1. Allgemeine Betrachtung zum Luftkrieg des Ersten Weltkrieges Der zu Beginn des Ersten Weltkrieges noch als „fliegendes Offiziersspielzeug“ belächelte und an der Westfront verspottete Doppeldecker war binnen kürzester Zeit zum Schreckensinstrument des Krieges der Zukunft geworden. Bereits 1918 sollten Hunderte dieser Maschinen über Belgiens und Nordfrankreichs einst blühenden Kraterlandschaften um die Lufthoheit kämpfen. Allein die damals kaiserlichen deutschen Luftstreitkräfte, zuletzt mehr als 60.000 Mann stark - setzten zu Ende des Krieges über 5.000 kampftaugliche Flugzeuge ein! Auch ein erster Bombenkrieg aus der Luft wurde schon von beiden Kriegspartein praktiziert. Das britische Royal Flying Corps warf während des Krieges allein 660 Tonnen Bomben auf deutsche Städte und Fabriken, doch auch bei den Deutschen durch Zeppeline durchgeführte Luftangriffe auf Ziele in England starben allein rund 1.400 Zivilisten! 1)
Während 1916 an der Westfront die gewaltige Materialschlacht um Verdun tobte, wurde in diesem dritten Kriegsjahr fernab der Grabenkämpfe die technische Weiterentwicklung im Flugzeug- und Motorenbau von beiden Gegnern enorm vorangetrieben. Die vielseitige Verwendbarkeit der damals noch geringen Anzahl an Flugstreitkräften wurde erkannt. Die Kriegsindustrie beider Seiten hatte sich nach und nach mehr den Erfordernissen des Luftkrieges angepasst und bessere Jagdmaschinen wie auch Bomber entwickelt. Besonders Flugzeugmotoren-Ingenieure sorgten für Leistungssteigerung mit höhentauglichen Triebwerken und avantgardistischen Komponenten.
Gerade Frankreich und Großbritannien hatten durch die mörderischen Kämpfe bei Verdun und an der Somme als Erste erkannt, dass der Kampf um die Luftüberlegenheit eine äußerst wichtige Rolle spielte und deshalb auch eine notwendige Umgliederung der bisherigen Armeeformationen erforderlich machte. Daher wurden die französischen und britischen Flugstreitkräfte noch im Sommer 1916 aus den bisherigen Heerestruppen herausgezogen, einem erfahrenen Kommandeur der Flieger unterstellt und in zwei Gruppen unterteilt: den sogenannten Arbeitsverbänden welche für Aufklärung und Zusammenwirken der Bodentruppen zuständig waren sowie den Kampfverbänden, zu denen die Kampf- und Bombenflugzeuge gehörten.
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2. Die Organisation der kaiserlich deutschen Luftstreitkräfte 1916 Erst am 8. Oktober 1916 hatte sich die deutsche Kriegsführung dazu entschlossen, ihre eigenen Fliegerkräfte unter der Bezeichnung „Deutsche Luftstreitkräfte“ zusammenzufassen und diese dem Generalleutnant von Höppner als selbständige Waffengattung zu unterstellen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten sich die kaiserlich deutschen Fliegerkräfte nur durch Einzelaktionen den frontbedingten Erfordernissen anpassen können. Auf die Initiative ihrer damals (leider in diesem Jahr tödlich verunglückenden) beiden ersten berühmten Fliegerasse Oberleutnant Max Immelmann („Adler von Lille“) und Hauptmann Oswald Boelcke („Altmeister Boelcke“) hatte das deutsche Oberkommando kleine sogenannte
„Kamfeinsitzerkommandos“ (KEK) zugelassen um einen offensiven Luftkampf führen zu können. Erst auf weiteres Plädieren des kampferfahrenen Hauptmanns Boelcke endlich größere Einheiten von Jagdflugzeugen aufzustellen, wurden auf deutscher Seite erste Jagdstaffeln (Jasta) gebildet, die ab September 1916 verstärkt in die Kämpfe an der Front eingriffen. 2)
3. Alliierte Vorbereitungen für erstmals großangelegte Bomber-Tageinsätze Zu diesem Zeitpunkt bereitete den französischen Luftstreitkräften ihre technisch mittlerweile veralteten und langsamen Bomber-Flugzeuge vom Typ Maurice Farman (MF) und Bréguet-Michelin (BM) für zukünftige Operationen erhebliche Schwierigkeiten. Besonders beeindruckend hingegen empfand das französische Kriegsministerium das in zwei Varianten konstruierte und leistungsfähige Flugzeug-Modell Sopwith 1.5 Strutter ihrer britischen Verbündeten. So war die Zweisitzer-Variante ein wirkungsvoller Bomber, während die Einsitzer-Variante als Kampfflugzeug seinen Gegner den deutschen Fokker-Doppeldecker an Leistung weit übertraf! Bereits im Juni 1916 hatte das britische Kabinett dass mit diesen Flugzeugen ausgerüstete neu aufgestellte Wing Nr. 3 Geschwader des „Royal-Navy- Air-Service“ (RNAS)auf den Kriegsschauplatz nach Frankreich verlegt, um dort gemeinsam mit Frankreichs Maurice Farman- und Bréguet-Michelin-Bombern eine kombinierte strategische Bomberstreitmacht bereitzustellen. Ab diesem Zeitpunkt sollten verstärkt Bombereinsätze („Bombing-Raids“) gegen wichtige deutsche Industrieziele wie auch Verkehrsverbindungen im rückwärtigen deutschen Frontgebiet geflogen werden. Am 3. September 1916 hatte der Kommandeur der französischen Fliegerstreitkräfte Lieutenant-Colonel Barés in einer Lagebesprechung
