss gewinnt das Subjekt im imaginierten Objekt die ästhetische Freiheit und kann somit sein freies Urteil bilden. Jauß beschreibt den Zustand, in dem der Betrachter oder der Leser von Literatur sein freies Urteil im genießenden Verhalten fällen kann, als eine Hin- und Herbewegung zwischen zwei entgegen gesetzten Polen: Zum einen ist dies der rein mystische Objektgenuss und zum anderen der sentimentale Selbstgenuss des Subjekts. Wird diese Schwebe - wie Giesz diese Einstellung nennt und Jauß diese Bezeichnung in seine Theorie einbindet – aus dem Gleichgewicht gebracht, verfällt der ästhetische Genuss und damit auch seine gesellschaftliche Funktion, Normen des Handelns vermitteln zu können, also die kommunikative Funktion der in der Katharsis liegenden ästhetischen Grunderfahrung. Die Hin- und Herbewegung, in der ästhetischer Genuss sich vollzieht, ist somit zwischen einer „uninteressierten Kontemplation und erprobenden Teilhabe“ zu suchen. Sich im anderen, im gegenüber genießen zu können, setzt beim Rezipienten eine aktive Bereitschaft voraus, an der Konstitution des Imaginären mitzuwirken und die ästhetische Distanz durch ein „Interesse an der Interesselosigkeit“ neu zu definieren.
Jauß Verständnis des ästhetischen Genusses als elementare Form ästhetischer Erfahrung kann demnach auch als Einheit von verstehendem Genießen und genießendem Verstehen betrachtet werden. Die im Laufe der Begriffsgeschichte verloren gegangene Bedeutung gleichzeitiger Teilhabe an etwas und Aneignung von etwas in Zusammenhang mit Genießen ist laut Jauß somit zusammengeführt und bildet wieder eine Einheit. Die Frage, warum genießendes Verstehen für die ästhetische Erfahrung offenbar unveräußerlich und nicht ersetzbar sei, begründet Jauß mit der Erkenntnisleistung des ästhetischen Genießens und dessen Wirkungsmacht im gesellschaftlichen Bereich. Im Gegensatz hierzu steht die Kritik Adornos an der genießenden Erfahrung: Genießen bedeute im heutigen gesellschaftlichen Kontext laut Adorno, die Befriedigung von Konsum-und Kitschbedürfnissen. Seine Bemerkung „Wer an Kunstwerken Genuss suche und finde, sei ein Banause!“ zeugt von einer Ablehnung genießender Erfahrung, die Adorno als ästhetische Ersatzbefriedigung bei der Betrachtung von Kunst außen vorlässt. Ästhetisches Verhalten, das Identifikation mit dem Dargestellten suche, diene allein der Sublimierung und der Affirmation der jeweils Herrschenden, so Adorno. Genießen in der heutigen Zeit wird im Gegensatz zu Arbeiten betrachtet und von Erkennen und Handeln abgesetzt. Vielmehr kann sich ästhetische Erfahrung, jenseits des ästhetischen Genusses, nur auf der höheren Ebene der ästhetischen Reflexion einstellen. Adorno spricht damit der Kunst ihre kommunikative Seite ab, sie bleibt
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eine vom Rezipienten unabhängige Kunst, die ihren Ursprung in der Gesellschaft negieren muss.
Konträr zur Ästhetischen Theorie nach Adorno kann sich der ästhetische Genuss in der Jauß’schen Theorie der ästhetischen Praxis in den drei Grundfunktionen der ästhetischen Erfahrung entfalten.
Die Poiesis, die produktive Seite der ästhetischen Erfahrung, bietet dem Künstler bzw. Autor Genuss am selbst kreierten Werk. Die rezeptive Seite der ästhetischen Erfahrung, die Aisthesis findet den ästhetischen Genuss in der dialektischen Beziehung des erkennenden Sehens und sehendes Wiedererkennens. Erkenntnis kann durch sinnliches Empfinden und Fühlen erlangt werden.
Sowohl für die produktive als auch für die rezeptive Funktion gilt nach Jauß, dass sie ihren Ursprung im ästhetisch genießenden Verhalten haben. Vor allem die kommunikative Leistung, die Katharsis, sei in der Geschichte der ästhetischen Erfahrung bisher nicht ausreichend gewichtet und ihre Bedeutung bei der Rezeption von Kunst und Literatur verkannt worden. Für Jauß ist die Katharsis jedoch wesentlicher Bestandteil seiner Theorie, sie bildet sozusagen das Fundament für die Entwicklung des ästhetischen Genusses. Ausgangspunkt für Jauß Definition der Katharsis ist die Betrachtung der drei historisch zurückliegenden Erscheinungen bzw. Beschreibungen der Katharsis von Aristoteles, Augustinus und Gorgias: Das aristotelische Verständnis der kathartischen Lust am Dargestellten, die augustinische Kritik am Selbstgenuss der Curiositas und die von Gorgias erläuterte Leistung der Affekte für die Überzeugungskraft einer Rede.
Wie bereits oben im Ansatz erläutert, erklärt sich der Genuss der durch eine vorgetragene Rede oder gehörte Dichtung erregten eigenen Affekte durch das Wechselspiel von Selbstgenuss im Fremdgenuss, d.h. durch die Erfahrung des eigenen Ichs in der Erfahrung des Andern. Folge der durch ästhetische Identifikation z.B. mit einem Helden erzielten Affekte für den Betrachter kann sowohl die Umstimmung seiner Meinung als auch die Befreiung seines Gemüts sein. Anders ausgedrückt bedeutet dies die Befreiung des eigenen Gemüts durch Lust am imaginären Schicksal des Helden. Die gesellschaftliche Funktion liegt in der Anwendung des imaginär Erlebten im gesellschaftlichen Leben bzw. eine Anwendung des exemplarisch am Schicksal des Helden Vorgeführten im konkreten Leben. Die ästhetische Identifikation des Zuschauers mit einem Vorbild dient dementsprechend als „kommunikativer Vollzugsrahmen“,
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Quote paper:
Kathrin Rosi Würtz, 2004, Ästhetischer Genuss bei Hans Robert Jauß, Munich, GRIN Publishing GmbH
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