Inhalt
1. Einleitung 3
2. Der Erfolg von Matrix. 6
2.1. Matrix im Zeitgeist des Postmodernismus 8
2.2. Große Authentizität. 10
3. Religion. 13
3.1. Religion in der Popkultur. 13
3.2. Symbolanalyse. 17
3.3. Notwendigkeit von Religion in Matrix. 22
3.4. Matrix als Kultfilm 25
3.5. Gnosis. 29
3.5.1. Beschreibung 29
3.5.2. Gnostizismus in Matrix 33
3.6. Die religiöse Dimension des technischen Fortschritts und der Medien. 39
3.6.1. Gnosis heute 39
3.6.2. Cyberspace 42
3.7. Science Fiction. 47
4. Philosophie. 51
4.1. Platons Höhlengleichnis. 54
4.1.1. Beschreibung 54
4.1.2. Das Höhlengleichnis und Matrix 56
4.2. Skeptizismus 60
4.2.1. Alltagsskeptizismus. 61
4.2.2. Philosophischer Skeptizismus 63
4.2.2.1. Cartesianischer Skeptizismus 64
4.2.2.2. Hilary Putnam und die Gehirne im Tank. 69
4.2.2.3. Nick Bostrom und das Simulationsargument. 73
4.3. Freiheit, freier Wille und Glück in Matrix 76
4.3.1. Freier Wille und Handlungsfreiheit. 77
4.3.2. Glück - Rote oder Blaue Pille? 80
4.3.2.1. Utilitarismus und Hedonismus 81
4.3.2.2. Robert Nozick und die Erlebnismaschine 86
4.4. Jean Baudrillard und die Simulationstheorie 89
5. Widersprüche in Matrix. 96
5.1. Die Gewaltdarstellung in Matrix. 96
5.2. Matrix und die Angst vor der Technologie 99
5.3. Gesellschafts- und Kapitalismuskritik. 101
6. Fazit. 105
Literaturverzeichnis. 108
2
1. Einleitung
Kurz vor Anbruch des Jahres 2000 tauchte ein faszinierendes Phänomen inmitten des kommerziell geprägten „Millenium-Hypes“ auf: Die oberflächlich vergessen geglaubte Sehnsucht der Menschen nach Spiritualität und Religiosität fand sich plötzlich populär aufbereitet in großen Hollywood-Filmen wieder. Bestandteil dieser Sehnsucht war von jeher sowohl eine ausgeprägte Technologieskepsis als auch die fundamentale Verunsicherung des Menschen in Hinblick auf seine Identität, seine Rolle in der Welt und darüber hinaus die Beschaffenheit unserer Wirklichkeit an sich. 1 Eine wahre Welle an Verschwörungs-, Endzeit- oder Science-Fiction-Filmen brach über die Kinogänger herein, und auf dieser populären Woge schwamm auch Matrix im Jahr 1999. Er gehörte aber „zweifellos zu deren intelligentesten und originellsten Beiträgen.“ 2 Es stellt sich jedoch die Frage, was Matrix gegenüber anderen Filmen der letzten Jahre, wie „Exis- tenz“, „Dark City“, oder„The Thirteenth Floor“ abhebt, die sich ebenso mit der Manipulation von Wahrnehmungen und der verborgenen Wirklichkeit hinter dem Schein des Alltagsdaseins beschäftigen und beinahe zeitgleich mit Matrix erschienen sind. Ein Aspekt, der wesentlich zum Erfolg von Matrix beigetragen hat, sind zweifelsohne die nie zuvor gesehenen fulminanten Action-Sequenzen. Mit Hilfe der eigens für diesen Film entwickelten Bullet-Time-Technologie wurde eine neue Ära des Action-Kinos eingeleitet.
Eine grundlegende Besonderheit des Films zeigt sich jedoch in dem Phänomen, dass seine Anziehungskraft keineswegs auf überzeugte Fans des Action-Genres beschränkt blieb. Was Matrix relevant für eine wissenschaftliche Arbeit außerhalb der reinen Filmwissenschaft werden lässt, ist der immense Reiz, den der Film auf intellektueller Ebene besitzt. Bei Betrachtung der Sekundärliteratur zu Matrix fällt auf, dass kaum ein wissenschaftlicher Themenkomplex außen vor zu bleiben scheint. Neben den bislang erschienenen diversen Büchern, die mögliche Interpretationen des Films bereitstellen, ist vor allem das umfangreiche Internetangebot ein wahrer Fundus potentieller Deutungsebenen des Films. Vor allem seit Veröffentlichung der beiden Sequels Matrix Reloaded und
1 Vgl. Koebner, Thomas (Hrsg.): Filmgenres - Science Fiction, Reclam, Stuttgart 2003, S. 519.
2 Ebd.
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Matrix Revolutions dehnt sich das Angebot explosionsartig aus, wodurch es in seinem gesamten Umfang kaum noch wahrzunehmen ist. 3
Nach eigenen Angaben war das Hauptziel von Larry und Andy Wachowski, den beiden Regisseuren und zugleich Drehbuchautoren von Matrix, einen intelligenten Action-Film zu schaffen: „We like action-movies, guns and kung fu, but we’re tired of assembly line action movies that are devoid of any intellectual content. We were determined to put as many ideas into the movie as we could.“ 4 Diese Zielsetzung haben die beiden konsequent umgesetzt, und eben dieser sorgsam eingewobene intellektuelle Inhalt trägt entscheidend zu dem „Phänomen Matrix“ bei. Die eingebrachten Ideen reichen von literarischen Einflüssen, wie Lewis Carrolls Alice im Wunderland, bis hin zur Implikation naturwissenschaftlicher Fragestellungen, wie der Kreation künstlicher Intelligenz und ihrer Konsequenzen. Am stärksten sind jedoch religiöse und philosophische Inhalte in Matrix vertreten, und gerade diese Anspielungen scheinen auf Kritiker die größte Faszination auszuüben. Im Internet hat sich eine regelrechte Kultgemeinschaft konstituiert, die auf die potentiellen Deutungen dieser Motive ausgerichtet ist. Matrix scheint in der Lage zu sein, Menschen über kulturelle und nationale Grenzen hinweg zu einer Gemeinschaft zu vereinigen und diese dazu zu veranlassen, die elementaren Probleme der Menschheit mit großem Enthusiasmus neu zu diskutieren.
Ziel dieser Arbeit ist es, einen Großteil dieser expliziten sowie impliziten Anlehnungen des Films an Religion und Philosophie anhand ihrer Verortung in historischen sowie wissenschaftlichen Kontexten zu analysieren sowie deren Gewichtung bezüglich der Erhebung von Matrix in den Kultstatus untersuchen. Es sollen in diesem Zusammenhang auch gezielt diverse Internetquellen und die darin vertretenen Ansichten zu den zu bearbeitenden Sachverhalten herangezogen werden, da insbesondere die Vielfalt der hier vertretenen Deutungen von Matrix einen entscheidenden Faktor im Hinblick auf die Hauptthese dieser Arbeit ausmacht. Ohne das Medium Internet wäre Matrix wohl nicht annähernd eine solch große öffentliche Aufmerksamkeit zuteil geworden, noch wäre es ersichtlich, worin die Motivation der Menschen für die Teilnahme am „Matrix-Kult“
3 Die vorliegende Arbeit soll im Wesentlichen auf den ersten Teil der Trilogie beschränkt bleiben, da die Fortsetzungen aufgrund ihrer überwiegend negativen Rezeption auf intellektueller Ebene im Widerspruch zur Leitthese stehen.
4 Vgl. Gordon, Andrew: The Matrix: Paradigm of Postmodernism or intellectual Poseur? Part II; in: Yeffeth, Glenn (Hrsg.): Taking the Red Pill. Science, Philosophy and Religion in The Matrix, Summersdale, Chichester 2003, S. 103.
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begründet ist. Wissenschaftliche Theorien diverser Philosophen wie Renè Descartes oder Jean Baudrillard sollen hierzu in Hinblick auf ihre Relevanz zur Handlung von Matrix untersucht werden. Gleichzeitig soll eine Interpretation erfolgen, weshalb gerade diese Elemente, vermittelt durch einen Science Fiction Film, in der heutigen Zeit eine solch große Anziehungskraft auszuüben scheinen.
