Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung. S.1
II. Hauptteil. S.3
1. Winter - Aufenthalt zu Hause (in der Stadt) S.3
2. Frühling - Rückkehr ins Gebirge (Natur) S.7
3. Sommer - Aufenthalt in der Natur (Rosenhaus/ Gebirge) S.10
4. Herbst - Rückkehr nach Hause (in die Stadt) S.13
5. Nachsommer - Rückblick auf den eigenen Reifeprozess. S.16
III. Schluss. S.19
IV. Literaturverzeichnis 20
I. Einleitung
In dem Bildungsroman Der Nachsommer von Adalbert Stifter stellt der Autor einen (mindestens für ihn selbst) idealen Bildungsweg eines heranwachsenden Menschen dar. Dazu erschafft er einen Romanerzähler, den er Heinrich Drendorf nennt, der von klein auf eine wissbegierige, fleißige, intelligente, für Neues immer offene Person ist, die in einer utopischen und idealen Welt lebt. 1 In dieser Welt, lernt Heinrich zuerst mit Hilfe seines verständnisvollen Vaters, und später des Freiherrn von Risach 2 , der im Laufe der erzählten Zeit sein enger Freund wird, in einem jahrelangen, geduldigen, aufeinander(auf)bauenden Prozess die Natur und Kunst immer mehr beobachten, schätzen, respektieren und lieben. Von diesem Freund wird er immer mehr geprägt und beeinflusst, so dass er schließlich ein gebildeter und reifer Mann wird, der am Ende dieser Reifeentwicklung seinen Weg äußerst genau und ausführlich niederschreibt. Auf diese geschickte Weise wird dem Leser eine vorbildhafte Entfaltung eines Individuums vermittelt und insofern auch ein „Erziehungsbeispiel“ vorgestellt. Es ist ein Buch, das, wie es W. Killy so trefflich formuliert hat, „dem Leser das Menschlichwerden zeigen will“ und das zusätzlich sogar die eigenen Wünsche des Autors offenbart: „Hätte ich mein Ruhiges leben (im Winter in Wien im Sommer in den Bergen unter Bäumen und Wolken) dürfte ich nichts anderes thun als mit Großem Reinem Schönen mich beschäftigen, vormittags schreiben nachmittags zeichnen lesen Wissenschaften nachgehen und abends mit manchem edlen Freunde oder in meinem Garten sein (...)“ 3
Diesen Reifeprozess von einem neugierigen und kleinen Jungen aus der Stadt zu einem gebildeten und erwachsenen Mann von Welt, begleiten über die Jahre hinweg und in einem regelmäßigen (mit der Zeit typischen) Rhythmus bis zu der abgeschlossenen
1 Zur Diskussion aber auch Gattungsdefinition dieses Romans empfehle ich an dieser Stelle, da dieses nicht das Thema dieser Arbeit ist, die Texte von: W. Killy: Utopische Gegenwart. In: Romane des 19. Jh.. Wirklichkeit und Kunstcharakter. München 1967, S. 83-103./ M. Mayer: Der Nachsommer. In: Adalbert Stifter. Erzählen als Erkennen. Stuttgart 2001, S. 145-176.
2 Dieses stützt: H. Seidler: Gestaltung und Sinn des Raumes in Stifters Nachsommer. In: H. Steinmann (Hrg.): A. Stifter. Studien und Interpretationen. Gedenkschrift zum 100. Todestage. Heidelberg 1968, S. 203-216.
3 W. Killy: Utopische Gegenwart, S. 84 u. 85.
1
Entwicklung, die vier Jahrezeiten. Diese spielen auch nach dem Erwachsenwerden bzw. bei dem Erwachsensein eine begleitende Rolle, jedoch entspricht die Jahreszeitenfolge und -bedeutung nicht dem Rhythmus der vorangegangener Reifejahre. Wie diese Jahreszeiten den Bildungsweg des Romanerzählers beeinflussen, mitbestimmen, (unauffällig) begleiten und welche Funktion(en) sie in diesem Roman haben, wird in den folgenden vier Kapiteln des Hauptteils, die sich ausführlich mit jewals einer der vier Jahrezeiten befassen, veranschaulicht. Dieses soll schließlich zu der Beantwortung der Frage: „Warum heißt dieses Buch der Nachsommer?“ und „Inwiefern hängt der Titel mit den vier Jahreszeiten zusammen?“ führen, was das fünfte Kap. dieser Arbeit bearbeitet.
