Vorbemerkung
Thema dieser Arbeit ist der Vergleich des Wahrnehmungsmodells von Protagoras und Heraklit in der Darstellung in Platons Dialog „Theätet“ mit der pyrrhonischen Skepsis, wie sie von Sextus Empiricus in seinem Grundriss dargestellt wird. Geklärt werden soll, inwieweit diese beiden Systeme harmonieren und inwiefern die Widerlegung des Protagoras-Heraklit-Modells vom fiktiven Sokrates im Dialog gerechtfertigt ist. Es besteht aufgrund der Ähnlichkeit dieser beiden Modelle durchaus die Möglichkeit, dass unter zu Hilfenahme der skeptischen Argumente dieser Widerlegung die Hauptangriffspunkte genommen werden. Zwecks dieses Vorhabens ist es zunächst einmal vonnöten, diese beiden Systeme getrennt voneinander darzustellen, wobei in der Darstellung der Protagoras-Heraklit-These bereits der Gesamtverlauf des Dialoges einschließlich der sokratischen Widerlegung berücksichtigt werden soll. Im Anschluss daran soll eben die pyrrhonische Skepsis, welche eine besondere Form der heute noch bekannten allgemeinen Skepsis ist, dargebracht werden. Der Vergleich dieser beiden findet anhand der Gedankengänge statt, welche sich primär mit der Durchführbarkeit dieser Ansichten beschäftigen. Schlussendlich soll geklärt werden, ob die Anhänger des Protagoras-Heraklit-Modells die neueren skeptischen Argumente überhaupt in ihr System übertragen können.
1
Darstellung des Protagoras-Heraklit-Modells
Dieses Modell spielt in dem insgesamt nach einer Definition des Wissens fragenden Dialog „Theätet“ 1 insofern eine Rolle, als dass es zur Unterstützung des ersten der drei Definitionsvorschläge Theätets dient. Dieser Vorschlag sieht Wissen gleichbedeutend mit Wahrnehmung. Um nun die Wahrnehmung näher zu bestimmen, zieht der fiktive Sokrates die Ansichten des Protagoras und der Heraklit zusammen zu einem Modell, welches sich zunächst einmal auf den berühmt gewordenen Homo-Mensura-Satz von Protagoras und dem Ausspruch „Alles fließt“ von Heraklit gründet.
Der Homo-Mensura-Satz: „Der Maßstab aller Dinge ist der Mensch, der seienden, dass sie sind, der nicht seienden, dass sie nicht sind,“ 2 wird dadurch wichtig für die Annahme, dass Wissen Wahrnehmung ist, wenn man ihn, wie Platon es seinen fiktiven Sokrates tun lässt, als Aussage über die Vorstellungen des Menschen versteht, in dem Sinne, dass der Mensch stets nur das beurteilt, also Maß für das ist, was ihm erscheint. Dies ist zunächst der Ausgangspunkt der Diskussion. Recht schnell wird dieser Satz jedoch mit der Lehre des Heraklit verbunden, da er allein nicht ausreicht, um die verschiedenartigen Erscheinungen derselben Sachen zu erklären. So liefert das Weltbild des Heraklit den ontologischen Hintergrund, auf dem sich die Protagoras-These am besten beschreiben und rechtfertigen lässt. Beispielsweise erscheint der Wind dem einen Menschen als warm, während er dem anderen als kalt erscheint, sodass, wenn beide Menschen Maßstab sind, nicht mehr erklärbar ist, was von beidem der Wind denn nun ist, denn er kann nicht beides gleichzeitig sein 3 . Die Heraklit-These unterstützt die Ansichten des Protagoras insofern, als dass sie in der Welt nicht mehr einfache, statische Dinge sieht, die mit feststehenden, intrinsischen Eigenschaften ausgestattet sind, und unter Normalbedingungen erkennbar ist, sondern unter dem Schlagwort „alles fließt“ die Dinge als aus Bewegung entstehend denkt und somit die Eigenschaften von Dingen nur noch in Relation zu etwas bestehen.
1 Platon: „Theätet“; Stuttgart; 1981; Reclam Verlag;
2 Vgl. ebd. S. 35; [152a]
3 Vgl. ebd. S. 37; [152b]
2
„Nichts sei für sich genommen »eines«; auch könne man nichts zu Recht als »etwas« bezeichnen [...]. Denn infolge von Schwung, Bewegung und wechselseitiger Mischung »wird« alles, von dem wir fälschlicherweise sagen, es »sei«.“ 4
Die externe Welt wird also nicht länger als stabil gedacht, was der Protagoras-These entgegenkommt, da nun alles, was dem einzelnen Menschen erscheint, auch für ihn wirklich ist. Im folgenden Teil des Dialogs wird notwendigerweise die Heraklit-These weiter erläutert, wobei man diese beiden Thesen zusammengenommen schon als Modell bezeichnen kann.
