Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung 1
II. Hauptteil 3
1. Wann, wo und wie begegnet der junge Goethe der bildenden Kunst? 3
2. Woher das Kunst-Interesse? 9
3. Kunst-Natur Verständnis des jungen Goethe 14
4. Der junge Goethe auch ein Zeichner und Maler? 20
III. Schlussbetrachtung 25
IV. Literaturverzeichnis 27
V. Abbildungsverzeichnis 28
I. Einleitung
Sowohl das Thema der Kunst als auch das Thema Goethe ist ein sehr breites Feld - um es mit den Worten von T. Fontane auszudrücken. Aus diesem Grund konzentriert sich diese Hausarbeit auf wenige Bereiche (genau vier), die das Verhältnis Goethes zur bildenden Kunst in dem Zeitraum von 1749-1775 veranschaulichen. Folglich ergeben sich die Themengebiete aus der Beobachtung, dass man oft überrascht ist, wenn man erfährt, dass sich Goethe auch (noch) mit der bildenden Kunst befasst hat. Erstaunt ist man erst recht, wenn man erfährt, dass das dichterische Genie auch noch selbst gezeichnet hat. Infolgedessen entstehen Fragen: Wann ist er der Kunst begegnet? In welcher Form hat er sie erfahren? Was, wie, wann und warum hat er gemalt?... Fragen über Fragen, die zu Leitfragen dieser Arbeit geworden sind und auf die diese Arbeit in den folgenden vier Kapiteln Antworten zu geben versucht: Zuerst konzetriert sich der Blick auf die Lebensereignisse des jungen Goethe, in denen er der bildenden Kunst begegnet. Chronologisch sind diese auf das Wichtigste reduziert und wiedergegeben (Kap.1). Als Haupttextquelle benutzt dieses Kapitel die Biographie Goethes von Annette Seemann; außerdem: die 5-bändige Ausgabe Der junge Goethe von Hanna Fischer-Lamberg, so wie die zwei Bücher von Bräuning-Oktavio Herausgeber und Mitarbeiter der Frankfurter Gelehrten Anzeigen 1772 und Wetterleuchten der literarischen Revolution, ferner einzelne Textpassagen aus der selbststilisierenden Autobiographie Goethes Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit.
Als nächstes wendet sich der Text dem Thema zu, welche Möglichkeiten Goethe gehabt hat, in Frankfurt während seiner Kindheit und Jugendzeit der bildenden Kunst zu begegnen und sie zu erfahren. Dadurch veranschaulicht dieses zweite Kapitel zugleich, was Goethe bereits in seinen jungen Jahren in Bezug auf die Kunst geprägt hat und warum sich infolgedessen seine Kunstinteressen vorwiegend in die Richtung der Landschaftsmalerei, aber auch der Antike entwickelt haben. Als Literaturhilfe, um diese Entwicklung erläutern zu können, stützt sich der Text in erster Linie auf Heinrich Voelkers Buch Die Stadt Goethes. Anschließend geht diese Arbeit den Fragen nach: Welche Aufgabe hat Goethe der Kunst zugeschrieben? Warum und wie ist er zu dieser Ansicht gekommen? Dabei geht dieses Kap.3 genau auf das Naturverständnis des jungen Goethe ein, wobei die Betrachtung der Beziehung zwischen der Natur und Kunst - nicht nur der bildenden, sondern auch der dichterischen - eine wesentliche Rolle spielt und somit näher erläutert wird. Als wissenschaftliche Textgrundlage sind das Buch von Günter Bergmann Goethe der Zeichner und Maler, das Buch J.W. Goethe, Zeichnungen von Petra Maisak und Theodor Hetzlers Goethe und die bildende Kunst benutzt worden, so wie Die Leiden des jungen Werther und wieder einzelne Textstellen der bereits erwähnten Autobiografie Goethes.