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2. Der Erfolg von Matrix
Vor einer näheren Analyse der religiösen und philosophischen Diskurse, welche entscheidend zu der Faszination von Matrix beitragen, ist es notwendig, zunächst eine Übersicht zu geben, welche anderen Faktoren sich ebenfalls nachhaltig auf den Erfolg dieses Films ausgewirkt haben. In diesem Zusammenhang stellen sich Fragen, etwa nach der Ursache, warum dieser Film bereits beim ersten Sehen so viele Zuschauer in seinen Bann zieht, und worin eigentlich der überwältigende Erfolg liegt, der selbst für Branchen-Insider gänzlich unerwartet kam. 5
Auf den ersten Blick ist Matrix keineswegs einzigartig. Es gibt sowohl inhaltliche Vorläufer wie beispielsweise Strange Days oder Johnny Mnemonic, als auch Filme die etwa zur gleichen Zeit wie Matrix produziert wurden und eine ähnliche äußere Konstruktion aufweisen. Hierzu gehören unter anderem Dark City, Existenz und vor allem The Thirteenth Floor, ein Remake von Rainer Werner Fassbinders Welt am Draht. All diese Filme beschäftigen sich mit der Art und Weise, in der wir Realität verstehen und der Möglichkeit, dass es verschiedene Versionen der Realität gibt. Die Gemeinsamkeit all dieser Filme besteht außerdem in einem düsteren, kultur-kritischen, pessimistischen Unterton. Es geht um faszinierende Verschmelzungen, Opfer und insbesondere Zerstörungen. Stets gibt es auch einen oder mehrere Rebellen, die den Kampf gegen eine überlegen scheinende Macht aufnehmen. 6 Nun stellt sich die Frage, weshalb all diese Filme es nicht geschafft haben, einen überragenden kommerziellen Erfolg zu verbuchen. Während Matrix zum Kultfilm avanciert ist, verschwanden thematisch-ähnliche Filme in der cineastischen Versenkung. 7
Georg Seesslen sieht die Matrix-Fangemeinde in drei Fraktionen unterteilt: „Die Action-Fraktion, die Fraktion der philosophischen und politischen Exegeten […] und schließlich die Fraktion der Ästheten und Design-Freaks.“ 8 Obwohl diese Einschätzung im Großen und Ganzen zutrifft, bedarf sie einer entscheidenden Ergänzung, denn ein nicht unwesentlicher Teil der Matrix-Liebhaber setzt sich aus Theologen und generell
5 Vgl. Martig, Charles: Populäre Metaphysik - Der Film “Matrix”; in Zoomtip, 13.10.1999, Nr.41; in: URL: http://www.zoom.ch/tip/medien/41.htm, abgerufen am: 26.02.2002.
6 Vgl. Seesslen, Georg: Die Matrix entschlüsselt, Bertz, Berlin 2003, S. 217.
7 Vgl. Bleyenberg, Daniel: Der Kultfilm in der Postmodernen Gesellschaft, Magisterarbeit, 2001. URL: http://www.bleyenberg.de/kultfilme/index.htm, abgerufen am: 13.12.2003.
8 Vgl. Seesslen (2003), S. 197.
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religionsinteressierten Menschen zusammen, was sich anhand der Quantität an Internetquellen, die in Verbindung zu religiösen Motiven in Matrix stehen, belegen lässt.
Exakt diese Pluralität von Matrix, die solch unterschiedliche Interessensgebiete bedient, leistet den wohl größten Beitrag zum ökonomischen Erfolg des Films. Ein Liebhaber des typischen „Sylvester Stallone Actionspektakels“ gibt sein Geld an der Kinokasse kaum für einen tiefgründigen Film aus, der sich nicht nachhaltig auf den Adrenalinspiegel auswirkt und in dem die neusten Errungenschaften der Digitaltechnik nicht zum Einsatz kommen. Dagegen ist es wahrscheinlich eher die Ausnahme, dass sich der intellektuell interessierte Kinogänger, der es liebt tiefgründige Überlegungen zu dem Gesehenen anzustellen, in einen banalen Actionstreifen verirrt. Matrix überschreitet die Grenzen dieser „Kino-Klassengesellschaft“ und bedient nahezu jede erdenkliche cineastische Vorliebe.
Durch die kaum erfassbare Zahl an Verweisen auf verschiedene Erzähltraditionen und wissenschaftliche Diskurse mutet Matrix als eine Kombination mehrerer Filme an, die zu einem Ganzen verschmelzen: Zum einen der reine Science-Fiction Film, mit einer Fülle an Action- und Fantasyelementen, die eindrucksvoll mit Hilfe der neuesten Digitaltechnik in Szene gesetzt werden. Zum anderen stellt er eine kryptische Botschaft dar, die viele nur zu gern entschlüsseln wollen. Auf diesem Wege erhält der Zuschauer nebst einem grandiosen visuellen Spektakel auch eine Stärkung des Selbstwertgefühls, sobald er den noch so banalen Querverweis erkennt. 9 Ob Fans, Experten, Autoren, Wissenschaftler oder Philosophen - alle spinnen bereitwillig an dem Matrix-Mythos mit; jeder füllt die Leerstellen auf seine eigene Weise und bastelt an den Rätseln und Verstrebungen des Films herum. 10 Es scheint, als ob „jeder hinter den großen Kinobildern das durchgestylte Storyboard eines philosophisch angehauchten Video-Denk-Spiels als Hieroglyphen-System entschlüsseln will.“ 11 Diese „Produktpalette an Versatzstücken“ 12 versorgt jede potentielle Zielgruppe mit den gewünschten Assoziationen. Obwohl Filme ähnlichen Inhalts oft ebenso religiöse oder philosophische Untertöne besitzen, hat es bisher noch kein Regisseur gewagt, Versatzstücke religiöser Heilslehren, Mythologien
9 Vgl. Maurer, Andreas: Blendender Schein; in: Zoomtip, 13.10.1999, Nr.41. URL: http://www.zoom.ch/tip/medien/41.htm.
10 Vgl. Brinkemper, Peter V.: Du gleichst dem Geist, den du begreifst, 24.06.2003, in: Telepolis - Magazin der Netzkultur. URL: http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/kino/15056/1.html.
11 Ebd.
12 Matrix: Debugged, 22.05.2003. URL: http://germany.indymedia.org/2003/05/52077.shtml.
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oder Filmgenres dermaßen eklektisch zu kombinieren, wie es die Wachowskis getan haben. Es kann als eine überragende Leistung angesehen werden, diese eigentümliche Mischung aus Themen und Genres zu einer organischen Geschichte zu verdichten, ohne dass diese fragmentarisch wirkt. 13 Paul di Filippo sieht Matrix als „einzigartige und verblüffend neue Synthese […] ein Quantensprung nach vorn. Auf den Schultern von Riesen stehend, haben die Wachowskis einen frischen Blick auf neue Horizonte, den sie mit uns teilen.“ 14
2.1. Matrix im Zeitgeist des Postmodernismus
Die Wachowskis haben es auf ungewöhnliche Weise geschafft, den Zeitgeist 15 zu erfassen: Matrix war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Der Film „surfte auf mehreren Wellen des kollektiven Bewusstseins genau in dem Moment daher, wo diese gerade bereit waren, mit Macht die Dämme zum Mainstream zu überschwappen.“ 16 Der Plot ist aktuell und gesellschaftlich relevant, indem sich dieser Zeitgeist mit dem Weltwissen des Zuschauers verbindet. Mit dem „typischen postmodernen Eklektizismus“ 17 , einem scheinbar willkürlichen Bedienen im Fundus der gesamten kulturellen Produktion der Menschheit, und einer Collagen-artigen Vernetzung von sämtlichen Kulturbereichen steht Matrix ganz in der Tradition des Postmodernismus. 18
Bei Postmodernismus handelt es sich um einen komplexen Terminus bzw. eine Reihe von Ideen, die sich Mitte der 80er Jahre im Kontext der akademischen Kulturforschung herausgebildet haben. Eine zeitlich und historisch korrekte Einordnung des Postmodernismus ist nicht möglich, da der Beginn der Postmoderne nicht eindeutig ausgemacht werden kann. Bei dem Begriff Postmodernismus handelt es sich um ein Konzept, das in den verschiedensten Disziplinen und Forschungsgebieten auftaucht, darunter Kunst, Mode, Technik, Architektur, Soziologie, Musik, Film und Literatur. 19
13 Vgl. Koebner (2003), S. 522.
14 Filippo, Paul di: Der Bau eines besseren Simulakrums: Literarische Einflüsse auf Matrix; in: Haber, Karin (Hrsg.): Das Geheimnis der Matrix, Heyne, München 2003, S. 60.