„Somit wird uns klar werden, dass Schwarz, Weiß oder irgendeine andere Farbe aus dem Zusammenstoß der Augen mit der passenden Bewegung wird. Was wir aber jedes Mal Farbe nennen, ist dann weder das Anstoßende, noch das Angestoßene, sondern etwas, das zwischen beidem für jeden besonders wird.“ 5
Dies stellt schon eine weitere Spezifizierung des Protagoras-Heraklit-Modells dar, denn hier wird schon deutlich, dass sich nicht nur die äußere Welt im ständigen Fluss befindet, sogar befinden muss, sondern zusätzlich, dass auch die wahrnehmende Person einer permanenten Veränderung unterliegt. Dies wird anhand des ersten Einwandes gegen dieses Modell noch deutlicher. Dieser behandelt nämlich das Vorhandensein von Sinnestäuschungen und die Frage, wie diese mit dem Wahrnehmungsmodell vereinbar sind. Erklärt werden diese mit den verschiedenen Zuständen der Wahrnehmenden. Unter diesen Punkt fallen einfache Zustände, wie der des Kranken oder des Schlafenden. Der springende Punkt ist, dass die Wahrheiten, die dem Schlafenden als solche erscheinen, im wachen Zustand natürlich nicht stimmen. Da aber im Moment des Schlafens dies nicht gesehen werden kann, muss man den Wahrnehmenden sozusagen in Intervalle zerlegen, die sich nach den entsprechenden Zuständen richten. Somit ist gewährleistet, dass das im Traum gesehene solange wahr ist, wie der Träumende schläft, aber im wachen Zustand sich fast zwangsläufig als falsch herausstellt, da die Person nun „eine andere“ ist. „Aber auch dasjenige, was auf mich wirkt, kann niemals, wenn es mit etwas anderem zusammentrifft, dasselbe hervorbringen und ein solches werden. Denn da es bei einem anderen etwas anderes hervorbringt, wird es auch etwas andersartiges.“ 6 Das Argument lautet meines Erachtens also so, dass, wenn ein und dasselbe Ding auf einen Menschen trifft, sich aber anders darstellt, als zuvor, sich zwangsläufig die Person geändert haben muss, denn
4 Ebd. S. 37 f.; [152d]
5 Ebd. S. 41; [153e, 154a]
6 Ebd. S. 61; [160a]
3
anders lässt sich die andere Erscheinung des Dings nicht erklären. Damit begibt sich der Verfechter des Protagoras-Heraklit-Modells schon auf Glatteis. Denn von nun an muss gelten, dass Personen nicht ein einheitliches Ich sind, sondern „wechselseitig“ begriffen werden. Es gibt zwar weiterhin eine Verkettung, welche die verschiedenen Wahrnehmungszustände zu etwas Zusammenhängenden macht, „denn notwendigerweise ist unser Sein zwar miteinander verbunden, aber nicht jeweils mit etwas anderem, und auch nicht allein mit uns selbst.“ 7
An dieser Stelle zusammenfassend kann man also festhalten, dass aus dem Thesenbündel „Der Mensch ist das Maß aller Dinge“ und „Alles fließt“ folgt, dass sowohl die stabile externe Welt mit Dingen an sich und intrinsischen Eigenschaften verworfen wird, als auch Personen im ursprünglichen Sinne. Hinzu kommt, dass damit auch der einheitliche, absolute Wahrheitsbegriff nicht mehr zu halten ist. Wenn jedem Menschen die Welt anders erscheint, als dem anderen und alles sich immer nur aus wechselseitiger Reaktion bildet und wieder vergeht, bedeutet das für den Wahrheitswert, dass dieser auch nur noch in Relation zu dem Wahrnehmenden bestehen kann. Wahr ist nun nur noch „für etwas“, „von etwas“, oder „in Beziehung auf etwas“ 8 , nicht mehr allgemeingültig. Somit wird auch Wissen relativiert. Da jedem Menschen die Welt anders erscheint, und trotzdem die Meinungen alle wahr sind, ist das Wissen, was in diesem Kontext noch ausschließlich Wahrnehmung ist, von allen wahr, da es unter anderem auch nicht mehr vergleichbar oder abstrahierbar ist.
Bis zu dieser Stelle war die Darstellung des Modells noch recht wohlwollend. Auch die Formulierung des ersten Einwandes war noch kein ernsthaftes Problem für die Anhänger dieser These. Nun aber beginnt die Phase, die in der modernen Einteilung des Dialoges mit „erster Kritikversuch“ überschrieben ist. Diesem folgen noch weitere zwei Versuche, die jedoch jeweils durch die fiktiven Verteidigungsreden des eigentlich schon verstorbenen Protagoras angezweifelt werden, bevor das Modell zumindest dem Anschein nach „endgültig“ widerlegt wird.
Dieser erste Kritikversuch richtet sich mehr gegen die Person Protagoras, als wirklich gegen seine These. Es wird gefragt, wie denn Protagoras seine Ansichten über die Welt mit seiner Tätigkeit als Lehrer in Verbindung zu bringen seien. 9 Obwohl dieser Einwand durchaus ernst zu nehmen ist, da zunächst einmal die Lehrtätigkeit der These deutlich widerspricht, wird er
7 Ebd. S. 63; [160b]
8 Vgl. ebd. S. 63; [160b]
9 Vgl. ebd. S. 67; [161d]
4
Arbeit zitieren:
Jan Köpping, 2004, Vergleich des Protagoras-Heraklit-Modells mit den Ansichten der phrronischen Skeptiker, München, GRIN Verlag GmbH
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