Zum Schluss, d.h. im Kap.4, sind die Zeichnungen des jungen Goethe der hauptsächliche Bestandteil des Arbeitsthemas, um schließlich auf Grund der Motivwahl und Darstellungsweise
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feststellen zu können, ob er dem Kunstanspruch, den er an die Kunst u.a. selbst gestellt hat, gerecht geworden ist und somit auch nun als „bildender Künstler“ bezeichnet werden kann. Für die Betrachtung der zahlreichen Zeichnungen Goethes hat als Quelle hauptsächlich das 10bändige Werk Gerhard Femmel Corpus der Goethezeichnungen gedient, aber auch das bereits für das vorige Kap.3 verwendete Buch von Petra Maisak J. W. Goethe, Zeichnungen. Zusätzlich wurden einzelne Textpassagen durch die bereits mehrmals verwendete Goetheautobiografie gestützt.
Somit ist diese Hausarbeit keine Rechtfertigung des jungen Goethe als eines bildenden Künstlers. Es ist lediglich ein Versuch, ihn als Zeichner zu verstehen, indem sowohl der Umgang seines Umfeldes mit der Kunst als auch das Verständnis der Kunst in seiner Zeit näher betrachtet wird. Denn nur aus diesem Kontext ist seine Einstellung zur Kunst und seine Umgangsweise mit der Kunstmaterie greifbar, wodurch auch seine Zeichnungen begreifbar werden.
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II. Hauptteil
1. Wann, wo und wie begegnet der junge Goethe der bildenden Kunst?
Schon in den frühen Jahren seines Lebens begegnet der kleine Goethe der bildenden Kunst. Zuerst durch seinen Vater, der mit 32 Jahren auf Grund seines Wohlstands sich ganz seinen Hobbys und privaten Studien widmen kann, so dass er in den Jahren 1753-1775 eine eigene Gemäldesammlung im Haus am Hirschgraben errichtet. Durch diese Sammlung des Vaters lernt der kleine Johann Wolfgang schon sehr früh die Werke der Maler kennen, die bei der Frankfurter Prominenz zu dieser Zeit sehr angesehen sind: J. Junker, J.L.E. Morgenstern, J.B. Nothnagel, J.C. Seekatz, C. Stöcklin und J.G. Trautmann. Außerdem befinden sich in der Sammlung des Vaters neben diesen Gemälden auch Grafiken, kunstgewerbliche und naturwissenschaftliche Gegenstände, sowie wissenschaftliche Geräte. Zu all dem hat der kleine Junge Zutritt, so dass er nach Bedarf und Belieben die Kunstwerke betrachten kann. Dank der umfangreichen, vielseitigen und fördernden Erziehung, die der Vater gut durchdacht und mit Hilfe eines Stundenplans selbst gestaltet, ist es dem kleinen Sprössling ebenfalls möglich, auf eine selbstpraktizierende Weise der Kunst zu begegnen. Kein Talent der Kinder soll unbeachtet bleiben, so dass mit neun Jahren Johann Wolfgang Zeichenunterricht von J.M. Eben erhält 1 , den Goethe später selbst jedoch eher für einen „Halbkünstler“ hält. 2 Bereits ein Jahr später lernt Goethe zusätzlich einige der bekanntesten Maler, die ihm schon aus der Gemäldegalerie des Vaters (s.o.) bekannt sind, persönlich kennen. Es sind: Junker, Hirt, Seekatz, Schütz und Trautmann. Diese Bekanntschaft schließt der zehn Jährige während des siebenjährigen Krieges, als der Graf Thoran von Grasse in das Bürgerhaus der Goethefamilie einquartiert ist und als dieser das Gemäldezimmer des Vaters sieht sofort einige der Künstler in das Haus bestellt, damit diese für ihn malen. 3 Diesen Meistern darf dann der kleine Johann Wolfgang über die Schulter gucken und sogar ungeniert seine Meinung bezüglich der Darstellungsweise äußern:
„Da ich alle diese Männer von meiner frühsten Jungend an gekannt, uns sie oft in ihren Werkstätten besucht hatte, auch der Graf mich gern um sich leiden mochte; so war ich bei den Aufgaben, Beratschlagungen und Bestellungen, wie auch bei den Ablieferungen gegenwärtig, und nahm mir zumal wenn Skizzen und Entwürfe
4 eingereicht wurden, meine Meinung zu eröffnen gar wohl heraus.“ Mit 16 Jahren beginnt Goethe in Leipzig (am 30 September 1765) das vom Vater erwünschte Jurastudium. Dort begegnet er dem Kunstakademiedirektor, F.A. Oeser, bei dem er sofort Zeichenunterricht nimmt. Dieser erweitert Goethes Kunsthorizont über die ihm aus seiner
1 Vgl. Annette Seemann: „Goethes Leben und seine Beziehung zur bildenden Kunst“. In: Schulze Sabine (Hrsg.): Goethe und Kunst. Schirn-Kunsthalle Frankfurt Ausstellungskatalog. Ostfilden 1994, S. 581.