15 Friedmann, Dan: Simulacra, Simulation and Science Fiction; in: Zeek - a jewish journal of thought & culture, 26.06.2003. URL: http://www.zeek.net/film_0306.shtml.
16 Willmann, Thomas: Matrix; in: Artechock. URL: http://www.artechock.de/film/text/kritik/m/marevo.htm.
17 Matrix: Debugged, 22.05.2003. URL: http://germany.indymedia.org/2003/05/52077.shtml.
18 Ebd.
19 Klages, Mary: Postmodernismus. URL: http://people.freenet.de/rebert/texte/postmodernismus.htm.
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Der Film ist jedoch das postmoderne Medium innerhalb der kulturellen Diskussion schlechthin. Seine Möglichkeit zur schnellen Reproduktion wie auch seine einfache Verfügbarkeit trug zur Begründung der Massenkultur in entscheidendem Maße bei. Durch seine visuellen Eigenschaften, die eine kognitive Verarbeitung seitens des Rezipienten entscheidend erleichtern, war es möglich Filmrealitäten zu schaffen, die trotz ihrer Beschränkung in technischer Hinsicht auf die Räumlichkeiten des Kinos in der Imagination der Zuschauer über diese Grenzen hinaus getragen wurden. 20 Eine fundamentale Frage des Postmodernismus besteht darin, in wieweit solch fiktive Erlebnisse in das reale Leben einfließen. Vor allem durch die stetige Verfügbarkeit des Fernsehens gewinnt diese Thematik an Bedeutung. 21
Während viele Filme der 80er Jahre selbst noch an dem philosophischen Kontext der Postmoderne mitgewoben haben, erscheint Matrix als Zusammenfassung und Abschluss postmoderner Fragestellungen: „Der Film kam, gerade rechtzeitig zur Jahrtausendwende, als metapostmoderne Fabel daher, eine postmoderne Erzählung über das Denken der Postmoderne.“ 22 Den Kernpunkt dieser Denkweise bildet die These, dass Wirklichkeit an sich nicht existiert, sondern erst durch Mächte, die das menschliche Bewusstsein unterlaufen, konstituiert wird. Es handelt sich hierbei um Strategien, die uns von jeher von unserem wahren Sein entfremden. 23 Hinter der trivialen Action- und Science Fiction-Fassade verbirgt sich Carl Hegemann zufolge, ein nicht unwesentlicher Beitrag zur Philosophie- und Sozialgeschichte des nächsten Jahrhunderts . . 24 Die Art und Weise, in der all die verschiedenen Bilder, Ideen und Versatzstücke aus den verschiedensten Quellen zusammenprallen und miteinander kommunizieren, sagt mehr über die Kultur unserer Welt im Jahre 1999 aus als viele gelehrte Bücher. 25 Matrix macht sich folglich zeitgemäße und populäre Denkstrukturen zu Eigen und verbindet diese geschickt mit einem visuell überzeugenden Actionfilm.
20 Vgl. Bleyenberg, Daniel: Der Kultfilm in der Postmodernen Gesellschaft, Magisterarbeit, 2001. URL: http://www.bleyenberg.de/kultfilme/index.htm.
21 Vgl. Die Matrix der "Matrix" Alles, was Sie über den Film "Matrix Reloaded" wissen müssen Ein Wegweiser durch die Wüsten des Realen und der Illusionen. URL: http://www.erzwiss.uni-hamburg.de/Personal/Lohmann/Lehre/Wint3-4/pe/M2.htm.
22 Vgl. Die Nachseite der Postmoderne. „Matrix Reloaded“: gesammelte Zitate der Brüder Wachowski; in: NZZ Online, 30.05.2003. URL: http://www.nzz.ch/2003/05/23/fi/page-article8UUQP.html.
23 Vgl. ebd.
24 Vgl. Hegemann, Carl: Autopoetische Schöpfungsmythen; in: Inside THE MATRIX, Symposium zur Kritik der zynischen Virtualität, 28.10.99. URL:
http://on1.zkm.de/htmlinterfaces/discussionGroup/msgReader$3, abgerufen am: 23.02.2002.
25 Vgl. Willmann.
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2.2. Große Authentizität
Einen weiteren Anziehungspunkt von Matrix stellt seine große Authentizität dar. Trotz der aufregenden Effektkulisse und der Science-Fiction Handlung hält sich Matrix weitestgehend an reale Gegebenheiten. In Matrix Revisited 26 , einer Doppel-DVD, die ein Jahr nach Erscheinen des Films erhältlich war, werden die Hintergründe der Filmproduktion gezeigt. Der Zuschauer erfährt, dass die Wachowskis, im Gegensatz zu anderen Regisseuren, deren Filme einen ähnlichen Action-Gehalt wie Matrix aufweisen, fast vollständig auf den Einsatz von Stunt-Doubles verzichtet haben. Die Schauspieler mussten sich vor Drehbeginn einer monatelangen Ausbildung durch erstklassige Kung-Fu-Action-Spezialisten unterziehen, bis sie schließlich in der Lage waren, sämtliche Kampfszenen selbst zu bewältigen. Die Schauspieler wurden im Gegensatz zu den meisten anderen Filmen dieser Machart nicht zu Statisten degradiert, die sich nur in den Kulissen zu bewegen hatten. 27
Auch die Darstellung der Hauptfigur Neo scheint von den Wachowskis geschickt ausgewählt. Es ist entscheidend für die Anziehungskraft und den Erfolg von Matrix, dass das Publikum in der Lage ist, sich mit dem Protagonisten der Geschichte zu identifizieren. Die Titelrolle scheint äußerst clever besetzt, denn Keanu Reeves ist zwar sportlich und gut aussehend, ist aber keineswegs ein prototypischer Superheld des Hollywood-Kinos a la Schwarzenegger oder Stallone. 28 Er ist keine schillernde Figur, dessen Name allein als Werbung für einen Film fungiert und mit seiner Präsenz die restliche Handlung in den Hintergrund treten lässt. Untypisch für einen Hollywood Superhelden macht Neo Fehler und ist unsicher, wodurch sich der Zuschauer mit ihm identifizieren kann. Er ist ein vollkommen normaler und nicht übermäßig intelligenter Durchschnittsmensch, „not too bright though“ (01:10), wie das Orakel bemerkt. 29 Hierdurch wird, laut Alan Dean Foster, vor allem dem jüngeren Zuschauer eine Botschaft vermittelt, die sein Selbstwertgefühl hebt: „Wenn Neo es kann, kannst du es auch.“ 30
26 Oreck, Josh: The Matrix Revisited, USA 2001.
27 Breitsameter, Florian: What is the Matrix, 26.06.1999. URL: http://www.sf-fan.de/sffilm/kino/index_matrix.html.
28 Vgl. Foster, Alan Dean: Die Rache der Unterdrückten, Teil 10; in: Haber, Karen (Hrsg.): Das Geheimnis der Matrix, Heyne, München 2003, S. 173.
29 Vgl. Goonan, Kathleen Ann: Mehr als man jemals erfahren wird: Im Kaninchenbau von Matrix; in: Haber, Karen (Hrsg.): Das Geheimnis der Matrix, Heyne, München 2003, S. 87.
30 Foster (2003), S. 180.
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Auch die Lösung, die Matrix bereithält, um der katastrophalen Situation der Menschen zu entkommen, ist eine einfache. Durch menschliche Qualitäten wie Liebe, Glaube und Zuversicht können künstliche Geschöpfe wie die Maschinen oder Programme besiegt werden. Es wird ein positiv-optimistisches Menschenbild vermittelt, denn selbst in einer noch so hoffnungslos erscheinenden Situation, unter denkbar widrigen Umständen, ist der Mensch dazu aufgerufen und offensichtlich auch dazu in der Lage, sich zu behaupten und seine Freiheit wiederzuerlangen. 31 Zwar handelt es sich bei Matrix um den archetypischen Kampf zwischen Gut und Böse, in dem der Sieger herausragende Kräfte haben muss, um den Gegner zu vernichten; doch erlangen die Helden ihre außergewöhnlichen Kräfte nicht durch unerklärliche Phänomene oder den Biss einer gentechnisch manipulierten Spinne 32 , sondern lediglich durch menschliche Grundeigenschaften, wie Glaube, Zuversicht, Selbstvertrauen und die Kraft des menschlichen Geistes, durch welche die strikten Regeln der Matrix gebrochen werden können. 33 Matrix impliziert, dass nur durch die Kraft des Verstandes und des Willens aus jeder noch so hoffnungslosen Situation ein Ausweg gefunden werden kann.
