Paul Celan
Psalm
Niemand knetet uns wieder aus Erde und Lehm, niemand bespricht unseren Staub. Niemand.
Gelobt seist du , Niemand.
Dir zulieb wollen wir blühn. Dir entgegen.
Ein Nichts
waren wir, sind wir, werden wir bleiben, blühend: die Nichts-, die Niemandsrose.
Mit
dem Griffel seelenhell dem Staubfaden himmelswüst der Krone rot vom Purpurwort, das wir sangen über, o über dem Dorn.
Das Gedicht „Psalm“, das aus vier Strophen besteht, wurde von P. Celan 1963 geschrieben und ist eins der Niemandsrosengedichte, die den Opfern von Auschwitz gewidmet sind.
Die erste Strophe ist eine Klage des gesamten jüdischen Volkes über die stumm zuschauenden Mitmenschen, die während der Herrschaft des dritten Reiches tatenlos die Massenmorde an den Juden zugelassen und später auch noch darüber geschwiegen haben. Aber auch eine Klage an Gott, dass dieser sein Volk allein gelassen hat. Dieses drückt der Dichter schon im ersten Vers der ersten Strophe in der Negation des Jemand und in dem Rückgriff auf die Motive der christlichen Mythologie aus der Schöpfungsgeschichte, in der Gott den ersten Menschen aus Erde und Lehm formt und ihm anschließend den Odem des Lebens einhaucht 1 , aus. Der erste Vers der Strophe heißt: „Niemand knetet uns aus Erde und Lehm“, wobei „Niemand“ hier als Gott zu verstehen ist, da diese Negation, trotz ihres nihilistischen Gedanken, eine Peson in sich beinhaltet und unmittelbar im selben Vers in Verbindung mit dem Schöpfungsakt Gottes (s.o) gebracht wird und somit auch Gott selbst. Beachtet man auch, dass P.Celan das Pronomen „uns“ wählt, so bezieht er sich mitein und identifiziert mit dem Lyrischen-Ich. Somit steht „uns“ für das gesamte jüdische Volk, da auch der Dichter ein Jude gewesen ist. Infolge dieser Überlegungen heißt der erste Vers: Gott erschafft nicht noch ein Mal sein auserwähltes Volk von neuem zum Leben. Der zweite Vers: „niemand bespricht unseren Staub“ beinhaltet infolgedessen zwei
Interpretationsmöglichkeiten. Die eine lautet, dass auch hier „niemand“ für Gott steht und, dessen Kleinschreibung durch die Interpunktion bedingt ist, wodurch dieser Vers die Fortsetzung des ersten wäre: Gott formt die Juden nicht noch ein Mal aus Lehm und Erde und er erweckt sie auch nicht mit dem Lebensodem zum Leben, d.h. viele sind tot und werden nicht wieder lebendig. Dieser Pessimismus und Klage wird zusätzlich durch den Parallelismus der beiden Verse unterstützt:
1 Vgl.: Das erste Buch Mose (Genesis), 2.
1
„Niemand knetet uns wieder aus Erde und Lehm,
niemand bespricht unseren Staub“, und durch die Anapher des „Niemand“ am Beginn aller drei Verse dieser Strophe. Die Wiederholung vermittelt das Gefühl des Alleinseins, Hilflosigkeit und Einsamkeit vermittelt. Die andere Deutungsmöglichkeit ist, das „niemand“ im zweiten Vers als „kein Mensch bzw. keiner“ zu sehen ist und somit würden die folgenden Wörter heißen: kein Mensch betrauert, beklagt und gedenkt die Toten bzw. die Opfer, indem keiner über das Geschehene, das Schicksal und Los der Juden spricht. „Der Staub“ wäre hier die Asche des menschlichen Körpers zu der der Mensch nach seinem Tod zurückkehrt 2 , und das „besprechen“ bedeutet das Sprechen über den Toten nach dessen Tod, d.h. die Klage und Trauer und nicht das durch Gott eingehauchte Leben. Dann veranschaulicht der Parallelismus das parallele Handeln Gottes und der Mitmenschen, und der „Niemand“ des dritten Verses beinhaltet diese beiden in sich. Auf diese Weise werden noch ein Mal die beiden Klageaussagen der vorigen beiden Verse (s.o) wiederaufgreifen bzw. in sich verinnerlicht und dadurch noch zusätzlich die Stimmung des Verzweifelns, Hilflosigkeit und Selbstmitleid ausdrücken. Somit kompensiert der dritte Vers den gesamten Inhalt der vorigen beiden Verse in sich.
In der zweiten Strophe lobt P. Celan(im Namen seines Volkes) den Herren. Dieser Lob ist schon im ersten Wort des ersten Verses dieser Strophe enthalten: „Gelobt seist du, Niemand“. Hier wird der „Niemand“ wieder als Synonym für Gott, wie bereits in der ersten Strophe, aufgegriffen, wodurch bestätigt wird, dass die Juden den Gott und nicht die passive Menschenmasse preisen. Erstaunlich ist, dass trotz der in vorigen Strophe geschilderten Situation das Volk den Glauben und das Vertrauen auf Gott immer noch bewahrt, was der Dichter in dem zweiten und dritten Vers: „Dir zulieb wolln wir blühn“ ausdrückt, da diese Worte in sich „Liebe“, „Wille“ und „Blühen“ beinhalten. Mit „blühn“ assoziiert der Leser eine Blume, die Schönheit, Leben und dessen Genuss symbolisiert, und dadurch auch die Preisung Gottes in sich. Eine blühende Blume gibt es nur im Frühling und im Sommer. Diese Jahreszeiten folgen auf den kalten, eisigen,
2 Vgl.: ebd., 3: „Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden.“
2
Arbeit zitieren:
Agnieszka Studzinska, 2002, Interpretation des Gedichtes 'Psalm' von Paul Celan, München, GRIN Verlag GmbH
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