2 Vgl. J. W. Goethe: Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit. Stuttgart 1991, S. 122.
3 Vgl. ebd., S. 90./ Auf diese Stelle geht später noch einmal das Kap.2 ein.
4 Vgl. ebd., S. 95.
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Geburtsstadt bisher bekannten Landschafts- und Genrebilder 5 , hinaus auf die Kunst der Renaissance und somit ebenfalls der Antike, was ein Brief an Oeser vom 9. November 1768 belegt, als der junge Student an diesen schreibt:
„Was bin ich ihnen nicht schuldig, Teuerster Herr Professor, dass Sie mir den Weg zum Wahren und Schönen (Hervorhebung, d.V.) gezeigt haben, dass Sie mein Herz gegen der Reitz fühlbar gemacht haben. Ich bin Ihnen mehr schuldig, als dass ich Ihnen danken könnte. Den Geschmack den ich am Schönen habe, meine
6 Kenntnisse, meine Einsichten, habe ich die nicht alle durch Sie?“
Auch für die Leipziger Kunststudien sind Sammlungen von großer Wichtigkeit. Dazu werden die Sammlungen von Oeser selbst, die des Bankiers, Winkler, die des Kaufmanns, Richter, und der beiden Kunstkenner, Huber und Kreuchauff, genutzt. Der Bestandteil dieser Sammlungen sind Werke, die z.T. Tizian und Veronese zugeschrieben werden. Ergänzend dazu beinhalten diese Privatsammlungen, wie zu dieser Zeit üblich, Originalzeichnungen und Kupferstiche, so dass die Studenten ein vielseitiges und großes Betrachtungsrepertoire zur Verfügung haben. Abgesehen davon, lernt der junge und kunstinteressierte Jurastudent in den drei Jahren seines Leipziger Studiums die Schriften des Kunsttheoretikers, Winckelmann, kennen und schließt durch die Verlagsfamilie Breitkopf eine Bekanntschaft mit dem Kupferstecher, J.M. Stock, bei dem er das Kupferstechen erlernt. 7 Mit neunzehn Jahren ist sein Interesse an der Kunst so groß, dass er beschließt, allein nach Dresden - der Stadt, die zu dieser Zeit neben Berlin eine der größten und wichtigsten Kunststädte Deutschlands überhaupt ist - zu fahren, um sich dort einige Kunstwerke anzuschauen:
„Ich entschied mich daher, Dresden ohne Aufenthalt zu besuchen...weil ich die dortigen Kunstschätze ganz nach eigner Art (Hervorhebung, d.V.) zu betrachten wünschte und, wie ich meine, mich von niemand wollte
8 irre machen (Hervorhebung, d.V.) lassen.“
Merkwürdigerweise lässt er absichtlich die Sammlung antiker Skulpturen und die Italienischen Werke aus und konzentriert sich wieder hauptsächlich auf die Landschaftsmalerei. Jedoch veranschaulicht dieses (wiederum), dass er von Anfang an eine persönliche Schwäche für die Landschaftsmalerei besitzt. In dieser Kunststadt sieht er u.a. Gemälde von J. Isaacksz van Ruisdael und von C. Gellée, gen. Lorrain 9 , die er beide sehr bewundert, was auch an den vier Jahre später (1772) in den „Frankfurter Gelehrten Anzeigen“ erscheinenden Rezensionen zu zwei Kupferstichen aus Lorrains Hand, die wieder Landschaften und darin agierenden Figuren darstellen, sichtbar ist. 10
Kurz nachdem der junge Kunstliebhaber aus Dresden nach Leipzig zurückgekommen ist, erkrankt er im Herbst so schwer, dass er gezwungen ist, nach Frankfurt in das Elternhaus