Obwohl die der Handlung von Matrix unterliegende Idee nicht ganz neu ist, wird bei kaum einem anderen fantastischen Film die Möglichkeit, es könne sich bei der Geschichte um reale Begebenheiten handeln, dermaßen stark suggeriert. Sicherlich finden sich bei einer näheren Betrachtung des Films verschiedene inhaltliche Ungereimtheiten wieder. So ist es beispielsweise zweifelhaft, dass eine solch hoch entwickelte Maschinenrasse wie die der Matrix keine effizientere Energiequelle als den Menschen gefunden hat oder warum sie, sofern wirklich nur die Bioenergie von Lebewesen benötigt wird, nicht einfach Kühe oder ähnliche Tiere verwenden, die wesentlich mehr Körperwärme als die Menschen produzieren, während ihr Bestand nicht durch eine hochkomplexe Simulation wie der Matrix gesichert werden muss. Dennoch gibt es kaum einen anderen fantastischen Film, der den Zuschauer mit einem dermaßen starken Gefühl der Verunsicherung bezüglich des Realitätsgehaltes zurücklässt.
Trotz der bereits erwähnten logischen Widersprüche ist die generelle Handlung an naturwissenschaftlichen Plausibilitäten orientiert. Da Matrix in der Zukunft spielt, kön-
31 Vgl.Zobel, Daniel: What is the MATRIX? Untersuchung zur Massenwirksamkeit von Andy und Larry Wachowskis Film ”THE MATRIX,” 2000. URL: www.danielzobel.com/diplomarbeit.doc.
32 Vgl. Raimi, Sam: Spiderman, USA 2002.
33 Wolf, Christof: Zwischen Illusion und Wirklichkeit. Wachowskis Matrix als filmische Auseinandersetzung mit der digitalen Welt, LIT, Münster, 2002, S. 73.
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nen wir auch nicht mit absoluter Sicherheit ausschließen, dass uns widersinnig erscheinende technologische Begebenheiten zu einem späteren Zeitpunkt und unter anderen Umständen nicht doch ihren Sinn haben. So könnte die Reduktion der Menschen auf ihre Bioenergie ein Irrtum Morpheus’ sein, denn er gibt zu, dass auch die befreiten Menschen die genauen Vorgänge, die zur aktuellen Situation auf der Erde geführt haben, nicht wirklich kennen. So könnten die Maschinen beispielsweise auch die komplexen menschlichen Gehirnstrukturen für unbekannte Zwecke nutzen. Die genaue Funktion des Gehirns ist der Wissenschaft heutzutage nicht annähernd bekannt und es ist eine verbreitete Annahme, dass der Mensch lediglich einen Bruchteil seines Gehirns tatsächlich nutzt, so dass es womöglich in der Lage ist, bestimmte herausragende Aufgaben für die Maschinen zu erfüllen.
Im Gegensatz zu vielen anderen Science Fiction Filmen sind es in Matrix auch keine befremdlichen Aliens oder sonstige Monster, die die Herrschaft über die Menschheit übernommen haben. Es sind „einfache“ Maschinen, die ihre Existenz unserer Wissenschaft verdanken. Ihr Weg an die Macht scheint vollständig mit den Gesetzen der Logik vereinbar und ist somit durchaus nachvollziehbar. Bereits heute haben Maschinen den Mensch aus vielen Lebensbereichen verdrängt. Es entstehen kontinuierlich neue „Maschinenrassen“, die neue und bessere Funktionen haben und den Mensch, beispielsweise als Arbeitskraft, ersetzen. Gerade wurde unter großem Medieninteresse die Entwicklung der ersten Roboter, die rennen, tanzen und Treppen steigen können, zelebriert. 34 Auch an der Entwicklung künstlicher Intelligenz wird bereits intensiv geforscht, auch wenn hier bislang kein Durchbruch erreicht wurde. Ein Matrix-ähnliches Szenario, auch in unserer Zukunft, kann in Anbetracht des derzeitigen Wissensstands daher keinesfalls vollständig ausgeschlossen werden.
Doch nicht nur die theoretisch mögliche Umsetzung einer Matrix-Welt trägt zur Anziehungskraft des Films bei. Vor allem die übergreifende Vorstellung, unsere Welt könnte nicht das sein, was sie scheint, und dass es einen tieferen Sinn hinter unserer derzeitigen Existenz gibt, spricht das menschliche Grundbedürfnis nach Orientierung an, das von jeher Bestandteil sowohl der Philosophie als auch der Religion war. Demnach scheinen eben diese beiden Diskurse geschickt ausgewählt, um die Glaubwürdigkeit von Matrix weiter zu unterstützen.
34 Sony Qrio: Erster Roboter, der rennen kann; in: CHIP Online. URL: http://www.chip.de/news/c_news_11330730.html?tid1=9237&tid2=0&ly=s2f.
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3. Religion
Religiöse Symbole und Inhalte sind äußerst populär in den modernen Medien und werden in vielfältiger Weise verwendet. In der heutigen, stark medial beeinflussten Lebenswelt wird auch die religiöse Dimension zunehmend in Kino, Fernsehen und die Cyberwelt verlagert. 35 Ob in der Werbung das Getränk „Red Bull“ einem Engel neue Flügel verleiht oder die Technoversion des "Vater Unser" als Videoclip über den Fernsehschirm läuft - religiöse Themen und Anspielungen sind beinahe überall anzutreffen. Auch die großen Hollywoodfilme bilden keine Ausnahme und bedienen sich beständig zentraler Symbole, sowie Anspielungen und Zitaten der religiösen Traditionen und feiern damit große Erfolge. Doch als die groß angelegte Promotion des Films Matrix im Jahr 1998 begann, hatte wohl kaum einer der potentiellen Zuschauer einen Film mit religiösen Untertönen erwartet, sondern vielmehr hochentwickeltes Action-Kino in Terminator-Manier. Jedoch findet sich in Matrix eine erstaunliche Zahl religiöser Vorstellungen und Anspielungen aus dem Bereich verschiedener Weltreligionen, der Gnosis und auch der griechischen Mythologie wieder.
Vor einer Analyse der Religiosität in Matrix ist es notwendig, die generelle Verwendung von Religion in der digitalen Medienkultur und mögliche Gründe für die Zunahme religiöser Symbolik in den Medien zu untersuchen.
3.1. Religion in der Popkultur
Europa unterliegt zurzeit einem extremen Gestaltwandel von Religion. Während die Institution Kirche besonders in der jüngeren Generation immer weniger Anklang findet, ist die Religion keinesfalls aus unserem Alltag verschwunden. Obwohl viele Menschen nicht mit dem theologischen Gottesbild übereinstimmen, kann keinesfalls von einer totalen Abwesenheit Gottes in unserer modernen Welt gesprochen werden. 36 Es kommt stattdessen vermehrt zu einer Pluralisierung und Individualisierung der Religion, und unsere gesamte Kultur scheint durch religiösen Symbolismus geprägt, 37 vor allem jedoch
