Inhalt
Einleitung Seite 3
1. Wissenswertes zur Biographik Seite 3
2. Themen in Ganghofers Autobiographie
2.1 Risiko und Grenzerfahrungen Seite 4
2.2 Sensibilität Seite 5
2.3 Geldknappheit, Schulden Seite 5
2.4 Ganghofer und die Frauen Seite 6
2.5 Beziehung zu seiner Mutter Seite 7
2.6 Natur Seite 7
2.7 Politik Seite 8
2.8 Stilisierung als Künstlergenie Seite 9
2.3 Zusammenfassung Seite 9
3. Sprachliche und stilistische Beobachtungen Seite 9
4. Poetologische Aussagen Ganghofers Seite 14
5. Fazit: Ganghofers Haltung Seite 16
6. Quellen- und Literaturverzeichnis Seite 17
2
Einleitung
Die hier provokativ gestellte Frage, ob Ganghofer denn auch anders (schreiben) könne, tauchte im Verlauf unseres Proseminars in verschiedenen Zusammenhängen und in den unterschiedlichsten Formulierungen auf. Anhand von Ludwig Ganghofers Autobiographie „Lebenslauf eines Optimisten“ versuche ich im Folgenden, darauf eine Antwort zu finden. Der Blickwinkel soll nicht auf dieses eine Buch beschränkt bleiben: Vergleiche und Verknüpfungen mit seinem übrigen Werk sollen eine Bewertung erleichtern. Dabei stütze ich mich auf die Arbeiten verschiedener Autoren, maßgeblich Werner Kochs Essay „Ganghofers Haltung“.
Es ist zu befürchten, dass auch mein Versuch nicht in einer binären Ja/Nein-Formulierung mündet. Daher soll wenigstens Ganghofers künstlerische Haltung und deren Entwicklung aus seinem Leben heraus möglichst plastisch werden.
1. Wissenswertes zur Biographik
Die Autobiographie wird als Produkt der Renaissance gesehen 1 . Sie verlangt nach einem selbstreflektierenden Autor, der die Einflüsse seiner Zeit auf seine eigene Entwicklung beschreibt. Eine Fähigkeit, die vor allem durch die Aufklärung gefördert wurde. Besonderen Aufschwung erlebte die Gattung durch den Pietismus, der in ihr eine ideale Plattform zur Darstellung religiöser Bekehrungserlebnisse fand 2 . Das 19. Jahrhundert mit seinem Interesse an Nationale m und (Kultur-) Historischem förderte die Popularität der Gattung. Als „Gipfel bekenntnishafter Selbstanalysen“ 3 wertet Irmgard Schweikle Goethe s „Dichtung und Wahrheit“ (1811/1832), das Ganghofer nicht unbeeindruckt gelassen haben dürfte, wie sich noch zeigen soll.
Obwohl ich im Folgenden einen Autobiographischen Pakt 4 mit Ganghofer eingehen werde, sollte uns bewusst sein, dass es sich bei der Autobiographie um eine Retrospektive von einem abgeklärtem Standpunkt aus handelt. Stilisierungen, (unbewusste) Verfälschungen oder
1 Metzler Literatur Lexikon, S.34.
2 Ebd.
3 Ebd.
4 „Abkommen“ zwischen Autor und Leser, dass das Beschriebene nicht-fiktional ist, vgl. Ute Berns: Autobiographischer Pakt, in: Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie.
3
schlicht Neu-Ordnung der Ereignisse und Zusammenhänge sind denkbar und sollten stets ins Kalkül gezogen werden.
2. Themen in Ganghofers Autobiographie
Im „Lebenslauf eines Optimisten“ bemüht sich Ganghofer - teilweise überehrgeizig - ein detailliertes Abbild seines Lebens zu zeichnen. Die Themenmischung ist entsprechend vielfältig, eine exakte Inhaltsangabe daher müßig. Allerdings nehmen einige Themen besonders großen Raum in seinen Darstellungen ein (z.B. die Sozialutopie) oder kehren häufig wieder (z.B. Liebesabenteuer). Einigen dieser Themen soll im Folgenden unser Augenmerk gelten, begleitet von der Frage, welche Wirkung sie auf Werk und Leben Ganghofers gehabt haben mögen:
2.1 Risiko
Von kleinauf schildert sich Ganghofer in den verschiedensten Grenzerlebnissen, die sich mit zunehmendem Alter bis hin zu Nahtoderfahrungen steigern.
Bereits nach der ersten Seite weiß der Leser von Ganghofers frühesten „Abenteuern“: dem Ausbruch aus der heimischen Badewanne, der bis zum Dorfplatz führte, und dem Niederreißen einer schweren Gaslampe vom Esszimmertisch.