5 Vgl. ebd., S. 311-333.
6 Vgl. Hanna Fischer-Lamberg: Der junge Goethe. Berlin 1963. Bd. 1, S. 256.
7 Vgl. Seemann: Goethes Leben, S. 581-582./ Goethe: Dichtung und Wahrheit, S. 356, 372.
8 Vgl. Goethe: Dichtung und Wahrheit, S. 340.
9 Vgl. Seemann: Goethes Leben, S. 582.
10 Vgl. Fischer-Lamberg: Der junge Goethe. Bd. 3, S. 82.
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zurückzukehren, wo er ca. eineinhalb Jahre für seine Genesung braucht. Trotz seiner Krankheit bleibt er in seinem Geburtsort nicht untätig. Er widmet sich philosophisch-mystischen und medizinischen Studien, sowie alchemistischen Versuchen. 11 Außerdem kommt er mit den Pietisten durch Susanne von Klettenberg in Kontakt, was u.a. zu seiner Natursichtweise beiträgt. 12 Aber trotz der neuen und den jungen Studenten faszinierenden Gebiete vergisst er die Kunst nicht. Seine Stube z.B. richtet er wie die eines Malers ein, nach dem Gemälde Junkers „Meister an der Staffelei“, das ihm bereits aus der Gemäldesammlung seines Vaters vertraut gewesen ist (s.o.), und denkt über die Kunst nach, wovon er in dem bereits oben erwähnten Brief an Oeser berichtet:
„Die Kunst, ist, wie sonst, jetzt fast meine Hauptbeschäftigung, (Hervorhebung, d.V.) ob ich gleich mehr drüber lese, und dencke, als selbst zeichne, denn jetzt da ich so allein laufen soll, fühle ich erst meine Schwäche; es will gar nicht mit mir fort Herr Professor, und ich weiß vor der Hand nichts anders, als das Lineal zu ergreifen, und zu sehen, wie weit ich mit dieser Stütze in der Baukunst und in der Perspektiv
13 kommen kann.“
Außerdem besucht er den Mannheimer Antikensaal, der für seine Gipsabdrücke antiker Plastiken berühmt ist. 14 Dort sieht er die Laokoon-Gruppe, über die er bereits in Leipzig in einem Aufsatz von Lessing gelesen hat und die für ihn schon damals ein Beispiel für „ut pictura poesis“ 15 gewesen ist. In Dichtung und Wahrheit schreibt er über diese Laokoon-Begegnung: „Das so lange missverstandene: ut pictura poesis, war auf einmal beseitigt, der Unterschied der bildenden und Redekünste klar, die Gipfel beider erschienen nun getrennt, wie nah ihre Basen auch zusammenstoßen
16 mochten.“
Auch nach der 1½ jährigen Genesungszeit bleibt die Begeisterung des jungen Goethe für die Kunst weiterhin beständig. Besonders zeigt es sich, als er nach seiner Erholung in Frankfurt gegen Ostern 1770 nach Straßburg aufbricht, um dort sein Jurastudium wieder aufzunehmen. Er kann es kaum erwarten das Straßburger Münster zu sehen. 17 Gleich am Tag der Anreise läuft er hin und ist von dem gotischen Sakralbau so sehr begeistert 18 , dass ca. zwei Jahre später die bekannte Prosaschrift „Von deutscher Baukunst“ entsteht, in der er ein Lob auf die gotische Architektur bietet und auf diesem Weg das Kunstverständnis neu definiert, die
11 Vgl. Goethe: Dichtung und Wahrheit, S. 365, und S. 434.
12 Dieser Themenaspekt wird nochmals im Kap.3 angesprochen.
13 Vgl. Fischer-Lamberg: Der junge Goethe. Bd. 1, S. 82.
14 Vgl. Seemann: Goethes Leben, S. 582-583.
15 „ut pictura poesis“ (lat.), d.h. „Dichtung gleicht der Malerei und umgekehrt“, was sich hauptsächlich auf den Stellenwert der beiden Kunstgattungen bezieht. Trotzdem sind es zwei unterschiedliche Weisen sich künstlerisch auszudrücken. Die bildende Kunst bedient sich des Moments und überbringt ihre Botschaft ohne Worte, wogegen die dichterische Kunst dank dem Wort Bilder entstehen lässt, wofür aber mehr Zeit notwendig ist als nur ein „kurz“ betrachtender Augenblick.