35 Böhm, Uwe/Buschmann, Gerd (2001).
36 Vgl. Greeley, Andrew: Religion in der Popkultur. Musik, Film und Roman, Styria, Graz 1993, S. 23.
37 Vgl. Schicha, Christian: Unterhaltsame Formate als Bausteine der medienethischen Ausbildung. Spielfilme und Benetton-Werbung als populäre Beispiele; in: Medienheft. Katholischer Mediendiest - Re-
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die Popkultur. Die Popkultur, Populärkultur oder auch „Volkskultur“ 38 meint die „Kultur des breiten Volkes, der Massen, der Bestseller: Romane, Filme, Fernsehserien, Science-Fiction, Popmusik, moderne Märchen und Horrorgeschichten, Jugendkultur und Wildwestfilme.“ 39 Sie wird von Künstlern produziert, mit denen sich das breite Volk identifizieren kann und steht damit im Gegensatz zur elitären Hochkultur. Im Rahmen wissenschaftlicher Diskurse stoßen die vermeintlich trivialen Medienformate der Popkultur oft auf Ablehnung aufgrund des Vorurteils, sie würden nicht dem wissenschaftlichen Standard entsprechen. 40 Dennoch scheinen sie gerade in religionswissenschaftlicher Hinsicht von großem Interesse zu sein. Vor allem religionspädagogische Publikationen beschäftigen sich mit den jüdisch-christlichen Symbolen, die sich vermehrt in Filmen wieder finden. Die Einbeziehung von Werken der Popkultur sehen Religionspädagogen als Motivation für Lehrende und Lernende zugleich. 41 So finden sich im Internet vor allem zu Matrix vielfältige Unterrichtsvorlagen 42 , mit deren Hilfe Lehrer ihren Schülern anhand dieses Films religiöse Themen näher bringen können. Der Vorteil unterhaltsamer Medienformate liegt darin, dass sie den Rezeptionsgewohnheiten von Jugendlichen entgegenkommen und somit eine Aufmerksamkeit erregen, die mit gewöhnlichen Lehrmitteln nicht zustande kommt. 43
Hans-Martin Gutmann sieht Anspielungen und Zitate aus den Symbolwelten verschiedenster Religionen und Kulturen als essentielle Bestandteile der Popkultur, ohne die sie insgesamt nicht funktionieren könnte. Selten werden Symbole konsistent zitiert oder interpretiert, sondern „sie werden angespielt, verbraucht, neu zusammengesetzt.“ 44 Es handelt sich nicht nur um zentrale Begriffe, wie beispielsweise „Himmel“, „Hölle“ oder „Paradies“, sondern auch um zentrale inhaltliche Themen aus den verschiedensten Religionstraditionen. Besonders um Lebenserfahrungen wie Liebe, Hass oder Tod für sich selbst und auch andere zu verdeutlichen, scheinen religiöse Symbole unumgänglich.
formierte Medien, 12.06.2003. URL:
http://www.medienheft.ch/kritik/bibliothek/k19_SchichaChristian.html.
38 Im weiteren Verlauf der Arbeit werde ich mich auf die Verwendung des Begriffs Popkultur konzentrieren.
39 Greely (2003), S. 7.
40 Vgl. Schicha (2003).
41 Vgl. Brinkop, Barbara/ Nitz, Wiebke: Erlösung aus der feindlichen Scheinwelt. Der Film „Matrix“ als Beispiel für Religion in der populären Kultur. URL: http://www.rpi-loccum.de/matrix.html.
42 Vgl. http://www.bistum-osnabrueck.de/downloads/matrix2l.rtf; www.entwurfonline.de/UEs/UE_Matrix.htm; http://www.rpi-loccum.de/matrix.html.
43 Vgl. Brinkop/Nitz.
44 Gutmann, Hans-Martin: Der Herr der Heerscharen, die Prinzessin der Herzen und der König der Löwen. Religion lehren zwischen Kirche, Schule und populärer Kultur, Kaiser, Gütersloh 1998, S. 27.
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Erfahrungen können ohne Symbole offenbar weder wahrgenommen, noch mitgeteilt werden. 45 Die Popkultur ist erfüllt von erzählten Lebensgeschichten, die oftmals eine immanente Sehnsucht nach Gott und dem Sinn des Lebens ausdrücken. Selbst triviale Geschichten sind oft Ausdruck einer Sehnsucht nach der göttlichen Wirklichkeit. 46
Vor allem die visuellen Medien Film und Fernsehen haben eine stark sinnstiftende Funktion übernommen und konfrontieren die Menschen mit existentiellen Lebenserfahrungen. In vielen erfolgreichen Kinofilmen tauchen heute Sehnsüchte, Probleme und Ängste der Menschen auf, die auch Bestandteil des kirchlichen Glaubens sind. Es kann also nicht von einem Glaubensverlust, sondern vielmehr von einem Glaubenswandel bzw. einer Glaubensverlagerung gesprochen werden, die junge Menschen statt in die Kirche, immer öfter in die Kinos führt. 47
Obwohl das Fernsehen im Allgemeinen weithin zur Information und Unterhaltung dient, hat es aus einer ritual- und religionstheoretischen Perspektive betrachtet als Leitmedium der modernen Gesellschaft „eindeutige Züge einer Transformationsgestalt von Ritual und Religion.“ 48 Das tägliche Versammeln zu einer bestimmten Uhrzeit vor dem Fernseher nimmt Dimensionen eines Rituals ein. Abgeleitet vom lateinischen „ritus“, das im engeren Sinne einen festen, in den wesentlichen Grundzügen vorgegebenen Ablauf religiöser Handlungen bezeichnet, sind Rituale grundsätzlich religiös konnotiert. Rituale sind kulturell bestimmte Handlungsgewohnheiten eines Einzelnen oder einer Gruppe, welche die Veränderung eines Lebensbereiches in über den Alltag hinaus reichende Zusammenhänge durch spezifische, strukturierte Mittel bewirken. Durch den Umgang mit Grundfragen der Existenz ermöglichen sie das menschliche Miteinander. Durch Rituale werden Entscheidungen erleichtert sowie die Welt einfacher und handhabbarer gemacht; Gefühle wie Sicherheit und Geborgenheit werden vermittelt. 49 Durch ihre Bilderflut und deren rituelle Wiederholung verleihen die Medien dem Menschen ein Gefühl der religiösen Unmittelbarkeit. Auf dieser Basis der rituellen Wiederholung wird die Erzählgemeinschaft aufgrund der Wiederholungen von zahllosen Videoclips zu einer
45 Vgl. Gutmann (1998), S. 27f.
46 Vgl. Greely (2003), S. 22ff.
47 Vgl. Religiöses im Film „Matrix“? URL: http://www.rottendorf-stvitus.de/pgr/JuAK/berichte/b20030427.hrml.
48 Thomas, Günter: Medien - Ritual - Religion. Zur religiösen Funktion des Fernsehens, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1998, S. 13.
49 Vgl. Drehsen, Volker (Hrsg.): Wörterbuch des Christentums, Mohn, Gütersloh 1988, S. 1028; URL: http://www.net-lexikon.de/Ritual.html.
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sich stets neu konstituierenden Kultgemeinschaft. 50 Wo einst die Religion versuchte, den grundlegenden menschlichen Bedürfnissen nach Orientierung zu entsprechen, gewinnen heute Institutionen wie das Fernsehen und auch das Kino eine wachsende Bedeutung als Orientierungsmuster. 51
Fernsehen und Kino werden demnach zunehmend zum Religionsersatz: Das Fernsehen strukturiert den menschlichen Alltag und durch Formate wie Talkshows übt es praktische Seelsorge an den Menschen aus. In den allabendlichen Soap Operas werden normale Alltagsprobleme bis hin zur scheinbar auswegslosen Krisensituation durchgespielt und konsequent Lebensdeutungsmuster für die überwiegend jugendlichen Zuschauer bereitgestellt. 52 Günter Thomas sieht das Fernsehen als „das zentrale Ritual der vermeintlich ritenlosen und zunehmend säkularisierten modernen Gesellschaft.“ 53
Laut Gutmann lässt auch der Kinobesuch eine ritualtheoretische Interpretation zu:
[D]as Warten in der Kinoschlange, die Verzögerung durch Bier-und-Chips-Besorgen; die Schwellenüberschreitung; das vor- und nachbereitende Palaver im Cafe; die Geselligkeit des Kinobesuches selber wie des Gespräches über das Erlebte. Die Begehung erfolgt insgesamt in Form einer ‚Reise’: nach der Schwellenüberschreitung führt der Weg in das Dunkel, die Spannung, das Geheimnisvolle des bergenden Raumes. Der Kinobesuch ist eine Reise in einen anderen Raum. 54
Durch den Kinobesuch werden zentrale Lebensthemen wie Leben und Tod, die Rettung oder Zerstörung der Welt etc. zum unmittelbaren Begehungsraum. 55 Die physische Präsenz im Ritual wird in einem Medienritual wie dem des Kinobesuchs, durch eine „mediale Gegenwart“ substituiert. Mittels dieser „medialen Gegenwart“ hat der Zuschauer die Möglichkeit zur Partizipation an den Erlebnisräumen und Ereignissen des Films. 56 Das Spektrum von religiöser Thematik in Filmen reicht von offensichtlicher Religionsverwendung in traditionellen Verfilmungen religiöser Inhalte wie beispielsweise der Verfilmung biblischer Inhalte, über explizit religiös motivierte Filme bis zur „speku- 50 Vgl.Niewiadomski, Jozef : Extra media nulla salus? Zum Anspruch der Medienkultur; in : Der Innsbrucker Theologische Leseraum (ITL), 20.10.2001. URL: http://theol.uibk.ac.at/leseraum/artikel/99.html.