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das zu zerstörende Hauptziel für den ersten großen kombinierten Bombereinsatz festgelegt: Es handelte sich hierbei um die wichtigen königlich württembergischen Gewehrfabriken der 1872 von den Brüdern Paul und Wilhelm Mauser gegründeten „Mauser-Werke AG“ in Oberndorf am Neckar. 3)
4. Das alliierte Hauptziel: Die „Mauser-Werke AG“ in Oberndorf am Neckar Capitaine Happe, der Befehlshaber des auf dem Aerodrome von Luxeuil-les-Baines (95 km westlich von Mulhouse am Fuße der Vogesen gelegen) stationierten und aus den Bomberstaffeln der Escadrille MF.123, Escadrille MF.129 sowie Escadrille BM.120 bestehenden französischen „Groupe de Bombardement 4“ (GB 4) sollte diese Operation gemeinschaftlich mit dem britischen Wing Nr. 3 Geschwader ausführen. Der Befehlshaber dieses beigegebenen britischen Geschwaders, RNAS-Wing-Captain Elder stimmte in der Operationsbesprechung dem Vorhaben Lieutenant-Colonel Barés zu, mit allen ihm zur Verfügung stehenden Sopwith 1.5 Strutter Flugzeugen und Piloten an der Operation gegen die „Mauser-Werke“ teilzunehmen. Im alliierten Operationsstab war man sich wohl bewusst, dass es ein langer und schwieriger Flug werden würde. Die rund 225 Meilen des abenteuerlichen Überlandfluges von Luxeuil-les-Baines bis Oberndorf war für jeden an dieser Operation teilnehmenden Piloten eine besondere Herausforderung! Es erforderte auch von jedem erhöhte Wachsamkeit und Mut, denn man kreuzte auf der Flugroute dorthin die deutschen Verteidigungspositionen und Sperrfeuerketten sowohl im Elsass wie auch im damaligen Großherzogtum Baden. Doch war Lieutenant-Colonel Barés bereit dieses Risiko einzugehen, galt es doch einen empfindlichen Schlag gegen die deutsche Kriegsindustrie auszuführen! 4)
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Fotoaufnahme: Ein französischer Maurice-Farman Bomber auf dem Aerodrome
Während der Geschwaderkommandeur des französischen GB 4, Capitaine Happe durch einen früheren am 24. September 1915 durchgeführten Bomberflug auf Rottweil den Luftraum über Oberndorf und dem Neckartal bereits kannte und somit genügend Führungserfahrung für diese Operation besaß, war es der kombinierten französisch-britischen Bomberstreitmacht aus wetterbedingten Gründen über dem Zielgebiet voraussichtlich nicht möglich dieselbe vor Mitte Oktober ausführen zu können. Folglich ordnete Capitaine Happe tägliche Wetter-Erkundungsflüge über dem Schwarzwald an und suchte nach einem günstigen Augenblick den geplanten Schlag auszuführen. Nichts desto trotz gingen bis zu diesem Zeitpunkt kleinere Bomberattacken der französischen „Groupe de Bombardement 4“ gegen deutsche Industrie- wie auch Militärziele unvermindert weiter. So bombardierten in der Nacht vom 9. auf den 10. Oktober 1916 die Piloten Adjutant Henri Baron und Adjutant Chazard (Anmerkung: Der Rang „Adjutant“ ist in Frankreich zwischen einem Sous Lieutenant und einem Sergeant Chef einzuordnen) in ihren beiden alten Maurice Farman-Bombern der Escadrille MF.123 die Bosch-Magnetzünder-Fabrik in Stuttgart. In der darauffolgenden Nacht vom 10. auf den 11. Oktober 1916 griffen weitere Maurice Farman-Bomber der Escadrille MF.123 unter Führung ihres Kommandeurs Leutnant Bonne und dessen Bordbombardier Sergeant Szopinsky Ziele in Lörrach und Mühlheim in Südbaden sowie das Aerodrome der in dieser Nacht ruhig schlafenden königlich bayerischen Feldflieger-Abteilung 9b (Hauptmann Stabl) des KEK Ensisheim (Anmerkung: Drei Wochen später in „königlich bayerische Jasta 16“ umbenannt) südlich der oberelsässischen Stadt Colmar an. 5)
5. Die alliierte Vorbereitung und Zusammenstellung der Luftstreitkräfte
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Arbeit zitieren:
Jens-Florian Ebert, 2004, Der Bombenangriff auf Oberndorf und die "Mauserwerke AG" am 12. Oktober 1916, München, GRIN Verlag GmbH
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