16 Vgl. Goethe: Dichtung und Wahrheit, S. 339, 539.
17 Vgl. Seemann: Goethes Leben, S. 583.
18 Vgl. ebd., S. 381.
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(nebenbei erwähnt) Goethes erste veröffentlichte Schrift ist. 19 Das Studium in Straßburg ist aber nicht nur im „betrachtenden“ Sinne für Goethe aufschlussreich. In dieser Stadt lernt er Herder kennen, zu dem er sich auf Grund der langen, inspirierenden Gespräche hingezogen fühlt 20 , da sie oft in ihren langen Diskussionen nach dem „Ursprünglichen in allen Dingen“ suchen. 21 Demzufolge hat auch Herder, ähnlich wie Oeser (s.o.), zu Goethes Kunstentwicklung wesentlich beigetragen.
Im Sommer 1771 besteht der junge Jurastudent mit 22 Jahren seine Prüfung zum Lizentiaten der Rechte und geht infolgedessen nach Frankfurt zurück, um dort den Beruf des Rechtsanwalts auszuüben. Auch dieses Mal lässt sein Kunstinteresse nicht nach, was die bereits erwähnte Herausgabe der „Frankfurter Gelehrten Anzeigen“ (s.o.) belegt, die im Januar 1772 zum ersten Mal unter der Leitung von Merck herausgegeben wird. In dieser Gelehrtenzeitschrift äußert sich Goethe hauptsächlich mit Merck und Herder über die Kunst in Form von Kunstrezensionen 22 , die z.T. auch als Dialoge zwischen Goethe und Merck gestaltet werden. 23 Zusätzlich beginnt Goethe in dieser Zeit selbst Kunstwerke zu sammeln. Seine erste Erwerbung sind antike Plastiken. Es sind die Köpfe des Laokoon, seiner Söhne und der Tochter Niobe. 24 Diese Sammeltätigkeit entwickelt sich mit der Zeit zu einer Lebensaufgabe Goethes, der er sehr gewissenhaft nachgeht. 25
Als Goethe 25 Jahre alt ist (1774), erlangt er dank seinem literarischen Erfolg Die Leiden des jungen Werther internationale Berühmtheit. Nun möchten auch wichtige Persönlichkeiten, wie z.B. der Geistliche aus Zürich, J. C. Lavater, und J. B. Basedow, mit dem jungen Genie Bekanntschaft machen. Durch den Kontakt mit Lavater lernt Goethe die Theorie der Physiognomie kennen 26 , der sich Lavater mit großer Leidenschaft widmet. Mit diesen beiden neuen Freunden unternimmt der junge Dichter im selben Jahr eine Reise entlang des Rheins nach Bad Ems und Neuwied 27 , auf der die drei Herren auch der Zeichner G.F. Schmoll
19 Das Thema der Kunstbetrachtung Goethes wird genauer im Kap.3 behandelt.
20 Vgl. Goethe: Dichtung und Wahrheit, S. 434.
21 Vgl. Seemann: Goethes Leben, S.583.
22 Vgl. Fischer-Lamberg: Der junge Goethe, Bd. 3, S. 82./ Hermann Bräuning-Oktavio: Herausgeber und Mitarbeiter der Frankfurter Gelehrten Anzeigen 1772. Tübingen 1966, S. 266 ff, 292 ff, 411.
23 Vgl. Hermann Bräuing-Oktavio: Wetterleuchten der literarischen Revolution. Darmstadt 1972, S. 30-42.
24 Vgl. Seemann: Goethes Leben, S. 583.
25 Besonders wird diese Leidenschaft deutlich, als Goethe die Verantwortung für die Sammlung des Herzogs in Weimar erhält. Schließlich wird es die größte Sammlung des 19. Jh. Da bisher solche Kunstsammlungen eher einer Kunstkammer gleichen, Goethes Sammlung jedoch den Rahmen solcher Kammer weit überragt, kann man seine Sammlung als einen Wegbereiter für eine Art Museum, wie wir sie heutzutage kennen, sehen. Da sich diese Tätigkeit jedoch erst in den Weimarerjahren „richtig“ entwickelt, diese Hausarbeit sich aber auf die Zeit, bevor Goethe nach Weimar geht, beschränkt, wird hiermit auf diesen Lebensbereich des großen Dichters nur verwiesen.