51 Vgl. Mertin, Andreas: Religion nimmt Gestalt an - ästhetisch, popkulturell, szenisch. Vortrag auf der Bildungsmesse Hannover, 2000. URL: http://www.amertin.de/aufsatz/gestalt.htm.
52 Ebd.
53 Thomas (1998), S. 17.
54 Gutmann (1998), S. 69.
55 Vgl. ebd.
56 Vgl. Thomas (1998), S. 441f.
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lativen Ausbeutung religiöser Motive im Trivialfilm.“ 57 Ob nun durch explizites Zitieren von religiösem Vokabular, der Verarbeitung religiöser Grundmotive oder auch Parallelen zu religiös konnotierten Handlungen wie dem Ritual - die Popkultur und vor allem ihre wichtigsten Verbreitungsmedien Film und Fernsehen stehen in enger Verbindung zur Religion.
3.2. Symbolanalyse
Geblendet von den erstaunlichen Effekten, der aufregenden Story und der innovativen Actiondarstellung, ist es einfach zu übersehen, dass es sich bei Matrix um einen durchaus spirituellen Film handelt. Um zu einer übergreifenden Analyse der religiösen Struktur des Films zu kommen, sollen zunächst die offensichtlichen religiösen Symbole analysiert werden. Ziel ist hierbei nicht, wie es in zahlreichen religionsspezifischen Interpretationen des Films geschehen ist, in jede einzelne Szene, Farbe oder auch Nummer einen religiösen Bezug hinein zu interpretieren - obwohl dies offenbar möglich ist. Diese Analyse konzentriert sich vielmehr darauf, einen skizzenhaften Überblick der religiösen Symbolik in Matrix bereitzustellen; keineswegs erhebt sie den Anspruch, die Gesamtheit aller möglichen Deutungsweisen dieser Elemente wiederzugeben. Anhand einer kurzen Ausarbeitung signifikanter Namen und Filmszenen soll die Manier der Verwendung von Religion durch die Wachowskis exemplarisch umrissen werden, um anschließend in eine Untersuchung der Bedeutung dieser für den Erfolg des Films überzugehen. Der Einfluss gnostischen Gedankenguts auf Matrix findet innerhalb dieser Analyse keine Berücksichtigung, sondern wird aufgrund seiner Komplexität wie auch seiner Relevanz zu nachfolgenden Untersuchungen in einem eigenen Kapitel behandelt.
Die wahrscheinlich offensichtlichste religiöse Symbolik in Matrix ist das christliche Erlösermotiv, das den Film wie ein roter Faden durchzieht. Die Figur des Neo ist zweifelsohne von einer starken Christus-Symbolik umgeben. Er durchläuft den klassischen Zyklus von Tod und Auferstehung, mit dem Ziel die gesamte Menschheit zu erlösen. 58 Bereits das Pseudonym Neo, unter dem der Hacker Thomas Anderson in der Computerwelt unterwegs ist, bedeutet seinem griechischen Wortursprung nach „der Neue“,
57 Hasenberg, Peter et al: Religion im Film. Lexikon mit Kurzkritiken und Stichworten zu 1200 Kinofilmen, 2. Auflage, KIM, Köln 1993, S. 7.
58 Vgl. Fillipo, Paul di: Der Bau eines besseren Simulakrums: Literarische Einflüsse auf Matrix; in: Haber, Karin (Hrsg.): Das Geheimnis der Matrix, Heyne, München 2003, S.63.
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was im Bezug auf den Film seiner Aufgabe entspricht: die Rettung der Menschheit und die Gewährleistung eines Neuanfangs. 59 Überdies ist „Neo“ ein Anagramm des englischen Numerals „One“ und weist somit auf seinen Status als der Eine, der Auserwählte hin. 60 Als Neo zu Beginn der Handlung einer zwielichtigen Gestalt namens Choi illegale Software verkauft, wird bereits explizit auf seine Rolle als Messias hingewiesen, indem Choi ihm entgegnet: „Hallelujah. You’re my savior, man. My own personal Jesus Christ“ (00:08). 61 Doch auch Neos eigentlicher Name, Thomas A. Anderson, scheint von den Wachowskis im Hinblick auf seine Bestimmung gewählt. Griechisch „Andros“ bedeutet Mann, was kombiniert mit der englischen Entsprechung für „Sohn“ - „son“ - die Bedeutung „Menschensohn“ ergibt. 62 Auch Jesus wird in der Bibel in zahlreichen Textpassagen als Menschensohn bezeichnet, wie beispielsweise im Lukasevangelium: „Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.“ (Lk 19,10).
Der Vorname „Thomas“ mutet überdies als Anspielung auf den „ungläubigen Thomas“ an, den Jünger Jesu’, der nicht an dessen Auferstehung glaubt, bis er die Wunden seines Herrn mit eigenen Augen sieht und diese berührt: „Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und meinen Finger in die Nägelmale lege und meine Hand in seine Seite lege, kann ich's nicht glauben.“ (Joh 20,26). Dementsprechend glaubt auch Neo erst an seine eigene Auserwählung, als er mit eigenen Augen und Händen die tödliche Wunde, die ihm von Agent Smith zugefügt wurde, sieht und mit seinen Fingern berührt. Erst nachdem er daraufhin nach kurzem Ableben wiederaufersteht, nimmt er seine Rolle als Erlöser an. Zwar scheint die Zeit zwischen Tod und Auferstehung in beiden Fällen deutlich verschieden, dennoch gibt es auch hier eine verborgene Gemeinsamkeit: In der Bibel dauert es drei Tage, d.h. 72 Stunden, bis Jesus aufersteht, und Neo öffnet seine Augen nach exakt 72 Sekunden. 63
Sowohl Neos Tod als auch seine Wiederauferstehung stellen deutliche Parallelen zur christlichen Heilsgeschichte dar. Neo hat sich wie auch Jesus für die Menschheit geop- 59 Vgl.Bassham, Gregory: The Religion of The Matrix and the Problems of Pluralism; in: Irwin, William (Hrsg.): The Matrix and Philosophy. Welcome to the Desert of the Real, Open Court, Chicago 2002, S. 111.
60 Vgl. Jesus in Matrix. URL: http://www.sippe-w.de/html/body_die_matrix1.htm.
61 Zitate aus Matrix werden im Folgenden gemäß ihres zeitlichen Auftretens in der DVD-Version: Wachowski, Andy u. Larry: The Matrix, USA 1999, Oktober 2003 in Klammern direkt im Text angegeben.
62 Vgl. Seesslen (2003), S. 273.
63 Vgl. Matrix - Der Glaube an das Unglaubliche; in: Livenet.ch - Internetportal von Schweizer Christen. URL: http://www.livenet.ch/www/index.php/D/article/195/8170/.