Es folgen weitere, vor allem körperliche Grenzgänge: Schulhofprügeleien 5 , Ausrisse 6 , seine Rettung vor dem Ertrinken in der Donau 7 . Eine erste Kulmination erfährt diese Serie in einem Kampf mit einem Messerstecher 8 , eine weitere in einem geplanten Pistolenduell 9 , bei dem er gleich zwei Komilitonen herausfordert. Mit Schlafentzug (im Kampf um ein Mädchen bleibt Ganghofer 47 Stunden wach 10 ) durchbricht er eine weitere körperliche Grenze. Er selbst erkennt sich als leichtsinnig 11 und „Krawallkäfer“ 12 .
Weiter geriert sich Ganghofer als Provokateur. Wo er auf Verbote trifft, betrachtet er sie als persönlichen Affront. So in einer Neujahrsnacht in Berlin 13 : Wohlwissend, dass „man auf der Straße keinen Zylinderhut tragen dürfe“ und man andernfalls geprügelt wird, beschließt
5 Ganghofer: Lebenslauf. S. 43.
6 Ebd., S. 50 f.
7 Ebd., S. 185 f.
8 Ebd., S. 345 f.
9 Ebd., S. 355 f.
10 Ebd., S.368.
11 Ebd., S. 355 f.
12 Ebd., S.359 f.
13 Ebd., S. 339 f.
4
Ganghofer („Jetzt bin ich neugierig.“ 14 ), den Jahreswechsel mit Zylinderhut zu feiern. Natürlich gerät Ganghofer daraufhin in einige Rempeleien. Dank seiner Robustheit erreicht er gegen morgen wohlbehalten seine Bude und zelebriert genüsslich die „Ermordung des Zylinderhutes“ 15 indem er sich draufsetzt. Auch Nahtoderlebnisse werden immer wieder eingeflochten: Typhus 16 und beinahes Ertrinken 17 sind nur zwei einer ganzen Reihe, wie sie ein Durchschnittsleben sicher nicht aufzubieten hätte.
Konfrontationen mit Autoritäten geht Ganghofer nicht aus dem Weg, vielmehr: Er sucht sie. Dass er beim nächtlichen Bad im Brunnen der LMU 18 nicht ungestört bleiben würde, war anzune hmen. Ein Gendarm verwickelt sich mit Ganghofer in eine Diskussion über Schamgefühl, die Loriot zur Badewannen-Szene animiert haben könnte. Die spektakuläre Flucht (nackt über die Ludwigstraße) könnte sich wiederum Thoma für seine „Lausbubengeschichten“ erdacht haben. Provokativer treibt es der junge Ganghofer, als er mit einem Freund, einen Holzbalken auf den Schultern tragend, durch München wandert 19 . Sie legen es darauf an, möglichst oft Gendarmen in die Arme zu laufen. Natürlich werden sie mehrmals zur Wache geführt, bis der Kommissar letztendlich den beiden jungen Männern einen Gendarm als Begleitschutz zur Seite stellt. Ein Schildbürgerstreich. Im Militärdienst hatte Ganghofer „immer ein paar Kommandorufe überhört und Kasernenarrest bekommen.“ 20 Er spie lt diesen Widerstand herunter, gleichzeitig verklärt er den Anlass des Widersetzens: Er wollte sich den Fernblick in die Alpen vom Rücken seines Pferdes nicht durch irrwitzige Kommandos nehmen lassen.
2.2 Sensibilität
Neben dem oben beschriebenen Temperament bemüht sich Ganghofer auch darum, sich als sensibles Subjekt darzustellen. Auf ein traumatisches Erlebnis (Brandkatastrophe beim Faschingsball) reagiert er psychosomatisch 21 : mit einem Ausschlag, der an Brandblasen erinnert. Mehrmals sieht er sich in der Rolle des gekränkten Liebhabers 22 . Dennoch: Den leidenden Part am Ende der Beziehung übernimmt nie er. Und schreibt er es doch, so entlarvt sich das bald als Stilisierung, die ihm zu neuen künstlerischen Impulsen verhelfen soll 23 .
14 Ebd.
15 Ebd., S. 342. Evtl. Anspielung auf Döblins Novelle „Die Ermordung eines Butterblume“.
16 Ebd., S. 239 f.
17 Ebd., S. 185 f.
18 Ebd., S. 267.
19 Ebd., S. 269 f.
20 Ebd., S. 261.
21 Ebd., S. 416.
22 Ebd., S. 430 f.: „Es kamen ein paar harte Stunden. Ich hatte das Gefühl: Du bist ein Schuldiger (…)“
23 Vgl. ebd., S. 430-432.
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Arbeit zitieren:
2004, Ganghofers Autobiographie „Lebenslauf eines Optimisten“: Kann dieser Ganghofer auch anders?, München, GRIN Verlag GmbH
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