26 Vgl. Goethe: Dichtung und Wahrheit, S. 651 ff.
27 Vgl. Goethe: Dichtung und Wahrheit, S. 658, 666 ff.
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begleitet, um für Lavater Physiognomiezeichnungen anzufertigen. Es sind jedoch nicht nur die Physiognomischen Fragmente, die Goethes Zeit auf dieser Rheinreise in Anspruch nehmen. Er sieht in Köln den Kölner Dom 28 und besucht in Düsseldorf die Gemäldegalerie, wo er sich zielstrebig wieder den niederländischen Meistern zuwendet:
„In der Düsseldorfer Galerie konnte meine Vorliebe für die niederländische Schule reichliche Nahrung finden. Der tüchtigen, derben, von Naturfülle glänzenden Bilder fanden sich ganze Säle, und wenn auch nicht meine Einsicht vermehrt wurde, meine Kenntnis ward doch bereichert und meine Liebhaberei bestärkt
29 (Hervorhebung, d.V.).“
Nach dieser aufschlussreichen Reise versucht sich im November der bereits anerkannte literarische Künstler in der Ölmalerei. Er nimmt Malunterricht bei dem bereits bekannten Frankfurter Künstler, Nothnagel. 30 Ein Zeugnis für diese künstlerischen Versuche ist der Brief Goethes vom 20. November an Sophie La Roche mit beigefügtem Absatz an Kestner: „Ich werde diesen Nachmittag zuerst den Oel Pinsel in die Hand nehmen! - Mit welcher Bewegung Andacht und Hoffnung, drück ich nicht aus, das Schicksal meines Lebens hängt sehr an diesem Augenblick
31 (Hervorhebung, d.V.).“
An dieser Briefpassage wird deutlich, dass es Goethe sehr wichtig gewesen ist, die Kunst des Malens neben der dichterischen ebenfalls zu erlernen. 32 An Kestner fügt er (noch) hinzu: „Da hab ich diesen Brief Kestner! An einem fremden Pult, in eines Malers Stube, denn gestern fing ich an in
33 Oel zu malen, habe deinen Brief und muss dir zurufen Dank!“
Leider sind keine Öl-Gemälde von Goethes Hand enthalten, was vermuten lässt, dass seine Versuche nicht besonders erfolgreich gewesen sind. Trotzdem lässt sich Goethe nicht entmutigen. Er bearbeitet das Thema der Kunst und des Künstlers auf seine gekonnte, dichterische Art und Weise, so dass u.a. zwei Kunstgedichte entstehen. Diese sendet er in einem Brief, dessen Inhalt das Thema des Künstlertums ist, das auf die Malerexistenz bezogen ist, am Ende des Jahres 1774 an Merck. Es handelt sich um die Gedichte „Sendschreiben“ und „Künstlers Abendlied“. 34
Als Goethe 26 Jahre alt ist (1775), unternimmt er eine weitere Reise. Dieses Mal führt der Weg in die Schweiz. Der junge Jurist schließt sich Friedrich (Fritz) und Christian Leopold Stolberg, so wie Christian von Haugwitz auf deren Bildungsreise nach Italien über die Schweiz an. Er begleitet diese - in gelb-blauer Werther-Tracht - über Darmstadt, Heidelberg, Karlsruhe, Straßburg, Emmendingen, dem Wohnort der Schwester, Cornelia, Schaffenshausen bis nach Zürich, wo die kleine Gruppe am 7. Juli ankommt. In Zürich begegnet Goethe erneut seinem
28 Vgl. ebd., S. 669.
29 Vgl. ebd., S. 674.
30 Vgl. ebd., S. 605./ Seemann: Goethes Leben, S. 584.
31 Vgl. Fischer-Lamberg: Der junge Goethe. Bd. 4, S. 253.
32 Diesen Themenaspekt behandelt gründlicher das Kap.3 und 4.
33 Vgl. Fischer-Lamberg: Der junge Goethe. Bd. 4, S. 254.
34 Vgl. Seemann: Goethes Leben, S. 584.
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Agnieszka Studzinska, 2004, Goethe - auch ein Zeichner und Maler?, Munich, GRIN Publishing GmbH
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