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fert, indem er Morpheus und mit ihm die Zugangscodes der Stadt Zion rettete, mit deren Hilfe die Maschinen in der Lage gewesen wären, auch die letzten freien Menschen endgültig zu vernichten; ebenso sind beide nach ihrem Tod wiederauferstanden. Auch die letzte Szene des Films, in der Neo in den Himmel fliegt, findet ihre eindeutige Entsprechung in der christlichen Himmelfahrt. 64
Morpheus, als Anführer der Rebellen, trägt den Namen des römischen Gottes der Träume 65 , und auch in der Matrix hat er eine gewisse Kontrolle über Schlaf- und Wach-zustand der Menschen. Als Oberhaupt des Widerstands gegen die Herrschaft der Maschinen hat er die Macht zu entscheiden, wer letztendlich aus der traumgleichen Realität der Matrix erweckt wird. Seine Position als gottähnliche Figur wird weiter durch seine Vaterrolle verstärkt, die er für seine Crew, doch vor allem gegenüber Neo, dem Messias, dem Gottessohn, übernimmt. 66 Cyphers Aussage „God, I wish I could be there when they break you“ (01:24), kann als explizite Anrede an ihn als „Gott“ verstanden werden. Jedoch gibt es auch deutliche Parallelen zwischen Morpheus und Johannes dem Täufer. Letzterer hatte die Ankunft des Messias vorausgesagt, wie auch Morpheus seiner Crew von Neos Kommen berichtet hat. Das Orakel hat ihm prophezeit, dass er derjenige sein würde, der den Auserwählten findet, und daran glaubt er bedingungslos. Wie auch Johannes Jesus im Jordan tauft, wird Neo nach Einnahme von Morpheus’ roter Kapsel einer Art Taufe unterzogen. Er wird von der Apparatur, die seinen Körper bislang beherbergte, losgelöst und in ein riesiges Wasserbecken hinabgespült. In diesem Moment ist er vollkommen haarlos und nackt, wie ein Baby, das die Taufe erhält. Die Taufe war auch für Jesus der rituelle Beginn seines Wegs zum Erlöser der Menschheit.
Diese Szene kann überdies als Anspielung auf die Jungfrauengeburt gedeutet werden. Als Neo erwacht, befindet er sich in einer Uterus-ähnlichen Apparatur, angeschlossen an Kabel, die wie eine Nabelschnur seinen Körper bisher mit den lebensnotwendigen Substanzen versorgt haben. Diese elektronische Nabelschnur wird abgetrennt, und er gleitet anschließend durch eine Röhre, die wie ein Geburtskanal fungiert. Weiterhin werden Menschen in Matrix nicht länger tatsächlich geboren, sondern künstlich gezüch-
64 Vgl.Böhm, Uwe/Lenz, Marc: Projekt Matrix. Ein Unterrichtsentwurf - online. Januar 2001. URL: http://www.entwurf-online.de/UEs/UE_matrix.htm.
65 Vgl. Lange/Neulen (1998), S. 332.
66 Vgl. Schuchardt, Read Mercer: What ist the Matrix; in: Yeffeth, Glenn (Hrsg.): Taking the Red Pill. Science, Philosophy and Religion in The Matrix, Summersdale, Chichester 2003, S. 12.
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tet. Folglich ist Neos eigentliche Entstehung wie auch sein Eintauchen in die reale Welt eine jungfräuliche Geburt. 67
Ein Hinweis auf biblische Bezüge, die als Inspiration für Matrix gedient haben, ist auch der Name der weiblichen Protagonistin. „Trinity“ spielt auf die christliche Gottes-vorstellung an, wonach sich der eine Gott in drei Personen realisiert, der Dreifaltigkeit von Vater, Sohn und Heiligem Geist. Geht man davon aus, dass Morpheus eine Art Gott ist und Neo der Messias, übernimmt Trinity die Position des heiligen Geistes. Nicht Gott allein, sondern diese Dreifaltigkeit hat Jesus auf die Erde entsandt, und so ist auch Trinity durch eine transzendente Macht in der Lage, Neo wieder ins Leben zurückzuführen. 68 Der Heilige Geist wird auch als „Leben spendende Gegenwart Gottes“ 69 bezeichnet, was passend im Hinblick auf ihre Fähigkeit, Neo durch ihren Kuss neues Leben einzuhauchen, scheint. Es gibt ferner Meinungen, die in ihrer heimlichen Liebe zu Neo und ihrem festen Glauben an dessen Auserwählung deutliche Parallelen zu Maria Magdalena, der leiblichen Verehrerin Jesu’, sehen. 70
Auch das biblische Böse, der Teufel, findet sich in Matrix wieder, in Gestalt des Verräters Cypher. Bereits sein Name kann als Abwandlung des englischen „Lucifer“ betrachtet werden. Für seine Rolle als Satan spricht weiterhin seine äußerliche Erscheinung, denn er ist der einzige, der in dem Film die Farbe Rot trägt, und sein Ziegenbart scheint als Anspielung auf das allgemein verbreitete Bild des Teufels gedacht. 71 Am offensichtlichsten sind jedoch Gemeinsamkeiten mit Judas Iskariot, dem Jünger Jesu’, der seinen Herrn verraten hat. Gegen das Versprechen der Wiedereingliederung in die Matrix und ein angenehmes Leben in Reichtum begeht auch Cypher Verrat, als er Morpheus an die Agenten ausliefert. Auch der biblische Verräter erhielt von den Hohepriestern Geld als Belohnung für seinen Verrat an Jesus. (Mt 26,14-16). Analog zu dem Verhalten Judas’, der während des letzten Abendmahls mit Jesus einen Kelch teilt, trinken auch Cypher und Neo unmittelbar vor der Verräterszene gemeinsam aus einem Metallgefäß. 72
67 Vgl. Bassham (2002), S. 112.
68 Vgl. ebd., S. 113.
69 Lange, Klaus M./Neulen, Peter (Hrsg.): Duden. Das Lexikon der Allgemeinbildung, 2. Auflage, Mannheim, Dudenverlag, 1998, S. 349.
70 Vgl. Schuchardt (2002), S. 17.
71 Vgl. Brinkop/Nitz.
72 Vgl. Schuchardt (2003), S. 15.
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Die einzig noch real existierende Stadt auf der zerstörten Erde ist Zion, das im Erdinneren gelegen ist, wo es noch warm ist. Es ist der einzige Ort, an dem die Menschen in Freiheit leben können, an dem die Maschinen nicht die Kontrolle übernommen haben und die Menschen noch geboren und nicht künstlich herangezüchtet werden. Auch in der Bibel steht Zion für die Stadt Gottes, von der es heißt „Mann für Mann ist darin geboren.“ (Ps 87,5). Es ist der biblische Begriff für einen Teil Jerusalems, der zum Symbol für das Paradies oder das gelobte Land wurde. 73
Die Szene, in der Neo durch die Wahl der roten Pille seinen Weg in die reale Welt antritt, erinnert an den biblischen Sündenfall. Die rote Pille steht demnach als Metapher für die biblische Frucht, die entgegen der wörtlichen Beschreibung in der Bibel gemeinhin als roter Apfel gilt und die Eva trotz des expliziten Verbotes durch Gott isst, was zu ihrer und Adams Vertreibung aus dem Paradies führt. Ebenso wie Neo durch die Einnahme der roten Pille Erkenntnis über die wahre Beschaffenheit seiner Welt erlangt, handelt es sich auch bei dem biblischen Apfel um die Frucht vom Baum der Erkenntnis, der Adam und Eva die Augen über ihr wahres Dasein öffnet: „Und sie nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon, und er aß. Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan, und sie wurden gewahr, daß sie nackt waren“ (1.Mose 3,7). Dementsprechend muss auch Neo nach Einnahme der roten Pille erkennen, dass er seine bisherige Existenz vollkommen nackt in einer Art künstlichen Uterus verbracht hat.
Als Folge ihres Ungehorsams soll das Leben von Adam und Eva von nun an von Leid und Pein erfüllt sein. Ebenso verlässt auch Neo ein angenehmes Leben, um von nun an eine anstrengende und entbehrungsreiche Existenz zu führen. Ganz wie die ursprüngliche Heimat Adams und Evas war auch die Matrix zunächst ein Paradies, ein Utopia, das die Menschen aber nicht akzeptieren konnten. Leid scheint tatsächlich, wie Agent Smith glaubt, von jeher ein inhärenter Bestandteil des Menschseins darzustellen. Zum zweiten Mal in der Geschichte der Menschheit wurde ihnen ermöglicht in einem Paradies zu leben, und wiederum hat es nicht funktioniert. Die Menschheit scheint dadurch gekennzeichnet, dass sie stets nach Höherem strebt. In einer perfekten Welt gibt es nichts mehr zu erreichen, der Mensch hat keine Ziele mehr im Leben. 74 Sie lehnen
73 Filippo (2003), S. 63.
74 Vgl. Seay, Chris/Garrett, Greg: The Gospel Reloaded, Piñon Press, Colorado Springs 2003, S. 52.
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das Paradies nicht bewusst ab, aber dennoch wollen sie immer mehr - und das um jeden Preis.