Da es leider (noch) wenig, um nicht zu sagen fast gar keine, Sekundärliteratur gibt, die sich konkret, bzw. hauptsächlich mit dem oben vorgestellten Jahreszeitenthema in A. Stifters Nachsommer befasst, stütze ich mich bei meiner Argumentation nur auf ein paar Autoren, wie z.B. W. Killy, M. Mayer, R. Obermaier und L. Stiehm und selbstverständlich auf Textstellen des Primärtextes. 4
4 Genauere Literaturangaben zu verwendeten Texten: IV. Literaturverzeichnis.
2
II. Hauptteil
1. Winter - Aufenthalt zu Hause (in der Stadt)
Der Winter ist generell die Jahreszeit, in der die Abende lang sind und die Tage kalt und kurz, so dass man sehr viel Zeit zu Hause, im Warmen, bei und mit seinen Lieben verbringt. In der Natur ist es die Jahreszeit in der sich die Erde und das ganze Leben ausruht, bzw. der (wohlverdiente) Winterschlaf vollzogen wird, damit das Leben im Frühling erholt und voller Energie wieder erwachen kann. Diesen Winterzustand des Schlafens und der Ruhe, fast der Totenstille, drückt F. Hebbel in seinem Gedicht Winterlandschaft ebenfalls aus: „Unendlich dreh sie sich, die weiße Fläche, Bis auf den letzten Hauch vom Leben leer; Die muntern Pulse stockten längst, die Bäche, Es regt sich selbst der kalte Wind nicht mehr.
Der Rabe dort, im Berg von Schnee und Eise,
Erstarrt und hungrig, gräbt sich tief hinab, Und gräbt er nicht heraus den Bissen Speise, So gräbt er, glaub ich, sich hinein ins Grab.
Die Sonne, einmal noch durch Wolken blitzend,
Wirft einen letzten Blick aufs öde Land, Doch, gähnend auf dem Thron des Lebens sitzend, Trotzt ihr der Tod im weißen Festgewand“. 5
In diesem Bildungsroman ist es nicht anders. Jeden Winter kehrt Heinrich von seinen „Forschungsreisen“ bzw. „Bildungswanderungen“ nach Hause, in die Stadt (Wien), zu seinen Nächsten zurück 6 , ähnlich wie der Wanderer in G. Trakls Gedicht der Winterabend: „Wenn der Schnee ans Fenster fällt, Lang die Abendglocke läutet, Vielen ist der Tisch bereitet Und das Haus ist wohlbestellt.
5 E. Kleßmann (Hrg.): Die vier Jahreszeiten. Gedichte. Stuttgart 2000, S. 220.
6 Vgl.: A. Stifter: Der Nachsommer. Eine Erzählung. München 2001, S. 34, 157.
3
Mancher auf der Wanderschaft Kommt ans Tor auf dunklen Pfaden. Golden blüht der Baum der Gnaden Aus der Erde kühle m Saft.
Wanderer tritt still hinein;
Schmerz versteinert die Schwelle. Da erglänzt in reiner Helle Auf dem Tische Brot und Wein.“ 7
Wenn Heinrich in der Stadt ist, arbeitet er seine, im Sommer praktisch erarbeiteten und vor Ort erforschten, Ergebnisse theoretisch noch einmal nach 8 und bespricht dieses dann mit seinem Vater 9 , den er im Laufe der Zeit immer mehr schätzen, achten und lieben lernt. 10 Auf diese Weise zeigt er seiner Familie, dass seine Wanderungen und somit in der Natur verbrachte (Sommer)Zeit nicht sinn- und erfolglos sind. In den späteren Jahren, als er schon ein paar bildende Sommer hinter sich hat und sich deshalb auch seines Wissens sicher genug ist, beginnt er (sogar) seiner geliebten Schwester, Klothilde, sein gesammeltes Wissen weiter zu geben, indem er sie unterrichtet. 11 Betrachtet man die Länge der Schilderung der Winteraufenthalte in der Stadt und der Sommeraufenthalte auf dem Land, so stellt man fest, dass die Winterschilderungen kürzer und nicht so umfangreich wie die des Sommers sind. 12 Dieses liegt daran, dass bereits im 19. Jh. die Stadt als
„der Sitz der Höfe und damit jener Lebensweise, die die Literatur verurteilt [angesehen wurde]: einer bloßen Zivilisiertheit gleich äußerlich oberflächlichen Glätte des Verhaltens, - im unterschied zu den Trägern der Kultur, die sich durch tiefe im Denken und Fühlen auszeichnen“,
7 E. Kleßmann: Gedichte, S. 228.
8 Vgl.: A. Stifter: Nachsommer, S. 162, 165, 168./ Dieses wird gestützt: R. Obermaier: Stadt und Natur. Studie zu Texten von Adalbert Stifter und Gottfried Keller. In: gießender Arbeiten zur NDL und Literaturwissenschaft. Bd.5. Frankfurt a.m. 1985, S.104.
9 Vgl.: A. Stifter: Nachsommer, S.161.
10 Vgl.: ebd., S. 276-277.
11 Vgl.: ebd., S. 104, 278, 308-309, 316./ Dieses wird gestützt: R. Obermaier: Stadt - Natur, S. 104.
12 Dieses wird gestützt: A. Seidler: Raumgestaltung; S. 214.
4
Arbeit zitieren:
Agnieszka Studzinska, 2002, Warum heißt der Bildungsroman von Adalbert Stifter 'Der Nachsommer'?, München, GRIN Verlag GmbH
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