Buddhistische Parallelen sind ebenfalls vielfach in Matrix vertreten. So erinnert beispielsweise der kleine glatzköpfige Junge in Mönchskutte, auf den Neo in der Wohnung des Orakels trifft, an das allgemein verbreitete Bild eines buddhistischen Mönchs. Die Lektion, „Do not try to bend the spoon. That is impossible. Instead, only try to realize the truth […] That there is no spoon […] Then you will see that it is not the spoon that bends. It is only yourself” (01:08), ist darüber hinaus Bestandteil der buddhistischen Lehre. Nicht das Selbst ist Gebieter über die Materie, denn es ist lediglich Teil der illusionären Wirklichkeit, dem Dharma. Durch Meditation dagegen, wird der Subjekt-Objekt-Widerspruch aufgehoben, wodurch das reine Bewusstsein die Fähigkeit erlangt, Kontrolle auf die Objektwelt auszuüben. 75
Auch das Orakel war ursprünglich eine religiöse Institution, die in fast allen alten Religionen und Kulturen vertreten war. 76 Eines der berühmtesten ist das Orakel von Delphi, das in seiner Beschreibung am ehesten seinem Matrix-Pendant entspricht. Das delphische Orakel soll die Inhalation von Rauch als Inspirationsquelle genutzt und ebenso raucht das Matrix-Orakel während ihres Gesprächs mit Neo. Wie beim delphischen Apollontempel steht über der Küchentür in Latein "Erkenne dich selbst." 77
3.3. Notwendigkeit von Religion in Matrix
Es bleibt die Frage, worin die Intention der Wachowski-Brüder in der Einbindung dieser zahlreichen, unterschiedlichen religiösen Elemente liegt. Dass Filme als Produkte der Popkultur eine inhärente religiöse Dimension besitzen, wurde bereits zuvor erläutert, jedoch werden religiöse Elemente selten auf eine solch evidente und akkumulierte Art und Weise verwendet wie in Matrix. Andere Filme aus dem Science Fiction- oder Action-Genre kommen weitgehend ohne religiöse Symbolik aus, selbst wenn auch deren Handlungen oftmals auf religiösen Grundmotiven wie der Apokalypse oder der Rettung der Menschheit basieren. Vor allem die Tatsache, dass der Film nicht auf eine Religion fokussiert ist, sondern neben der vorherrschenden christlichen Symbolik auch Elemente
75 Vgl. Seesslen (2003), S. 281.
76 Vgl. Lange/Neulen (1998), S. 333.
77 Vgl. Seay/Garrett (2003), S. 77.
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anderer Religion wie dem Buddhismus oder der griechischen Mythologie heranzieht, ist ungewöhnlich. Auf die Frage in einem Chat: "Your movie has many and varied connections to myth and philosophy, Judeo-Christian, Egyptian, Arthurian, and Platonic, just to name those I've noticed. How much of that was intentional?" antworteten die Wachowskis: „All of it.“ 78 . Offensichtlich handelt es sich also keinesfalls um zufällige Referenzen, sondern um ein ausgeklügeltes Konzept, das von den Wachowskis über Jahre hinweg konstruiert wurde.
Gregory Bassham bezeichnet die in Matrix vertretene Art des religiösen Pluralismus als Ausformung des „cafeteria pluralism“, den er folgendermaßen definiert: „the view that religious truth lies in a mix of beliefs drawn from many different religions.“ 79 Dieser Pluralismus ist typisch für Menschen, deren Sehnsucht nach Spiritualität nicht durch die religiösen Vorstellungen, mit denen sie aufgewachsen sind, befriedigt wird. Sie suchen sich daher aus jeder Religion die passenden Fragmente zusammen. Trotz der Tatsache, dass diese Sichtweise sowohl für gewisse Menschen äußerst attraktiv ist und sich auch sehr gut in die Handlung von Matrix einfügt, sieht Bassham zwei gravierende Probleme innerhalb des „cafeteria pluralism“.
First, it’s hard to achieve a coherent mix of beliefs when picking and choosing religious beliefs cafeteria-style. Many religious doctrines transplant poorly outside the native religious frame work in which they have evolved. […] Second, even if the cafeteria pluralist does manage to achieve a coherent mix of beliefs, why should he or she (or anyone else) think that those beliefs are true? 80
Doch gerade im Hinblick auf seinen zweiten Einwand, der den Glauben in selbst ausgewählte religiöse Fragmente als nicht gerechtfertigt disqualifiziert, befindet man sich auf einer anderen Deutungsebene der Religiosität in Matrix, die auf die starke Konzentration der Handlung auf Glauben und Vertrauen ausgerichtet ist. Im Grunde spielt es keine Rolle, welcher Religion die Menschen angehören oder welchen Glauben sie haben, wichtig ist lediglich, dass der Glaube als solcher vorhanden ist, denn dadurch zeichnen wir uns gegenüber den Maschinen als menschliche Wesen aus. 81 Der Glaube ist generell
78 Chat with the Wachowski Brothers, November 6, 1999. URL: http://whatisthematrix.warnerbros.com/
79 Bassham (2002), S. 117.
80 Ebd, S. 119.
81 Vgl. Görnitz-Rückert, Sebastian: Ordnung braucht der Mensch! Überlegungen zum Konstruktionsprinzip von Matrix (1. Teil) und der Notwendigkeit von Religion (2. Teil). URL: http://home.teleport.ch/mut/matrix/realhome/ordnung.html.
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ein zentraler Aspekt in Matrix, denn ohne Morpheus’ starken Glauben an Neo hätte dieser niemals seine Rolle als Erlöser einnehmen können, und auch erlangt er seine übernatürlichen Fähigkeiten erst, als er beginnt an sich selbst zu glauben. Ein weiteres Beispiel stellt Trinity dar, die selbst nachdem sie Neos leblosen Körper vor sich sieht, ihren Glauben nicht aufgibt und somit Neo durch ihren Kuss wiederauferstehen lässt. Ihr fester Glaube an die Prophezeiung des Orakels erlaubt es, die Grenzen des rational Erklärbaren zu überschreiten. Voller Überzeugung spricht sie zu dem toten Neo: „The Oracle, she told me that I’d fall in love and that man, the man I loved would bet the One. You see? You can’t be dead, Neo, you can’t be because I love you“ (01:58).
Der Glaube ist ein essentieller Bestandteil für das Gelingen des Widerstands gegen die Maschinen, und er ist auch der Grundbaustein jeder Religion. Niemand kann mit Sicherheit sagen, ob Jesus von Nazareth tatsächlich die Inkarnation Gottes war. Die schriftlichen Berichte über sein Leben, seine Taten und seinen Tod sind alle erst Jahrzehnte später entstanden. Noch weniger ist die Existenz Gottes wissenschaftlich nachweisbar, und dennoch glaubt der Großteil der Weltbevölkerung an etwas jenseits unserer irdischen Welt, an ein übergeordnetes göttliches Wesen. Matrix impliziert demnach, dass lediglich ein starker Glaube notwendig ist, um die menschliche Erlösung herbeizuführen.
Neben dieser ideellen Möglichkeit als Ursache für die große Variation an religiösen Motiven gibt es auch eine pragmatische Erklärung: Die religiösen Elemente verhelfen der Handlung von Matrix zu einer größeren Glaubwürdigkeit, denn erst vor einem religiösen Hintergrund erscheint die Rolle Neos als „der Erlöser“ tatsächlich überzeugend. Wenn auch die Anwesenheit eines Gottes in dieser Welt niemals explizit erwähnt wird, so wird sie dem Zuschauer durch die religiösen Anspielungen zumindest unterschwellig suggeriert, dass es eine übergeordnete Macht gibt, die über die Menschen und ihr Schicksal wacht. Wäre dem nicht so, würde sich unweigerlich die Frage auftun, woher der Erlöser eigentlich kommt und wer ihn geschickt hat. Ohne dies wenigstens indirekt zu beantworten, gäbe es eine entscheidende Unstimmigkeit in der Handlung. Religion diente den Menschen von jeher dazu, die Fragen des Lebens zu beantworten, auf die Technik und Naturwissenschaft keine Antworten kennen. Bis auf die Erlöserrolle Neos und die Prophezeiungen des Orakels basiert die gesamte Handlung von Matrix fast ausschließlich auf augenscheinlich rational erklärbaren Phänomenen. Die Entstehung der
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Ariane Moßmann, 2004, Faszination Matrix - Religiöse und philosophische Diskurse in Andy und Larry Wachowskis Film "Matrix", München, GRIN Verlag GmbH
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